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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 11.03.2015

Olivia Manning - Abschied von der Unschuld. Verlosung
Teresa Lunz

Jerusalem 1945. Der englische Waisenjunge Felix findet Aufnahme in die multikulturelle Hausgemeinschaft der ├Ąltlichen Exzentrikerin... AVIVA verlost 3 B├╝cher



... Miss Bohun: Eine farbenfrohe Personen- und Milieuschilderung.

Das Ende des Zweiten Weltkrieges steht kurz bevor. Nach dem Tod seiner Mutter soll der 14j├Ąhrige Felix Latimer in die Pension der Stiefschwester seines Vaters, Miss Bohun, im dem dem britischen Protektorat unterstehenden Jerusalem ziehen. Nie zuvor ist er dieser Miss Bohun begegnet: einer Menschenfreundlichkeit vorgebenden, alleinstehenden Gesch├Ąftsfrau, der das Leben H├Ąrte gegen sich selbst und andere gelehrt hat. Sie ist sparsam (tischt ihren Hausg├Ąsten Auberginen als gleichwertigen Ersatz f├╝r Sardinen auf und dosiert den Fr├╝hst├╝ckspeck auf einen Streifen pro Kopf), aber prinzipientreu (auf dem Schwarzmarkt kauft sie niemals, au├čer Eier!). Von den Angestellten erwartet sie st├Ąndige Einsatzbereitschaft, und ebenso pausenlos ist sie selbst unterwegs: als Englischlehrerin, als feilschende Gesch├Ąftsfrau und geistliche F├╝hrerin einer eigenartigen christlichen Gemeinschaft, die sich die "Allzeitbereiten" nennt und die anstehende R├╝ckkunft des Herrn voraussagt. So verk├Ârpert sie eine ganz eigene, in der am Rande des Umbruchs stehenden Welt untergehende "Moral", mit der Felix sich anfangs tapfer zu arrangieren versucht.

Eher bizarr scheinen auch die weiteren Hausg├Ąste: Frau Leszno, die ewig murrende K├Âchin, ist eingewanderte Polin und stand in ihrem Heimatland Ger├╝chten zufolge in Verbindung mit einem Grafengeschlecht. Ihr Sohn Nikky, in der Pubert├Ąt stecken geblieben und ewig in der K├╝che herumlungernd, bet├Ątigt sich als Freizeitphilosoph und tr├Ąumt von einem Stipendium in England. Der etwa 60 j├Ąhrige Mr. Jewel, ehemals Mitglied der britischen Handelsmarine, ist trotz st├Ąndig knappen Budgets aus pers├Ânlicher Neigung in Jerusalem geblieben. Als Felix dessen k├╝nstlerischen Arbeiten entdeckt, fragt er sich, ob ein verkannter K├╝nstler in dem wortkargen alten Kauz steckt. Zu Miss Bohuns Missbilligung trifft Jewel ÔÇô mitunter sogar in der Pension ÔÇô die emigrierte Wienerin Frau Walter, die offiziell als K├Âchin arbeitet und in ihrer Freizeit einen zweifelhaften Lebenswandel von einem Hotelzimmer aus pflegt. Des Weiteren geh├Âren der G├Ąrtner Osman, das Dienstm├Ądchen Maria und der Hauslehrer Mr. Posthorn zu Miss Bohuns Haushalt. Der unter seiner Einsamkeit leidende Felix sucht nach seinem Platz in diesem verschwiegenen Mikrokosmos und baut doch zun├Ąchst wirkliche N├Ąhe nur zur Hauskatze Faro auf, der einzigen, die auf seine Versuche Freundschaft zu schlie├čen reagiert.

Wie wird sich der Einzug der jungen, h├╝bschen Kriegswitwe Mrs. Ellis mit der immer griffbereiten Zigarette und dem scharfen Mundwerk auf die Mietergemeinschaft auswirken? Und bis zuletzt bleibt die Frage offen, ob es sich bei der energischen Miss Bohun nun um eine stille Heldin oder doch Anti-Heldin handelt. Die Autorin versteht es, deren Geiz und an Fanatismus grenzende Religiosit├Ąt der L├Ącherlichkeit preiszugeben und ihr ein paar Seiten sp├Ąter neuerlich Respekt vor den Leser_innen zu verschaffen. Felix┬┤ Meinung von seiner Gastgeberin (der laut Herausgeber "grandiosesten alten Jungfer der Literatur") schwankt ebenfalls betr├Ąchtlich.

