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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 14.03.2014

Sarah Schmidt - Eine Tonne für Frau Scholz
Claire Horst

Eine Mittvierzigerin, die im McJob ihrer Studienzeit hängengeblieben ist und im letzten unsanierten Altbau der Gegend wohnt, ohne FreundInnen oder interessante Hobbys – das klingt nicht besonders aufregend. Weil die Autorin aber Sarah Schmidt heißt, entsteht...



... aus diesem Plot eine hochkomische und intelligente Erzählung, deren ProtagonistInnen zu den sympathischsten der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gehören.

Nina Krone verbringt ihre Arbeitstage damit, in einem heruntergekommenen Fotostudio Passbilder oder Bewerbungsfotos zu machen. Ihre einzige Gesellschaft dabei ist ihr Chef Karl, der sie mit den langweiligen Erkenntnissen zur Erforschung seiner Vorfahren nervt.

Genervt ist Nina auch von ihrem Bekanntenkreis. Weder interessiert sie sich für die Erfüllung, die andere Menschen in ihrer Arbeit finden, noch kann sie mit ihrer großartigen Wohnungseinrichtung protzen. Bis auf Busen-Bärbel, die allerdings als Kunstsammlerin ständig in der Welt herumreist und nur zu Stippvisiten nach Berlin kommt, haben Nina und ihr Partner Fritz kaum noch enge FreundInnen.

Ninas Blick auf das eigene Leben ist geprägt von Sarkasmus und Selbstironie:
"Das Haus steht wie ein mürbe gewordener Fels zwischen anderen mit frisch gestrichenen Fassaden und ausgebauten Dachgeschoss-Eigentumswohnungen. [...] Die Journalisten bestaunen uns, als wären wir vom Aussterben bedrohte Tiere. Mit einer Mischung aus Bewunderung und Mitleid schauen sie in den Hinterhof, der hässlich, eng und lichtlos ist. [...] Es fehlen nur dreckige Kinder in Schürzen und mit nackten Füßen, die einen Leierkastenmann mit einem Äffchen oder einen Scherenschleifer mit Kaiser-Wilhelm-Schnauzbart umringen, um das nostalgische Bild zu komplettieren."

Obwohl Nina keinerlei Bedürfnis hat, an ihrem Lebensentwurf etwas zu ändern, obwohl sie Fritz liebt, ihre beiden, sehr unterschiedlichen, Kinder erfolgreich großgezogen hat und von den Selbstoptimierungsstrategien vieler Gleichaltriger höchstens irritiert ist, hat sich etwas verschoben. Irgendetwas stört, nervt, passt nicht mehr zusammen. Ihre Tag- und Nachtträume drehen sich nur noch um Katastrophen, die zu allem Überfluss nicht "besonders niveauvoll sind [...], sie haben keinen französischen Esprit, orientieren sich nicht am expressionistischen Stil, nein, ich bin eine billige Vorabend-Soap-Regisseurin, und da existiert nur die Holzhammerszene: Von einer Sekunde auf die andere ist mein Leben verändert. ´Als nichts mehr so war wie zuvor´ lautet der Titel meiner schnell produzierten Serie."

Aus reiner Langeweile oder um sich selbst als gutherzige Person zu inszenieren, beginnt sie, der immer unfreundlichen, fast achtzigjährigen Frau Scholz aus der Wohnung unter ihrer die Kohlen hochzutragen. Und obwohl die beiden Frauen sich mit gegenseitiger Abneigung begegnen, beginnt eine merkwürdige Freundschaft aus Anblaffen, Zurückweisung und Schnapstrinken. Frau Scholz wird irgendwann zur Ratgeberin zu Ninas Lebensfragen: Dass Ninas Sohn Rafi mit seinem unsympathischen Hipsterfreund Ben und zwei unbekannten Lesben aus einer Siegessäule-Anzeige ein Kind großziehen will, dass ihre Tochter Ella sich von immer wechselnden Firmen als Dauerpraktikantin ausbeuten lässt, getrieben von dem Wunsch, ganz nach oben zu kommen, für diese Probleme ist Frau Scholz eine passende Gesprächspartnerin.

