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AVIVA-BERLIN.de im März 2017 - Beitrag vom 27.03.2014

Ulrike Heider - Vögeln ist schön
Claire Horst

Vögeln ist schön, dieses Graffito auf der Wand einer Schulturnhalle löste in den sechziger Jahren eine mittelschwere Kulturkrise aus. Und die Episode ist ein gutes Beispiel dafür, wie Ulrike...



...Heider auch weniger bekannte Teilbereiche der sexuellen Revolution in deren teils persönlich, teils historiografisch gehaltene Nacherzählung aufnimmt.

"Du wirst noch ein schönes Flittchen werden", mit dieser Aussage ihrer Mutter beginnt die Autorin einen Parcours durch die Jahrzehnte, in dem sie die eigene sexuelle Befreiung mit der Entwicklung verschiedener sozialer Bewegungen und vor allem der Literatur verbindet, von der die Protagonist_innen beeinflusst waren. Angefangen im Jahr 1967, die Autorin ist 20 Jahre alt und kämpft mit den gängigen Moralvorstellungen und der eigenen Verklemmtheit, führt sie die Leserin vorbei an SexualaufklärerInnen wie Oswalt Kolle und Beate Uhse, lässt sie dem Filmemacher Rosa von Praunheim begegnen, sich über Camille de Paglias antifeministische Texte wundern und verschiedenste Perspektiven auf Sexualität, Geschlechterverhältnisse und Gesellschaftsreformen kennenlernen, darunter so unterschiedliche wie die von Simone de Beauvoir, George Bataille und Judith Butler.

Zwischen "Nutte" und "braver Ehefrau eines erfolgreichen Mannes" bestehen kaum Möglichkeiten für eine junge Frau wie Heider, und der zeitgenössische Schlager von Peter Kraus bis Roy Black bietet auch nur die "glückliche Ehe" als Idealbild an. Im Rückblick ist es für Heider Gisela Elsner mit ihrem Roman "Das Berührungsverbot", das die sexualfeindliche und von der NS-Zeit geprägte Atmosphäre ihrer Jugend am besten charakterisiert. In den ersten Kapiteln ihres Buches zeigt Heider auf, welche personellen und strukturellen Kontinuitäten damals noch bestanden. So weist sie beispielhaft auf den Pfarrer Heinz Hunger hin, der als ehemaliger Geschäftsführer des 1938 gegründeten "Instituts zur Entfernung und Beseitigung jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben" zum "Sexualpädagogen" mutiert war und maßgeblichen Einfluss auf die bundesdeutsche Gesetzgebung zum "Jugendschutz" hatte.

Chronologisch zeichnet die Autorin die Lektüren verschiedener Zeitabschnitte nach und lässt die Leserin mitvollziehen, wie sich der Blick auf Sexualität und Geschlechterrollen veränderte, auf welche Autor_innen sich beispielsweise unterschiedliche Strömungen der Frauen- und Schwulenbewegung bezogen und auf welche gesellschaftlichen Veränderungen damit reagiert wurde.

Ihre persönliche Identitätsfindung führt sie unter anderem auf die Werke von Simone de Beauvoir zurück, wie auch überhaupt der französische Existentialismus ein wohltuendes Gegenmodell zur Enge der Adenauerrepublik dargestellt habe. Ein weiterer zentraler Einfluss ist Herbert Marcuse, den sie als Autoren versteht, der nicht nur das Lustprinzip aufgewertet, sondern auch "den Leidenskult der zeitgenössischen Theologen und Philosophen" abgelehnt und damit den Weg für eine positive Haltung auch zur Sexualität freigemacht habe.

Dass die von den Boulevardmedien so genannte und gern zum Verkauf ihrer Produkte genutzte "Sexwelle" in Deutschland einrollen konnte, dass Autoren wie Alfred Kinsey und Oswalt Kolle auch vom Mainstream rezipiert werden konnten, hält Heider für eine Folge des wirtschaftlichen Aufschwungs und der damit einhergehenden ökonomischen wie sozialpolitischen Öffnung Deutschlands.

Spannend ist ihre Nacherzählung nicht nur aufgrund der Detailfülle und des Einbezugs umfangreicher Theorien, sondern weil sie neben die sich wandelnden öffentlichen Diskurse jeweils ihre eigenen Erfahrungen stellt. Ihre Darstellung ist damit an keiner Stelle als rein wissenschaftlicher Abriss zu verstehen, sondern immer subjektiv gefärbt – und auch regional auf Frankfurt am Main fokussiert, wo die Autorin sich der linken Frauen- und StudentInnenbewegung zurechnete.

