Janet Malcolm - Zwei Leben, Gertrude und Alice - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
Aviva-Berlin .
.
P
R
.
.

Aviva-Berlin > Buecher
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   Jüdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 
  Hier suchen, oder zur Sucheseite!


AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook
 


AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2017




Happy Birthday AVIVA




Gleichstellung weiter denken. Ein Leitbild für das Land Berlin

Gleichstellung weiter denken
Mehr Infos unter:
www.gleichstellung-weiter-
denken.de



<< Kleine Suche
Nutzen Sie gern unsere Suche in größerer Schrift!

TIPP: über den Zurück-Button Ihres Browsers kommen Sie erneut zur Suche.




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 05.01.2009

Janet Malcolm - Zwei Leben, Gertrude und Alice
Silvy Pommerenke

Gertrude Stein und Alice Toklas werden in diesem Buch vor allem in der Zeit des Zweiten Weltkriegs porträtiert und schneiden dabei nicht besonders gut ab. Während Toklas ...



... als eifersüchtige und streitsüchtige Person geschildert wird, so umgibt Stein der Nimbus des gutmütigen und charismatischen Genies.

Vielfach werden pikante Details offenbart, aber ob man so etwas wie die Orgasmusfähigkeit von Gertrude Stein erfahren möchte (bzw. ihr Talent in Bezug auf Alice Toklas), ist fraglich. Somit mutet das Büchlein oftmals wie ein elaborierter Yellow-Press-Essay an, der auch nicht durch die stellenweise versuchten Interpretationen des Stein`schen Werkes gemildert wird. Eins muss man den Ausführungen von Janet Malcolm jedoch zu gute halten: Sie versucht sich an dem wohl seltenst gelesenen Werk der modernen Literatur, an Steins "The Making of Americans", das selbst hartgesottene LeserInnen von James Joyces "Ulysses" oder Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" auf eine harte Probe stellt.

Die amerikanische Journalistin und Autorin hat sich scheinbar zweimal durch dieses Opus gequält und gibt auch freimütig dessen Unlesbarkeit zu, was sie wiederum sehr sympathisch macht. Neben diesem literarischen Schwerpunkt auf Steins monströses Werk geht es vor allem um die vierzigjährige Beziehung von Gertrude und Alice, und irgendwie kommen beide dabei nicht gut weg. Während Stein von der Figur her etwas fülliger geraten und den Sinnesfreuden nicht abgeneigt war, prägte die hagere Alice Toklas eine tiefe Eifersucht und ein gewisser Asketismus. Aber leicht hatte es Toklas in der Tat nicht, denn zur Köchin und Privatsekretärin degradiert, wurde sie von sämtlichen Zeitzeugen als extrem spröde und unsympathisch bezeichnet, während Gertrude Stein ihr sympathisches und charismatisches Alter Ego war. Dennoch schien Toklas letztendlich die Oberhand in der Beziehung zu haben, und trotz der extrem unterschiedlichen Charaktere blieben die beiden vier Jahrzehnte ein Paar. Ein wahres Abbild von der Beziehung zwischen diesen beiden großen Geistern wird jedoch nicht präsentiert und kann es wohl auch nicht, denn sie lebten ihr Privatleben fern von der Öffentlichkeit, und es finden sich nur wenig Indizien dazu in Tagebuchaufzeichnungen oder anderen Schriftstücken.

Interessant sind in "Zwei Leben - Gertrude und Alice" vor allem die Gespräche, Notizen, Briefe und Publikationen, die sich mit dem jüdischen Leben der beiden Autorinnen auseinandersetzen und zeigen, dass sie sich darüber größtenteils ausgeschwiegen haben. Nicht zuletzt konvertierte Toklas nach dem Tod Steins 1957 zum Katholizismus, da sie in der Annahme war, sich dadurch mit ihrer ehemaligen Geliebten im Himmelreich wieder zu vereinen. Gleichwohl sah sie "diesen Schritt nicht als Abkehr vom Judentum, sondern als Rückkehr zur Kirche" an. Es bleiben viele offene Stellen im Buch, viele Ungereimtheiten, die so wohl nur von Menschen gelebt werden können. Beispielsweise werden die Jahre in Frankreich während der deutschen Besatzung geschildert, in denen Toklas und Stein nahe Paris` lebten. Sie verheimlichten ihre jüdische Identität, entkamen somit den Häschern der Nazis, aber ein politisch engagiertes Bewusstsein vermisst man bei den amerikanischen Autorinnen. Auch die etwas fragwürdige Beziehung zu Bernard Faÿ, der maßgeblich an der Registrierung und Deportierung von unzähligen FreimaurerInnen beteiligt war, lässt die beiden Frauen in einem wenig positiven Licht erscheinen. Zu allem Überfluss vergreift sich Janet Malcolm manches Mal im Ton und wird sprachlich ordinär, wenn sie beispielsweise Gertrude Stein vorwirft, "Schreiben und Scheißen" nicht auseinanderhalten zu können. Eine Geisteswissenschaftlerin, die versucht mit der Rhetorik der Yellow-Press LeserInnen zu gewinnen. Das ist ihr nicht gelungen.

Weiterlesen: "Schwester Bruder. Gertrude und Leo Stein" von Brenda Wineapple und "Autobiographie von Alice B. Toklas" von Gertrude Stein und "Kochen für Gertrude Stein: Rezepte und Geschichten" von Alice B. Toklas

Zur Autorin: Janet Malcom veröffentlichte u.a. eine Doppelbiographie The Silent Woman: Sylvia Plath and Ted Hughes und ein Buch über Tschechow. Sie schreibt für The New Yorker und für The New York Review of Books und lebt in New York. (Quelle: Verlagsinformationen)

AVIVA-Fazit: Das Bändchen von Janet Malcolm kann nur dazu dienen, sich erneut - oder zum ersten Mal - mit den Schriften von Stein und Toklas auseinanderzusetzen. Zwar werden pikante Details - auch aus dem Intimleben der beiden Frauen - präsentiert, aber insgesamt bleibt dieser Versuch einer partiellen Doppelbiographie weit unter den Erwartungen der LeserIn.

Janet Malcom
Zwei Leben - Gertrude und Alice

Verlag: Suhrkamp, September 2008
Gebunden, 166 Seiten
Aus dem Amerikanischen von Chris Hirte. Mit Fotos
ISBN: 978-3518420348
19,80 Euro


Buecher Beitrag vom 05.01.2009 Silvy Pommerenke 

   




   © AVIVA-Berlin 2017  
zum Seitenanfang suche sitemap impressum home Seite weiterempfehlenSeite drucken