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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 24.03.2015

Marica Bodrozic - Mein weisser Frieden. Verlosung
Kristina Tencic

Mit ihrem dritten Buch bestĂ€tigt Marica Bodrozic, dass sie eine ausgezeichnete Beobachterin ist, die sich keinem literarischem Genre.... AVIVA verlost 3 BĂŒcher



... beugen muss.

Sie nimmt uns mit auf ihre tiefgrĂŒndige Suche nach dem Verstehen des UnverstĂ€ndlichen: Der Conditio Humana, uns selbst und dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien.

"Wie viele Stunden, Tage, Wochen, Monate unserer wertvollen Lebenszeit verschwenden wir darauf Krieg zu fĂŒhren? Krieg in Gedanken. Krieg in SĂ€tzen. Krieg in Worten. Alle Kriege beginnen in Gedanken und mĂŒnden in der Syntax, im reflexartigen Kampf und ZurĂŒckschlagen ohne Punkt und Komma. Die Anordnung der Worte in unseren SĂ€tzen gibt genaue Auskunft ĂŒber die Struktur in unserem Denken. Der Charakter ist kein Zufall."

Die deutschsprachige Autorin Marica Bodrozic weiß, dass wir im Grunde genommen alle unter dem selben Himmel leben, und somit so unterschiedlich nicht sein können. Was uns unterscheidet ist unser Handeln. Damit folgt sie der Denkschule Hannah Arendts (deren Bericht von der BanalitĂ€t des Bösen Bodrozic auch in ihrer weiterfĂŒhrenden Literaturliste empfiehlt), welche die PluralitĂ€t der Menschen als notwendige Bedingung fĂŒr einen freiheitlichen politischen Austausch sieht - der aber auch mĂŒndig von jeder/m Einzelnen gefĂŒhrt werden muss.

Unter dieser PrÀmisse beschreibt Marica Bodrozic mit offenem aber auch kritischem Blick eine Gesellschaft, in der sie eine Zugehörige und Fremde zugleich ist. Als in Dalmatien geborene und mit zehn Jahren nach Deutschland emigrierte Schriftstellerin, stellt sie Fragen, die sie direkt zum schmerzhaften Kern der posttraumatischen Gesellschaft Ex-Jugoslawiens treibt. Bodrozics bewusste Nichtzugehörigkeit zu jedweder Nation ("Ich kann kein einzelnes Volk, kein einzelnes Land lieben. Völker sind Massen. Mein Land ist das Leben.") schÀrft ihre Beobachtungsgabe und spitzt die Zunge, sodass ihre Worte unnachgiebig scharf und gleichzeitig wohlwollend und verstÀndnisvoll klingen.

Die Schriftstellerin durchlebt und versteht mit all ihren Sinnen, dass die Menschen im ehemaligen Jugoslawien von dem jahrzehntelangen autokratisch gefĂŒhrten Sozialismus unter Tito gezeichnet sind. Da sich alle als Teil eines Kollektivs dachten und nicht die Frage stellten, fĂŒr wen oder was sie da eigentlich mit ihrem Leib einstehen, konnte dieser Konflikt zwangslĂ€ufig nur gewaltsam ausgetragen werden. Die IndividualitĂ€t und das eigene Leben wird vom Kollektiv wortwörtlich verschlungen. Was geblieben ist, sind emotional entmachtete Menschen, die manipuliert sind von der Sprache des Krieges und nicht gelernt haben, sich selbst und fĂŒr sich selbst zu denken, oder gar ihre eigene Geschichte zu formulieren, ohne sich dabei der Kriegspropaganda zu bedienen.

Marica Bodrozic bohrt ganz tief, um die Schichten zu Tage zu bringen, die diese Menschen geprĂ€gt haben, und um sie dann so verstĂ€ndlich wie möglich einer/m Außenstehenden erklĂ€ren zu können, fernab von vorgefertigten Antworten und Balkanmythen. Dabei erkennt sie soziokulturelle Begebenheiten, geht mit ihrem engsten Kreis hart ins Gericht, und analysiert klug das auch heute noch Unausgesprochene:

"Bei so viel Leid ist es den Menschen hier verboten, selbst zu denken, sich selbst zu befragen, sich selbst zweifelnd zu begegnen. Und mit einem Mal wundert es mich nicht mehr, dass die Bewohner dieses kleinen Bergdorfs lieber den Krieg als das Denken gewÀhlt haben."

