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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 08.04.2017

Petina Gappah - Die Farben des Nachtfalters. Verlosung
Helga Egetenmeier

Die für das Berliner DAAD-Künstler*innenprogramm 2017 ausgewählte Autorin, Journalistin und Anwältin für Internationales Handelsrecht Petina Gappah, verbindet in ihrem Debutroman die Erinnerungen der im Todestrakt einsitzenden Albino Memory ... AVIVA verlost 2 Bücher



... mit der von Gewalt und Armut geprägten Geschichte Simbabwes.

Als weiße Schwarze ist ihre Protagonistin bereits von Geburt an Außenseiterin. Während ihrer Haft reflektiert sie ihre Vergangenheit, indem sie diese mit den Diskriminierungen und der Homophobie in der postkolonialen Gesellschaft verknüpft.

Petina Gappah nimmt in dieser facettenreichen Biographie Thesen aus Judith Butlers "Körper von Gewicht" auf, indem sie den Lebensweg eines Menschen schildert, dessen körperliche Erscheinung nirgends dazugehört. So bildet der gesellschaftliche Kampf gegen die Bedrohung der allgemein akzeptierten materiellen Eindeutigkeit, die Stigmatisierung der Albino Memory, den Romanhintergrund. Wie maßgebend ihr Äußeres für die Gewalt ist, mit der sie konfrontiert wird, verdeutlicht sich ihr erst Gefängnis.

Der deutsche Titel setzt mit "Die Farben des Nachtfalters" einen eigenen Schwerpunkt, der auf das naturkundliche Phänomen des Birkenspanners "Biston betularia" verweist. Memory notiert ihre Begeisterung für dieses Tier, dessen Überleben allein durch die Fähigkeit der Verwandlung gesichert ist: "Ich liebte diese Geschichte, weil ich das Gefühl hatte, nur ein Birkenspanner wisse, was es heißt, schwarz und weiß zu sein. Genau wie er passte ich mich meinem wechselnden Umfeld an."

"The Book of Memory", so der Originaltitel, zieht sich historisch über die Zeit Rhodesiens unter der britischen Kolonialherrschaft , hinein in die Unabhängigkeit unter dem Namen Simbabwe im Jahr 1980, das sich mit Robert Mugabe an der Spitze zu einer brutalen Diktatur entwickelte. Das Buch beginnt im Heute des 21. Jahrhunderts, der Gegenwart von Memory als verurteilte Mörderin. Auf ihr Leben zurückblickend, notiert sie dort ihre Biographie für eine amerikanische Journalistin, die auf die Aufdeckung von Justizirrtümern spezialisiert ist.

Detektivarbeit an den Erinnerungen

Bis zu ihrem neunten Lebensjahr wächst Memory bei ihrer Familie im Township Mufakose im Westen Harares auf. Rückblickend erinnert sie sich ihrer Eltern als depressive Mutter und sorgenden Vater, sowie ihrer Geschwister, von denen zwei auf rätselhafte Weise verstarben. Vor allem aber beschäftigt sie die Frage, ob ihre Eltern sie an den britischen Professor Hendricks verkauft haben.

"Wo gibt´s denn so was?" "Wo werden bei uns Kinder an wildfremde Leute verkauft?".. So weisen die sie verhörenden Beamt*innen ihre Begründung zurück, bei einem weißen Engländer aufgewachsen zu sein. Memory wird in einem kurzen Verfahren des Mordes an ihrem Ziehvater, der ihr eine erstklassige Bildung ermöglichte, verurteilt. Als sie im Gefängnis mit den Notizen zu ihrem Leben beginnt, bröckelt das Zutrauen an ihre Erinnerungen. Je weiter ihre Gedanken kreisen, desto mehr Interpretationen ihres Schicksals, wie auch das ihrer armen Eltern und ihres homosexuellen Mentors drängen sich ihr auf. Gappah schickt ihre Protagonistin wie eine Detektivin auf eine mühselige und schmerzliche Suche nach ihrer tatsächlichen Vergangenheit und verbindet dabei die menschlichen Tragödien mit der Ungleichheit der ökonomischen Verhältnisse.

