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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 06.03.2016

Lea Goldberg. Verluste - Antonia gewidmet
Magdalena Herzog

Ein Roman, der 1935 in Palästina von der Dichterin und Literaturkritikerin Lea Goldberg auf Hebräisch verfasst wurde, entdeckt nun das Licht der literarischen Welt in Deutschland. Diese wird bereichert um ein Werk, das im Berlin der Jahre 1932 bis...



... 1933 spielt und sich sprachlich aus der Moderne und aus den religiösen Texten des Judentums speist. Gekrönt ist dieses Werk durch die herausragende Arbeit der Übersetzerin Gundula Schiffer.

Dieses Buch ist ein hervorragender Roman, der das Berlin des Jahres 1932/33 in seinen unterschiedlichen abstoßenden und großstädtischen, wunderbaren Facetten zeigt. Der Ton schlägt aus zwischen Melancholie, Herzlichkeit, Deftigkeit und Bitterkeit und er ergibt sich aus dem Charakter, den Erlebnissen und Reflexionen des Protagonisten, bei dem Goldbergs häufig verhandeltes Thema der unerfüllten Liebe eine zentrale Frage ist. Die Aufenthalte des Protagonisten in dem Orientlesesaal der Staatsbibliothek dürfte vor allem den Lesenden im wissenschaftlichem Arbeitsfeld ein Schmunzeln aufs Gesicht zaubern und erinnert gleichzeitig an eine wichtige Phase der Orientalistik und Islamwissenschaft, in der es viele Jüdinnen und Juden waren, die dazu beitrugen, diese Disziplin zum erblühen zu bringen – in Deutschland und im damaligen Palästina.

"Schriftsteller aus dem Volke Israel, derzeit am Bahnsteig"
Jehuda Elchanan Kron: Geboren im Nordwesten Russlands, geflohen vor der zaristischen Geheimpolizei, Emigration nach Palästina in den 20er Jahren. Dort liebt er die heißen Wüstenwinde, die Chamsine, verfasst Gedichte und studiert Orientalistik. Er erhält ein Stipendium für Berlin, um seine Arbeit zur Arabischen Mystik fertig zu stellen. Wir schreiben das Jahr 1932. Der Protagonist - von der Autorin "Kron" genannt - sitzt nun in der "Stadtbahn" nach Grünau, es ist elf Uhr abends und ist plötzlich allein im Abteil mit Antonia Dieterle, dem "Mädchen mit dem kupferfarbenen Haar". Was zwischen Beiden entsteht, ist keine leidenschaftliche Liebe, sondern eine von Melancholie durchzogene Affäre, die bestimmt ist durch den distanzschaffenden Blick des nicht unerheblich älteren Kron. Er ist beschäftigt mit Gedanken an seine einstmalige Ehefrau Lili, die ihn, den mäßig erfolgreichen Wissenschaftler und Autor, für den "anständigen" Max Bürger verlassen hat. So der emotionale Rahmen des Protagonisten.

Die Ambivalenz des Gefühls von Zugehörigkeit
Die Lautmalerei mit dem Namen Bürger ist auch bei der Protagonistin Antonia Dieterle ernst zu nehmen. Dieterle verweist fast unübersehbar auf eine nichtjüdische Herkunft. Auch das ist ein Blick, den Kron auf die Geliebte hat, die er begehrt, sich ihr jedoch nicht nahe fühlt, so sehr er es sich auch wünscht: die Wahrnehmung der unterschiedlichen Zugehörigkeit, ausgedrückt im religiösen Jargon "dem Volke Israel", dem Kron sonst fremd gegenübersteht. Es sind die feinen, nur schwer in Worte zu fassenden und trotzdem spürbaren Unterschiede zwischen "goyisch" und "jüdisch", die Teil seines Lebensgefühls in Deutschland sind.
Ist er im jüdischen Viertel, sind ihm die Ostjuden – ein Begriff, der zum Schimpfwort avanciert war – fremd. Und trotzdem stellt er fest: "Niemals, niemals würde er die schlichte Eleganz dieser aparten Europäer übernehmen können. Seine Miene verriet stets den Taugenichts des Ostens, den Armutsstempel, den er nie und nimmer loswürde."

