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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 23.03.2016

Nadja Tolokonnikowa - Anleitung zu einer Revolution. Verlosung
Dorothee Robrecht

Die Aktionsk├╝nstlerin und Frontfrau der Moskauer Frauen-Punkband Pussy Riot stellte am 14. M├Ąrz 2016 im Maxim Gorki Theater ihr Buch "Anleitung zu einer Revolution" vor. Dorothee Robrecht war f├╝r AVIVA da. AVIVA verlost 3 B├╝cher



Nadja Tolokonnikowa ist eine sehr sch├Âne Frau, eine Frau mit vielen Gesichtern. Auf Verlagsfotos wirkt sie damenhaft, heute allerdings kommt sie als Punk: schwarz geschminkte Lippen zu Leggins mit Totenkopf-Print und schicken Sneakers. Die B├╝hne betritt sie wie eine, die wei├č, dass sie verehrt wird - nicht nur f├╝r ihre Sch├Ânheit, sondern auch f├╝r ihren Mut. Sie hat das System Putin kritisiert und zwei Jahre lang daf├╝r gesessen, in einem Frauengef├Ąngnis in der russischen Provinz. Seit 2014 ist sie wieder frei, und sie ist viel unterwegs. Gerade erst war sie in Los Angeles, um neue Musik zu produzieren, und jetzt ist sie in Berlin, um ihr Buch vorzustellen.

"Anleitung zu einer Revolution" hei├čt es, und es ist eine Mischung aus politischem Manifest und Autobiographie: kein Flie├čtext, sondern eine Aneinanderreihung kurzer Szenen, dazwischen Aufrufe wie "Lebe so, dass dein Leben ein Film sein k├Ânnte", "Tue das Unm├Âgliche" oder "Mach Wasser zu Wein. Sei ein Superheld". Gr├Â├čenwahnsinnig kl├Ąnge das, w├Ąre da nicht die tats├Ąchlich heroische Biographie der Autorin:
1989 in Sibirien geboren, wird Tolokonnikowa mit 10 zur Feministin. Mit 16 geht sie nach Moskau, um Philosophie zu studieren, und mit 21 fordert sie Putin heraus: in einer spektakul├Ąren Aktion, die weltweites Aufsehen erregt und ihr Fans einbringt wie Madonna oder Hillary Clinton. Mit 22 sitzt im Gef├Ąngnis, und so menschenverachtend die Umst├Ąnde dort auch sind ÔÇô besonders beeindruckt zeigt Tolokonnikowa sich nicht. Ihr Buch beschreibt diese Strafkolonie f├╝r Frauen, als w├Ąre es die russische Version von "Orange is the new Black":
"Die Sorokina pisst, als h├Ątte sie einen Schwanz", raunen die N├Ąherinnen der mordwinischen Strafkolonie einander bei der Arbeit zu.
Ich wusste von Sorokina nur, dass sie sich durch die halbe Kolonie gefickt hat. In mir ruft so etwas eine Flut ├╝bermenschlicher Z├Ąrtlichkeit hervor.

Und weiter:
"Lena sitzt in der Kantine allein am Tisch. Sie isst nicht. Alle im Lager kennen sie, viele lieben sie, und viele beneiden sie. Sch├Ân. Vollbusig. Sie hat ordentlich gesessen, schon an die sieben Jahre. ÔÇŽ ┬┤Wei├čt du, weswegen sie sitzt?┬┤, fragt man mich ├╝ber Lena, als sie nicht dabei ist. ┬┤Weswegen denn?┬┤ ┬┤Sie hat w├Ąhrend ihres Orgasmus ihren Mann erstochen.┬┤ ┬┤Sch├Ân." Lena entt├Ąuscht mich nie. Solche Sachen. Solche Freunde. Solche Verbrechen."

Tolokonnikowa spricht kein Deutsch, deshalb ist der Abend im Maxim Gorki Theater so arrangiert, dass die Schauspielerin Cynthia Micas Ausz├╝ge aus ihrem Buch liest und sie dann befragt wird von einem Landsmann, dem russischen Philosophen Mikhail Ryklin. Das Gespr├Ąch misslingt v├Âllig, obwohl Ryklin von den Voraussetzungen her das perfekte Gegen├╝ber ist: Auch er ist Putin-Gegner, und mehr noch: Er war mit einer K├╝nstlerin verheiratet, die ├Ąhnliches erlebte wie Tolokonnikowa, mit Anna Altschuk. Auch Altschuk nutzte Kunst f├╝r Protest, auch ihr wurde in Russland der Prozess gemacht. Aber: Ryklin ist Jahrgang 1948, und Tolokonnikowa, die fast 40 Jahre J├╝ngere, l├Ąsst ihn gnadenlos sp├╝ren, dass er alt ist.

