Samuel Joseph Agnon - In der Mitte ihres Lebens. Verlosung - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 26.02.2015

Samuel Joseph Agnon - In der Mitte ihres Lebens. Verlosung
Lisa Sophie Kämmer

Auf dem H√∂hepunkt seines literarischen Schaffens in Deutschland verfasste der israelische Literaturnobelpreistr√§ger Samuel J. Agnon 1921 ‚ĶAVIVA verlost 3 B√ľcher



... die Novelle "In der Mitte ihres Lebens", in der er feinf√ľhlig und mit ungeheurem Assoziationsreichtum den Konflikt zwischen religi√∂ser Tradition und s√§kularer Moderne nachzeichnet. Ein bis heute aktuelles Prosast√ľck, das nun erstmals in deutscher √úbersetzung vorliegt.

In der Mitte ihres Lebens stirbt Tirzas Mutter Lea. Nach ihrem Tod, verursacht durch eine angeborene Herzkrankheit, die sich durch Leas schmerzliche Sehnsucht nach ihrer ersten großen Liebe verschlimmert hatte, wächst das Mädchen als Halbwaise bei ihrem Vater auf. Mit diesem Schicksalsschlag beginnen die retrospektiven Aufzeichnungen von Tirza, aus deren Perspektive die nachfolgenden Jahre ihrer Kindheit und Jugend geschildert werden.

Tirza, ein aufgewecktes, intelligentes M√§dchen von etwa zehn Jahren, das √ľber eine scharfe Beobachtungsgabe verf√ľgt, gew√§hrt der Leserin in der Folge intime Einblicke in ihre Gedanken- und Gef√ľhlswelt. Diese zeichnen sich vor der Kulisse einer galizischen Provinzstadt ab, wo sie gemeinsam mit ihrem Vater lebt. Letzterer, ein durch Handel mit Getreide zu Wohlstand gelangter j√ľdischer Kaufmann, verf√§llt nach dem Tod seiner geliebten Frau in tiefe Trauer, durch die er f√ľr die Empfindungen seiner Tochter blind wird. So erkennt der trauernde Witwer nicht, wie sehr sich Tirza von ihm allein gelassen f√ľhlt und wie sehr auch sie unter dem Verlust der Mutter leidet. Dass sich seine heranreifende Tochter, mittlerweile 16 Jahre alt, in einen Mann verliebt, den sie √ľberdies heiraten m√∂chte, bemerkt er so auch nicht.

Im Gegensatz zu Tirza, die aufmerksam ihre Umgebung beobachtet und ihre Erkenntnisse in poetische Sinnzusammenh√§nge kleidet, erf√§hrt er von den Absichten seiner Tochter erst, als diese bereits verlobt ist. Ihr Vater, ein religi√∂ser und konservativer Mann, der seine Tochter in Hebr√§isch und dem Studium der Tora unterweisen l√§sst, steht der Verbindung ablehnend gegen√ľber. Auch weil es sich bei dem Erw√§hlten um keinen Unbekannten handelt, sondern um einen Mann, der den Frieden der Familie bereits in fr√ľheren Jahren gest√∂rt hat.

Tirza sieht sich in der Folge an das Schicksal ihrer Mutter erinnert, die in ihrer Jugend ebenfalls aus Liebe zu heiraten beabsichtigte, dies jedoch nicht durfte, da ihr Geliebter aus √§rmlichen Verh√§ltnissen stammte. Stattdessen ging sie die Ehe mit Tirzas Vater ein, mit dem sie in der Folge eine vertrauensvolle Beziehung verband, die sie ihre Jugendliebe jedoch nie vergessen lie√ü. Die Erinnerungen von Tirza, die mit einer √ľberraschenden Pointe enden, zeigen so ihr Bem√ľhen, sowohl der Autorit√§t des Vaters als auch den eigenen Gef√ľhlen zu folgen, ohne dabei das eigene Gl√ľck ‚Äď wie damals ihre Mutter ‚Äď aufzugeben.
Vor den Augen der Leserin entspinnt sich so eine heikle Gratwanderung, entlang der sich Tirza zwischen traditionellen Normen einerseits sowie dem Wunsch nach einer selbstbestimmten Lebensf√ľhrung andererseits bewegt. Die junge Erz√§hlerin, deren Sozialisation in einem konservativ-religi√∂sen Milieu erfolgte, √ľberrascht dabei vor allem am Ende durch kritische Reflexionen hinsichtlich ihrer Rolle als Frau. Der innere Zwiespalt jedoch bleibt. Tirza will nicht ausbrechen. Sie will ihren Vater, den sie liebt und der ihr nach dem Tod der Mutter noch geblieben ist, nicht verlieren. Sie will letztlich vor allem eines: eine gute Tochter und Ehefrau sein.

