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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 26.04.2014

Gabrielle - (K)eine ganz normale Liebe. Ein Film von Louise Archambault. Kinostart: 24. April 2014. Verlosung
Julia Lorenz

Gabrielle und Martin, beide jung, musikverrückt und lebensfroh, verlieben sich. Klingt nach dem Beginn einer konventionellen Romanze. ... AVIVA verlost 5x2 Freikarten



... Ist es aber nicht, denn beiden fehlt ein Stück Chromosom zur "Normalität". Aber darf wirklich nur lieben, wer der Norm entspricht?


"Geschlecht: behindert. Besonderes Merkmal: Frau" lautet der provokante Titel eines 1985 erschienenen Sammelbandes. Die Herausgeberinnen wiesen damit auf einen unbequemen Missstand hin: Menschen mit Behinderung werden vorrangig als "behindert", nicht als "Menschen" gelesen. Erst recht nicht als sexuell aktive Menschen. Während die Debatte um geschlechtsneutrale Unisex-Toiletten heteronormative "SittenwächterInnen" regelmäßig zu Moralverfalls-Tiraden inspiriert, wird Menschen mit Behinderung die Entscheidung über die eigene Kategorisierung abgenommen: Die Symbole auf barrierefreien Toiletten sind meist weder eindeutig als Mann noch als Frau zu identifizieren. Ist das nun die ersehnte Überwindung der Geschlechterkategorien? Nicht wirklich. Was aus Sicht der queer theory nach einem Durchbruch klingt, ist in diesem Fall lediglich Ausdruck der allgemeinen Annahme, Menschen mit Behinderung hätten keine sexuelle Identität.

Unerhörte Bedürfnisse

Dass jedoch auch all jene, die nicht dem Standard des nach konventionellen Maßstäben "gesunden", Menschen ohne Behinderung entsprechen, das Bedürfnis nach körperlicher und romantischer Liebe verspüren, scheint nach wie vor ein Tabuthema zu sein, im wahrsten Sinne des Wortes unerhört. Dennoch - oder gerade deswegen - haben sich FilmemacherInnen dem Thema in den letzten Jahren angenommen. So erzählt Álvaro Pastors und Antonio Naharros Film "Yo, también - Me too" aus dem Jahr 2009 die Geschichte eines jungen Mannes mit Trisomie 21, der sich in seine nichtbehinderte Arbeitskollegin verliebt - und wirft dabei die Frage auf, ob eine derartige Liebe ohne Machtausübung überhaupt möglich sein kann. Schauspielerin Lola Dueñas, die weibliche Hauptdarstellerin des Films, bezweifelte dies im AVIVA-Interview: "Ich denke, dass im wahren Leben eine echte Liebesbeziehung zwischen einem Downjungen und einem Nicht-Downmädchen unmöglich wäre, weil es sich um eine Beziehung handeln würde, die durch Missbrauch geprägt ist", so Dueñas. Ob mensch dieser Einschätzung folgen muss, lässt "Yo, también" jedoch offen.

Louise Archambaults "Gabrielle" befindet sich in einer anderen Ausgangsposition: Die junge Frau (Gabrielle Marion-Rivard) hat das Williams-Beuren-Syndrom, eine genetisch bedingte Besonderheit, die verhindert, dass Gabrielle ihr Leben selbständig bestreiten kann. Deshalb lebt sie gemeinsam mit anderen Menschen mit Behinderung in einer Einrichtung des betreuten Wohnens. Gabrielle hat eine außerordentliche musikalische Begabung, ist der heimliche Star in ihrem Therapiegruppen-Chor "Les Muses" und widerlegt mit ihrer offenen, herzlichen Art das Klischee des bedauernswerten "Pflegefalls". Martin (Alexandre Landry), ebenfalls begeisterter Chorsänger, ebenfalls mit dem Williams-Beuren-Syndrom geboren, ist in Gabrielle verliebt - und sie in ihn. Doch das soziale Umfeld des jungen Paars in spe reagiert befremdet bis ablehnend auf ihre zaghaften Annäherungsversuche, allen voran Martins Mutter (Marie Gignac). Allein Gabrielles Schwester Sophie (Mélissa Désormeaux-Poulin) kann nicht verstehen, warum zwei Erwachsenen, die sich zueinander hingezogen fühlen, kein Verhältnis zugestanden wird.

Wo endet Verantwortung, wo beginnt Machtausübung?

Der moralische Konflikt, den Gabrielles und Martins Mitmenschen austragen, offenbart sich im Filmverlauf als weitaus komplexer als auf den ersten Blick angenommen: Schließlich geht mit dem Beginn einer Liebesbeziehung mehr Privat- bzw. Intimsphäre einher. Wo sollte die Verantwortlichkeit von Familie und Aufsichtspersonen für die Handlungen geistig behinderter Menschen enden, wo deren Autonomie beginnen - und umgekehrt? Muss Gabrielles Wunsch nach mehr Selbstbestimmung nachgegangen werden - oder kann sie die Herausforderungen, die damit einhergehen, schlichtweg nicht richtig einschätzen? Nicht allein verklemmtes Schubladendenken, sondern auch das Bewusstsein über die besonderen Bedürfnisse zweier Menschen, die in vielen Bereichen schutzbedürftiger als andere sind, beeinflusst die allgemeine Ablehnung der Romanze.

