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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 25.04.2014

Juden und Worte oder Schreib niemals ein Buch mit deinem Vater bevor du 50 bist. Verlosung
Vanessa Rau

Anlässlich der israelisch-deutschen Literaturtage sprach AVIVA mit Fania Oz-Salzberger über ihr gemeinsames Buch mit ihrem Vater Amos Oz,... AVIVA verlost 2 Bücher



... Israel, Frauen, und das talmudische Labyrinth des Internet.


"Juden und Worte" ist ein lebendiges Essay, in dem das "Autoren-Duo" - wie sie sich selbst liebevoll bezeichnen, bestehend aus einer Historikerin und einem Romancier, ihren LeserInnen jüdische Tradition und ihre Affinität zum Wort näher bringen wollen. Mit kraftvoller und zugleich einfühlsamer Sprache und scharfsinnigem Humor begeben sich Vater und Tochter auf eine spannende Reise durch Torah und Talmud, Halachah und Mishnah sowie durch zeitgenössische jüdische Philosophie und deren ProtagonistInnen.

Der Grund dieser Reise und ihren verschiedenen Stationen ist die Überzeugung, dass die jüdische "Nation", wie sie sagen, sich weder durch ethnische noch religiöse Zugehörigkeit auszeichnet, sondern durch ihre Tradition von Wort und Schrift, dessen zentrales Dokument die hebräische Bibel ist. "Juden und Worte" ist jedoch keinesfalls ein religiöses Manifest, sondern gleicht einem säkularen Plädoyer, das eine Huldigung der hebräischen Sprache und jüdischen (Schrift-)Tradition ist, und sich an jüdische und nicht-jüdische LeserInnen gleichermaßen richtet.

Obgleich bereits zu Beginn des Essays von zahlreichen Unstimmigkeiten zwischen Vater und Tochter erzählt wird, wirkt ihr erstes gemeinsames Werk harmonisch und ausgewogen. Doch Fania Oz-Salzberger, eine selbstbewusste, humorvolle und sehr warmherzige Frau, die gleichzeitig eine gute Portion israelische "chuzpah" verkörpert, widerspricht dieser Vermutung lachend:

"Wenn du jemals auf die Idee kommst, ein Buch mit deinem Vater zu schreiben, mach es nicht bevor du fünfzig Jahre alt bist. Danach ist es ok! Jetzt, da ich über fünfzig bin, gibt es eine gewisse Balance zwischen uns, die wir mit dem Alter erreicht haben, und die den Dialog zwischen verschiedenen Persönlichkeiten, Erfahrungen, Generationen, Geschlechtern und Berufsgruppen – er ist Schriftsteller und Literat, ich Professorin für Geschichte - einfacher macht. Tatsächlich basiert das Buch auf Unterhaltungen und Diskussionen, die uns begleiteten, seit eine von uns drei Jahre alt ist."

Doch worum streiten Vater und Tochter tatsächlich?

"Wir haben eine Menge an Nichtübereinstimmungen. Eine davon ist das Internet an sich. Oft während wir redeten und diskutierten, tippte ich auf meinem Notebook. Mein Vater hasst Computer und kann das Internet nicht leiden. Das Schlimmste für ihn sind Laptops. Er meint dass sie das Ende der Zivilisation seien. Doch ich versuche ihn davon zu überzeugen, dass das Internet keinesfalls das Ende der Zivilisation bedeutet, sondern eine Fortführung der Geschichte und Tradition des Buches ist. Jüdisches Denken wird weitergehen - online und offline. Ich denke sogar, das Internet wurde mehr oder weniger für Juden erfunden", sagt sie und lacht. "Es ist wie ein Labyrinth aus allem. Hoch und tief, heilig und unheilig, bildet es quasi einen talmudischen Ort: wenn du nämlich die richtigen Fragen stellst, kann dir das Internet interessante Antworten liefern. Deswegen sehe ich Google als eine Art Haggadah".

Auf die Frage, ob ihr Vater dies akzeptiert oder nicht, reagiert sie mit einem resoluten "Nein! Natürlich nicht!", gefolgt von einem herzlichen Lachen. Tatsächlich aber gab es noch weitere Dissonanzen und Unterschiede zwischen Vater und Tochter, erzählt Fania Oz-Salzberger:
"Mein Vater ist mehr ein Zionist alter Schule, wohingegen ich den Dialog zwischen Israel und der israelischen Diaspora faszinierend finde, was unschwer an meinem Buch ´Israelis in Berlin´ (2001) zu erkennen ist."

Mit ihrem Buch ´Israelis in Berlin´ beschrieb die Historikerin ein Phänomen, das sich als absolute Zukunftsweissagung entpuppte, denn in den letzten Jahren erlebte die Zahl von Israelis in Berlin bekanntermaßen einen signifikanten Aufwind. "Ich finde es wichtig, dass junge Menschen ihren eigenen Weg außerhalb Israels gehen können und trotzdem weiterhin ihre jüdische und israelische Kultur behalten. Hier unterscheide ich mich stark von meinem Vater, was durch den Generationsunterschied zwischen uns zustande kommt."

