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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 18.03.2008

Hiam Abass im Interview
Tatjana Zilg

In "Lemon Tree" spielte sie die palästinensische Witwe Salma, die für den Erhalt ihres Zitronenhains vor Gericht geht. AVIVA-Berlin traf sie zu einem Gespräch über das Politische im Film, ihre ...



... Tätigkeit in der Berlinale-Jury 2007 und den Grenzkonflikt in Israel.

AVIVA-Berlin: Haben Sie eigene persönliche Erfahrungen, die sich mit denen von Salma überschneiden?
Hiam Abass: Ich bin Palästinenserin und in Israel geboren, da gibt es schon Parallelen zu Salma. Und ich habe oft als Zeugin erlebt, wie Frauen, die in einer ähnlichen Situation wie Salma sind, in solche Ereignisse geraten.
Ich habe sie aber eher als Film-Charakter gesehen, in meiner Arbeit befasse ich mich immer ausführlich mit der Charakterentwicklung und versuche mich intensiv in einen Charakter hineinzufühlen.

AVIVA-Berlin: Ihre Filme haben oft politische Hintergründe. Sehen Sie sich selbst als politische Person?
Hiam Abass: Ich möchte auf diese Frage zwei Antworten geben: Zum einen ist nicht alles, was ich tue, politisch. Ich lebe seit 19 Jahren in Frankreich und habe dort eine eigene Karriere. In französischen Filmen spiele ich die verschiedensten Rollen. Zudem habe ich auch einige Rollen in den USA angenommen. Nicht alle Rollen, die ich annehme, sind demnach politisch. Zum anderen würde ich sagen – wenn wir über Politik reden – , dass nicht ich es bin, die sich für die Politik entscheidet, sondern dass die Politik mich wählt, aufgrund der Tatsache, wer ich bin. Ich sehe Politik nicht als großes Weltgeschehen, sondern in Beziehung zu dem, wer man ist und was einen als Person ausmacht. Durch die Ereignisse, die man selbst erlebt und gesehen hat, wird man am meisten geprägt. Ich finde es wichtig, zu ihnen Stellung zu beziehen und sich nicht zurückzulehnen und zu sagen: "Das geht mich doch gar nichts an". Es ist sehr wichtig, Verantwortung zu übernehmen.

AVIVA-Berlin: Wie würden Sie den Charakter von Salma beschreiben?
Hiam Abass: Ich denke, sie ist eine sehr einsame Frau. Über die Jahre hat sie den Kontakt zu sich selbst verloren. Durch das Leben, das sie geführt hat, ist ihr Selbstbewusstsein als Frau nicht sehr groß. Als der Verteidigungsminister in die Villa auf der anderen Seite ihres Zitronenhains einzieht, verändert sich ihr Leben völlig. Es bedeutet für sie, dass ihr Dinge bewusst werden, die sie seit Jahren nicht mehr wahrgenommen hat. Sie muss sich aktiv dagegen wehren, dass ihre Zitronenbäume nicht von der staatlichen Autorität gerodet werden. In diesem Moment beginnt sie auch die Liebesaffäre mit dem jüngeren Mann und schöpft neues Selbstbewusstsein. Für mich war es sehr interessant, mich in eine Frau hineinzuversetzen, die so vieles über sich vergessen hat und das später neu für sich entdeckt.

AVIVA-Berlin: Die Beziehung zwischen den beiden Frauen, die sich entgegen der äußeren Bedingungen und Erwartungshaltungen sympathisch sind und sich zueinander hingezogen fühlen, entwickelt sich sehr zurückgehalten. Es sind kleine Zeichen, die eine Annäherung andeuten, aber sie sprechen nie lange miteinander. Gibt es im Alltag in Israel Freundschaften zwischen Palästinenserinnen und JüdInnen oder ist es nach wie vor selten, dass so etwas entstehen kann?
Hiam Abass: Leider ist es so, wie es im Film gezeigt wird. Ich selbst bin in Israel geboren und in Israel aufgewachsen. Es sind nicht immer räumlichen Grenzen, es sind auch Grenzen in den Köpfen. Es ist nicht verboten, die Straße zu überqueren und miteinander zu reden, aber die Leute tun das nicht. Wenn, dann sind es meistens nur ganz kleine Annäherungen, so wie im Film. An der Grenze gibt es diese Mauer und die Leute wohnen auf der einen oder der anderen Seite, ohne sich zu kennen, obwohl sie tatsächlich sehr dicht aneinander wohnen.

