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AVIVA-BERLIN.de im November 2017 - Beitrag vom 03.09.2014

Marion Tauschwitz - Selma Merbaum. Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben. Biografie und Gedichte
Ramona Ambs

Wie Selma Merbaum wieder zu ihrem richtigen Namen kam, wie sie lebte und was sie bewegte, und was das alles mit ihren Gedichten zu tun hat, erz├Ąhlt diese neue 350 Seiten starke Biografie.



"Friederika Merbaum hatte sich an jenem Dienstag auf den Weg in die "Maternitatea" gemacht. Dort sollte ihr erstes Kind zur Welt kommen. Kein leichter Entschluss- denn wer es sich leisten konnte, mied die Geb├Ąranstalt..."

So beschreibt Marion Tauschwitz Selmas Start ins Leben.
Ein viel zu kurzes Leben. Denn Selma Merbaum, deren Gedichte heute zur Weltliteratur z├Ąhlen, starb im Arbeitslager Michailowka in der Ukraine mit gerade einmal achtzehn Jahren. Ihre achtundf├╝nfzig Gedichte, die sie selbst zu einem Buch zusammenband und mit dem Titel "Bl├╝tenlese" versah, waren ihrem Freund Lejser Fichmann gewidmet. Lejser war, wie Selma selbst, Mitglied der zionistischen Jugendgruppe Hashomer Hatzair, in der sich viele j├╝dische Jugendliche aus Czernowitz zusammenfanden. In "Gilu", - einem ihrer ersten Gedichte, beschreibt Selma die Zusammenk├╝nfte der Gruppe : "alle lachen wir und alle singen und jubeln wir mit- und tanzen, tanzen - als g├Ąlte es unser Leben..."

Als Selma deportiert wurde, gab sie die Gedichte einem Freund, den sie bat, das B├╝chlein an ihre Freundin Else weiterzugeben, damit diese es Lejser geben k├Ânne. Lejser erhielt die Gedichte, gab das B├╝chlein jedoch an Else zur├╝ck, als er nach Pal├Ąstina floh. Dort kam er jedoch nie an, weil das Schiff, mit dem er in die Freiheit wollte, torpediert wurde. So kam Selmas Bl├╝tenlese zur├╝ck zu Else, die es quer durch Europa trug und schlie├člich bis nach Israel mitnahm. Dort wurden die Gedichte erstmals 1976 von Hersch Segal, einem Lehrer Selmas, ver├Âffentlicht. Ihren Weg nach Deutschland fanden sie erst in den achtziger Jahren, und richtig bekannt wurden sie vor allem durch David Klein, der im Jahr 2005 Selmas Gedichte vertonte.

Besonders wertvoll wird diese neue Biografie durch die akribische Recherchearbeit der Autorin. Sie hat Archive durchforstet, Bilder gesammelt und ZeitzeugInnen geh├Ârt, die zuvor noch niemand befragt hatte. Auf diese Weise gelang es ihr zum einen, Neues und Unbekanntes aus Selmas Leben zu beleuchten, zum anderen ein wichtiges Missverst├Ąndnis aufzukl├Ąren: Selma Merbaum hie├č niemals Selma Meerbaum-Eisinger. In keinem einzigen Dokument- vom j├╝dischen Geburtsregister ├╝ber Schulzeugnisse bis hin zur Deportationsliste - war sie je Meerbaum-Eisinger. Stets hie├č sie nur Selma Merbaum, was auf ein tropisches Geh├Âlz (Merbau(m)) zur├╝ckzuf├╝hren ist. Den Namen ihres Stiefvaters Eisinger trug Selma nie. So hat Tauschwitz┬┤ Recherche dazu gef├╝hrt, dass Selma nun endlich wieder ihren eigenen richtigen Namen zur├╝ckbekommen hat. Und nicht nur ihren Namen, sondern auch ein Gesicht. Ein Gesicht, eine Pers├Ânlichkeit, die noch viel mehr erz├Ąhlt, als das, was wir aus ihren Gedichten kennen. So erfahren wir, dass Selma am liebsten die F├Ącher Rum├Ąnisch, Chemie und Mathematik geschw├Ąnzt hat, dass sie gerne einen Bubikopf getragen h├Ątte, ihre Mutter jedoch auf geflochtenen Z├Âpfen bestand. Wir erfahren, dass sie gerne nachts bei Dunkelheit spazieren ging und dass sie stundenlang ihrer Freundin Renee beim Klavier- spielen zuh├Âren mochte.

