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AVIVA-BERLIN.de im September 2016 - Beitrag vom 28.09.2015

Klein, aber voller Köstlichkeiten. Buchladen Bayerischer Platz. Herausgegeben von Christiane Fritsch-Weith
Yvonne de Andrés

Die Lachmannsche Buchhandlung ist noch heute in literarischen und Buchhändler_innenkreisen legendär. Ehemals von dem jüdischen Buchhändler Benedict Lachmann gegründet, kann dieser besondere Ort ...



... auf fast einhundert Jahre wechselvoller Geschichte zurückschauen.

Die Buchhandlung liegt in der Nähe des Rathaus Schöneberg, also im alten Herzstück West-Berlins. 1919 gründete Benedict Lachmann, ein jüdischer Intellektueller und Anarchist, die moderne Buchhandlung mit angeschlossener Leihbibliothek Bayerischer Platz 13/14. Der Eingang befand sich um die Ecke in der Speyererstraße. Benedict Lachmann war auch der Herausgeber einer der wenigen deutschsprachigen anarchistischen Zeitschriften "Der individualistische Anarchist", von der jedoch nur wenige Nummern erschienen sind. Im Vorwort seiner Zeitschrift schrieb er 1919, dass er seinen Buchladen nicht zu einem dezidiert politischen Buchladen macht, sondern auf die Vielfalt der Meinungen und der Literatur, insbesondere der modernen Literatur setzt. Er warb hier auch für seine Buchhandlung: "Ich bitte alle Freunde, ihre Bücher und Zeitschriften durch meine neu eröffnete, moderne Bücherei zu beziehen und mein Unternehmen durch Empfehlung zu unterstützen."

Kund_innen des sehr engagierten Buchhändlers waren Albert Einstein, Gottfried Benn, der junge Curt Riess, der von ihm an den literarischen Stammtisch im Romanischen Cafés im heutigen Europacenter eingeführt wurden. Der Schriftsteller Samuel Friedländer (bekannt unter dem Pseudonym Mynona), gehörte ebenfalls zu seinen Freunden. Curt Riess beschreibt Benedict Lachmann als einen bemerkenswerten Mann: "Er war ziemlich groß, eher hager, ging leicht gebeugt, trug sein schwarzes Haar absichtlich unordentlich, sozusagen künstlerisch. Sein Beruf: Buchhändler. Er hatte irgendwann kurz nach dem Krieg den Buchladen am Bayerischen Platz aufgemacht, keine fünfzig Meter von unserer Wohnung. [...] Benedict Lachmann war anfangs amüsiert, später doch interessiert an dem Schuljungen [...] Er sprach über einige Klassiker mit furchtloser Respektlosigkeit, er tat sie als veraltet und langweilig ab." Curt Riess beschreibt diese Zeit seines Lebens als sehr intensiv, denn Dank der Empfehlungen von Benedict Lachmann las er "nichts Überflüssiges".

Einen Tag nach der Bücherverbrennung am Bebelplatz in Berlin, am 9. Mai 1933, erklärte der Vorstand des Börsenvereins, dass Autor_innen wie Gina Kaus, Irmgard Keun, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger, Alexandra Kolontay, Gustav Meyrink, Nelly Sachs, Anna Seghers, Bertha von Suttner "für das deutsche Ansehen als schädigend zu erachten sind. Der Vorstand erwartet, dass der Buchhandel die Werke dieser Schriftsteller nicht weiter verbreitet." 1934 wurde der Börsenverein vom Zwangsverband "Bund Reichsdeutscher Buchhändler" übernommen und der "Reichsschrifttumskammer" unterstellt. Der Druck auf Benedict Lachmann stieg enorm. Ein im Buch abgedruckter Briefwechsel dokumentiert diese Schikane. Am 22. Juni 1935 schrieb Benedict Lachmann an die Geschäftsstelle des Gau Groß-Berlin im Bund Reichsdeutscher Buchhändler. Er wolle einen Lehrling ausbilden. Seine Anfrage durchläuft mehrere Instanzen. Erst am 25.Juli 1935 erfolgte folgende Antwort: "Die Entscheidung ist im vorliegenden Fall durch die unsichere Entwicklung der Geschäftslage bei der betr. Firma begründet. Grundsätzlich besteht aber auch darüber hinaus kein Anlass, nichtarischen Buchhandlungen Lehrlinge anzuweisen." Benedict Lachmann darf ausbilden und schafft so einen beeindruckenden Präzedenzfall.

1936/37 sah er sich genötigt, die Buchhandlung an seinen ehemaligen Lehrling und Vertrauten Paul Behr zu verkaufen. Dieser hatte Anfang 1930 die Geschäftsführung bereits übernommen. Wie das genaue Verhältnis zwischen den beiden war ist nicht belegt. Christiane Fritsch-Weith schreibt in ihrer Chronik: "Benedikt Lachmann ist sechzig Jahre alt. Der Buchhändler gehörte zu den Verfolgten und Verzweifelten, die 1938 in Calau bei Familie Ball Zuflucht suchten. [...] Das Haus Calau, in dem Benedict Lachmann noch etwas unbeschwerte Tage verleben konnte, wurde von den Nationalsozialisten arisiert und am Kriegsende vollständig niedergebrannt." Die Briefe um Bürgschaften für die Emigration blieben erfolglos. Im Oktober 1941 wurde Benedikt Lachmann nach Lodz deportiert und am 4.12.1941 ermordet.