Und ihre Kommentare helfen gegen Ninas nagende Selbstzweifel: Vielleicht hätte sie lieber eine nörgelnde Mutter sein sollen, eine, die den Kindern Gelegenheit zum Rebellieren gibt, anstatt mit ihnen zu kiffen und die Abende mit Busen-Bärbel und einer Nase Koks zu verbringen? Frau Scholz, die gern vom "Rudelbumsen" in den Sechzigern erzählt, ist nicht dieser Meinung.

Anders als andere Lesebühnen-Autor_innen setzt Sarah Schmidt ihre Pointen nie um der Pointe willen, sondern nutzt sie, um ihre Protagonistin vor dem Absturz in die totale Verzweiflung über sich selbst lachen zu lassen. Nina Krone ist eine Erzählerin wie keine andere: Den Tod der eigenen Mutter, deren Schweigen über den Missbrauch an der Tochter, die unaufgearbeitete Familiengeschichte, all das scheint nur zwischen den Zeilen durch, ist aber weder Anlass für ihre aktuelle Sinnkrise, noch wird es von Nina verleugnet.

Und obwohl sie, wie Fritz ihr vorhält, ständig mit sich selbst und ihren üblen Vorahnungen beschäftigt ist, wird sie nie zu einer egozentrischen, lamentierenden und resignierten Figur. Nina bereut nichts und wird damit zu einer positiven Heldin: Sie hat nichts verpasst und ist völlig frei von den Erwartungen, denen viele Menschen meinen, gerecht werden zu müssen, ob als KarrieristInnen, perfekte Eltern oder LebenskünstlerInnen. Und wenn ihr Leben langweilig scheint, na und? Nina weiß, was sie will und braucht. Depressive Phasen gehören dazu und werden von ihr gemeistert.

AVIVA-Tipp: Sarah Schmidts Roman lässt die Leserin abwechselnd aufjaulen vor Mitgefühl angesichts idiotischer ZeitgenossInnen und laut lachen über den Alltagskrampf der Protagonistin. Dass auch Nina Krone nicht vor eigenen Vorurteilen gefeit ist, macht sie zu einer besonders glaubwürdigen Figur. Schade, dass es dieses zerbeulte Hinterhaus mit seinen nicht weniger zerbeulten BewohnerInnen nicht wirklich gibt.

Zur Autorin: Sarah Schmidt wurde 1965 in Dinslaken am Niederrhein geboren und zog 1976 mit der Familie nach Westberlin. Dort ging sie durch die harte Schule von Schmargendorf, Schöneberg, Wedding und Neukölln, seit 1981 ist sie Kreuzbergerin aus Überzeugung. Seit 1994 arbeitet sie als Autorin und seit 1995 ist sie Stammmitglied beim "Frühschoppen", der ersten Lesebühne Deutschlands. Über viele Jahre hinweg war sie die einzige Frau auf Berlins Lesebühnen. 2003 erhielt sie ein AutorInnenstipendium im Rowohlt-Ledig House, New York.
Sie veröffentlicht regelmäßig Texte in Anthologien und Zeitschriften. 2006 hatte ihr Theaterstück über Billie Holiday, "Strange Fruit", Premiere. (Verlagsinformationen)

Die Autorin im Netz: www.sarah-schmidt.de

Sarah Schmidt
Eine Tonne für Frau Scholz

Verbrecher Verlag, erschienen im März 2014
Hardcover, 224 Seiten
Preis: 19,00 Euro
ISBN: 978-3-943167-78-8


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Sarah Schmidt - Bad Dates

Dann machen wir´s uns eben selber, der Debütroman von Sarah Schmidt




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