Zum Autor: Samuel Joseph Agnon gilt als einer der bedeutendsten hebr√§ischen Prosaisten des 20. Jahrhunderts, dessen Werke in zahlreiche Sprachen √ľbersetzt wurden und der zusammen mit der Schriftstellerin Nelly Sachs 1966 den Nobelpreis f√ľr Literatur erhielt. Agnon wurde 1888 in Buczacz, Galizien (heute Ukraine) geboren. Durch seine Mutter, eine belesene Frau, lernte er die deutsche Literatur kennen und sch√§tzen. Er selbst verfasste in seiner Jugend erste Gedichte und Erz√§hlungen auf Jiddisch und Hebr√§isch. Nachdem er von 1908 bis 1913 in Pal√§stina gelebt hatte, wo er sich am "zionistischen Aufbauwerk" aktiv beteiligte, ging Agnon nach Berlin. Dort fand er eine Anstellung im 1902 gegr√ľndeten J√ľdischen Verlag, in dessen Umkreis er bedeutende Intellektuelle wie Martin Buber oder Gershom Scholem kennenlernte, durch die er in der literarischen Welt der Hauptstadt Fu√ü zu fassen begann. In Bad Homburg, das damals ein internationales Zentrum j√ľdischer Kultur war und wo Agnon seit 1921 lebte, verfasste er seine ber√ľhmte Novelle "In der Mitte ihres Lebens", die bis heute fester Bestandteil im Lehrplan israelischer Schulen ist. 1924 kehrte Agnon zur√ľck nach Pal√§stina, wo er zu einem der bedeutendsten Vertreter der modernen hebr√§ischen Literatur avancierte. Zu seinen ber√ľhmtesten Werken, die oftmals mit denen Kafkas verglichen werden, geh√∂ren: "Und das Krumme wird gerade" (dt. 1918), "Nur ein Gast zur Nacht" (dt. 1964), "Eine einfache Geschichte" (dt. 1967) sowie "Der Treueschwur" (dt. 1974).
Agnon starb 1970 in der Nähe von Tel-Aviv. Sein Porträt ziert den 50-Schekel-Schein.

Zum √úbersetzer: Gerold Necker geboren 1961, Studium der Judaistik und katholischen Theologie in T√ľbingen, Bonn, K√∂ln, Berlin und Jerusalem. Seit 2002 Lehrkraft f√ľr besondere Aufgaben (Lehre und Forschung) am Seminar f√ľr Judaistik/J√ľdische Studien der Martin-Luther-Universit√§t Halle-Wittenberg. Seine Forschungsschwerpunkte bilden die J√ľdische Mystik sowie das erz√§hlerische Werk des israelischen Schriftstellers Samuel J. Agnon. Weitere √úbersetzungen im J√ľdischen Verlag von Gerold Necker: S.J. Agnon, Liebe und Trennung. Erz√§hlungen aus dem Hebr√§ischen, Frankfurt a.M. 1996 sowie S.J. Agnon, Das Buch der Taten, Frankfurt a.M. 1995.

AVIVA-Tipp: Die Novelle "In der Mitte ihres Lebens", die bis heute zu den beliebtesten Pflichtlekt√ľren an israelischen Schulen z√§hlt, besticht in erster Linie durch ihre starke assoziative Sprache. So weist die Erz√§hlung der jungen Tirza enge Bez√ľge zur alttestamentarischen Erz√§hltradition auf, indem die einzelnen Charaktere der Erz√§hlung biblischen Motiven folgen. Auf diese Weise entspinnt sich ein feingliedriges Netz verschiedener Bedeutungsebenen, die eine besondere erz√§hlerische Kraft freisetzen. Ein akribischer Anmerkungsapparat, der die Bezugnahmen des Autors auf die religi√∂sen Texte des Judentums aufschl√ľsselt, erm√∂glicht der Leserin so eine v√∂llig neue Lesart des auf den ersten Blick schn√∂rkellosen, schlichten Prosast√ľcks, dessen ausgekl√ľgeltes System nachhaltig fasziniert. Samuel J. Agnon ist so auf besondere Weise die Wiederbelebung des Hebr√§ischen als moderner Literatursprache gelungen ‚Äď ein neuhebr√§ischer Klassiker, der sich wie seine Protagonistin Tirza zwischen zwei Welten bewegt: der religi√∂sen Tradition und der s√§kularen Moderne.

Samuel Joseph Agnon
In der Mitte ihres Lebens

Originaltitel: Bidmi jameha (Schocken Publishing House Ltd., Tel-Aviv 1978)
Aus dem Hebr√§ischen √ľbersetzt, mit einem Nachwort versehen und herausgegeben von Gerold Necker
J√ľdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, erschienen am 30. Juni 2014
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 123 Seiten.
ISBN 978-3-633-54266-6
19,95 Euro
www.suhrkamp.de

Weitere Infos unter:

www.zeit.de Der Nobelpreistr√§ger Samuel J. Agnon ‚Äď Leben und Werk

www.zeit.de Der Chagall der Literatur ‚Äď Zum Tod von Samuel J. Agnon

www.leipziger-buchmesse.de Auf den Spuren des Nobelpreistr√§gers Samuel J. Agnon ‚Äď Ausstellung, Leipziger Buchmesse 12. M√§rz 2015

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Nelly Sachs - Werke, Band IV

Das Sefer Jezira und Einf√ľhrung in die lurianische Kabbala



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Gewinnspiele Beitrag vom 26.02.2015 Lisa Sophie K√§mmer 

   




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