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AVIVA-BERLIN.de im September 2016 - Beitrag vom 29.06.2012

Im Bazar der Geschlechter - Ein Film von Sudabeh Mortezai. Verlosung
Evelyn Gaida

Die Zeitehe, auch Lustehe genannt, ist eine alte schiitische Tradition. Aus unterschiedlichsten Blickwinkeln .. AVIVA-Berlin verlost zwei DVDs



... wird dieses Phänomen von Sudabeh Mortezai beleuchtet, einer österreichischen Filmemacherin, die selbst bis zu ihrem 12. Lebensjahr im Iran lebte. Mullahs, geschiedene Frauen und ein lediger Taxifahrer legen offen ihre Sichtweisen oder Erfahrungen dar. Laut Regisseurin wäre es "undenkbar", die Dokumentation im Iran zu zeigen. Zum deutschen Kinostart stellte Sudabeh Mortezai ihren Film am 5. August 2011 persönlich in Berlin vor. Zu Gast war außerdem die Frauenrechtlerin und Buchautorin Seyran Ates.

Ohne fremde Kommentierung oder jegliche Einf√ľhrung l√§sst Mortezai in ihrer √ľberraschenden und vielstimmigen Dokumentation die Menschen sprechen. Zwar sind die auftretenden Personen f√ľr die ZuschauerInnen aus diesem Grund teilweise schwer einzuordnen. Wie von selbst setzt sich jedoch das Portr√§t einer Gesellschaft zusammen, die in einem Gewirr der Widerspr√ľche und Doppelmoral gefangen ist. Religi√∂se Ernsthaftigkeit und Parodie, machtloses Schulterzucken und schalkhafte Ironie, Humor und illusionslose Klarsicht verzweigen sich zu einer vielschichtigen Darstellung. Hinter der Verschleierung geheiligter Dogmen tritt die Absurdit√§t institutionalisierter Ungerechtigkeit hervor.

"Heiratsb√ľro Nr. 15. Kanzleichef: Hossein Nouri" steht ganz offiziell auf der Au√üentafel eines Hauses. Die Filmemacherin begleitet ein Paar zum Vertragsabschluss ihrer Zeitehe, die ZuschauerInnen erfahren N√§heres √ľber die Modalit√§ten der Abwicklung. Eine Zeitehe kann f√ľr eine halbe Stunde geschlossen werden oder f√ľr mehrere Jahre, Voraussetzung ist die Zahlung eines individuell verhandelbaren Brautgeldes an die Frau. Vor allem muss das Zusammensein von Mann und Frau amtlich angemeldet, erfasst und abgesegnet werden, sonst gilt es als Unzucht. Ehebruch wird mit dem Tod durch Steinigung geahndet, aber der Kanzleichef kl√§rt den angehenden Zeitehemann auf: "Sie wissen, dass in der Zeitehe der Mann nicht geschieden sein muss. Der Mann braucht nicht mal die Erlaubnis der Ehefrau." Bis zur vier dauerhafte Ehefrauen k√∂nne ein Mann sich nehmen, die Anzahl der Zeitehefrauen sei gar unbegrenzt. "Solange Sie die finanziellen Mittel haben, k√∂nnen Sie jederzeit zur Trauung hierher kommen. Das ist rechtlich gar kein Problem."

Neben Maryam, eine geschiedene, alleinerziehende Mutter, und Mohsen, einen Junggesellen, begleitet die Kamera auch einen j√ľngeren Mullah, der bei verschiedenen Lehrern und Kollegen Meinungen √ľber die Ehe auf Zeit einholt, oft mit verschmitzt-verschlagenem L√§cheln. Jungfrauen d√ľrfen ausschlie√ülich nicht-sexuelle Verbindungen eingehen, erfahren wir auf diesem Wege, f√ľr junge M√§nner sei die Zeitehe eine gute M√∂glichkeit, Erfahrungen zu sammeln. M√§nner ohne ausreichendes finanzielles Verm√∂gen h√§tten oft nur die Option der tempor√§ren Heirat, um eine Form ehelicher Gemeinschaft zu erlangen. Polygamie und Zeitehe seien das beste Mittel gegen Stra√üenprostitution. √Ąrgerlich ist f√ľr den wei√üb√§rtigen Gro√üayatollah Gerami nur die Eifersucht der Frauen. Viele z√∂gen es vor, ihr Mann besuche eine Prostituierte, statt sich eine Zweit- oder Zeitfrau zu nehmen. Seiner Auffassung nach ein klarer Fall: "Das Problem ist die Eifersucht der Frauen!"