So erzählt sie von der hessischen SchülerInnenbewegung, die sexuelle Aufklärung an den Schulen forderte und damit einen bundesweiten Skandal hervorrief, von Wilhelm Reich und der Sexpol-Bewegung, aber auch von dem Befreiungsmoment, das für sie persönlich der Kontakt mit Mitgliedern des SDS bedeutete, besonders deren Empfehlung, verschiedene SexualpartnerInnen auszuprobieren.

Heider wendet sich explizit gegen aktuelle konservative Diskurse, die in der sexuellen Befreiung eine Hauptursache für den vermeintlichen Anstieg von Missbrauchsfällen und Pädokriminalität sehen wollen. Ihre Lektüre ist deutlich subjektiv. So erlebt sie die Schwulenbewegung der frühen 70er Jahre mit der positiven Umdeutung der "Tunte" als Befreiung, ebenso die Neue Frauenbewegung, stellt sich aber etwa Beauvoirs ablehnender Haltung zu Schwangerschaft und Mutterrolle entgegen. Vollends verständnislos steht sie dem spirituellen Flügel der Frauenbewegung gegenüber, den sie mit seiner Zuwendung zum Hexenkult und Idealisierung des "Weiblichen" als essentialistisch und konservativ kennzeichnet.

Auch wenn Heider Mitte der 90er Jahre den Schritt hin zu neuen Theorien nicht mehr mitvollzieht und etwa mit Judith Butlers Theorie von der Gemachtheit auch des biologischen Geschlechts nicht viel anfangen kann, auch wenn Queer Theory und Transsexuellenbewegung ihr nicht einleuchten, und auch wenn sie aktuelle Bewegungen als lustfeindlich und restaurativ bezeichnet: Ihr Buch ist eine beeindruckend umfassende und belesene Darstellung der wechselnden Auseinandersetzungen um Sexualität und Gesellschaftspolitik.

Beeindruckend ist auch Heiders immer wieder betonter Anspruch, Verhandlungen um Sexualität als explizit politisch zu begreifen. Nicht zuletzt deshalb zeigt sie sich erschüttert vom Erfolg literarischer Werke wie "Feuchtgebiete" und "Shades of Grey", die sie nicht nur als konservativen Rückschritt in überkommene Rollenbilder, sondern auch als marktförmige Produkte begreift.

AVIVA-Tipp: Wenn Heider sich gegen die Kommerzialisierung der Sexualität im Kapitalismus ausspricht, "denn dessen Gebote sind es, die die Beziehungen zwischen den Menschen zu Macht- und Ohnmachtsverhältnissen werden lassen", wenn sie für einen "neuen Hedonismus" plädiert, der sich weder auf eine "ursprünglich gute Sexualität als Heilsbringerin" beruft noch als "sexueller Inselkommunismus" erscheint, kann die Leserin sich der Autorin nur anschließen. Ihr Appell an eine Rückberufung auf "frühsozialistische, anarchistische und linkskommunistische Bewegungen" des frühen 20. Jahrhunderts verrät, dass sie trotz allem Unverständnis für aktuelle Gendertheorien die Hoffnung auf neue Impulse zur Veränderung nicht aufgegeben hat. Und ihr Buch macht Lust darauf, auch alte Theorien (wieder) zur Hand zu nehmen.


Zur Autorin: Ulrike Heider, 1947 in Frankfurt a.M. geboren, promovierte 1978. Von 1976 bis 1982 lehrte sie an verschiedenen Hochschulen in Hessen, seit 1982 arbeitet sie als freie Schriftstellerin und Journalistin. 1988 übersiedelte sie nach New York, seit 2010 lebt sie außerdem in Berlin. Zu ihren Buchveröffentlichungen gehören "Keine Ruhe nach dem Sturm", "Sadomasochisten, Keusche und Romantiker", "Vom Mythos Neuer Sinnlichkeit" sowie "Schülerprotest in der Bundesrepublik Deutschland". (Verlagsinformationen)

Ulrike Heider
Vögeln ist schön. Die Sexrevolte von 1968 und was von ihr bleibt

288 Seiten
Rotbuch Verlag, erschienen im März 2014
Taschenbuch, 288 Seiten
ISBN 978-3-86789-196-7
14,95 Euro


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Buecher > Sachbuch Beitrag vom 27.03.2014 Claire Horst 

   




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