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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 29.04.2016

Juli Zeh – Unterleuten. Verlosung
Helga Egetenmeier

In einem brandenburgischen Dorf mit dem vielversprechenden Namen Unterleuten lässt Juli Zeh, selbst ins Berliner Umland gezogen, ihren neuesten Roman spielen. Ein Konglomerat aus Einheimischen...AVIVA verlost 2 Bücher



...und Zugezogenen, Wessis, die das kleine Paradies suchen und dort geborene Ossis, finden durch einen umstrittenen Windpark als Katalysator zueinander.

Dabei werden alte Feindschaften aufpoliert, angesparte Gefälligkeiten eingefordert und die Neuen versuchen sich gewinnbringend dazwischen zu positionieren. Im typisch trockenen Juli-Zeh-Stil ist ihr damit als eine in Westdeutschland geborene Frau, ein spannender Nachwenderoman gelungen.

Sie wollte schon immer einen Gesellschaftsroman schreiben, sagt Juli Zeh zu ihrem neuesten Projekt, denn dies stelle für sie die "literarische Königsdisziplin" dar, die "Zeitgeist und die Befindlichkeiten einer ganzen Epoche" in sich vereint. In einem heißen Sommer im heutigen Brandenburg spielend, verbindet sie dafür die Menschen ihres Spielorts Unterleuten, deren Ost-West-Unterschiede durch die ineinander wachsenden Generationen langsam verschwimmen. Stabilere Identitätsmodelle gibt die Autorin durch Geschlechterzuordnungen, Stadt-Land-Unterschieden und ökonomischen Interessen, mit denen sie ihre Epochenzeichnung klischeehaft unterfüttert.

Anders als Regina Scheer, die sich für ihre mecklenburgische Dorfgemeinschaft "Machandel" ein Jahrhundert Zeit nimmt, beschränkt Juli Zeh ihren Nachwenderoman auf das Jetzt eines kurzen Sommers. Die historischen Dimensionen gesellschaftlicher Veränderungen reflektieren ihre Figuren als Erinnerungen, was dem Politischen eine auffallend private Note gibt. Doch die Dorfstrukturen nutzen beide Autorinnen ähnlich, ihre Einheimischen pflegen lange gewachsenen Freund- und Feindschaften und die Hinzugezogenen wundern sich und gehen eigenen Pläne nach.

Mit dem Dorf als überschaubarem Lebensraum scheint Juli Zeh ihr optimales Setting gefunden zu haben. Wie auch in früheren Romanen "Nullzeit", "Corpus Delicti" oder "Spieltrieb", lässt sie ihre Figuren auf einem begrenzten Raum aufeinanderprallen. So verhandelt sie die große Welt im Kleinen und, wie auf einer Bühne, dramaturgisch eng und ausweglos. Dazu kreiert sie deutlich abgrenzbare Figuren, die außer ihrer Einsamkeit selten einen gemeinsamen Blick auf die Welt teilen.

Auch die LeserInnen kommen in den Genuss der klaren Zuordnungen, da sie ihren Kapitelüberschriften die Namen der elf Hauptfiguren gibt, darunter sind vier weibliche Protagonistinnen, paritätisch besetzt zwischen Ost und West, drei modelliert als Ehefrauen mit Kind. Nur die toughe und ehrgeizige Linda, eine Equidentrainerin (Pferdeflüsterin), lebt trauschein- und kinderlos mit ihrem nerdigen Freund in einem renovierungsbedürftigen Haus am Rand von Unterleuten. Einen ihrer Erfolgs-Merksätze, "Wer seine Träume selbst verwirklicht, braucht keinen Prinzen.", versucht sie mit der Coolness eines Sherlock Holmes gegenüber dem abgebrühten Immobilienspekulaten Meiler durchzusetzen. Damit ist Juli Zeh ein spannend-ironischer Zweikampf von Westlern um Boden im Osten gelungen, der sie ihren wahren Gegner übersehen lässt.

Jule, die junge, studierte Hippie-Mutter, fängt eine Unterschriftenaktion gegen die Windräder an und lernt dabei die seit Jahrzehnten in Unterleuten verheiratete Elena, gedemütigte Ehefrau des ehemaligen LPG-Leiters und heutigen Chefs des Ökologica-Hofes, kennen. Doch warum diese ihr mit angsterfülltem Blick und den Worten "Sie kommen von außerhalb. Sie wissen gar nicht, wo Sie sind." die Tür vor der Nase zuschlägt, erhellt sich ihr nicht. Der politische Gegenspieler von Elenas Ehemann Gombrowski ist seit seiner Jugend der aufbrausende Kommunist Kron - beide die Alt-Kontrahenten in Unterleuten. Dessen ruhige Tochter Kathrin, Ärztin in Neuruppin, ist die zweite Ostfrau, die in ihren vier Kapiteln neben einem Schriftsteller als Mann und einer achtjährige Tochter, den ruhigsten Part in der Dorfgeschichte erhält.

