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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 12.06.2008

Interview mit Petra Ledendecker auf der World Women Work im Mai 2008
Silvy Pommerenke

Die dynamische 54-Jährige ist seit Dezember 2007 neue Präsidentin des Verbandes deutscher Unternehmerinnen (VdU), zudem Geschäftsführerin und Gesellschafterin diverser Unternehmen, unter anderem...



...der ALLEGRO-Möbel GmbH, die seit 1987 stetig wächst und europaweit Marktführer im Segment Couchtische ist. Nebenbei ist sie in vielen ehrenamtlichen Positionen tätig und vor allem eines: Role Model für alle Frauen, die selbstbewusst Karriere machen wollen!

AVIVA-Berlin: Sie haben erst eine Ausbildung zur Industriekauffrau gemacht, dann Wirtschaft studiert und hatten sehr jung - mit 23 Jahren - bereits eine leitende Funktion in einem mittelständischen Unternehmen. Wann war für Sie klar, ein Unternehmen zu gründen beziehungsweise dass Sie in eine Führungsposition wollen?
Petra Ledendecker: Das stand für mich schon im Alter von zehn Jahren fest. Mein Vater hatte ein kleines mittelständisches Unternehmen, und meine vier Geschwister und ich waren immer mit in der Firma: Sie war das Zentrum der Familie und Inhalt der Gespräche. Bereits im Teenageralter habe ich mich kaufmännisch ausgebildet und mit meinem Vater die Buchführung aufgebaut.

AVIVA-Berlin: Die Erfahrungen der Selbständigkeit ihres Vaters, die ja oft mit sich bringt, dass man sieben Tage die Woche arbeitet und kaum Zeit für Familie und Urlaub hat, hielt Sie also nie davon ab, selbst in diese Richtung zu gehen?
Petra Ledendecker: Nein, nie! Ich arbeite gern und treibe gern Entwicklungen voran. Ursprünglich war es mein Ziel Broker zu werden. Ich wollte nach Düsseldorf oder Frankfurt und hatte schon einen Praktikumsplatz bei einer großen Bank, um dann nach New York zu gehen. Dafür hätte ich damals den Neuanfang in Amerika gewagt.

AVIVA-Berlin: Was hat Sie dennoch dazu bewogen, die Börse zu verlassen und ein eigenes Unternehmen zu gründen?
Petra Ledendecker: Mein Bruder war jung verheiratet und hatte zwei kleine Kinder. Er ist ins Möbelgeschäft eingestiegen und hat mich dann angesprochen, ob ich gemeinsam mit ihm die Firma aufbauen möchte. Ich hatte eigentlich nicht mit dieser Frage gerechnet, aber dann doch wegen der Familie zugesagt. Maximal wollte ich das drei bis fünf Jahre machen. Nun sind zwanzig Jahre daraus geworden, wir sind jetzt mit unseren Couchtischen Marktführer in der Nische und verkaufen europaweit zwischen 60.000 bis 70.000 Tische im Monat.

AVIVA-Berlin: Damit wären wir beim Thema Globalisierung, das ja auch im Mittelpunkt der diesjährigen World Women Work steht. Ein Problem davon ist - da es immer auch um Wachstum und Expansion geht -, dass irgendwann eine natürliche Sättigung des Marktes eintritt.
Petra Ledendecker: Das ist immer das Hauptproblem. Wenn Sie Aufträge haben, die Modellpolitik stimmt und sie wachsen, können sie das nur mit der entsprechenden Finanzkraft. Sie müssen zunehmende Lagerbestände, zunehmende Außenstände und zunehmenden Wareneinkauf finanzieren. Das ist mein Job, denn ich verantworte die Bereiche Personal, die EDV, die gesamte interne Organisation Ich habe den ganzen Aufbau mitgetragen und dafür gesorgt, dass alles richtig läuft. Und ich kann sagen: Das hat gut funktioniert.

AVIVA-Berlin: Eine Ihrer Forderungen als VdU-Präsidentin ist, dass mehr Frauen in die Aufsichtsräte kommen sollen. Aus diesem Grund waren Sie letztens im Bundeskanzleramt bei Herrn de Maizière. Glauben Sie, dass unter der Regierung Angela Merkels dafür bessere Chancen, als noch zu Zeiten Schröders, bestehen?
Petra Ledendecker: Ja, natürlich. Nicht nur, weil Angela Merkel eine Frau ist. Es ist einfach an der Zeit. Ich bin jetzt dabei, als VdU-Präsidentin alles zu tun, um die gläserne Decke von unten wie von oben aufzubrechen. Von unten ist es schwer, von oben wird es leichter, wenn dort erst einmal Frauen sind. Ich wundere mich, dass die Shareholder, denen diese Gesellschaften gehören, nicht wach werden und Erkenntnisse aus den Forschungsergebnissen umsetzen: Dass nämlich ein aus Frauen und Männern bestehender Vorstand eine bis zu 50% höhere Rendite bringt, als ein rein mit Männern besetzter. Natürlich erreichen wir die Ziele als Frau und auch als Mann alleine, aber eben nicht optimal - im Team sind wir besser.

