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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 13.07.2017

Nava Ebrahimi - Sechzehn Wörter. Verlosung
Ahima Beerlage

In ihrem Debutroman nimmt die im Iran geborene Autorin die Lesenden mit in ihr Leben, das seine Kraft aus zwei Wurzeln zieht. Berührend, aber auch humorvoll beschreibt sie, dass Gefühle ebenso wie Worte sich nicht immer eins zu eins übersetzen lassen. AVIVA verlost 2 Bücher



Wortbedeutung und bedeutende Worte

"Der Geist einer Sprache offenbart sich am deutlichsten in ihren unübersetzbaren Worten" schrieb Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach 1911 in ihren Aphorismen. Für Mona, die Heldin des Romans von Nava Ebrahimi, sind es mindestens sechzehn persische Wörter, die in dem Roman auch als Kapitelüberschriften gelten. Diese persischen Wörter sind wie eine unüberwindliche Grenze zwischen der iranischen Kultur, in der sie geboren und die ersten Jahre aufgewachsen ist, und der deutschen Kultur. So beschreibt Mona im Epilog wie diese Worte sie immer wieder mahnen "da ist noch eine andere Sprache, deine Muttersprache, glaube ja nicht, die Sprache, die du sprichst, wäre deine Sprache…Nichts hatten sie mit meinem Leben zu tun, trotzdem, oder gerade deshalb brachten sie mich immer wieder in ihre Gewalt." Doch Mona will diese Trennung, diese Zweiteilung ihrer Sprache aufheben und die scheinbar unüberwindbaren Wörter übersetzen, um sich zu befreien. Und es scheint ihr auch zu gelingen. Das übersetzte Wort löst sie aus einem Bann. "Mit einem Schlag verlor es die Macht über mich. Wie in einem Märchen, durch die Übersetzung hob ich den Bann auf, der auf dem Wort lag, und befreite mich aus der Geiselhaft. Wir waren nun beide frei, das Wort und ich.".

Großmutters deutscher Tod

Mona hat sich in der deutschsprachigen Welt eingerichtet. Sie lebt als Single in Köln. Das hätte sie ihrer Großmutter, ihrer geliebten Maman-Bozorg, nie erklären können. "Wie sollte ich ihr so etwas wie Bindungsängste erklären? Auf Deutsch klang es schon lächerlich. Angst vor zu viel emotionaler Nähe. Dass jemand die Flucht ergreift, sobald eine Beziehung verbindlicher wird. Auf Persisch ging es überhaupt nicht. Für derartige Nuancierungen war die Sprache nicht vorgesehen." Auf dieser Reise wird sie es nicht erklären müssen, denn sie reist ein letztes Mal mit ihrer Mutter in den Iran, um ihre Großmutter zu beerdigen – diese Großmutter, die gern in ihren eigenen Wänden über die Kos, die Vulva, Witze machte und ihr loses Mundwerk genoss, bevor sie sich wieder in Tücher verhüllen musste, um auf der Straße nicht von Sittenwächtern verhaftet zu werden. Zwar war Mona der unnachgiebige Wille ihrer Großmutter, sie doch noch an den Mann zu bringen, lästig, aber die raue Liebe ihrer Maman-Bozorg war ihr auch Heimat, die nun wegbricht.

