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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 08.11.2011

Interview mit Christina Böhm - Gewinnerin des 19. open mike in Berlin
Sonja Baude

Der diesjährige Internationale Wettbewerb junger deutschsprachiger Prosa & Lyrik am 5. und 6. November 2011 war von handwerklichem Geschick, von viel privater Innenschau und der Abwesenheit ...



... jeglicher Wut geprägt. Es gab kaum irritierende oder irritierte Momente, stattdessen ein etwas unterspanntes Literaturevent, bei dem alle, LektorInnen, AutorInnen und Publikum sich im wohligen Einklang begegneten.

Als PreisträgerInnen wurden von der SchriftstellerInnen - Jury (Felicitas Hoppe, Kathrin Schmidt und Tilman Rammstedt) in der Sparte Prosa Christina Böhm und Joseph Felix Ernst, in der Sparte Lyrik Sebastian Unger ausgezeichnet. Ein Lob wurde zudem Tristan Marquardt, Stefan Köglberger und Charlotte Warsen zuteil.

In ihrer Juryansprache erwähnte Felicitas Hoppe lobend das Formbewusstsein sowie die große Gelehrsamkeit aller 22 MitstreiterInnen, jedoch vermisste offensichtlich auch die Jury größere Experimentierfreude und Mut und ermunterte die jungen AutorInnen dazu, doch einmal aus sich selbst auszubrechen.

AVIVA-Berlin sprach mit der gleich zweifach gekürten österreichischen Preisträgerin, die am 06. November 2011 auch den taz-Publikumspreis für ihre bissige und zuweilen komische Erzählung Platzanweisung erhielt, in der sie sehr präzise den Kulturbetrieb und seine ihm innewohnenden Paradoxien durchleuchtet. In rasantem Tempo listet sie die Widrigkeiten des heutigen Lebens in deutschsprachigen Landen auf, wo man "die Gleise neu verlegen[müsste], damit sie nicht im Kreis laufen oder in Schleifen" . Die studierte Juristin Christina Böhm erzählt keine lineare Geschichte, keine, die immer ganz exakt an der Realität dran ist. Vielmehr ist der Text, obwohl sein Thema ein düsteres ist, von einer wunderbaren Spiellust getrieben - in Inhalt und Form - und stach damit überzeugend beim diesjährigen "open mike" in Berlin heraus.


AVIVA-Berlin: Wie fühlen Sie sich heute, zwei Tage nach der doppelten Ehrung auf dem "open mike" in Berlin?
Christina Böhm: Vorneweg – ich fühle mich geehrt und ausgezeichnet schon dadurch, dass ich in die Auswahl kam und zusammen mit so vielen einzigartigen Autorinnen und Autoren lesen durfte. Tatsächlich einen Preis zu gewinnen, ist dann natürlich das Schönste und ja, es macht auch ein wenig glücklich. Ich habe das Gefühl, einen unglaublichen Motivationsschub bekommen zu haben.

AVIVA-Berlin: In Ihrer Kurzgeschichte mit dem Titel Platzanweisung gibt es eine Ich-Erzählerin, die Anfang bis Mitte dreißig ist und auf der Suche, als Dramatikerin ihren eigenen Platz im Kulturbetrieb zu finden, daran aber scheitert.
Erleben Sie es so, dass es Ihrer Generation besonders schwerfällt oder schwergemacht wird, sich des eigenen Lebens selbst zu ermächtigen?
Christina Böhm: Ich habe ja keine Sozialstudie geschrieben, sondern versucht, die Leser in die Gedankenwelt meiner Figur hineinzulocken. Und diese Gedankenwelt ist, objektiv betrachtet, durchaus zweifelhaft. Tatsächlich gibt uns die Außenwelt heute so viel Spielraum wie nie zuvor – freilich um den Preis der Unsicherheit, der Unversorgtheit und vielleicht des Fehlens von verlässlichen Bindungen. Das ist im Privatleben nicht anders als im Beruf. Dass jede Generation auch ihre Illusionen hat, die sich irgendwann nicht mehr aufrechterhalten lassen, ist ein anderes Thema. Es ist einfach grausam, ins Leben hineinzuwachsen.

