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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 08.10.2008

Das Fremde in mir - Kinostart 16.10.2008
Anna Opel

Die Regisseurin Emily Atef zeigt in ihrem Film den freien Fall einer Frau, die nach einer Geburt ihres Kindes nichts empfindet. AVIVA-Berlin verlost 3x2 Kinotickets



Kaum ein persönliches Ereignis ist in unserer Gesellschaft so mit ErfĂŒllungshoffnung aufgeladen, wie die Geburt eines Kindes. Aber was, wenn Erwartung und gefĂŒhlte RealitĂ€t meilenweit auseinanderliegen?
Wie eine ganz normale Frau aus heiterem Himmel an Mangel an GefĂŒhl fĂŒr ihr Kind beinahe zugrunde geht, davon erzĂ€hlt ein außergewöhnlicher Film: Das Fremde in mir.

Gleich zu Beginn spannt der Film die Skala emotionaler Gestimmtheit weit auf. Die Hauptfigur Rebecca sieht man zuerst von hinten, wie sie mit strĂ€hnigen Haaren willenlos durch einen Wald torkelt. Diese Frau ist am Ende. Dann dieselbe Person (Susanne Wolff), kaum wiederzuerkennen, hochschwanger und blĂŒhend in geradezu andĂ€chtiger Erwartung des Kindes, wie sie in ihrem Blumenladen steht. Liebevoll streichelt sie ihren Bauch, zĂ€rtlich spricht sie mit dem ungeborenen Kind.

Die Szenen im Wald sind unterbrochen von Augenblicken glĂŒcklicher Vorfreude, allein oder mit dem Kindsvater Julian (Johann von BĂŒlow) in der neu bezogenen Wohnung. Es folgt die Geburt des Kindes, der Blick auf das Neugeborene als erster Moment der Befremdung. Stillversuche, hilflose Momente allein mit dem schreienden oder schweigenden SĂ€ugling, Abwehr gegen seine Anwesenheit. Momente der Isolation in der Zweisamkeit mit dem Kind. Ein Schreckmoment, als Rebecca in der Straßenbahn realisiert, dass sie ihr Kind an der Haltestelle vergessen hat. Und die dĂŒsteren, stockenden ErklĂ€rungsversuche gegenĂŒber der Polizei, die schon herbeigerufen wurde. Rebecca spielt mit dem Gedanken, das Kind in der Badewanne einfach unterzutauchen.

Die Schauspielerin Susanne Wolff spielt ihre schwierige Rolle mit ruppiger Körperlichkeit und freudlos unbewegten Gesicht. Mit diesen Bildern wird deutlich, wie ungewohnt es ist, eine Mutter zu sehen, die ihr Kind nicht anstrahlt, ihm nicht als Prinzip des ewig verlĂ€sslichen GegenĂŒbers begegnet. HĂ€usliche Szenen sind eingewoben, in denen Rebecca, sichtlich fremd im eigenen Leben, das FlĂ€schchen von hier nach dort rĂ€umt, als wĂ€re es ein Gegenstand aus einer anderen Welt oder völlig verloren aus dem Fenster starrt und hölzern das Kind aus der Wiege nimmt. Fremd wird ihr in diesem Zustand auch Julian, der nicht begreift, was vor sich geht. Nicht mit dem Kind ist sie in dieser Situation beschĂ€ftigt, sondern mit ihrem schrecklichen Versagen als Mutter.

Einmal sieht man Rebecca am Strand mit dem Kind auf dem Arm, Julian badet, Kinder spielen und plötzlich geht sie ins Wasser, immer tiefer, bis sie vollkommen verschwunden ist.

Dass man lange nicht weiß, was genau vorgefallen ist, dass Rebecca sich niemals Ă€ußert und erklĂ€rt, unterlegt diesen ersten Teil des Films mit einer höchst beunruhigenden Grundstimmung. Erst als sich Mutter Lore (Maren Kroymann) und ihre Tochter nach Rebeccas Rettung am Krankenbett in den Armen liegen, als die Mutter verspricht, jetzt werde alles gut, löst sich etwas. Man weiß, das Kind lebt und die Geschichte kann weiter gehen.

