Alice Herz-Sommer, Caroline Stoessinger
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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2016 - Beitrag vom 24.11.2013

Alice Herz-Sommer im Alter von 110 Jahren gestorben. Caroline Stoessinger - Ich gebe die Hoffnung niemals auf. Hundert Jahre Weisheit aus dem Leben von Alice Herz-Sommer
Doris Hermanns

Am 26. November 2013 wurde die tschechisch-israelische Pianistin und ├Ąlteste Holocaust-├ťberlebende 110 Jahre alt. Die Dokumentarfilmerin Stoessinger f├╝hrte ├╝ber sieben Jahre hinweg zahlreiche...



... Gespr├Ąche mit ihr.

23. Februar 2014Alice Herz-Sommer im Alter von 110 Jahren gestorben

Die Pianistin starb am 23. Februar 2014 in London. Nach Angaben ihres Enkels Ariel Sommer sei sie friedlich eingeschlafen.
F├╝r Alice Herz-Sommer, die trotz allem immer Optimistin geblieben war, bedeutete Musik bis an ihr Lebensende alles: "Music was our food. Through making music we were kept alive".
Der Dokumentarfilm "The Lady in Number 6" von Malcolm Clarke l├Ąsst uns teilhaben an der Philosophie und am Leben dieser au├čergew├Âhnlichen Frau, die nun nicht mehr ist. theladyinnumber6.com



Die Konzertpianistin, Gr├╝nderin und Direktorin der Mozart Academy of New York Caroline Stoessinger lernte die ├Ąlteste Konzertpianistin der Welt bei den Vorbereitungen f├╝r einen Dokumentarfilm ├╝ber deren Leben kennen und greift thematisch auf diese Gespr├Ąche zur├╝ck, erz├Ąhlt jedoch keine chronologische Geschichte von deren Leben.
Stoessinger hatte sich zu dem Zeitpunkt bereits seit Jahren mit der in der Zeit des Holocaust entstandenen Musik, vor allem mit der Musik aus Theresienstadt, befasst. Sie versuchte der Frage nachzugehen, wie jemand unter solchen Bedingungen Konzerte geben oder Musik schreiben konnte.

Alice Herz wurde 1903 in Prag geboren, wo sie in einer b├╝rgerlichen, deutschsprachigen j├╝dischen Familie aufwuchs. Beinahe jede Familie besa├č ein Klavier und Alice Herz wusste schon fr├╝h, dass sie Musikerin werden wollte, denn zu musizieren hatte sie von jeher gl├╝cklich gemacht. Da zu dieser Zeit Musik noch weitgehend in der eigenen Wohnung gespielt wurde und Hauskonzerte eine beliebte Form der Unterhaltung darstellten, war sie immer umgeben von anderen Musizierenden. Sie spielte regelm├Ą├čig gemeinsam mit ihrem Bruder Paul und sp├Ąter auch mit dessen Schulkameraden, einem Cellisten. Gemeinsam traten sie als Trio auf.
Ihre Ausbildung erhielt Alice Sommer an der Deutschen Akademie f├╝r Musik in Prag. Anschlie├čend gab sie sowohl Klavierunterricht als auch Solokonzerte. Eine Karriere als Solistin war f├╝r sie jedoch immer weit weniger wichtig, als das Streben nach pers├Ânlichen Spitzenleistungen.

Als 1939 die Tschechoslowakei von den Deutschen besetzt wurde, konnte sie noch relativ lange in Prag leben, auch wenn ihr Alltagsleben immer weiter eingeschr├Ąnkt wurde. Konzerte waren von den Nazis verboten worden, fanden aber im Geheimen statt, Instrumente mussten abgegeben werden. 1943 wurde sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn, der 1937 geboren wurde, ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Dort musste sie erst in der W├Ąscherei arbeiten und wurde dann eingesetzt, um f├╝r die Kriegsproduktion Glimmer zu spalten. Neben diesen Zwangsarbeiten durfte sie t├Ąglich eine Stunde ein schlecht funktionierendes Klavier nutzen.
Die Nazis versuchten nach au├čen den Schein aufrecht zu halten, dass Theresienstadt ein "Kurort" sei, die musikalischen Veranstaltungen dort kamen ihnen daher gelegen, schienen sie doch der Au├čenwelt zu zeigen, dass dort mit den Juden "alles in Ordnung" sei.
So konnte Alice Herz-Sommer in diesem Konzentrationslager mehr als 100 Konzerte geben, w├Ąhrend ihr Sohn ├╝ber f├╝nfzig Mal in der Kinderoper Brundib├ír unter der Leitung von von Hans Kr├ísa und Adolf Hoffmeister mitspielte. Auch Klavierunterricht gab sie dort, wenn auch sehr eingeschr├Ąnkt. Anders als unz├Ąhlige andere wurden sie und ihr Sohn nicht weiter verschleppt und ├╝berlebten das Lager, ihr Mann jedoch wurde nach Auschwitz gebracht und dort ermordet.