Juristische Prosa

Petina Gappah legt auf die Authentizität ihrer Dialoge großen Wert und formuliert ihren Roman trotz aller Fülle und Dichte klar, fließend und humorvoll. Damit erinnert sie, ebenfalls ursprünglich Juristin wie Juli Zeh, an deren schnörkellosen Erzählstil in "Unterleuten". Wie bei Zeh, werden keine psychologischen Tiefen ausgelotet, vielmehr spielen die Orte des Geschehens eine zentrale Rolle. So weist sie ihrer Vielzahl von Figuren prägnante Sphären zu - Township, Herrenhaus, Gefängnis - und schafft durch diese einprägsamen Zuordnungen eine schlüssige Identifikation ihrer Figuren.

Angeregt wurde Petina Gappah zu ihrem Debutroman durch eine Nachricht über die einzige Frau, die 2007 in Simbabwe im Todestrakt saß. Auch mit ihrem in Vorbereitung befindlichen zweiten Roman bleibt sie im Spannungsfeld der kolonialen Vergangenheit des südlichen Afrika.

AVIVA-Tipp: Eine Vielzahl an Identitätsperspektiven, betrachtet durch die Augen einer einst in prekären Verhältnissen lebenden, jetzt gebildeten Protagonistin im Todestrakt, gibt bereits eine spannende Grundlage für einen gelungenen Roman. Dem gibt Petina Gappah keine allwissende Erzählerin zur Erlösung an die Hand. Und gerade dieses Unergründbare um die Vergangenheit, wie auch die klare Perspektive auf die Bedeutung ökonomischer Verhältnisse, erzeugt eine Lebensnähe, die diesen Roman universell werden lässt.

Zur Autorin: Petina Gappah, geboren 1971 in Sambia, aufgewachsen in Simbabwe, studierte Rechtswissenschaften in Harare an der University of Zimbabwe, an der University of Cambridge und promovierte an der Universität in Graz. Sie lebt in Frankreich und arbeitet als international tätige Anwältin in Genf. Für das Jahr 2017 wurde sie als Stipendiatin in der Sparte Literatur im Berliner DAAD-Künstler*innen-Programm aufgenommen. Ihre Kurzgeschichten "An Elegy for Easterly" wurden 2009 mit dem Guardian First Book Award ausgezeichnet, 2016 erschien mit "Rotten Row" ein weiterer Band mit zwanzig Kurzgeschichten. Sie schreibt auf Englisch und ChiKaranga (Shona).
Die Autorin im Netz: www.theworldaccordingtogappah.com

Zur Übersetzerin: Patricia Klobusiczky, geboren 1968 als Kind ungarisch-französischer Eltern in Berlin, studierte Literaturübersetzungen an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf und arbeitete lange Jahre als Lektorin. Seit 2006 ist sie freie Übersetzerin, Moderatorin, Herausgeberin, Kritikerin und Dozentin. Sie übersetzt aus dem Französischen und Englischen u.a. Marie Darrieussecq, Stéphane Hessel und Lorrie Moore und ist seit kurzem die Vorsitzende des Verbandes der Literaturübersetzer*innen.

Petina Gappah
Die Farben des Nachtfalters

Originaltitel: The Book of Memory
Übersetzerin: Patricia Klobusiczky
Verlag Arche, erschienen 2016
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 352 Seiten
ISBN-13: 978-3716027509
22,- Euro
www.arche-verlag.com


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Weitere Infos unter:

www.facebook.com/herzimbabwe
Online-Plattform "Her Zimbabwe" - Ihr Simbabwe. Ihre Stimme. Ihre Revolution. - gegründet 2012 von Fungai Machirori, Natasha Msonza und Daphne Jena zur Unterstützung der Frauen in Simbabwe.

GALZ - Gays and Lesbians of Zimbabwe

www.maedchenmannschaft.net
Systematische Gewalt an Frauen in Simbabwe

Hastag #Tajamuka! (Wir haben genug!)
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Gewinnspiele Beitrag vom 08.04.2017 Helga Egetenmeier 

   




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