Und noch einen weiteren, für AVIVA-Berlin interessanten Aspekt, unterstreicht sie:

"Frauen" erzählt Fania schmunzelnd. "Das Buch ist voll von starken Frauen, und das meiste davon kommt von mir. Nicht, dass mein Vater kein Interesse an diesem Thema hätte, nein. Aber für mich war es eine besondere Herausforderung, die Stimmen starker Frauen von der Zeit der Bibel bis heute darzustellen. Also widmeten wir den Frauen ein eigenes Kapitel. Doch tatsächlich weigerten sie sich in diesem einen Kapitel zu bleiben und breiteten sich in alle Richtungen aus und kletterten aus Kapitel Zwei ("Frauen mit Stimme") in alle anderen Teile und Kapitel des Buches. So kam es, dass das Essay nun voll von starken, wichtigen jüdischen Frauen ist, denn sie erlaubten uns nicht, sie in einem Kapitel ruhig zu stellen."

Viele dieser Frauenfiguren sind stark, unnachgiebig und furchteinflößend, mit denen Fania Oz-Salzberger wenig gemeinsam hat, sagt sie. "Frauen wie Königin Attalia, Dvora oder auch Yael würde ich nicht zu nahe kommen wollen! Identifizieren kann ich mich allerdings mit Figuren wie Chanah. Sie tat alles um ein Kind zu bekommen und als sie es schließlich bekam, überließ sie es Eli, dem Priester, damit er es unterrichtete. Für mich stellt sie die erste richtige jüdische Mutter dar, für die das Wichtigste auf der Welt ihr Kind ist. Das Zweitwichtigste aber, ist die Bildung und Erziehung des Kindes. Und das ist – kurz gesagt - das größte jüdische Geheimnis, nämlich die Sequenz: Eltern - Kinder - Bücher..."

Tatsächlich aber verbirgt sich hinter diesen humorvollen literarischen Darstellungen der Frauenfiguren und ihren Stimmen auch eine klare politische Botschaft, die eine direkte Antwort auf aktuelle Bestrebungen und Forderungen der Ultra-Orthodoxen in Israel bildet. Wenngleich subtil und verdeckt, heben die AutorInnen die "Missinterpretation" der Ultra-Orthodoxen bezüglich der Rolle der Frau hervor, die, unter anderem, für die weitgehende Abwesenheit von Frauen im öffentlichen Raum plädiert.

"Der Vers in der Bibel der besagt, dass Frauen im Haus bleiben müssen, ist auch bei Maimonides eine Missdeutung der biblischen Schrift. Tatsächlich gibt es unzählige Beispiele und Geschichten, in denen Frauen aus dem Zelt oder Haus kamen und Situationen und Gegebenheiten durch ihre Taten beeinflussten. Sie erhoben ihre Stimmen, tanzten und sangen und veränderten aktiv den Verlauf der biblischen Geschichten."

Das mag, trotz der subtilen Sprache, für VertreterInnen des Ultra-Orthodoxen Judentums harter Tobak sein.
"Wir wollen definitiv einen Gegenstandpunkt zu den Hauptvertretern der Ultra-Orthodoxen darstellen, die das Judentum für sich beanspruchen wollen und Menschen wie meinen Vater und mich nur als gottlose Betrüger bezeichnen."

Gleichzeitig warten sie und ihr Vater, die sich beide als AtheistInnen bezeichnen, aber auch auf eine konstruktive Kritik und "talmudisch-argumentative" Debatte von Seiten intellektueller Ultra-Orthodoxer. Bis jetzt, vier Wochen nach Erscheinen des Buches in hebräischer Sprache, liegt solch eine Kritik noch nicht vor, erzählt sie: "Wir glauben nicht an Gott und folgen keinen religiösen Gesetzen (mitzvot), aber wir zelebrieren die tiefe und reichhaltige Geschichte des Judentums und spielen mit ihr - nicht nur als intellektuelle Beschäftigung, sondern auch, um bestimmte politische Argumente zu verdeutlichen. Viele sagen, wir seien zu ungebunden und unabhängig gegenüber dem Judentum und der jüdischen Tradition, oder verstehen es nicht. Aber das ist kein gutes Argument".

Neben kritischen Stimmen aus Israel hofft die in Oxford promovierte Historikerin auch auf Resonanz außerhalb Israels. Eine für sie bedeutende, nicht-jüdische Kritik formulierte der Philosoph Jürgen Habermas, der gerade den Gebrauch religiöser Sprache in einer säkularen Moderne, lobte: "Anstatt religiöse Texte fallen zu lassen oder gar zu verschmähen, sollten wir in ihnen forschen und in ihnen das Gute und Schöne zu finden. ´Juden und Worte´ beschreibt ein kleines Paradies, das über Politik hinausgeht und einen Garten des Spiel und Spaß eröffnet," schreibt Habermas im "Independent" nach Erscheinen des Buches in englischer Sprache, 2012.