"Kein objektiver Zuschauer, sondern ein Teil davon"
Kron ist getragen durch Einsamkeit – als Mann, den seine Liebe verlassen hat und als Mensch in der Großstadt Berlin, die zunehmend politisch finsterer wird. Das Maß an Diffamierung und Ausgrenzung schwillt langsam an. Streckenweise ist es möglich zu vergessen, dass wir uns im Jahr 1932 befinden. Das ist vornehmlich Krons pessimistischer Klarheit geschuldet, der keine Illusionen bezüglich des jüdisch-nichtjüdischen Verhältnisses hegt und sich kaum überrascht zeigt von den verborgenen und offenen antisemitischen Haltungen. Dieser rote Faden zeigt sich an dem Motiv des Gedichts, das Kron schreibt, verliert, und von den Findern – den Kollegen aus der Universität – als ein "antichristlicher Text" veröffentlicht wird. So verändert sich auch die Atmosphäre in dem Roman. Zu Beginn stehen die Beziehungen zu Freund_innen und Bekannten im Vordergrund: Ein Verkuppelungsversuch mit der linken und ach so moralischen Elisabeth, die Arbeit in der Staatsbibliothek im Orientlesesaal an den arabischen Handschriften, die Reflexionen über das eigene Leben und die vergangene Ehe.
Ein Wiedersehen mit der Schauspielerin Elbina Sommergast bringt das Politische jäh an die Oberfläche, denn sie darf auf Grund ihres Aussehens nicht mehr die Rolle der Königin Eugénie spielen. Die Figur ist auch als eine Reprise auf die jüdische Schauspielerin Elisabeth Bergner zu verstehen, die als Star gefeiert wurde. Es ist Februar 1933 und die Handlung verflicht zunehmend mit den politischen Ereignissen. Das Verhältnis zu Antonia und Lili, mit denen es zu Zerwürfnis, Versöhnung und wiederum Zerwürfnis kommt, wird von der politischen Realität eingefangen. Ob Antonia zu ihm gestanden hätte, wird er nie erfahren. Lili wird nach ihrer Rückkehr nach Galizien von Mitgliedern der Nazi-Jugend erschossen. Das Einsamkeitsgefühl Krons hat deutlich an Realität gewonnen. Das "Schreckensjahr" in Deutschland ist fast vorüber. Auf dem Tisch liegt seine wissenschaftliche Arbeit samt des Gedichtszyklus. Obwohl ein Teil mit äußerst hässlichem Ergebnis bereits veröffentlicht worden ist und bezeugt, dass ein Weiterleben in Deutschland unmöglich ist, lässt sich Kron das tiefe Gefühl nicht nehmen, dass es sein Werk ist. Er verfasst eine Widmung, die einer Inschrift gleicht - an Antonia. Dann kehrt er zurück nach Palästina.

Die Sprache, die Moderne, Lyrik und die religiösen Texte des Judentums zu vereinen weiß
Die Geschichte um Elchanan Kron ist eng an die Biografie Lea Goldbergs geknüpft. Auch ihre Familie emigriert mehrmals vor dem Hintergrund der politischen Geschehnisse, sie studiert Semitistik in Berlin und emigriert 1935 nach Palästina. Umgehend beginnt sie 24jährig diesen Roman zu schreiben und reflektiert darin ihre Wahrnehmung Deutschlands. Besonders stark sind Goldbergs Wissen und Affinitäten in ihrer Sprache zu bemerken. Oft lässt sie die Protagonist_innen mit einem versteckten Hinweis auf die biblischen Schriften sprechen, sie nennt die arabischen Philosophen, mit denen sich Kron auseinandersetzt und erzeugt eine Stimmung, die hier an die Literatur Dostojewskijs und da an die feine, manchmal mit Ironie gepaarte Melancholie Mascha Kalékos erinnert. Und doch ist ihre Sprache einzigartig, sie lebt, genau wie die Übersetzerin sagt, von einer "sprachlichen Kargheit, holzschnittartigen Schroffheit und skizzenhaften Verknappung", die nichtsdestoweniger zart und einfühlsam ist. Den Blick auf einen Mann, der sich der Erfahrung unerfüllter Liebe ausgesetzt sieht, spiegelt dies wider. All das ist der Übersetzerin Dr. Gundula Schiffer zu verdanken. Ihr ist es gelungen, das Hebräisch, das damals noch in den Kinderschuhen steckte, in ein Deutsch der 30er Jahre zu übertragen. Akribisch hat sie jedes hebräische Wort, das an ein biblisches Zitat erinnert, erläutert, jede weniger bekannte Person, jeder wenige bekannte literarische Anspielung hat ausführliche Erklärung erhalten. Diese Anmerkungen tragen neben dem außerordentlichen Lesevergnügen deutlich dazu bei, die Dimensionen Lea Goldbergs Werk zu erkennen.

