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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 24.03.2015

Marica Bodrozic - Mein weisser Frieden
Kristina Tencic

Mit ihrem dritten Buch bestätigt Marica Bodrozic, dass sie eine ausgezeichnete Beobachterin ist, die sich keinem literarischem Genre beugen muss. Sie nimmt uns mit auf ihre tiefgründige Suche...



... nach dem Verstehen des Unverständlichen: Der Conditio Humana, uns selbst und dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien.

"Wie viele Stunden, Tage, Wochen, Monate unserer wertvollen Lebenszeit verschwenden wir darauf Krieg zu führen? Krieg in Gedanken. Krieg in Sätzen. Krieg in Worten. Alle Kriege beginnen in Gedanken und münden in der Syntax, im reflexartigen Kampf und Zurückschlagen ohne Punkt und Komma. Die Anordnung der Worte in unseren Sätzen gibt genaue Auskunft über die Struktur in unserem Denken. Der Charakter ist kein Zufall."

Die deutschsprachige Autorin Marica Bodrozic weiß, dass wir im Grunde genommen alle unter dem selben Himmel leben, und somit so unterschiedlich nicht sein können. Was uns unterscheidet ist unser Handeln. Damit folgt sie der Denkschule Hannah Arendts (deren Bericht von der Banalität des Bösen Bodrozic auch in ihrer weiterführenden Literaturliste empfiehlt), welche die Pluralität der Menschen als notwendige Bedingung für einen freiheitlichen politischen Austausch sieht - der aber auch mündig von jeder/m Einzelnen geführt werden muss.

Unter dieser Prämisse beschreibt Marica Bodrozic mit offenem aber auch kritischem Blick eine Gesellschaft, in der sie eine Zugehörige und Fremde zugleich ist. Als in Dalmatien geborene und mit zehn Jahren nach Deutschland emigrierte Schriftstellerin, stellt sie Fragen, die sie direkt zum schmerzhaften Kern der posttraumatischen Gesellschaft Ex-Jugoslawiens treibt. Bodrozics bewusste Nichtzugehörigkeit zu jedweder Nation ("Ich kann kein einzelnes Volk, kein einzelnes Land lieben. Völker sind Massen. Mein Land ist das Leben.") schärft ihre Beobachtungsgabe und spitzt die Zunge, sodass ihre Worte unnachgiebig scharf und gleichzeitig wohlwollend und verständnisvoll klingen.

Die Schriftstellerin durchlebt und versteht mit all ihren Sinnen, dass die Menschen im ehemaligen Jugoslawien von dem jahrzehntelangen autokratisch geführten Sozialismus unter Tito gezeichnet sind. Da sich alle als Teil eines Kollektivs dachten und nicht die Frage stellten, für wen oder was sie da eigentlich mit ihrem Leib einstehen, konnte dieser Konflikt zwangsläufig nur gewaltsam ausgetragen werden. Die Individualität und das eigene Leben wird vom Kollektiv wortwörtlich verschlungen. Was geblieben ist, sind emotional entmachtete Menschen, die manipuliert sind von der Sprache des Krieges und nicht gelernt haben, sich selbst und für sich selbst zu denken, oder gar ihre eigene Geschichte zu formulieren, ohne sich dabei der Kriegspropaganda zu bedienen.

Marica Bodrozic bohrt ganz tief, um die Schichten zu Tage zu bringen, die diese Menschen geprägt haben, und um sie dann so verständlich wie möglich einer/m Außenstehenden erklären zu können, fernab von vorgefertigten Antworten und Balkanmythen. Dabei erkennt sie soziokulturelle Begebenheiten, geht mit ihrem engsten Kreis hart ins Gericht, und analysiert klug das auch heute noch Unausgesprochene:

"Bei so viel Leid ist es den Menschen hier verboten, selbst zu denken, sich selbst zu befragen, sich selbst zweifelnd zu begegnen. Und mit einem Mal wundert es mich nicht mehr, dass die Bewohner dieses kleinen Bergdorfs lieber den Krieg als das Denken gewählt haben."