AVIVA-Berlin: Gibt es den richtigen Platz im Leben? Oder birgt die Idee vom richtigen Platz möglicherweise die eigentliche Anfechtung für das selbstbestimmte Leben?
Christina Böhm: Richtig ist ja eine Definitionsfrage. Richtig ist, was ich für mich als richtig definiere. Wenn ich Lebenspläne verfolge, die mir im Grunde schaden, weil sie mich überfordern oder unter Druck setzen oder einfach lebensfeindlich sind, kann ich sie ja auch sein lassen und neue Ziele anpeilen, die mich zufriedener machen. Wir haben schon manchmal das Problem, dass wir uns selbst im Weg stehen mit unseren vorgefassten Ideen von idealisierten "Wunsch-Ichs".

AVIVA-Berlin: Es gibt einen Satz, der mir in Ihrer Geschichte gut gefällt: "Die Vorstellung, die man beim Springen hat, die ist ja, dass man fliegen wird." Darin liegt eine Sehnsucht und Utopie. Brauchen Sie die auch, um zu schreiben oder konkret: Welche Vorstellung haben Sie, wenn Sie schreiben?
Christina Böhm: Irgendwo da draußen blüht die blaue Blume, und sie wird noch immer gesucht! Ja, Sehnsucht ist eine Motivation. Das kann auch die Sehnsucht meiner Figuren sein, um die ich manchmal weinen könnte, wenn sie ihr Ziel nicht erreichen. Als Kind habe ich mir gewünscht, dass die Panzerknacker es ein einziges Mal schaffen, den Duck´schen Geldspeicher auszurauben. Aber natürlich sind sie am Ende immer gescheitert...

AVIVA-Berlin: Nun wurde am Sonntagabend Ihr Text sozusagen kraft der Realität konterkariert, indem Sie beim "open mike" einen eindeutigen Platz, und zwar von verschiedenen Seiten, zugewiesen bekommen haben. Worüber möchten Sie von dieser Position aus in Zukunft schreiben?
Christina Böhm: Ich formuliere das lieber als Wunsch: Ich möchte wunderbare, seltsame Figuren (er-)finden, die auf ihrem literarischen Weg allen erdenklichen Arten des Unglücks begegnen. Wenn dann doch ein Happy End auf sie wartet: umso schöner.

AVIVA-Berlin: Viel Erfolg und viel Vergnügen auf der Lesereise und herzlichen Dank für das Interview.

Der open mike wird von der Literaturwerkstatt Berlin und der Crespo Foundation ausgelobt und ist mit insgesamt 7.500 Euro dotiert. Aus 703 eingereichten Texten wurden 22 AutorInnen zum 19. "open mike" am 05. November 2011 eingeladen. Der "open mike" gilt als eines der wichtigsten Eintrittstore in den Literaturbetrieb.
Nun gehen die diesjährigen drei PreisträgerInnen ab Mittwoch, den 09. November 2011 auf Lesereise nach Zürich, Wien und Frankfurt .

Die GewinnerInnen:

Christina Böhm
, fünfunddreißig Jahre alt, studierte Rechtswissenschaften in Wien und Los Angeles und war unter anderem bei Gericht, in einer Drehbuchagentur, als Regieassistentin und in der Landesverwaltung tätig. Sie schreibt Prosa, mit und ohne historischem Hintergrund, aber auch szenische Texte und hin und wieder das, was man früher Fantastik nannte.

Joseph Felix Ernst, 1989 in Burghausen an der Salzach geboren, studiert seit 2009 Germanistik und Buchwissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Er schreibt (und malt) seit vielen Jahren – und arbeitet gerade an seinem ersten Roman. Beim 23. Literaturpreis der Nürnberger Kulturläden 2011 erreichte er den zweiten Platz.

Sebastian Unger, 1978 in Berlin geboren, studiert Kulturwissenschaften in Frankfurt/Oder (Master) und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.
Die Texte aller TeilnehmerInnen des 19. "open mike" sind im Allitera Verlag veröffentlicht.

19. Open Mike 2011
ISBN 978-3-86906224-2
Euro 12,80


Interviews Beitrag vom 08.11.2011 Sonja Baude 

   




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