Neben Spiel und Spaß kommt noch ein weiteres politisches Argument zum Tragen, das auf das andere eher "linke" Ende des politischen Spektrums israelischer Politik, und die Ansichten Shlomo Sands Bezug nimmt. Der Tel Aviver Historiker und einstiger Lehrer Oz-Salzbergers, sieht die Tradition des Judentums ausschließlich in der Religion begründet und widerspricht damit der Idee der jüdischen "Nation" und seiner Zugehörigkeit an ein bestimmtes Territorium. Diese Idee, so Sand, sei erst durch die zionistische Bewegung entstanden.

"Wir widersprechen dem und sagen, dass es eine jüdische Nation gab. Diese Nation unterschied und unterscheidet sich von anderen Nationen in ihrer Eigenschaft als eine Nation des Textes, nicht etwa der ethnischen oder politischen Uniformität. Die Frage ist also nicht, ob wir biologisch mit diesem Volk verbunden sind, sondern ob wir durch Wort und Schrift verbunden sind, und unsere Antwort darauf ist: ja, das sind wir! Die Art und Weise wie wir israelische Identität definieren, basiert auf Textualität. Diese Art von Tradition bedeutet auch nicht, dass wir das Land für uns alleine haben müssen, nein. Es kann bedeuten, dass wir das Land mit unseren Nachbarn teilen, sowie die Menschen in der Bibel das Land schon immer geteilt haben."

Nach vier mitreißenden Kapiteln – "Jüdische Kontinuität", "Frauen mit Stimmen", "Zeit und Zeitlosigkeit" und "Jeder Mensch hat einen Namen, oder: brauchen Juden das Judentum" - schließt der Essay mit einem Epilog und darin enthaltenen Auszügen aus einer Rede Amos Oz von 1982, die sich an die SiedlerInnen von Ofra richtete und "an Aktualität nicht verloren hat", wie Fania nachdenklich sagt. Die Rede handelt von Übernahme und Aufgabe von Traditionen, von Kontinuitäten und Brüchen, denen sich die israelische Realität und deren BewohnerInnen stellen müssen.

Was sich teilweise wie eine Hommage oder Liebeserklärung an die jüdische Tradition liest, soll keine Lösung für Debatten über jüdische Identität und die Frage nach ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit darstellen, sagt Fania Oz-Salzberger. In Momenten, die scheinbar Anlass zu Befürchtungen von essentialistischen, einseitigen, stereotypisierenden Darstellungen geben, überzeugt das AutorInnen-Duo gezielt durch reflektierte Gegendarstellungen, die keinen Zweifel an ihrem Bewusstsein politischer und sozialer Realitäten in Israel zulassen. Dieses Bewusstsein und die kritische Reflexion stellt ihre Begeisterung für die Schönheit der hebräischen Sprache und ihre Faszination für alte Schriften jedoch keinesfalls in Abrede, im Gegenteil:

"Das Buch möchte keine Lösungen für alte Probleme und Debatten liefern. Aber die alten Schriften und Texte können uns hilfreiche Ideen für unsere Zeit bieten: über soziale Gerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus, Geschlechterrollen und lebendige Debatten und Diskussionen und der jüdischen Tradition des Widersprechens und des Sich-uneins-seins. Ein universelles Problem ist, dass die meisten jungen Menschen von Informationen durch Internet und social media umgeben sind und über wenig Wissen und Kenntnisse alter Texte verfügen [...] Das Buch bietet eine neue Art und Weise mit alten Fragen umzugehen und möchte Schönheit und Spaß an jüdischer Tradition und Schrift vermitteln. So können wir Zukunft kreativ gestalten."

Und so bieten Literat und Historikerin auf 240 Seiten einen spannenden und unterhaltsamen Ausflug in jüdische Geschichte und Literatur, der nicht nur informativ und amüsant ist, sondern durch seine persönliche Note auch kritisch und reflektiert und damit Lust auf alte und neue Schriften und jüdische Literatur macht.

Wir danken Fania Oz-Salzberger für das Gespräch!




Juden und Worte
Fania Oz-Salzberger und Amos Oz

Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, erschienen 2013
Leinen, 285 Seiten
ISBN: 978-3-633-54268-0
21,95 Euro
Weitere Informationen unter: www.suhrkamp.de


AVIVA-Berlin verlost 2 Bücher. Bitte senden Sie uns den AVIVA-Tipp aus unserer Rezension zu Amos Oz - Unter Freunden mit Angabe Ihrer Postadresse bis zum 10.06.2014 per Email an folgende Adresse: info@aviva-berlin.de


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Amos Oz - Unter Freunden

Interview with Lizzie Doron



Übersetzung aus dem Englischen und Copyright Foto und Text: Vanessa Rau


Gewinnspiele Beitrag vom 25.04.2014 AVIVA-Redaktion 

   




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