Die innere Freude einer/s jeden Einzelnen ist erloschen und kann nicht rekonstruiert werden. Das Brandmal des Krieges ist für immer Teil des Individuums, selbst wenn der Krieg nur als Massendynamik entstehen konnte. Die Gedanken um Ethik und das Gute hatten keinen Platz mehr, da sie nur individuell gedacht werden können, beziehungsweise kam es zu einer "Inflation des guten Gewissens" in der jede Kriegspartei das ´Gute´ für sich beanspruchte - "der Feind ist böse, ich bin gut". Doch der Tod eines geliebten Menschen brennt sich wie ein Stempel in die Hinterbliebenen ein und wird sich auch in die nachkommenden Generationen einprägen - das ist das bittere Ausmaß des Krieges in Europa, wie ihn Bodrozic konstatiert.

Um ihren essayistischen Reiseerzählungen, autobiografischen Erinnerungen, Zitaten und historischen Einordnungen die nötige stilistische Freiheit einzuräumen, beschränkt sich die Stipendiatin des Grenzgängerprogramms der Robert-Bosch-Stiftung hier auf kein Genre. "Mein weisser Frieden" ist ein hybrides Schriftstück, das sie alle Facetten der Menschen beschreiben lässt, die ihr gleichzeitig nahe und doch so fremd (geworden) sind.

AVIVA-Tipp: Das Erinnern, die lyrische Sprache, der Tiefsinn, und das Artikulieren des Unausgesprochenen sind zu den Leitmotiven der sehr weltläufigen Autorin Marica Bodrozic geworden, die sie hier durch die stilistische Ungebundenheit und Freigeistigkeit bekräftigt. "Mein weisser Frieden" ist ein wichtiges Buch, hinter dem eine zeitgenössische, europäische Aufklärerin steckt, die mit reportagenartiger Nüchternheit die Vergangenheit und ihren Nachhall auf das Heute und Morgen in der Region und darüber hinaus beschreibt. Marica Bodrozic hat den Anspruch und das geistige Reisegepäck für einen langen Marsch zum Kern der menschlichen Natur, bei dem sie am Glauben an die Mündigkeit der Menschen festhält. Und natürlich am Glauben an die Schönheit dieses Fleckchens Erde am Mittelmeer, die größer ist als alles, was auf ihr und in ihrem Namen begangen wurde.

Zur Autorin: Marica Bodrozic wurde 1973 in Svib, dem heutigen Kroatien, geboren. Mit zehn Jahren kam sie nach Deutschland, in den Taunus, wo ihre Eltern sich bereits vor ihr als sogenannte GastarbeiterInnen angesiedelt hatten. Diese Entwurzelung ist bis heute in ihren zahlreichen Gedichten, Romanen, Erzählungen und Essays präsent. Ihre Literaturerfolge umfassen etwa "Tito ist tot" (2002), "Das Gedächtnis der Libellen" (2010) und den Roman "Kirschholz und alte Gefühle" (2012). Für ihre Werke erhielt sie diverse Preise und Stipendien, unter anderem den Literaturpreis der EU, den Förderpreis für Literatur der Akademie der Künste in Berlin und den Kulturpreis Deutsche Sprache. Nach Studienaufenthalten in Zürich, Frankfurt am Main und Paris, lebt die freie Schriftstellerin seit über zehn Jahren in Berlin.

Marica Bodrozic
Mein weisser Frieden

Verlag Luchterhand Literaturverlag, Oktober 2014
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 336 Seiten
ISBN: 978-3-630-87394-7
19,95 Euro
www.randomhouse.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Kirschholz und alte Gefühle, ein Roman von Marica Bodrozic

Der Spieler der inneren Stunde, ein Roman von Marica Bodrozic

Rio Bar ein Roman von Ivana Sajko

"Polenta oder Milchkaffee" ein Roman von Ruza Kanitz

Zwischen uns das Paradies, ein Film von Jasmila Zbanic

Here and there ein Film von Darko Lungolov

Titos Brille. Ein Film von Regina Schilling nach dem Buch von Adriana Altaras


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