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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 21.12.2007

Marianne Brentzel, Mir kann doch nichts geschehen...
Yvonne de Andrés

In der zweiten Annäherung an das Leben der Nesthäkchen-Autorin Else Ury steht ihre Verwurzelung in der jüdischen Tradition und in der deutschen Kultur im Vordergrund



Marianne Brentzel hat anlässlich des 130. Geburtstages von Else Ury am 1. November 2007 - 15 Jahre nach ihrer hoch gelobten ersten Veröffentlichung über Else Urys Leben "Nesthäkchen kommt ins KZ. Das Leben der Else Ury, 1877-1943" – ihr Leben und Werk unter dem Aspekt ihrer Herkunft in der jüdischen Tradition neu betrachtet.

Unter den nur schlecht erinnerten Spuren jüdischen Lebens in Berlin gibt es auch solche, die gar nicht als solche erkannt werden, obwohl sie existieren. Die Schriftstellerin Else Ury wohnte in der Kantstraße 30. Sie war eine der bekanntesten deutschen Schriftstellerinnen ihrer Zeit. Den wenigsten ihrer LeserInnen bis heute ist bekannt, dass sie Jüdin war.
In Brentzels Buch "Mir kann doch nichts geschehen" sind neue Forschungsergebnisse zu Leben und Werk von Else Ury eingeflossen: "Vor allem aber werden sie die jüdischen Spuren in Else Urys Leben deutlicher wahrnehmen. Es geht mir um die enge Verwurzelung Else Urys im Judentum und die Erkenntnis, dass sie nicht nur eine assimilierte und der deutschen Kultur eng verbundene Frau war, sondern dass sie mit ihren Büchern selbst einen bedeutenden Beitrag zur Assimilation geleistet hat." Diese neue Beschäftigung ist Marianne Brentzel meisterlich gelungen.

In der Gedenkstätte der Wannsee-Konferenz, wo die Koordination des Völkermords an den europäischen Juden beschlossen wurde, ist heute – auf einer dort ausgestellten Fotografie - ein kleiner schwarzer Koffer zu sehen. Handschriftlich, mit weißer Farbe, steht darauf "Transport No. - Else Sara Ury, Berlin – Solinger Str. 10", ihre letzte Anschrift in Berlin 1943, bevor der Transport sie nach Auschwitz deportierte.

Else Ury wird 1877 als drittes von vier Kindern in Berlin in eine liberale wohlhabende Familie geboren. Sie wohnte im heutigen Bezirk "Mitte", in der Heiliggeistraße, ganz in der Nähe der ersten Berliner Synagoge in der Heidereuthergasse. Räumlich angrenzend befand sich das Scheunenviertel, das vor allem von armen Juden aus Osteuropa bewohnt wurde. Zu diesen bestanden keine Kontakte. In ihrer großen Familie wuchs sie behütet auf. Else besucht zehn Jahre lang die Königliche Luisenschule. Brentzel beschreibt, wie soziale und politische Themen ausgelassen wurden: "Auch erfährt Else Ury weder in der Schule noch zu Hause von Streiks und Sozialdemokratie. In der Schule der Wohlhabenden wird wenig von Armut gesprochen. Von Umstürzlern schon gar nicht. Allerdings wissen die Mädchen der Mittel- und Oberschicht von Not." Mit der zehnten Klasse endet die Schulausbildung für Else Ury.

Mit den Eltern und Geschwistern zog sie 1905 in den Berliner Westen, in die Kantstraße 30. Hier ist für sie und viele andere Juden Religion Privatsache.
Sie erlernte keinen Beruf und wohnte bei ihren Eltern. Else Ury begann, kleine Geschichten für die Sonntagsbeilage der Vossischen Zeitung unter einem heute unbekannten Pseudonym zu schreiben. Anders als viele ihrer Zeitgenossen schildert sie in ihren Veröffentlichungen kaum das deutsch-jüdische Milieu. Die Geschichte "Im Trödelkeller" (1908), die im Buch " Mir kann doch nichts geschehen" abgedruckt ist, bildet hier eine Ausnahme. Für den Wettbewerb der Loge Bnei Briß reichte Ury das Märchen von einer Mesusa ein, die erzählt, wie eine jüdische Familie sich zunehmend im deutschen Bürgertum akkulturalisiert.

