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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 26.09.2007

Isabel Allende im Gespräch
Jule Fischer

AVIVA-Berlin traf Bestseller-Autorin Isabel Allende, sprach mit ihr über die Entstehung ihres Romans "Inés meines Herzens" und über die politische Utopie einer umfassenden Frauen-Bewegung



Im September 2007 war Isabel Allende mit ihrem neuen Buch "Inés meines Herzens" auf Lesereise in Deutschland. Der Suhrkamp Verlag musste alle Einzel-Interviewanfragen aufgrund der immensen Anzahl ablehnen, richtete dafür aber eine Gesprächsrunde mit der Autorin ein.
In kleinem Kreis antwortete Isabel Allende auf Fragen von JournalistInnen von "Deutschlandfunk", "Reuters" und "AVIVA-Berlin".

Isabel Allendes Auffassung, dass jede Fiktion biographisch sei, ist bekannt. Auf die Frage, inwieweit ihr neues Buch "Inés meines Herzens" autobiographisch sei, antwortete die Chilenin: "Warum suche ich mir die Protagonisten meiner Bücher aus? Warum suche ich mir eine bestimmte Geschichte, über die ich schreiben möchte? Ich suche sie, weil ich eine Verbindung zu ihnen spüre."
Die iranische Autorin Azar Nafisi bezeichnet Fiktion als grundsätzlich subversiv. Ist sie das auch für Isabel Allende? Mit ihrem Namen assoziieren viele Menschen die Geschichte ihres Onkels Salvador Allende. Inwieweit verfolgt Isabel Allende mit ihrem Buch den Anspruch, die Welt zu verändern? Allende meinte auf diese Frage: "Ich gebe nicht vor, eine Antwort für die Probleme der Welt zu haben. In diesem Sinn habe ich keine Botschaft. Ich will lediglich eine Geschichte erzählen. Ich denke, das subversive ist, die Geschichte von einem anderen Blickpunkt zu erzählen und nicht die offizielle Version."

"Isabel Allende über "Inés meines Herzens"
Bei ihrer Lesung im Rahmen des Literaturfestivals Berlin 2007 beschrieb die Autorin eindrucksvoll und fast "ladylike" die unfassbare Brutalität der Schlachten während der Eroberung Chiles. So etwa in der Szene, als Inés Suárez die Gefangenen enthauptet und ihre Köpfe durch Santiago schleift. Sind diese Szenen beeinflusst durch ihre Erfahrungen während der Militärdiktatur in Chile? Wie konnte sie sich diese Gewalt so deutlich vorstellen?
Allende dazu mit einem Augenzwinkern: "Nun ja, ich bin Schriftstellerin, das ist mein Beruf. Aber im Ernst: Ich muss mich mit den Charakteren identifizieren können, muss verstehen, mich in die Zeit hineinzudenken - also geradezu den Geruch des Blutes zu spüren. Ich habe vieles beschrieben: Liebe, Tod, Folter, Abenteuer, Brutalität, Sex.
Ich habe viele erotische Szenen in meinen Büchern - die habe ich nun wirklich nicht alle erlebt! Ein bisschen Vorstellungskraft ist schon dabei. Aber die Kriegsszenen sind generell sehr detailreich in den Chroniken der Zeit beschrieben. Meine Arbeit ist es, die Details zu finden. Aber das große Bild besteht. Das habe ich nicht erfunden."


In Anbetracht all der grausamen Kampfszenen kam die Frage auf, ob die Autorin während ihrer Arbeit an dem Buch Alpträume bekam. Allende bejahte dies: "Ja. Wenn ich schreibe, habe ich oft sehr drastische Träume und Alpträume. Die Konquista war ein Genozid. Es war eine Zeit, in der die Europäer in die "Neue Welt" kamen und jegliche Kultur zerstörten. Menschen, die sie nicht als SklavInnen gebrauchen konnten, brachten sie einfach um. Sehr häufig kam es außerdem vor, dass die Ureinwohner gemeinschaftlich Selbstmord begingen, weil sie nicht in der Sklaverei leben wollten.
Es war also eine wirklich schreckliche Zeit. Aber die Welt hat immer furchtbare Zeiten erlebt. Das gilt auch für die beiden Weltkriege oder jetzt dem Krieg im Irak. Als Schriftstellerin interessiere ich mich für die Massen, die von solchen Geschehnissen betroffen sind. Ich interessiere mich dafür, weil ich das Gefühl habe, dass wir die gleichen Fehler immer wieder machen.
Wenn ich mir allerdings mein eigenes Leben ansehe, denke ich, dass wir nicht im Kreis laufen, aber in einer Spirale. Es sieht vielleicht so aus, als würden wir im Kreis laufen, aber wir lernen doch immer ein bisschen."