AVIVA-Berlin: Wie ist es denn in Tel Aviv, gibt es da Unterschiede?
Hiam Abass: Ja, da ist es anders. PalästinenserInnen, die dort leben, werden mehr als Israeli angesehen. Sie können normal am täglichen Leben teilnehmen. Sie können zur Universität gehen, wenn sie StudentInnen sind. Sie werden mehr in die Wirtschaftsstruktur eingegliedert. In Israel gibt es zudem arabische Dörfer, zum Beispiel Haifa und Nazaret, die zum Großteil palästinensisch sind. Die Struktur innerhalb Israels unterscheidet sich von der der PalästinenserInnen auf der anderen Seite der Grenze, die dort von vielen Dingen abgeschnitten sind.

AVIVA-Berlin: Wie schätzen Sie die Reaktionen ein, die der Film in Deutschland bekommen wird? Der Nahost-Konflikt ist hier ein besonders sensibles Thema.
Hiam Abass: Es ist nicht mein Anliegen, dass die ZuschauerInnen für die eine oder die andere Seite Position beziehen sollen.
Im Film teilen wir Geschichten mit den ZuschauerInnen, die sie dabei unterstützen können, unterschiedliche Realitäten besser nachzuvollziehen. Die Medien reichen oft nicht aus, um die Konflikte an anderen Orten der Welt wirklich zu verstehen. In den Nachrichten werden innerhalb von fünf Minuten soviele Informationen gegeben, dass es schwer fällt, die Menschen hinter diesen News-Stories zu sehen. Im Film wird das Einzelschicksal deutlich: Man sieht, wie eine Frau für ihren Zitronengarten kämpft, wie ein Kind getötet wird, wie ein Selbstmordattentäter 30 Menschen in Israel tötet. Der Weg, wie Nachrichten aufgenommen werden, findet auf einer anderen Ebene statt. Bei einem neunzigminütigen Film kann man auf eine intensivere Art das Geschehen und das Betroffensein der dort lebenden Menschen nacherleben. Kino ist ein sehr guter Weg für eine Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Menschen weltweit, ob sie nun deutsch, französisch, amerikanisch, chinesisch oder palästinensisch sind. Zeitgeschichte wird so von der abstrakten Ebene auf eine persönliche verschoben. Als ich im letzten Jahr in der Jury war, gefiel mir "Yella" sehr gut. Es ist schön, dass der Regisseur diesen Film gemacht hat, der die nicht mehr sichtbaren Grenzen zwischen Ost und Westdeutschland auf diese Art thematisiert. Ich kannte die Fakten der Zeitgeschichte, aber wenn ich einen Film sehe, der ein Einzelschicksal innerhalb dieser Konflikte nachzeichnet, wird Geschichte erst wirklich greifbar für mich. Der Film zeigt, wie die Vergangenheit in der Gegenwart weiter wirkt, auch wenn sie nicht mehr so deutlich sichtbar ist. Ich denke, es ist sehr wichtig, sich mit der Vergangenheit auseinander zusetzen und inneren Frieden mit ihr zu schließen, denn sonst kann man keinen klaren Standpunkt für die Zukunft finden. Filme bewegen dann besonders, wenn sie gleichzeitig eine universelle Sprache verwenden, die jedeR verstehen kann.