Die innere Freude einer/s jeden Einzelnen ist erloschen und kann nicht rekonstruiert werden. Das Brandmal des Krieges ist fĂŒr immer Teil des Individuums, selbst wenn der Krieg nur als Massendynamik entstehen konnte. Die Gedanken um Ethik und das Gute hatten keinen Platz mehr, da sie nur individuell gedacht werden können, beziehungsweise kam es zu einer "Inflation des guten Gewissens" in der jede Kriegspartei das ÂŽGuteÂŽ fĂŒr sich beanspruchte - "der Feind ist böse, ich bin gut". Doch der Tod eines geliebten Menschen brennt sich wie ein Stempel in die Hinterbliebenen ein und wird sich auch in die nachkommenden Generationen einprĂ€gen - das ist das bittere Ausmaß des Krieges in Europa, wie ihn Bodrozic konstatiert.

Um ihren essayistischen ReiseerzĂ€hlungen, autobiografischen Erinnerungen, Zitaten und historischen Einordnungen die nötige stilistische Freiheit einzurĂ€umen, beschrĂ€nkt sich die Stipendiatin des GrenzgĂ€ngerprogramms der Robert-Bosch-Stiftung hier auf kein Genre. "Mein weisser Frieden" ist ein hybrides SchriftstĂŒck, das sie alle Facetten der Menschen beschreiben lĂ€sst, die ihr gleichzeitig nahe und doch so fremd (geworden) sind.

AVIVA-Tipp: Das Erinnern, die lyrische Sprache, der Tiefsinn, und das Artikulieren des Unausgesprochenen sind zu den Leitmotiven der sehr weltlĂ€ufigen Autorin Marica Bodrozic geworden, die sie hier durch die stilistische Ungebundenheit und Freigeistigkeit bekrĂ€ftigt. "Mein weisser Frieden" ist ein wichtiges Buch, hinter dem eine zeitgenössische, europĂ€ische AufklĂ€rerin steckt, die mit reportagenartiger NĂŒchternheit die Vergangenheit und ihren Nachhall auf das Heute und Morgen in der Region und darĂŒber hinaus beschreibt. Marica Bodrozic hat den Anspruch und das geistige ReisegepĂ€ck fĂŒr einen langen Marsch zum Kern der menschlichen Natur, bei dem sie am Glauben an die MĂŒndigkeit der Menschen festhĂ€lt. Und natĂŒrlich am Glauben an die Schönheit dieses Fleckchens Erde am Mittelmeer, die grĂ¶ĂŸer ist als alles, was auf ihr und in ihrem Namen begangen wurde.

Zur Autorin: Marica Bodrozic wurde 1973 in Svib, dem heutigen Kroatien, geboren. Mit zehn Jahren kam sie nach Deutschland, in den Taunus, wo ihre Eltern sich bereits vor ihr als sogenannte GastarbeiterInnen angesiedelt hatten. Diese Entwurzelung ist bis heute in ihren zahlreichen Gedichten, Romanen, ErzĂ€hlungen und Essays prĂ€sent. Ihre Literaturerfolge umfassen etwa "Tito ist tot" (2002), "Das GedĂ€chtnis der Libellen" (2010) und den Roman "Kirschholz und alte GefĂŒhle" (2012). FĂŒr ihre Werke erhielt sie diverse Preise und Stipendien, unter anderem den Literaturpreis der EU, den Förderpreis fĂŒr Literatur der Akademie der KĂŒnste in Berlin und den Kulturpreis Deutsche Sprache. Nach Studienaufenthalten in ZĂŒrich, Frankfurt am Main und Paris, lebt die freie Schriftstellerin seit ĂŒber zehn Jahren in Berlin.

Marica Bodrozic
Mein weisser Frieden

Verlag Luchterhand Literaturverlag, Oktober 2014
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 336 Seiten
ISBN: 978-3-630-87394-7
19,95 Euro
www.randomhouse.de


AVIVA-Berlin verlost 3 BĂŒcher. Bitte senden Sie uns den AVIVA-Tipp aus unserer Rezension zu Kirschholz und alte GefĂŒhle, ein Roman von Marica Bodrozic mit Angabe Ihrer Postadresse bis zum 10.06.2015 per Email an folgende Adresse: info@aviva-berlin.de


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Gewinnspiele Beitrag vom 24.03.2015 Kristina Tencic 

   




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