Regisseurin Archambault stilisiert ihre ProtagonistInnen nicht zu tragischen AntiheldInnen, die ohne Einwirkung ihrer Umwelt problemlos ein glückliches Leben führen könnten, nimmt sie vielmehr ernst und gibt ihre romantischen Ambitionen nie der Lächerlichkeit preis. Gleichzeitig kritisiert sie die Macht, die über die Sexualität Menschen mit Behinderung ausgeübt wird. So will Martins Mutter in Sorge um eine potentielle Schwangerschaft unverblümt von Sophie wissen, ob Gabrielle eigentlich "operiert" sei - schließlich sei das ganz normal. Als Sophie daraufhin wütend fragt, ob Martin denn eine Vasektomie erhalten habe, verlässt seine Mutter gekränkt das Gespräch. Der Gedanke, dass eine solche "Operation" gegen den Willen der Betroffenen eine Menschenrechtsverletzung ist, scheint in vielen Köpfen noch nicht angekommen zu sein. Bis zur Verabschiedung des Betreuungsgesetzes im Jahr 1992 war die Zwangssterilisation geistig behinderter Mädchen und Frauen auch in Deutschland zulässig.

Schauspielerische Grenzgänge

Hauptdarstellerin Gabrielle Marion-Rivard wurde tatsächlich mit dem Williams-Beuren-Syndrom geboren. Warum ihr mit Alexandre Landry ein nichtbehinderter Partner zur Seite gestellt wurde, begründet Louise Archambault mit der Schwierigkeit, geistig behinderten ProtagonistInnen glaubhafte Liebesszenen abzuverlangen. "Da sie gar nicht anders können, als stets wahrhaftig zu sein, fiel es ihnen äußerst schwer, in Gefühlsangelegenheiten etwas vorzutäuschen", erklärt die Regisseurin. Ein professioneller Schauspieler als Kontrapart musste also her. Ansonsten setzt Archimbault auf das Können von LaiendarstellerInnen: Die Mitglieder des Chors "Les Muses", der auch außerhalb des Films existiert, sowie Marion-Rivard geben in "Gabrielle" ihr Leinwanddebut.

Nach eigenen Angaben wollte Louise Archambault einen "intimen und sinnlichen" Film drehen, ohne - besonders in den erotischen Sequenzen - den Respekt für die Bedürfnisse und Grenzen ihrer Protagonistin zu verlieren. Der Spagat ist ihr gelungen: "Gabrielle - (K)eine ganz normale Liebe" berührt, in manchen Momenten auch unangenehm, weil der/die ZuschauerIn gezwungen ist, sich mit den eigenen Vorbehalten und Erwartungshaltungen auseinanderzusetzen. Einem Paar wie Martin und Gabrielle beim Kampf um ihr Beisammensein folgen zu dürfen, ist so ungewöhnlich wie bewegend - und macht die üblichen filmischen Tränendrücker-Kunstgriffe überflüssig: Hochemotionale Gesangsszenen und die obligatorisch bildgewaltige Abschlusssequenz hätte der Film wirklich nicht nötig gehabt.

AVIVA-Tipp: Deutsche Verleihe scheinen sich schwer damit zu tun, Filme über das sensible Thema Behinderung und Sexualität wertungsfrei zu vermarkten: Nachdem bereits "Me too" mit dem mehr als fragwürdigen Untertitel "Wer will schon normal sein? " in die Kinos kam, wird nun auch angekündigt, Gabrielles Romanze sei "(K)eine normale Liebe". Hat auch niemand behauptet. Erst recht nicht Regisseurin Louise Archambault, die ihre ProtagonistInnen mit viel Liebe und Achtung portraitiert - und dabei die Frage offenlässt, wer hier vermessene Ansprüche stellt: Zwei geistig behinderte Menschen, die autonom leben und vor allem lieben wollen, oder ihr Umfeld, das vor lauter Sorge in restriktives Verhalten verfällt und glaubt, ihnen das verbieten zu können.

Zur Regisseurin: Louise Archambault drehte nach ihrem Abschluss an der Concordia University in Montréal mehrere Kurzfilme, die sie auf internationalen Festivals präsentierte. Ihr Debutfilm "Familia" feierte auf dem Filmfest in Locarno Premiere und wurde auf diversen Festivals - u.a. in Göteborg, Hong Kong und Sao Paulo - gezeigt und gewann 2005 den Citytv Award für das beste kanadische Spielfilmdebut.

Gabrielle - (K)eine ganz normale Liebe
Kanada 2013
Filmlänge: 104 Minuten
Regie: Louise Archambault
DarstellerInnen: Gabrielle Marion-Rivard, Alexandre Landry, Mélissa Désormeaux-Poulin, Vincent-Guillaume Otis, Benoit Gouin, Marie Gignac u.a.
Drehbuch: Louise Archambault, Valérie Beaugrand-Champagne
Produktion: Luc Déry, Kim McCraw
Kamera: Mathieu Laverdière
Szenenbild: Emmanuel Frechette
Verleih: Alamode Film

Kinostart: 24. April 2014

Der Film im Netz: www.Gabrielle-DerFilm.de

Weitere Infos zum Williams-Beuren-Syndrom unter www.w-b-s.de


AVIVA-Berlin verlost 5x2 Freikarten. Bitte senden Sie uns den AVIVA-Tipp aus unserer Rezension zu Me too - Wer will schon normal sein? mit Angabe Ihrer Postadresse bis zum 03.05.2014 per Email an folgende Adresse: info@aviva-berlin.de


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Me too - Wer will schon normal sein? - ein Film von Álvaro Pastor und Antonio Naharro

Interview mit Lola Dueñas zum Film "Me too"

Ihr Name ist Sabine - ein Film von Sandrine Bonnaire

Weiterschauen im Netz:

"The last taboo - in bed, everyone´s able" ist eine großartige Dokumentation, die behinderte Menschen zum Thema Sexualität zu Wort kommen lässt.



Gewinnspiele Beitrag vom 26.04.2014 Julia Lorenz 

   




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