Auch wenn die Windkraft, ob Pro oder Contra, zur unerwarteten Beziehungsstifterin im Dorf mutiert, kondensieren sich die unterschiedlichen Lager zuerst anhand der alten Hahnenkämpfe um die in die Jahre gekommenen Dorf-Machos Kron und Gombrowski. Doch ihre alten Auseinandersetzungen interessiert die neue Gemeinschaft nur soweit, wie sie jedem selbst nützt. Mit dem Generationenwechsel schiebt die Autorin auch die Frauen an die Orte der Macht.

Juli Zeh liebt klare Motive, innerhalb derer sich ihre Figuren reflektieren und zu stimmigen Schlussfolgerungen kommen. Mit ihrem nüchternen Blick könnte sie sich tiefer in die vielschichtige Psyche ihrer durchaus komplexen Figuren wagen, um gesellschaftlich virulentere Themen mit einzubeziehen. Regina Scheer gelang dies unauffällig bei "Machandel", wo sie den sich fortschreibenden Rechtsextremismus ebenso mit aufnahm, wie auch kleine Fluchten aus der heterosexuellen Norm.

AVIVA-Tipp: Dieser dicke Juli Zeh-Band lässt sich für Fans kaum aus der Hand legen, selbst wenn er gegen Ende etwas an Fahrt verliert. Die Begrenztheit des Dorfs Unterleuten - ein Name, der auf der Zunge vergeht - führt Zeh parallel mit den kleinen, oft verschwiegenen Kämpfen, die die erhoffte Idylle als trügerische Fata Morgana entlarvt und in deren kleiner Arena sowohl Frau gegen Mann, wie auch Dorf gegen Stadt, antreten.

Das Buch im Netz: www.unterleuten.de, mit einem Rundgang durch das Dorf Unterleuten.

Lesungen mit Juli Zeh
17. Mai 2016, Zürich, Kaufleuten
24. Mai 2016, Hannover, Cumberlandsche Galerie
06. Juni 2016, Tübingen, Sparkassen Carré
20. Juni 2016, Braunschweig, Buchhandlung Graff
28. Juni 2016, Frankfurt, Schauspiel Frankfurt

Zur Autorin: Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, Jurastudium in Passau und Leipzig, Studium des Europa- und Völkerrechts, Promotion und längere Aufenthalte in New York und Krakau. Ihr Debütroman "Adler und Engel" (2001) wurde zu einem großen Erfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Für ihre Werke wurde sie vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015).
Die Autorin im Netz: www.juli-zeh.de

Juli Zeh
Unterleuten

Luchterhand Literaturverlag, erschienen März 2016
Hardcover gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 640 Seiten
ISBN-13: 9783630874876
24,99 Euro
Auch erhältlich als Hörbuch und eBook
www.randomhouse.de


AVIVA-Berlin verlost 3 Bücher. Bitte senden Sie uns den AVIVA-Tipp aus unserer Rezension zu "Nullzeit" von Juli Zeh aus dem Jahr 2012 mit Angabe Ihrer Postadresse bis zum 15.07.2016 per Email an folgende Adresse: info@aviva-berlin.de


Weiterlesen zu Juli Zeh auf AVIVA-Berlin:

Juli Zeh beleuchtet mit "Good Morning, Boys and Girls. Theaterstücke" in vier beängstigend aktuellen Bühnenwerken die Paranoia des Rechtsstaats 2.0 und das Individuum in Zeiten maximaler Effizienzsteigerung. (2013)

Eine raffinierte Dreiecksgeschichte gelingt ihr mit "Nullzeit", der die scheinbar objektive Realität in potenziell endlose Wahrnehmungen zerfallen lässt, was für eine Schuld im juristischen Sinn beunruhigend ist. (2012)

In ihrem SchülerInnenroman "Spieltrieb" vertauscht sie die Rollen, die GymnasiastInnen sind die Quälgeister der LehrerInnen, die sie als jugendlich-größenwahnsinnig jenseits der Moral stellt. (2006)

Ihr Erstlingswerk "Adler und Engel" ist ein rasender Politthriller über Liebe und Politik, Realität und Drogenwahn mit einem Roman-Stil, der unter die Haut geht. (2004)



Gewinnspiele Beitrag vom 29.04.2016 Helga Egetenmeier 

   




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