Ihre Großmutter ist allein vor dem Fernseher gestorben und Monas Mutter klagt bei ihrer Beisetzung ohne Unterlass "(…) so sterben doch nur Deutsche, einsame Deutsche, aber nicht meine Mutter, meine geliebte Mutter!" Eigentlich will Mona nach der Beisetzung gleich zurück nach Köln. Sie will die Irritation, die der Spagat zwischen den Kulturen immer in ihr auslöst, schnell hinter sich bringen. Doch dann lässt sie sich von ihrem langjährigen geliebten Ramin, dessen sexuelle Anziehung für sie nur in den Grenzen ihres Geburtslandes für sie funktioniert, zu einem Trip in die Vergangenheit überreden. Zusammen mit ihrer Mutter unternehmen sie eine Reise in die Stadt Bam, die von einem Erdbeben zerstört wurde. Diese Reise wühlt viel in Mona auf. In Rückblenden erinnert sie sich an den steinigen Weg, in der deutschen Gesellschaft anzukommen. Bittere Momente, in denen sie noch an der Universität merkte, wie lieber ÜBER sie als MIT ihr gesprochen wurde. "Allein wie sie das Wort ´Muslima´ aussprach, ließ mich schaudern. Wie sehr sich jeder in diesem Land bemühte, alles richtig zu machen. Es war unerträglich. Wenn die wüssten, wie früh ich das persische Wort für Fotze gekannt habe, dachte ich, als die schwere gepolsterte Tür hinter mir zufiel und ich allein auf dem Gang stand."

Binnenlibido

Ob Gastfreundschaft, der spezifische Geruch, der aus den Koffern steigt, wenn sie sie in einem fremden Land geöffnet werden - Nava Ebrahimi nimmt die Lesenden mit auf eine vieldimensionale Betrachtung eines Lebens zwischen zwei Kulturen. Sie zeigt uns aber auch, dass sie zwei Häuser bewohnt, deren emotionales Interieur nicht austauschbar ist. "Ich probierte das Gefühl aus, in Deutschland auf dem Schoß eines Iraners zu sitzen. Es fühlte sich an wie ein Wachkoma." Mona ist rein äußerlich die perfekt integrierte Migrant_innen-Tochter. Doch ihre Sprache, ihre Wahrnehmung und ihre Gefühle sind verknüpft mit ihrem iranischen Geburtsort – unaufgeregt, bildhaft und mit allen Sinnen. Es sind mehr als sechzehn Wörter, die sie übertragen muss, um ihr Leben aus zwei kulturellen Quellen zu verstehen.

AVIVA-Tipp: Es wird viel diskutiert über Migration und Integration. Werte werden beschworen, Anpassung gefordert und Deutschkurse verschrieben. Selten erhalten wir Einblicke in die Vielschichtigkeit eines Lebens zwischen den Kulturen. Nava Ebrahimi übersetzt den Leser_innen buchstäblich und im übertragenen Sinne, wo das Leben zwischen Iran und Deutschland vieldeutig, missverständlich oder von Irrtümern besetzt ist. Es gelingt der Autorin, mit Humor und Ironie das manchmal streitbar diskutierte Thema Migration den Leser_innen mit allen Sinnen nahe zu bringen. Dabei ist Stil und Aufbau für einen Debutroman bemerkenswert reif. Eine vielschichtige und unterhaltsame Lektüre für die, die über den engen Horizont einer Kopftuch-Diskussion hinausschauen wollen.

Zur Autorin: Nava Ebrahimi, 1978 in Teheran geboren, studierte Journalismus und Volkswirtschaftslehre in Köln. Sie arbeitete als Redakteurin bei der Financial Times Deutschland und der Kölner StadtRevue. Nava Ebrahimi veröffentlichte bereits verschiedene Kurzgeschichten in Anthologien, Zeitungen und Zeitschriften. 2007 war sie Finalistin des Open Mike, 2013 nahm sie an der Bayerischen Akademie des Schreibens teil. Nava Ebrahimi lebt mit ihrer Familie in Graz. "Sechzehn Wörter" ist ihr erster Roman.

Nava Ebrahimi
Sechzehn Wörter

Verlagsgruppe Random House, btb Verlag, erschienen 2017
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 320 Seiten
ISBN: 978-3442756797
18.00 Euro
www.randomhouse.de


AVIVA-Berlin verlost 2 Bücher. Bitte senden Sie uns dazu den AVIVA-Tipp aus unserer Rezension zu Newsha Tavakolian - Blank Pages of an Iranian Photo Album mit Angabe Ihrer Postadresse bis zum 10.09.2017 per Email an folgende Adresse: info@aviva-berlin.de


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