Es sind oft die kleinen Anekdoten und Erz├Ąhlungen in dem Buch, die Selma so lebendig werden lassen. Wie beispielsweise die Ausfl├╝ge mit ihrem Gro├čcousin Paul Celan, bei der sie die Bukowina durchstreiften und die "betrunkene Kirche", wie die St. Nicholas Kathedrale, wegen ihrer schiefen blauen T├╝rme, genannt wurde, betrachteten. Und immer wieder bindet Tauschwitz Teile der Gedichte in die Schilderungen mit ein. Vom Shabbat bei der Gro├čmutter: "und auf dem schwarzen kleinen Tische, liegt still das Deckchen d├╝nn und zart, wie Duft", ├╝ber "Gilu" bei HaShomer Hatzair, den sch├Ânen impressionistischen Naturgedichten, die sie auf ihren Spazierg├Ąngen begleiten, - bis hin zu den Schrecken der Pogrome:

Ich m├Âchte leben.
Ich m├Âchte lachen und Lasten heben
und m├Âchte k├Ąmpfen und lieben und ha├čen
und m├Âchte den Himmel mit H├Ąnden fa├čen
und m├Âchte frei sein und atmen und schrei`n.
ÔÇŽ
Ich will nicht sterben. Nein:
Nein.


Tauschwitz l├Ąsst Selma durch ihre Gedichte sprechen, ordnet sie biografisch an die richtige Stelle und interpretiert sie in einer Sprache und Form, die sich vollst├Ąndig auf Selma einl├Ąsst. Und so gelingt es ihr, Selmas Pers├Ânlichkeit sp├╝rbar zu machen: ihre Sinnlichkeit und Melancholie, ihre Wachheit und ihren Mut, aber auch ihre Angst und ihre Sehns├╝chte. Die Leserin kommt Selma so nah wie nie zuvor, lebt Zeile f├╝r Zeile ihr Leben nach...

Zur Autorin: Marion Tauschwitz, Jahrgang 1953, studierte Germanistik und Anglistik in Heidelberg. Vor ihrer Schriftsteller-T├Ątigkeit arbeitete sie als Gymnasiallehrerin und Dozentin. Tauschwitz war engste Vertraute und Mitarbeiterin der Lyrikerin Hilde Domin (1909ÔÇô2006), deren viel beachtete Biografie ┬╗Hilde Domin. Dass ich sein kann, wie ich bin┬ź sie zu deren einhundertstem Geburtstag vorlegte. Marion Tauschwitz lebt und arbeitet in Heidelberg.
Mehr Informationen zu Marion Tauschwitz unter:
www.marion-tauschwitz.de

AVIVA-Tipp: Und deshalb ist diese neue Biografie auch ein unfassbarer Schatz f├╝r alle, die sich bisher (nur) von Selmas Gedichten ber├╝hren lie├čen. Es ist ├╝berdies aber auch eine sehr interessante Lekt├╝re f├╝r alle, die sich f├╝r das j├╝dische Czernowitz interessieren, f├╝r seine Kultur und seine kleinen verborgenen Geschichten und daf├╝r, wie all dies durch die Shoa zerst├Ârt wurde.

Marion Tauschwitz
Selma Merbaum - Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben

Biografie und Gedichte. Mit einem Vorwort von Iris Berben
zu Klampen! Verlag
Mit zahlreichen Abbildungen
Hardcover mit Schutzumschlag, 350 Seiten
Format: 12.5 x 20.5 cm
Erscheinungstermin: August 2014
ISBN 9783866744042
www.zuklampen.de


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Buecher > Jüdisches Leben Beitrag vom 03.09.2014 AVIVA-Redaktion 

   




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