Die Historikerin Simone Ladwig-Winters hat ein Album zu Benedict Lachmann in der Ausstellung "Wir waren Nachbarn" im Rathaus Schöneberg erstellt. Am 5. August 2011 wurde vor der ehemaligen Adresse des Buchladens Bayerischer Platz 13/14 ein Stolperstein in Erinnerung an Benedict Lachmann verlegt.

Paul Behr hat den Buchladen in der Nazizeit weitergeführt. Die Familie Behr war überzeugt, dass Benedict Lachmann überlebt hätte und seiner Familie nach London gefolgt sei. Seit November 1943 existiert der Buchladen nicht mehr. Er ging in Flammen, Schutt und Asche unter. In der Nachkriegszeit 1950 erhielten Paul Behr und seine Frau Martha die Lizenz zur Betreibung einer Buchhandlung. Die neue Adresse lautet Grunewaldstraße 59. 1975 inseriert die Familie Behr: "Der Buchladen Bayerischer Platz in Berlin sucht einen Nachfolger."

Buchperlen heben

Seit 1975 führt Christiane Fritsch-Weith die Buchhandlung. "Straffen und Bündeln" ist eins der Zauberworte von Frau Fritsch-Weith. Sie ist eine Engagierte in Sachen Literatur. Monika Maron, Pascale Hugues, Eva Menasse, Horst Pillau, Manfred Flügge und viele andere geben dem Buchladen den Vortritt, um hier ihr neues Buch vorzustellen. Christiane Fritsch-Weith stellt den Kontakt zwischen Literatur und Leser_innen her. "Im Urlaub muss ich lesen." obwohl sie täglich liest – angefangen vom morgendlichen "Börsenblatt" und "Buchreport" im Schlafanzug bis zum Tagesspiegel und den Neuerscheinungen vorm Schlafengehen. Wer die Buchhändlerin schon länger kennt, weiß, dass sie jeden Sommer mit ihrem Mann und einem Koffer voller Bücher nach Frankreich reist, um "Perlen zu heben". Die meisten Titel sind frische Leseexemplare, doch es sind auch immer einige "ältere" Titel sowie Klassiker der Weltliteratur darunter. Ihr liegt viel daran, möglichst wenig empfehlenswerte Bücher zu übersehen. Denn ihrer Meinung nach werden viel zu viele gute Bücher zu Unrecht remittiert, weil sie nicht (an)gelesen werden.

Christiane Fritsch-Weith sagt von sich "Events sind mein Hobby." Immer pünktlich um 19.30 Uhr finden in der Buchhandlung Lesungen und Veranstaltungen statt. Die ganze Familie ist dann im Einsatz. Zweimal jährlich finden ihre "Buchempfehlungsabende" statt. Jede/r Besucher_in erhält eine Liste mit 20 bis 23 Titeln, die Frau Fritsch-Weith innerhalb von 45 Minuten vorstellt. Diese Liste umfasst Hardcover- und Taschenbuchausgaben, auch Kinder- und Jugendbuch, einen außergewöhnlichen Krimi, etwas Heiteres – und nicht nur Novitäten. Diese Liste sei bei den Besucher_innen bis zu einem halben Jahr in Gebrauch, immer wieder kämen Kund_innen, die sich an dieser Liste orientierten und nach bestimmten Titeln daraus fragten. Sich um die "Kundenkinder" zu bemühen, sie ernst zu nehmen und entsprechend zu betreuen, da ist sich Christiane Fritsch-Weith sicher, zahle sich aus: Diese Kinder bauen Vertrauen auf und werden sich – egal, wo sie hinziehen – wieder eine Buchhandlung ihres Vertrauens suchen und dort Stammkund_innen sein.

AVIVA-Tipp: Der Buchladen Bayerischer Platz ist auch heute ein Ort für ganz besondere Bücher. Das Sortiment umfasst zwar ein großes belletristisches Angebot, doch ist es keine reine Literatur-Buchhandlung. Ein breites Spektrum an Kinder- und Jugendbuch, Ratgeber- und Reiseliteratur findet sich konzentriert bei Frau Fritsch-Weith: "Ich kaufe so ein, dass kein Kunde, der reinkommt, ohne Buch wieder rausgehen muss." Die Herausgeberinnenschaft dieser wechselvollen Buchhandelschronik ist das neueste Projekt von Christiane Fritsch-Weith. In dieser sehr gelungenen Anthologie beschreibt Christiane Fritsch-Weith, wie sie sich vor zehn Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Peter auf den Spuren von Benedict Lachmann begab. Akribisch arbeiteten sie sich durch Archive, Dokumente, Briefe und Antiquariate. Der kleine Buchladen ist auch heute ein literarischer Treffpunkt, ein Buchsalon, der im Takt von Christiane Fritsch-Weith liest. Das Buch regt zum Kennenlernen oder zum Besuch einer der vielfältigen Veranstaltungen an.

Zur Herausgeberin: Christiane Fritsch-Weith ist eine sehr engagierte Buchhändlerin. Seit 1975 führt sie die Buchhandlung Bayerischer Platz. Sie hat sich dafür engagiert, dass 2011 für Benedict Lachmann ein Stolperstein verlegt wurde.
Mehr Infos unter: buchladen-bayerischer-platz.de

Christiane Fritsch-Weith
Klein, aber voller Köstlichkeiten. Buchladen Bayerischer Platz

Mit Texten von Benedict Lachmann, Curt Riess, Paul Marcus, Horst Pillau, Eva Menasse, Monika Maron und Pascale Hughues
Transit Verlag, erschienen August 2015
Gebunden, 160 Seiten
ISBN 978-3-88747-325-9
17,80 Euro
www.transit-verlag.de


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