AVIVA-Berlin: Letztes Jahr waren Sie selbst Jurymitglied bei der Berlinale, jetzt sind Sie als Schauspielerin mit dabei. Was hat Ihnen besser gefallen?
Hiam Abass: Oh, ich mag beides. Letztes Jahr in der Jury mitzumachen war eine schöne Erfahrung, auch da viele sagten, es sei eine der nettesten Jurys gewesen, die die Berlinale je hatte und ich war glücklich darüber, ein Teil von ihr gewesen zu sein. Es war eine gute Gelegenheit, viele Filme intensiv zu sehen und zu beurteilen. Obwohl ich das Wort "beurteilen" in dem Kontext gar nicht so mag. Aber man diskutiert mit sehr unterschiedlichen Menschen über Filme und kann sich über fachliche Fragen auseinandersetzen. Ich denke jedoch nicht, dass es mein Job ist, ein Jurymitglied zu sein. Es war sehr nett, einmal mitzuwirken, aber meine Hauptarbeit liegt eindeutig im Schauspielern. Es ist eine wunderbare Sache, mit einem Film hier vertreten zu sein, ihn den Fachleuten und dem Publikum vorstellen zu können, über ihn zu diskutieren und die verschiedenen Meinungen zu dem Film zu hören. Aus diesem Grund ist die Berlinale eines meiner Lieblingsfilmfestivals. Es ist eines der Festivals, wo es wirklich ganz und gar ums Kino geht. Das Publikum ist großartig, weil es so interessiert und neugierig auf die vielen Filme aus aller Welt ist. Als ich im Jahr 2002 mit "Satin Rouge" zum ersten Mal an der Berlinale teilnahm, war ich sehr überrascht, wie aufmerksam das Publikum den Film wahrgenommen hat und wie sehr sie auch die Feinheiten der Charaktere verstanden haben.

AVIVA-Berlin: Wie sehen Sie die Zukunft der israelischen Filmindustrie?
Hiam Abass: Ich denke, im Moment passiert da sehr viel. Jedes Jahr erscheinen einige Filme, die wirklich sehr gut sind. Einige davon handeln von politischen Themen, andere nicht. Die Filmindustrie in Israel ist stark am Wachsen. In ihr versammeln sich sehr viele Persönlichkeiten, die die Dinge wirklich in Bewegung bringen können. In vielen Projekten arbeiten PalästinenserInnen und JüdInnen zusammen, ohne das es auffällt. Zum Beispiel im Cast des Films "Die Band von nebenan": Der Hauptdarsteller ist ein jüdischer Schauspieler, der einen Ägypter spielt. Zwei bis drei der anderen Schauspieler sind Palästinenser aus Israel, die auch Ägypter spielen. Hier gibt es also einen gemischten Cast, die auf ganz natürliche Weise in einem israelischen Film zusammen spielt. Ich denke, es ist ein Zeichen der Hoffnung, dass sich die Gesamtsituation in der Zukunft wirklich verändern kann. Auch in meiner Zusammenarbeit mit Eran ist es kein Thema mehr, dass der eine jüdisch, die andere palästinensisch ist. Ich vertraue ihm in der Arbeit völlig, seit ich bei dem Film "Die syrische Braut" mitgemacht habe. Wir schätzen uns beide sehr als KünstlerInnen. Wenn wir damit ein Beispiel für andere Leute sein könnten, wäre das großartig.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg und Spaß bei der Berlinale!

Lemon Tree
Drama, 100 Min.
Buch/Regie: Eran Riklis
ProduzentInnen: Eran Riklis, Bettina Brokemper, Antoine De Clermont-Tonnerre und Michael Eckelt
Koproduktion mit Eran Riklis Production (Israel), MACT (F) und Riva Film (D)
Produktion von der Filmstiftung NRW gefördert.
DarstellerInnen: Hiam Abass, Ali Suliman, Rona Lipaz-Michael, Doron Tavory, Tarik Copty, Amos Lavie, Amnon Wolf

Lesen Sie auch unser Interview mit dem Regisseur Eran Riklis.


Interviews Beitrag vom 18.03.2008 AVIVA-Redaktion 

   




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