"Bei der Scheidung ist der Erste, der dir nachstellt, der Richter", berichtet eine Freundin Maryams. F√ľr Geschiedene sei kein Platz in der iranischen Gesellschaft, ihnen bliebe vieles verwehrt. Die Mutter ihres Zeitehemannes bestimme die richtige Braut ‚Äď und das sei keine Geschiedene. "Solange diese Frauen keine Zeitehe eingehen und immer zu Vereinen rennen, werden sie schlie√ülich als Prostituierte enden", prophezeit ein Mullah, der einem Wohlt√§tigkeitsverein f√ľr alleinstehende Frauen vorsteht. Auch unverheirateten M√§nnern wird im Iran das Leben schwer gemacht: Ohne Heiratsurkunde sucht Mohsen lange Zeit vergeblich nach einer Wohnung, an Singles wird nicht gern vermietet. Er muss sich jeden Abend eine neue Bleibe bei FreundInnen oder ehemaligen Zeitehefrauen suchen. Mehrere Millionen Toman als Brautgeld f√ľr eine dauerhafte Heirat m√∂chte er aber nicht aufbringen. Am Ende zerstreite man sich ja doch.

Un√ľbersehbar macht Mortezais Film vor allem die Kluft zwischen kontrolliert verschleierter √Ėffentlichkeit und privatem Leben innerhalb der eigenen vier W√§nde. Abseits der offiziellen Beobachtung tragen Frauen k√∂rperbetonte Kleidung und farbenpr√§chtige Schminke, begegnen sie den M√§nnern desillusioniert, aber selbstbewusst. Der Mullah aus dem Wohlt√§tigkeitsverein wird zum "Witz des Jahres" ernannt, die rigide Staatsmoral und ihre religi√∂sen Autorit√§ten mit einer Art resigniertem Sarkasmus voller entlarvender Erlebnisberichte beschrieben. "Das ist unsere Gesellschaft", lautet der lakonische Schluss.

Es ist eine Gesellschaft der extremen Widerspr√ľche und der subversiven Energie. "Das ist keine Kultur, das ist m√§nnliche Arroganz", entgegnet ein junger Blogger dem filmisch begleiteten Mullah. Die Website rund um das Thema Zeitehe, die der 23-J√§hrige betrieben hatte, wurde von der Internetaufsicht gesperrt, als die Seite zu viele Hits erzielte. Jetzt hat er den Verein "Blogger √ľber sexuelle Kultur" gegr√ľndet. Auch ein Mullah hat es schlie√ülich nicht immer leicht. Geht er abends allein in ziviler Kleidung essen, bleibt er doch nicht unerkannt. Peinlich ber√ľhrt wird er von einer kichernden Gruppe junger Frauen hochgenommen. Und im Taxi l√§uft persisch-englischer Rap mit illegalen Texten.

AVIVA-Tipp: In ihrer multidimensionalen Dokumentation √ľber das Thema Zeitehe und die inbegriffene Ungleichbehandlung der Geschlechter pr√§sentiert Regisseurin Sudabeh Mortezai erstaunliche Einblicke in die paradoxe Gesellschaft des Iran. Durch den Einsatz der Handkamera bringt sie die gefilmten Menschen und Orte den ZuschauerInnen sehr nahe. Eine beeindruckende und ungew√∂hnliche Reise in eine verborgene Welt.

Zur Regisseurin: Sudabeh Mortezai, geboren 1968 in Ludwigsburg, aufgewachsen in Teheran und Wien. Studium der Theaterwissenschaften in Wien, Abschluss 1994. Kuratorin und Organisatorin von Filmprogrammen. Langj√§hrige Mitarbeiterin des Wiener internationalen Filmfestivals Viennale. 1997 ‚Äď 1999: Leiterin des Programmkinos Filmcasino in Wien. 2002 ‚Äď 2003: Filmstudium am UCLA in Los Angeles (Certificate Program in Film, TV and Digital Entertainment Media). Realisierung von Kurz- und Dokumentarfilmen. 2006: Children of the Prophet, Dokumentarfilm. 2007: Mitbegr√ľnderin von Freibeuter Film. (Quelle: W-film)

PREISE

NOMINIERUNG √ĖSTERREICHISCHER FILMPREIS 2011
BESTER INTERNATIONALER DOKUMENTARFILM / DOCSDF 2010
BESTER ETHNOGRAPHISCHER DOKUMENTARFILM ESPIELLO 2011
LOBENDE ERW√ĄHNUNG / DIAGONALE 2010



AVIVA-Berlin verlost zwei DVDs. Bitte senden Sie uns den AVIVA-Tipp aus unserer Rezension "Weibliche Sexualität im Spannungsfeld von Islamisierung und westlicher Moderne" von Tabandeh Moghadam bis zum 10.08.2012 per Email an folgende Adresse: info@aviva-berlin.de


Im Bazar der Geschlechter
√Ėsterreich / Deutschland 2010
Buch und Regie: Sudabeh Mortezai
Mitwirkende: Maryam, Mohsen Mahmudi, Mehri Ramezani u.a.
Verleih: W-film
Lauflänge: 84 Minuten
Persische OF mit dt. UT
DVD-Start: 22. Juni 2012

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.bazar.wfilm.de

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