AVIVA-Berlin: Den Verband deutscher Unternehmerinnen gibt es schon seit den 50er Jahren. Seitdem hat sich viel geändert, dennoch scheuen sich heute immer noch viele Frauen, in Führungspositionen zu gehen und Macht zu haben. Liegt es vielleicht daran, dass geeignete Role Models fehlen?
Petra Ledendecker: Ich betreue als Mentorin einige Nachwuchsführungskräfte, auch weil ich wissen will, welche Probleme sie haben. Frauen sind fachlich hervorragend qualifiziert, aber ihnen fehlt oft die Courage, offensiv zu sagen: "Ich will Verantwortung übernehmen. Ich will Macht, weil ich Einfluss nehmen und meine Ideen umsetzen will." Uns Frauen fehlen in der Tat Vorbilder. Deswegen finde ich die World Women Work so wichtig. Ebenso wie alle Veranstaltungen, die dazu dienen, Vorbilder zu zeigen. Deshalb habe ich auch schon im VdU vieles auf den Weg gebracht. Zum Beispiel die Wissenschaftsinitiative VAS (VdU and Science).

AVIVA-Berlin: Wie sieht für Sie die ökonomische Zukunft in Deutschland aus?
Petra Ledendecker: Wir brauchen junge Unternehmen, junge Unternehmerinnen, die Forschung in Produktinnovationen umsetzen. Deutschland ist einer der weltweit führenden Forschungs- und Innovationsstandorte. Das muss so bleiben, damit wir ein Wirtschaftswachstum in Deutschland haben, das den Mittelstand und die Mittelschicht langfristig erhält. Magere 1,2 oder 1,7 Prozent sind da zu wenig. Zumal die Weltwirtschaft um mehr als 4 % wächst. Innovationen in der Forschung, in der Produktentwicklung sind unsere Stärken. Deshalb ist die Förderung von Frauen in Zukunftsbranchen, wie z. B. in der Bionik, meine Marschrichtung für die Zukunft.

AVIVA-Berlin: Sie wollen explizit Hochschulabsolventinnen nach dem Studium fördern und in die Selbständigkeit bringen. Es gibt beispielsweise an der Berliner TU regelmäßig Informationstage, bei denen Kontakte zwischen UnternehmerInnen und Studierenden hergestellt wird. Ist der VdU auch dabei?
Petra Ledendecker: Unsere Wissenschaftsinitiative ist noch jung. Ich bin als VdU-Präsidentin seit Dezember 2007 im Amt. Seitdem ist schon viel passiert. Aber ein bisschen Zeit brauchen wir noch. Unser Arbeitsausschuss wird deutschlandweit Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit den Universitäten, den Kultusministerien oder den Unternehmerverbänden organisieren. Es muss mit der technischen und der naturwissenschaftlichen Ausbildung schon im Kindergarten losgehen, damit auch Mädchen für diese Branchen fit gemacht werden.


AVIVA-Berlin: Bei Diversity geht es auch darum, verschiedene Berufsfelder zusammenzubringen. Sie haben bisher vor allem über Naturwissenschaften und nicht über Geisteswissenschaften gesprochen. Glauben Sie dennoch, dass das ein Fachbereich ist, der frischen Wind in Unternehmen bringen kann?
Petra Ledendecker: Wir leben in einem Kommunikationszeitalter. Und in einem Zeitalter, in dem Ethik in der Wirtschaft und in der Forschung eine wichtige Rolle spielt – ich nenne nur das Thema Stammzellenforschung. Die Zusammenarbeit mit den Geisteswissenschaften ist selbstverständlich notwendig. Dennoch stehen sie im Moment nicht so sehr im Fokus wie die Naturwissenschaften – Frauen sollten diesen Wissenschaftszweig noch viel stärker für sich erobern und sich nicht wie bisher auf die Geisteswissenschaften stürzen. Ingenieure, Naturwissenschaftler und Techniker, zumal, wenn sie interdisziplinär arbeiten, werden Lösungen für viele Herausforderungen finden, vor denen wir heute stehen: Stichwort Energieressourcen, Stichwort Umweltschutz. Diese Themen sind nicht grau und abstrakt. Sie bestimmen unseren Alltag, jetzt und in Zukunft. Eines muss ganz klar sein: es gibt keine Männerberufe! Deshalb wollen wir Unternehmerinnen vorstellen, die z.B. im Bereich Bionik arbeiten und dadurch ein größeres Interesse an diesem Thema schaffen. Es gibt beispielsweise in Bremen den einzigen von einer Frau - Prof. Dr. Antonia Kesel - geleiteten Bionik-Studiengang.