Als Ryklin versucht, ihr Wirken einzureihen in die heldenhafte Geschichte russischen Widerstands gegen Stalin, gegen Putin, lauscht Tolokonnikowa mit geduldigem Desinteresse, um dann einen wirklich widerst├Ąndigen K├╝nstler zu loben - einen, der sich vor kurzem erst seine Hoden festgenagelt hatte auf dem Roten Platz. Die Frage, warum sie dieses Buch geschrieben habe, ob sie aufrufen wolle zu zivilem Ungehorsam, kontert sie fast lasziv-kokett mit dem Seufzer, sie vergesse immer alles so leicht, sie habe das vor allem f├╝r sich geschrieben, einfach, um Sachen behalten zu k├Ânnen. Tolokonnikowa l├Ąsst Ryklin auflaufen, immer wieder, und w├Ąhrend sie das tut, legt sie ihre F├╝├če auf den kleinen Mikrotisch vor ihrem Sessel, ganz entspannt.

Eine faszinierende Inszenierung von Selbstliebe, die an diesem Abend fast brutal wirkt in ihrer Unbek├╝mmertheit. Und doch ist auch sie ein letztlich politischer Akt, geh├Ârt Selbstliebe doch zu den Dingen, die Frauen in patriarchalen Kontexten eher abtrainiert werden. Tolokonnikowa, so ist zu vermuten, liebt sich, sie inszeniert es nicht nur. Und das allein schon hat etwas sehr erfrischendes - nicht nur, aber auch, weil Tolokonnikowa Russin ist, B├╝rgerin eines Landes, das sexistisch ist bis auf die Knochen. Tolokonnikowa bek├Ąmpft Sexismus mit Witz und Spa├č, und wie ernst es ihr damit ist, hat sie bewiesen. Girls just wanna have fun, diese Maxime gibt es ja auch hier, aber sich selbst im Gulag noch zu am├╝sieren, das kann wohl nur die Tolokonnikowa.

AVIVA-Tipp: Lesenswert weniger als politisches Manifest, denn als Selbstdarstellung einer mutigen und verdammt coolen Frau.

Zur Autorin: Nadja Tolokonnikowa (geboren 1989) wuchs in Norilsk auf, einem der am schlimmsten umweltbelasteten Orte der Welt. Mit sechzehn Jahren begann sie ihr Philosophiestudium in Moskau, wo sie sich der k├╝nstlerischen Avantgardeszene anschloss und die Bewegung Pussy Riot mitbegr├╝ndete. Nach dem "Punk-Gebet", mit dem Pussy Riot die enge Verflechtung von Kirche und Staat in Russland kritisierten, wurde sie 2012 zu zwei Jahren Haft im Straflager verurteilt. Seit ihrer Freilassung engagiert sich die Politaktivistin f├╝r menschlichere Bedingungen im russischen Strafvollzug. Nadeschda lebt mit ihrem Mann und ihrer siebenj├Ąhrigen Tochter in Moskau.
(Verlagsinformation)

Nadja Tolokonnikowa
Anleitung f├╝r eine Revolution

├ťbersetzt von Friederike Meltendorf und Jennie Seitz
Flexibler Einband, 224 Seiten
Hanser Berlin, erschienen 22.2.2016
ISBN 978-3-446-24774-1
17,90 Euro
www.hanser-literaturverlage.de

Weitere Infos unter:

Twitter account von Nadja Tolokonnikowa, mit Ausschnitten von der Lesung


AVIVA-Berlin verlost 3 B├╝cher. Bitte senden Sie uns den AVIVA-Tipp aus unserer Rezension zu Swetlana Alexijewitsch - Secondhand-Zeit. Leben auf den Tr├╝mmern des Sozialismus mit Angabe Ihrer Postadresse bis zum 30.05.2016 per Email an folgende Adresse: info@aviva-berlin.de


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Gewinnspiele Beitrag vom 23.03.2016 AVIVA-Redaktion 

   




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