"Die Nazis begriffen nicht, dass die Macht der Musik, den Darbietenden und ihrem Publikum Trost zu spenden, st├Ąrker war als der Terror der braunen Aufseher. Jedes in Theresienstadt komponierte Musikst├╝ck und jedes dort gespielte Konzert wurde zu einem moralischen Sieg ├╝ber den Feind."

Nach Kriegsende wanderte sie zusammen mit ihrem Sohn zu ihren Schwestern, die vor dem Krieg gefl├╝chtet waren, nach Israel aus. In Jerusalem unterrichtete sie an der Rubin-Akademie. F├╝r sie waren diese Jahre die gl├╝cklichsten ihres Lebens. "Israel verk├Ârperte damals Vergangenheit und Zukunft zugleich. Es war eine Zeit gro├čer Hoffnungen. Alles schien m├Âglich."
1968 zog Alice Herz-Sommer nach dem Tode ihrer beiden Schwestern nach England, um wieder in der N├Ąhe ihres Sohnes leben zu k├Ânnen.

F├╝r Alice Herz-Sommer mit ihrer lebenslangen Neugierde und ihrer Offenheit stand immer im Mittelpunkt, ihr eigenes Spiel zu perfektionieren und nach pers├Ânlichen Spitzenleistungen zu streben. So begann sie im Alter von ├╝ber einhundert Jahren, als zwei ihrer Finger steif wurden, damit, ihr Repertoire mit acht Fingern neu einzu├╝ben.

"Ich gebe die Hoffnung niemals auf" berichtet nicht in chronologischer Reihenfolge ├╝ber ihr Leben, sondern setzt thematische Schwerpunkte, die es zuweilen schwierig machen, sich ein wirkliches Bild von dem Leben von Alice Herz-Sommer zu machen. So handelt das erste Kapitel von Kafka, mit dem keineswegs sie selber befreundet war, sondern ihr Schwager. Andere Kapitel berichten beispielsweise ├╝ber ihre Freundschaft mit Golda Meir und ihre Teilnahme am Eichmann-Prozess. Abgerundet wird das Buch mit Beschreibungen ihrer aus f├╝nf Freundinnen bestehenden Wahlfamilie, zu der u.a. auch die ├ťberlebende des Frauenorchesters in Auschwitz, Anita Lasker-Wallfisch geh├Ârt.
Erst nach und nach bekommen die Lesenden einen Eindruck von ihrem Leben, wobei jedoch irritiert, dass pers├Ânliche Weisheiten in ihren eigenen Worten in Kursivschrift in den Text eingesetzt nochmals wiederholt werden.

AVIVA-Fazit: Ein bewegtes Jahrhundertleben, das auf eine andere Art und Weise besser h├Ątte erz├Ąhlt werden k├Ânnen. Die Zeitspr├╝nge erschweren es der Leserin, sich ein echtes Bild von Herz-Sommers Leben machen zu k├Ânnen. Der Schwerpunkt auf den "Weisheiten" st├Ârt eher, als dass er eine Bereicherung f├╝r die Lesenden w├Ąre. Trotzdem lesenswert als erstes Kennenlernen mit dieser beeindruckenden Frau.

Zur Autorin: Caroline Stoessinger, selbst international bekannte Konzertpianistin und Kulturmanagerin sowie Gr├╝nderin und Direktorin der Mozart Academy of New York, ist mit Alice Herz-Sommer seit vielen Jahren befreundet. Sie befasst sich schon lange mit der Musik, die in Theresienstadt komponiert und aufgef├╝hrt wurde. Sie lebt in New York.
Mehr Infos im Video "Caroline Stoessinger talks about Alice Herz-Sommer" unter:
www.youtube.com
(Verlagsinformationen)


Caroline Stoessinger
Ich gebe die Hoffnung niemals auf. Hundert Jahre Weisheit aus dem Leben von Alice Herz-Sommer

Mit einem Vorwort von Václav Havel
Originaltitel A Century of Wisdom
├ťbersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Ralf Pannowitz und Christiane Wagler
Knaus Verlag, erschienen 2012
Gebunden, 272 Seiten
18,99 Euro
www.randomhouse.de

Die Biographie von Alice Herz-Sommer auf Fembio

Diesen Titel k├Ânnen Sie online bestellen bei FEMBooks

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Fania F├ęnelon - Das M├Ądchenorchester von Auschwitz

Wunderkinder

Die S├Ąngerin aus dem Ghetto. Das Leben der Wiera Gran von Agata Tuszynska

Eva M├Ąndl-Roubickova, Langsam gew├Âhnen wir uns an das Ghettoleben ÔÇô Ein Tagebuch aus Theresienstadt

Ilse Weber - Wann wohl das Leid ein Ende hat, herausgegeben von Ulrike Migdal


Quelle:
Melissa M├╝ller & Reinhard Piechocki: Alice Herz-Sommer "Im Garten Eden inmitten der H├Âlle". Ein Jahrhundertleben. M├╝nchen 2006, Droemer Verlag



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