AVIVA-Berlin: Welchen anderen Projekten widmen Sie sich zur Zeit?
Petra Ledendecker: Ich bin nicht nur in Sachen Frauen und Wissenschaft und Technik unterwegs und habe intensiven Kontakt mit Frau von der Leyen. Der VdU arbeitet in drei Projekten eng mit ihr und ihrem Ministerium zusammen. Ein Projekt ist eine Unternehmerinnenreise, die im Herbst startet. Wenn Sie Bilder der Familienministerin sehen, die im Rahmen von Veranstaltungen zu Themen wie Erfolgsfaktor Familie entstanden sind - wer steht immer auf dem Bild? Frau von der Leyen in der Mitte und rechts und links daneben die Männer in ihren grauen Anzügen. Das muss sich ändern. Genauso wie in den Talkshows. Frauen sind da einfach viel zu wenig zu sehen, erheben ihre Stimme nicht kräftig genug.

AVIVA-Berlin: Wie hat Herr de Maizière eigentlich auf Ihre Forderung "Frauen in Aufsichtsräte" reagiert? War die Tür sofort offen?
Petra Ledendecker: Ja, sofort! Wir bleiben dazu und zu vielen anderen Themen im Gespräch. Ein Termin bei Frau Merkel steht noch aus. Aber wir machen natürlich bis dahin weiter unsere Arbeit, sind in engem Kontakt mit der Staatsministerin Prof. Dr. Maria Böhmer, der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung.

AVIVA-Berlin: Für welche Themen machen Sie sich außerdem stark?
Petra Ledendecker: Der VdU ist in vielen Bereichen aktiv: der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, der Vertretung der Unternehmerinneninteressen zum Beispiel in Sachen Mindestlohn oder Erbschaftssteuer. Aber vor allem brauchen wir ein überregionales Unternehmerinnennetzwerk, in dem Frauen ihre Interessen überregional in der Öffentlichkeit vertreten sehen.

AVIVA-Berlin: Sie sind eine starke Frau und haben das - neben ihrem beruflichen Erfolg -, in der Bewältigung Ihrer verheerenden Diagnose einer unheilbaren Lungenerkrankung bewiesen. Es gibt etliche chronisch kranke und behinderte Menschen, die zwar arbeitswillig sind und oftmals auch extrem gute Leistungen bringen, die aber von Unternehmen bei einer Bewerbung sofort ausgefiltert werden. Wie sehen Sie die aktuelle berufliche Situation für diese Menschen?
Petra Ledendecker: Ich denke, es wird sehr viel Unterstützung geboten, um Schwerbehinderte und chronisch Kranke wieder ins Berufsleben zu integrieren. Nicht zuletzt gibt es das allgemeine Gleichstellungsgesetz. Dennoch sollte ein Schwerbehinderter, der sich um eine Stelle bewirbt, sehr gut auf die Gespräche vorbereitet sein, seine Motivation und seine Persönlichkeit herausstellen – so wie alle anderen auch. Das ist viel wichtiger, als die Krankheit in den Fordergrund zu stellen.

AVIVA-Berlin: Es ist manchmal schwierig, sich – gerade weil oder obwohl man ein Handycap hat -, als leistungsstarke Arbeitnehmerin zu präsentieren. Manche verheimlichen das beim Vorstellungsgespräch.
Petra Ledendecker: Nein, verheimlichen sollte man das nicht. Fairness wird ja auch vom Arbeitgeber erwartet. Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein – darauf kommt es an. Ich bin unter anderem Botschafterin der "Charta der Vielfalt" für die Bundesregierung. Das mache ich, weil ich gerne unterwegs bin und anderen Frauen Mut machen will. Ich habe eine sehr schwere, lebensbedrohliche Krankheit hinter mir. Ich habe im Rollstuhl gesessen, ich habe im letzten Moment ein Spenderorgan erhalten - ich weiß, was das bedeutet. Es ist wichtig, sich selbst immer wieder zu motivieren, sich selbst aufzurichten und aktiv zu bleiben, beispielsweise mit einem Ehrenamt. Nur Aktivität hilft. Wer sich nicht bewegt, hat schon fast verloren.

AVIVA-Berlin: Eine letzte Frage, auf die ich mich schon die ganze Zeit freue: Sie fahren einen schnittigen Wagen, bei dem das Besondere vor allem im Detail liegt: Es geht um die kleine Figur auf der Kühlerhaube, die das Modell gleich als einen Jaguar S-Type markiert und der 300 PS hat. Außerdem fahren Sie eine BMW mit 1.000 ccm. Was reizt Sie daran? Die Geschwindigkeit?
Petra Ledendecker: Ich möchte die Möglichkeit haben, meine eigene Power in diesen "Gefährten" zu spüren. Ich möchte gerne ein Auto fahren, das meine Individualität zum Ausdruck bringt, gut zu meinem Wesen passt. Es ist ein bisschen so, als würde ich mich selbst inszenieren. Das mögen manche negativ finden, aber so bin ich eben.

AVIVA-Berlin: Nein, das ist wirklich toll! Aber bei einem Mann würde man dies wohl niemals in Frage stellen ...

Interviews Beitrag vom 12.06.2008 Silvy Pommerenke 

   




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