Geschichte wurde und wird von den "Siegern" gemacht, von Kolonisatoren, von Kriegsgewinnern, von Diktatoren. Welchen Zugang gab es zu Quellen der "Besiegten" im Chile des 16. Jahrhunderts? Gab es lediglich spanische Quellen oder auch chilenische, bzw. Quellen der Mapuche?
Isabel Allende: "Die Quellen, die ich hatte, waren die Geschichtsbücher die die Weißen geschrieben haben, die die Sieger geschrieben haben, die die Spanier geschrieben haben. Die Mapuche hatten nur eine mündliche Überlieferung, aber keine Schriftsprache. 500 Jahre lang haben sie ihre Wut mündlich tradiert, denn alles hatte man ihnen genommen. Man hatte ihnen das Land genommen, die Kultur weggenommen, eigentlich alles. Erst seit einiger Zeit gibt es eine Schriftsprache der Indios, die Mapudungun heißt.
Heute gibt es Websites, wo man sehr viel mehr über ihr Leben, Denken und Bräuche erfahren kann. Interessant ist auch, dass sich die Mapuche nie ergeben habe.
Sie haben 300 Jahre weiter gegen die Spanier Krieg geführt. Im 19. Jahrhundert gab es eine Art Abkommen, aber sie sind nie besiegt worden.

Eine Journalistin aus der Runde: Wie viele Mapuche leben heute in Chile?
Isabel Allende: Etwa 10% der ChilenInnen sind reine Mapuche-Indianer und wahrscheinlich ist der größte Teil von uns ChilenInnen Mestizen. Aber, selbst wenn ein Teil der ChilenInnen keine Mestizen sind, so sind sie doch interkulturell."

Isabel Allende gehörte in den 1960er der ersten feministischen Bewegung Chiles an. Ab 1968 war sie Redakteurin der einzigen feministischen Zeitung des Landes "Paula". In ihren Werken haben die Frauen fast immer zentrale Stellungen inne. In Lateinamerika jedoch sind Frauen insgesamt längst nicht in einer Position, die sie in den Vordergrund rücken würde.
Glaubt Isabel Allende, dass dort Veränderungen stattfinden? Und, ist "Inés meines Herzens" ein Roman, der sich in diesem Zusammenhang an das historische Gedächtnis Chiles richtet? Isabel Allende: Die Frauen in Lateinamerika haben nicht die gleiche Machtposition wie die Männer. In keinem Teil der Welt sind sie in der gleichen Position wie die Männer, weil wir seit 1000 Jahren im Patriarchat leben. Lediglich in einigen skandinavischen Ländern hat sich das geändert. Der Feminismus heute kümmert sich ja vor allem darum, dass man dieses Patriarchat durch eine andere Form des Miteinanders ersetzt, eine Form die gerecht sein soll, die beiden Geschlechtern gleiche Rechte gibt.
Aber ob es nun Frauen in Lateinamerika sind oder in anderen Teilen der Welt, auch wenn sie sich unter einer Burka verbergen müssen: Überall auf der Welt gibt es tapfere Frauen.
Geschichte wird von den Siegern geschrieben und sie wird von Männern geschrieben. Frauen, Kinder, Besiegte, Arme und Alte kommen in dieser Geschichte eigentlich nicht vor. Die offizielle Geschichtsschreibung dient lediglich der Aufzählung der Heldentaten, was die Sieger geschafft haben. Mich hat jedenfalls immer die Stimme jener interessiert, die am Rande stehen, die unterdrückt waren.


