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AVIVA-BERLIN.de im November 2017 - Beitrag vom 04.03.2004

Ich muss erzählen. Mein Tagebuch 1941-1945
Sabine Grunwald

Mascha Rolnikaite legt ein erschütterndes Zeugnis über die Vernichtung der Wilnaer Juden und Jüdinnen ab. Als Jugendliche verbrachte sie 4 Jahre ihres Lebens erst im Ghetto und danach im KZ



Maschas Aufzeichnungen beginnen am 22. Juni 1941, einem schönen warmen Sommertag. Der Krieg ist ausgebrochen und lässt ihre heile Welt zusammenbrechen. Tausende Wilnaer Juden und Jüdinnen flüchten gen Osten, und hoffen, sich im Inneren der Sowjetunion in Sicherheit bringen zu können. In den Wirren dieser Kriegstage verliert Dr. Rolnikas, Maschas Vater, seine Familie aus den Augen. Die Mutter kehrt nach einem mißlungenen Fluchtversuch aus dem Ghetto mit den vier Kindern nach Wilna zurück.
Am nächsten Morgen, dem 24. Juni 1942 besetzen die Deutschen die Stadt. Erlasse gegen die jüdische Bevölkerung erschweren das tägliche Leben. Mascha ist 13 Jahre alt und beschließt, ein Tagebuch zu führen, damit die Menschen nach dem Krieg alles erfahren. Jüdische BewohnerInnen müssen Markierungen an der Kleidung tragen, Geld und Wertsachen müssen abgeliefert, Bewegungsfreiheit und Einkaufsmöglichkeiten werden eingeschränkt.

"Die Deutschen betrachten uns überhaupt nicht als Menschen, sie markieren uns wie Schafe" berichtet die Zeitzeugin.

Hausdurchsuchungen und Menschenjagd auf offener Straße gehören bald zum schrecklichen Alltag. Am 6. September 1941 werden das Große und das Kleine Ghetto eingerichtet. Ende 1942 leben in den sieben kleinen Gassen des Großen Ghettos offiziell noch 12.000 Menschen. Die Zahl der "Illegalen", die sich in Geheimverstecken verborgen halten, werden auf mehr als 8.000 geschätzt.

Maschas Mutter erhält als Näherin einen Facharbeiterinnenausweis und auch Mascha fängt 1942 in einer Gärtnerei als Wasserträgerin an, um zu den mehr als kargen Rationen etwas beisteuern zu können. Mascha lernt den Inhalt ihres Tagebuches auswendig, da ihr im Falle der Entdeckung die sofortige Erschießung sicher wäre.
Am 23. September 1943 wird das Wilnaer Ghetto liquidiert. Mascha muß Abschied von der Mutter und den beiden kleinen Geschwistern nehmen. Maschas erste Station ist das berüchtigte KZ Kaiserwald nördlich von Riga. Mißhandlungen, Kälte, Hunger und Unterernährung sind an der Tagesordnung. Danach das KZ Strasdenhof im Rigaer Vorort Jugla. Strasdenhof bedeutet Steineschleppen im Dauerlauf und Steineklopfen in strömendem Regen. Sadistische Quälereien sind an der Tagesordnung. Im Sommer 1944 rückt die Front Riga näher und Strasdenhof wird aufgelöst. Die letzte Station auf Maschas Leidensweg heißt Stutthof - ein Vernichtungslager. In diesem Vorhof zur Hölle arbeiten die Verbrennungsöfen Tag und Nacht. Der sadistische Aufseher ist ein mehrfacher Mörder und wird bei den SS-Leuten wegen seiner unerhörten Grausamkeit geschätzt. Das Tagebuch endet mit der Evakuierung von Stutthof im Februar 1945.
Auf dem dreiwöchigen Todesmarsch verliert ein Großteil der Häftlinge ihr Leben. Die letzten Häftlinge sollen bei lebendigem Leib in einer Scheune verbrannt werden. Bevor es dazu kommt, erreicht eine Vorhut der Roten Armee den Ort. Mascha überlebt, sie wiegt nur noch 38 Kilo.

Die Erzählperspektive ist die eines über Nacht erwachsen gewordenen Kindes. Ihre Aufzeichnungen des Ghettolebens zeichnen sich durch die Art ihrer Wahrnehmung aus. Genau, sublim und lakonisch, aber auch emotional verlangen ihre Schilderungen der Leserin viel ab. Die Monotonie des Grauens und Gewöhnung daran ziehen sie in eine Welt, die um so unverständlicher wird, je weiter die Lektüre voranschreitet - doch aufhören ist unmöglich....zu groß ist das Verlangen zu erfahren, wie die Chronistin diese Hölle des Grauens überleben konnte.

Über die Shoah in Polen, Weißrussland, der Ukraine und all den anderen Ländern ist viel geschrieben worden, wenig bekannt ist über den Untergang der jüdischen Bevölkerung im Baltikum. Erst seit dem Ende der sowjetischen Besatzung und der Unabhängigkeit Litauens, Lettlands und Estlands 1991 ist die jüdischer Geschichte dieser Länder thematisiert worden.

Mascha Rolnikaite, geboren 1927 als Tochter eines Rechtsanwalts in Klaipeda, dem früheren Memel, und in Plunge aufgewachsen, hat das Wilnaer Ghetto, das KZ Strasdenhof bei Riga und das KZ Stutthof bei Danzig überlebt. Außer der Mutter und den jüngeren Geschwistern hat sie fünfundvierzig Angehörige verloren. Heute lebt sie in Sankt Petersburg, ist Mitglied des dortigen Demokratischen Schriftstellerverbandes und schreibt auf Russisch.




Mascha Rolnikaite
Ich muss erzählen. Mein Tagebuch 1941-1945

Aus dem Jiddischen von Dorothea Greve
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg, März 2004
Seitenzahl: 287, Einband: kartoniert
Illustrationen: 8 S. einf. Tafeln
ISBN: 3-499-23555-2
8,90 Euro200963895475"


Buecher Beitrag vom 04.03.2004 Sabine Grunwald 

   




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