Im ersten Weltkrieg fühlt frau deutsch. Vaterlandsliebe und ein konservativ geprägtes Weltbild klammern die politischen Entwicklungen aus. Lange blieb das jüdische Bildungsjudentum blind für die sich abzeichnende Entwicklung. Nicht anders erging es Else Ury, die eine sehr populäre und erfolgreiche Kinder- und Jugendbuchautorin wurde. Ihre "Nesthäkchen-Romane" oder die Serie "Professors Zwillinge" erreichten hohe Anerkennung und wurden Lieblingsbücher mehrerer Mädchengenerationen.
Annemarie Braun, Protagonistin ihrer zehnbändigen Kinderbuchserie Nesthäkchen, machte sie sehr populär. Insgesamt verfasste Else Ury 38 Bücher und zahlreiche Erzählungen. Dass Ury in typisch jüdischer Tradition steht, macht die Autorin Marianne Brentzel daran fest, dass die "Familie in all ihren Geschichten große Bedeutung zukommt. Familiärer Zusammenhalt, gemeinsame Mahlzeiten, Geburtstage und Verwandtentreffen sind Höhepunkte im Leben der Heldinnen."

Nach dem Hurrapatriotismus setzt 1918 die Ernüchterung ein. Die Biografin schreibt: "Else Ury war vor allem eine Deutsche. Das war ihre Identität bis weit in die Dreißgerjahre hinein. Ihre Zukunftshoffnungen waren, genau wie bei Millionen anderer Menschen, dass die Nationalsozialisten mit Hitler als Reichskanzler Arbeitslosigkeit und Massenelend beseitigen würden. Dass der Rassenwahn der Nazis sie bald zur verfemten Jüdin machen würde, ahnte sie nicht, konnte sie nicht glauben." Else Ury schreibt und schreibt und schreibt. Ab 1918 ist sie Bestseller-Autorin.

Kursiv gesetzt finden sich im Buch ausführliche Erläuterungen und Erklärungen zu Traditionen im Judentum wie z.B. der Besuch in der Synagoge, zu Jom Kippur und weitere jüdischen Feiertage und Riten.
Darüber hinaus werden die Schritte der Entrechtung der Juden minutiös dargestellt. So weist der Text einen zweiten Erzählstrang auf. Diese Exkurse sind gut geeignet, die jeweiligen Situationen zu beschreiben und sie ermöglichen eine Annäherung an Ury auch für diejenigen Leserinnen, die sich in den Lebenssituationen der assimiliert lebenden Juden der Weimarer Republik nicht auskennen.

1935 wird Else Ury aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. Am 12. Januar 1943 wird die 65 jährige vom Bahnhof Grunewald nach Auschwitz deportiert. Sie wird dort als arbeitsunfähig eingestuft und noch am selben Tag ermordet. In der Erinnerung der meisten ihrer deutschen LeserInnen ist sie niemals jüdisch gewesen und auch nie vergast worden. Sie ist einfach verschwunden. Marianne Brentzel macht sichtbar, dass das ganz anders war.

Zur Autorin: Marianne Brentzel 1943 in Erpen geboren. Studium der Politischen Wissenschaften am Otto-Suhr-Institut in Berlin mit Abschluss Diplom, später Zweitstudium Pädagogik und erstes Lehrerexamen. Brentzel nimmt aktiv an der Studentenbewegung teil und organisierte sich später bei der maoistischen KPD, und arbeitete von 1973 bis 1980 zur Auflösung der Organisation in deren Landesleitung in NRW. Seit 1973 lebt sie in Dortmund, arbeitet in der Jugend- und Erwachsenenbildung und als freie Autorin. Im dortigen Verein für Literatur organisiert und moderiert sie den Dortmunder Bücherstreit. Ihre bekanntesten Veröffentlichungen: "Nesthäkchen kommt ins KZ. Das Leben der Else Ury, 1877-1943" (1992), "Anna O. - Bertha Pappenheim" (2002). Weitere Informationen unter: www.mariannebrentzel.de

AVIVA-Tipp: Eine sehr gelungene Biografie über Else Ury. In dieser neuen Veröffentlichung stellt Brentzel Else Ury in den Kontext des assimiliert lebenden Berliner Judentums. Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zum Erkennen nicht wahrgenommener jüdischer Spuren in der deutschen Geschichte und damit sehr empfehlenswert.

Marianne Brentzel
Mir kann doch nichts geschehen

Das Leben der "Nesthäkchenautorin" Else Ury.
Edition Ebersbach, erschienen November 2007
10 Abbildungen, gebunden, 183 Seiten
ISBN: 9783938740545
19,90 Euro

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