AVIVA-Tipp: Besonders das Nachwort mit historischen und literaturwissenschaftlichen Betrachtungen der Übersetzerin sowie zahlreichen Fotografien runden dieses Buch als Enstieg in das Werk Goldbergs ab. Dies ist sicher vielen Liebhaber_innen israelischer Musik vertraut, denn Goldbergs Text prägte eine Generation israelischer Kinder. Herausragend ist dabei das von Chava Alberstein vertonte Gedicht "Mishirei Eretz Ahavti", das zu einer Art nationalen Hymne in den 70er Jahren wurde. Ihr literarisches Werk umfasst jedoch weitere Romane, Kinderbücher und Gedichte, das in Deutschland nach wie vor recht unbekannt ist und selbst in Israel ist Verluste erst 2010 erschienen. Auch die Zahl wissenschaftlicher Arbeiten zu Goldbergs Werk ist übersichtlich und fast ausschließlich auf Hebräisch erschienen. Es bleibt nur, Lea Goldberg und der Übersetzerin Gundula Schiffer viele Leser_innen zu wünschen.

Zur Autorin: Lea Goldberg wurde 1911 in Königsberg geboren und wuchs in Kovno (Litauen) auf. Während des Ersten Weltkriegs emigriert die Familie nach Russland, kehrte dann aber nach Kovno zurück. Goldberg entwickelte bereits in ihrer Schulzeit auf dem Hebräischen Gymnasium den Wunsch, Schriftstellerin zu werden und verfasste Gedichte auf Hebräisch, die bereits 1926 in Litauen in der Zeitschrift Ptach eines literarischen Zirkels veröffentlich wurden. In Kovno, Berlin und Bonn studierte sie Semitistik. Nach ihrer Ankunft in Palästina 1935 fand sie bald Eingang in den Kreis moderner Autor_innen, in deren Magazin Turim sie ihre Texte veröffentlichte. Sie arbeitete als Lehrerin, wurde Kinderbuchautorin –und gestalterin, Kritikerin, Übersetzerin und literarische Beraterin am legendären Habima Theater in Tel Aviv. Außer dem hier besprochenen Werk liegt der Roman Briefe von einer imaginären Reise vor.
1952 gründete Goldberg den Lehrstuhl für Vergleichende Literatur an der Hebräischen Universtität Jerusalem. Lea Goldberg verstarb viel zu früh im Alter von 59 im Jahr 1970 in Tel Aviv. Posthum erhielt sie noch im gleichen Jahr die größte Auszeichnung für Literatur Israels – den Israel Prize.
Quelle: Jewish Women´s Archive

Zur Übersetzin: Gundula Schiffer, geboren 1980, arbeitet als Übersetzerin aus dem Hebräischen, Französischen und Englischen in Köln. In München hat sie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft studiert, in Jerusalem hebräische Sprache und Literatur. Über die Poesie der Psalmen von Moses Mendelssohn wurde sie 2010 promoviert und außerdem Literaturübersetzen studiert. Für die Arbeit an diesem Roman erhielt Schiffer das Nachwuchsstipendium der Kunststiftung NRW für literarisches Übersetzen. Sie ist außerdem am Martin-Buber-Institut für Judaistik der Universität zu Köln tätig.
Mehr Informationen unter: www.gundula-schiffer.de

Lea Goldberg. Verluste – Antonia gewidmet
Originaltitel: Avedot ("Mukdasch le-Antonia")
Aus dem Hebräischen und mit einem Nachwort herausgegeben von Gundula Schiffer
Arco, erschienen September 2015
Hardcover, 412 Seiten
Preis: 26,00 Euro
ISBN: 978-3938375624
www.arco-verlag.com

Weitere Informationen zum literarischen Werk Lea Goldbergs und zu bibliografischen Verweisen im Jewish Women´s Archive:
www.jwa.org

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Lea Goldberg - Briefe von einer imaginären Reise 1934. Die junge Jüdin Ruth flüchtet vor einer unglücklichen Liebe in die eigene Gedankenwelt. Ihren Liebeskummer verarbeitet sie in Briefen an diesen Mann, den sie mehr liebt als er sie. (2003)

Eine weitere Übersetzung von Gundula Schiffer:

Rutu Modan - Das Erbe Nach "Blutspuren" erschien im Juli 2013 die zweite Graphic Novel der israelischen Comiczeichnerin und Illustratorin. Teilweise durch ihre eigene Biographie inspiriert, erzählt Modan die Geschichte einer gemeinsamen Woche von Großmutter und Enkelin in Polen. Die ursprüngliche Bestimmung dieser Unternehmung nimmt, mit dem Aufkommen von lange Verdrängtem, eine Wendung und wird für beide Frauen zu einer bedeutenden und emotionalen Erfahrung. (2013)




Buecher > Jüdisches Leben Beitrag vom 06.03.2016 Magdalena Herzog 

   




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