Glaubw├╝rdig und sensibel beleuchtet Olivia Manning die Selbstfindung eines zu Beginn des Buches unreifen und desorientierten Jungen, der zu fr├╝h des famili├Ąren Zusammenhalts beraubt wurde. Der keine Wertungsma├čst├Ąbe kennt, als die, die ihm seine ebenso weltfremde und naive wie anmutige Mutter vermittelt hat. Gleichzeitig bewahrt die Autorin einen treffenden Blick f├╝r tragikomische Momente und seltsame Launen und Ambitionen ihrer Protagonist_innen, was verhindert, dass die Geschichte in R├╝hrseligkeit abdriftet. Letztendlich vollzieht sich Felix┬┤ "Abschied von der Unschuld" ÔÇô in Mrs. Ellis┬┤ Gesellschaft lernt er Nachtlokale und gescheiterte Existenzen kennen, in den Stra├čen Jerusalems bittere Armut. Er erlebt, wie seine Anh├Ąnglichkeit zur├╝ckgewiesen wird und wie schwer es ist, eine seines Vertrauens werte Person zu finden. Und schlie├člich begreift er, dass ihm kein Dritter Orientierung geben kann, sondern nur das eigene Urteil. Und wie er seine Zukunft tats├Ąchlich gestalten m├Âchte.

Der Roman, erstmals 1951 unter dem Titel "School for Love" erschienen, kommt ohne sensationelle Wendungen in der Handlung aus. Er gl├Ąnzt durch seine dichte Atmosph├Ąre, die Glaubw├╝rdigkeit der Figuren, zu gleichen Teilen vorhandenen Tiefgang und Witz in den Dialogen, die ihn zur wertvollen Rarit├Ąt f├╝r alle Leser_innen machen, die nicht blo├če kriminalistische Spannung von einem Buch erwarten.

Zur Autorin: Olivia Manning (1908 bis 1980) wurde in Portsmouth (England) geboren und verbrachte ihre Kindheit in Nordirland. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Malerin an der Portsmouth School of Art, fand in ihrer Wahlheimat London aber schon bald zu ihrer eigentlichen Berufung: Dem Schreiben. Die Jahre des Zweiten Weltkriegs verbrachte sie mit ihrem Ehemann als Emigrantin teils in Griechenland, teils in Jerusalem. "Abschied von der Unschuld" war ihre erste Publikation und sofort ein durchschlagender Publikumserfolg. Ihr bekanntestes Werk ist der 1960 publizierte Roman "Im Fluss der Zeit", auch dieses ├╝ber das Schicksal der britischen Kolonien und Protektorate. Teile davon wurden unter dem Titel "Auf Wiedersehen in Kairo" verfilmt. 1976 wurde Olivia Manning `Commander of the Order of the British Empire`(Quelle: Verlagsinformation)

AVIVA-Tipp: Der "Abschied von der Unschuld", der schwierige Eintritt in die Welt der Erwachsenen, wird in diesem Roman ebenso ber├╝hrend wie unterhaltsam dargeboten. Eingebettet ist Felix┬┤ Geschichte in einen spannenden historischen Kontext: Das von Arabern, Juden, Engl├Ąndern und zahlreichen weiteren der Naziherrschaft entflohenen Europ├Ąern bev├Âlkerte Pal├Ąstina zwischen Ende des Zweiten Weltkriegs und vor der Gr├╝ndung des Staates Israel im Jahr 1948. Ein Juwel der internationalen Belletristik, das die Wiederentdeckung lohnt.

Olivia Manning
Abschied von der Unschuld

Originaltitel: School for Love
├ťbersetzt aus dem Englischen von Susann Urban
Edition B├╝chergilde, Weltlese, Band 11, erschienen 2013
Gebunden mit Umschlag, 267 Seiten
ISBN 978-3-86406-027-4
Euro 22,95
www.edition-buechergilde.de


AVIVA-Berlin verlost 3 B├╝cher. Bitte senden Sie uns den AVIVA-Tipp aus unserer Rezension zu Pers├Ânliche Schriftst├╝cke und Erz├Ąhlungen der neuseel├Ąndischen Autorin Katherine Mansfield mit Angabe Ihrer Postadresse bis zum 31.05.2015 per Email an folgende Adresse: info@aviva-berlin.de






Gewinnspiele Beitrag vom 11.03.2015 Teresa Lunz 

   




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