Auch Inés Suárez ist eine dieser starken Allende-Frauen. Warum aber schreibt die Autorin über eine, die selbst an den Eroberungen teilgenommen hat? Warum schreibt sie die Geschichte nicht aus Sicht einer Mapuche?
Isabel Allende dazu: "Ich habe die Geschichte nicht aus der Sicht einer Mapuche-Frau schreiben können, weil ich die Mapuche nicht gut genug kenne. Ich habe nicht mit ihnen gelebt, darum habe ich nicht genügend Informationen das zu machen. Aber mich interessiert sehr, die Geschichte von Lautaro, der der Anführer der Mapuche im Roman ist, einmal ausführlicher zu beschreiben, denn er ist eine wunderbare Figur.
Aber dazu brauche ich mindestens ein Jahr der Forschung. Ich müsste mindestens ein Jahr unter den Mapuche leben, um diese Geschichte schreiben zu können und das habe ich bisher nicht gemacht."


Die Sprache von Inés Suárez ist politisch nicht korrekt. Das kann sie auch nicht sein, weil der Roman im 16. Jahrhundert spielt. Von Isabel Allende ist bekannt, dass sie die Geschichte Chiles vom Standpunkt der Unterdrückten beurteilt. In "Inés meines Herzens" spricht sie aus Sicht einer Frau, die selbst Anteil an der grausamen Eroberung hat. So kam die Frage auf, wie schwer es für Allende war, diese Sprache anzunehmen, über die "Barbaren" und "Wilden" in dieser Form zu schreiben?
Isabel Allende: "Das ist eine sehr interessante Frage! Das Buch wird ja von Inés und damit vor 500 Jahren erzählt. Damals hatte das spanische Vokabular wesentlich weniger Worte als jetzt und so habe ich mich bemüht, möglichst wenige moderne Worte in diesem Roman zu verwenden, denn die gab es ja auch nicht. Natürlich konnte ich auch nicht "politically correct" sein, dieser Terminus existierte damals auch nicht. Das kann es also in meinem Buch nicht geben und wenn dies in einigen Kritiken nun beanstandet wird, dann kann ich nichts daran ändern. So war es eben, ich habe mich in die Rolle von Inés versetzt.
Niemand würde heute in ein indigenes Dorf gehen und sagen "hier wohnen Wilde". Das wäre politisch absolut nicht mehr korrekt. Aber damals sagte man das eben und darum ist das in meinem Buch. Wenn ich ein Buch über die Sklaverei schreibe, werden Afroamerikaner "Neger" heißen, weil man sie damals eben nicht "Afroamerikaner" nannte."


Isabel Allende hat eine politische Utopie und eine einfache Botschaft: Die Welt sollte von Frauen lernen, weil diese intuitiv fühlen, was sozial ist. Wie sollen sich Frauen nach Isabel Allende organisieren, sollen sie eine politische Bewegung gründen?
Isabel Allende: Als ich jung war, habe ich mich sehr für Politik interessiert. Ich dachte es sollte eine politische Bewegung von Frauen geben, egal ob sie Republikanerinnen, Demokratinnen seien, oder einer anderen politischen Richtung folgen. Ich dachte sie sollte nicht für eine bestimmte Partei stimmen, für Republikaner oder Demokraten. Sie sollten für die Angelegenheiten kämpfen, die Frauen betreffen. Wir wollen Frieden, wir wollen Sicherheit für unsere Kinder, Sicherheit und wir wollen Gleichheit. Durch einen solchen Zusammenschluss würde eine sehr machtvolle Bewegung entstehen. Eigenartigerweise werden manche Frauen von dem großen System der Parteien gefangen, das Männer geschaffen haben. Davon müssen sich Frauen frei machen.

Lesen Sie auch die AVIVA-Rezension zu Inés meines Herzens von Isabel Allende.

Die Website von Isabel Allende:
www.isabelallende.com

Interviews Beitrag vom 26.09.2007 AVIVA-Redaktion 

   




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