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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2016 - Beitrag vom 12.02.2014

Zadie Smith - London NW
Julia Lorenz

Rau, laut und alles andere als royal: Der Nordwesten der englischen Hauptstadt ist wahrlich kein TouristInnenmagnet. Leah und Natalie leben trotzdem dort - erfolgreich, aber ungl├╝cklich. Und das...



...obwohl sie die Betonw├╝sten ihrer Kindheit l├Ąngst verlassen haben.

Neuk├Âlln ist ja angeblich ├╝berall. Auch in London, wo Neuk├Âlln Willesden hei├čt. Und dort scheint der Alltag in der allgemeinen Wahrnehmung - wie in Berlins ehemaligen ArbeiterInnenbezirken - haupts├Ąchlich aus ├ťberf├Ąllen und "Ehren"morden zu bestehen. Autorin Zadie Smith, selbst im multikulturellen Willesden geboren und aufgewachsen, erkundete mit ihrem Debut "Z├Ąhne zeigen" aus dem Jahr 2001 das Leben im Nordwesten der englischen Hauptstadt - und setzte den "Problemviertel"-Debatten einen ebenso skurrilen wie klugen Beitrag zur Lebensrealit├Ąt von MigrantInnen entgegen, der ihr internationale Aufmerksamkeit und zahlreiche Auszeichnungen bescherte.

Entsprechend gespannt wurde nun mehr als sieben Jahre nach ihrem letzten Roman "Von der Sch├Ânheit" das neue Werk der heute Achtunddrei├čigj├Ąhrigen erwartet. Und das setzt auf ein bew├Ąhrtes Konzept aus neuer Sicht: Sind es in "Z├Ąhne zeigen" die ungleichen Kumpels Archie Jones und Samad Iqbal, die Zadie Smith ├╝ber Jahre durch ihr Leben begleitet, schildert "London NW" das Geschehen aus weiblicher Perspektive.

Zwei Lebensl├Ąufe

Wieder sind es zwei Freundinnen, die ihr Hauptstadt-Leben abseits der TouristInnenpfade im Nordwesten Londons bestreiten: Leah Hanwell und Natalie Blake. Beide Frauen haben auf den ersten Blick viel erreicht: Sie haben die Hochhaussiedlungen ihrer Kindheit hinter sich lassen k├Ânnen, sind in Beziehungen und finanziell unabh├Ąngig, emanzipiert und selbstbestimmt. Leah ist kinderlos und wenig ambitioniert, in ihrem Job bei einer sozialen Organisation aufzusteigen, Natalie hat zwei Kinder und arbeitet als erfolgreiche Anw├Ąltin.

W├Ąhrend Leah zu Schulzeiten eher durch Marihuanakonsum als durch Ehrgeiz auffiel, entschied sich Natalie schon fr├╝h daf├╝r, in der st├Ądtischen Bibliothek an ihrer Zukunft zu arbeiten und sich nicht zuletzt von ihrem fr├╝heren Namen "Keisha" zu trennen; wohl, weil "Natalie" irgendwie mehr nach wei├čem Bildungsb├╝rgerInnentum klingt. Als "Kokosnuss" bezeichnet sie deshalb eine ehemalige Klassenkameradin, mit der es das Leben weniger gut gemeint hat: "Au├čen braun, innen wei├č." Der Umstand, dass Natalie als woman of colour den "sozialen Aufstieg" geschafft hat, scheint im postethnischen London keine Seltenheit zu sein und wird von Zadie Smith angenehm unspektakul├Ąr eingef├╝hrt, aber dennoch nicht von allen Menschen, die Natalies Weg kreuzen, als selbstverst├Ąndlich erachtet.

Dissonanzen und Zwischent├Âne

Aber was nach dem perfektenHappy End f├╝r eine traurige Milieustudie klingt, bringt Leah und Natalie keine Erf├╝llung: Pro forma sind die beiden noch immer beste Freundinnen, doch im Grunde haben sie den Draht zueinander l├Ąngst verloren, stehen dem Lebensstil der anderen einerseits argw├Âhnisch gegen├╝ber und neiden sich andererseits ihre Erfolge. Ihr Unbehagen angesichts ungenutzter M├Âglichkeiten, verpasster Chancen und Routinen, die sich einzuschleifen drohen, ist st├Ąrker als der Stolz auf Erreichtes - und blockiert alle Versuche, der latenten Traurigkeit mit Ver├Ąnderungen entgegenzutreten: Auch wenn der Klappentext von "London NW" ank├╝ndigt, dass sich nach einem ├╝berraschenden Besuch "die Ereignisse ├╝berschlagen", passiert inhaltlich in erster Linie: Nichts. Oder zumindest wenig. Dramatische Umw├Ąlzungen will Smith ihren krisenerfahrenen Protagonistinnen nicht zugestehen - oder vielleicht auch antun -, laute T├Âne bestimmen nicht die Gesamtkonstruktion der Handlung. Vielmehr lebt der Roman von den Dissonanzen des urbanen Lebens, die Smith k├╝hn in Sprache zu ├╝berf├╝hren wei├č: Mal melancholisch-poetisch, mal atemlos und hektisch klingt der Bericht aus den ├╝berf├╝llten Stra├čen Londons.