Die ersten Schritte geht die noch Kranke nicht alleine. Der freundliche Psychologe Dr. Börner (effektvoll gegen den Typ besetzt: Herbert Fritsch) erklĂ€rt seinem erstarrten GegenĂŒber die Diagnose: postpartale Depression, die Psychotherapeutin Agnes (Dörte Lyssewski) hilft Rebecca, sich den Umgang mit dem Kind nach und nach selbst zuzutrauen. Treffen mit Vater, Mutter, Kind werden verordnet und begleitet.

Dass die Figuren Rebecca und Julian erst nach und nach verstehen, was eigentlich ist und mĂŒhsam einen Weg suchen, dass erst mit dem allmĂ€hlichen Begreifen weitere Schritte der AnnĂ€herung möglich werden, diese Ruhe in der ErzĂ€hlung macht die umwerfende GlaubwĂŒrdigkeit und IntensitĂ€t des Films aus. Seine emotionale Kraft ist der kargen Filmsprache, vor allem aber der Leistung der großartigen Schauspielerin Susanne Wolff zu verdanken: ihre umfassende Verunsicherung, das Misstrauen gegenĂŒber sich selbst, aber auch das zögernde Wiedererwachen ihrer SelbsteinschĂ€tzung, die Sehnsucht nach ihrem Kind, all diese Schritte und Stationen versieht Wolff mit wahrhaft schmerzender IntensitĂ€t – gerade durch Ă€ußerste ZurĂŒckhaltung und Differenziertheit im Spiel.

Nachdem Rebecca endlich mit Julian geredet hat, geht sie schwimmen, lange ruhige ZĂŒge nimmt sie und dieses Mal trĂ€gt das Wasser sie.

"Das Fremde in mir" greift ein Tabuthema auf und weiht sein Publikum schonungslos, aber mit bemerkenswertem Respekt und MitgefĂŒhl in dessen AbgrĂŒnde ein. Doch handelt dieser Film eben gerade nicht nur vom Spezialfall einer Krankheit, sondern darĂŒber hinaus von der oft fragilen Situation, in der Frauen, die zuvor ein selbstĂ€ndiges Leben fĂŒhrten, sich als MĂŒtter plötzlich abgeschnitten von ihrem bisherigen Leben unglĂŒcklich und deshalb schuldig fĂŒhlen.
Die Regisseurin dramatisiert nicht, sondern erzÀhlt sparsam und im besten Sinne effizient.

Auf dem Oldenburger Filmfest rĂ€umte der Film zu Recht alle Preise ab: den German Independent Award, den Publikumspreis und den Otto-Sprenger-Preis. Die Hauptdarstellerin war beim Filmfest in MĂŒnchen als Beste Darstellerin ausgezeichnet worden.

JĂ€hrlich erkranken in Deutschland ca. 80 000 Frauen an einer postportalen Depression. Wer sich ĂŒber das Thema informieren möchte, kann sich beim Verein Schatten & Licht – Krise nach der Geburt e.V. kundig machen:
www.schatten-und-licht.de

AVIVA-Tipp: Dieser wahrhaftige Film muss unbedingt sein Publikum finden. Einmal, weil er souverĂ€n und unaufdringlich erzĂ€hlt ist und die Zuschauerin niemals belehrt, sondern sich dem Thema angemessen emphatisch und durchweg intelligent annimmt, weil die Hauptdarstellerin eine Entdeckung ist und weil eine so schonungslos ehrliche und prĂ€zise Auseinandersetzung mit dem ansonsten ĂŒberideologisierten Thema Mutterschaft zur Abwechslung gut tut.

Lesen Sie auch unser Interview mit der Regisseurin Emily Atef.


AVIVA-Berlin verlost 3 x 2 Freitickets fĂŒr den Film "Das Fremde in mir". Bitte nennen Sie uns den Titel des Erstlingswerkes der Regisseurin Emily Atef und senden Sie bis zum 31.10.2008 eine eMail an folgende Adresse: gewinnspiel@aviva-berlin.de


Das Fremde in mir
Deutschland, 2008
Regie: Emily Atef
Drehbuch: Emily Atef, Esther Bernstorff
DarstellerInnen: Susanne Wolff, Johann von BĂŒlow, Herbert Fritsch, Dörte Lyssewski, Judith Engel u.a.
99 Minuten.
Start am 16.10.2008
www.dasfremdeinmir.de

Gewinnspiele Beitrag vom 08.10.2008 AVIVA-Redaktion 

   




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