Stilistisch l├Ąsst sich die Autorin nicht verorten, spielt mit Assoziationen und Aussparungen, nimmt sich dann wieder Zeit f├╝r hyperrealistische Schilderungen und zeigt sich bei aller Liebe f├╝r temporeiche Schilderungen als aufmerksame Beobachterin: Zwischen scheinbar unverf├Ąnglichen Gesten und harmlosen Kommentaren ├Âffnen sich kleine Abgr├╝nde f├╝r die ProtagonistInnen. Wie verfahren das gute Leben sein kann, offenbart sich in kurzen Augenblicken, die Zadie Smith so pointiert zu beschreiben wei├č, dass es schmerzt: Seitenhiebe, Schweigen an der falschen Stelle und dieser Tonfall, der mehr preisgibt als das eigentlich Gesagte - das Ungl├╝ck der Protagonistinnen l├Ąsst sich erst bei genauerem Hinsehen in Worte fassen.

W├╝rde sich Smith nur auf die verfahrene Situation von Leah und Natalie fokussieren, die Konsequenz w├Ąre ein ├╝berraschendes Portrait von Londons Nordwesten: Ein "Problembezirk" ohne Probleme. Zumindest ohne Probleme, die in Verbindung mit Kriminalit├Ąt und Drogenkonsum stehen. Felix und Nathan, zwei ehemalige Mitsch├╝ler der Protagonistinnen, betreten in einem weiteren Erz├Ąhlstrang als Gegenbeweise die B├╝hne: Anders als Leah und Natalie, die auch ihr Wohlstand nicht wirklich gl├╝cklich machen kann, geht es f├╝r sie - sowie f├╝r einige andere Nebencharaktere - ums ├ťberleben. Aber das ist eine andere Geschichte. Oder auch nicht. Schlie├člich passiert in "London NW" genau das, was den Alltag in Willesden und Neuk├Âlln wirklich ausmacht: Der Zusammenprall von Existenzen, die unterschiedlicher kaum sein k├Ânnten - Reibung, aber auch W├Ąrme nicht ausgeschlossen.

AVIVA-Tipp: Kann ein Roman, der auf mehr als vierhundert Seiten nahezu keine Handlung entfaltet, wirklich fesseln? Kann er. Zumindest wenn ein Erz├Ąhltalent wie Zadie Smith am Werk ist. "London NW" kann auf unterschiedlichste Arten gelesen werden: Als Portrait einer zerrissenen Frauengeneration, als sozialkritische Betrachtung des heterogenen Londons - oder als Hassliebeserkl├Ąrung an einen Stadtteil, der seinem schlechten Ruf nicht immer gerecht wird. Egal wie: Ein stilistisches Erlebnis ist der Smiths neues Werk auf jeden Fall.

Zur Autorin: Zadie Smith wurde 1975 in Willesden/Nord-Londons als Tochter jamaikanisch-britischer Eltern geboren. Im Alter von vierzehn Jahren ├Ąnderte sie ihren Geburtsnamen Sadie in "Zadie". Nach dem gro├čen Erfolg ihres Debuts "Z├Ąhne zeigen" (im englischen Original "White Teeth"), f├╝r das sie unter anderem mit dem Guardian First Book Award ausgezeichnet wurde, ver├Âffentlichte Smith 2002 ihren Roman "Der Autogrammh├Ąndler", der vom Feuilleton allerdings nicht im selben Ma├če beachtet wurde wie ihr Erstlingswerk. Ihr dritter Roman Von der Sch├Ânheit, erschienen 2006, konnte an alte Erfolge ankn├╝pfen und wurde u.a. mit dem Orange Prize for Fiction ausgezeichnet. Smith ist verheiratet und lebt noch immer im Norden Londons.

Zadie Smith
London NW

Originaltitel: NW
Aus dem Englischen von Tanja Handels
Verlag Kiepenheuer und Witsch, erschienen 2013
428 Seiten. Hardcover mit Schutzumschlag
19,99 Euro
ISBN: 978-3-462-30719-1

Weitere Infos unter: www.kiwi-verlag.de

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