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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2016 - Beitrag vom 05.12.2011

Interview mit Vanessa Stern
Lisa Scheibner

Die Gründerin des "Krisenzentrums für weibliche Komik" gewöhnt Schauspielerinnen das Heulen ab und erforscht das komische Potential verschiedenster Krisen: in ihrer Abendshow lernen die Frauen,...



... die sie als Performerinnen einlädt, `mit Schmackes zu scheitern`, in Komik-Workshops zur Finanzkrise kann jede ihren Horizont erweitern und nebenbei arbeitet Vanessa Stern an einem Zwölfteiler, in dem sie ihre eigenen Krisen exzessiv für das Theater aufbereitet. Geschlechtsspezifische Zugänge zu Komik, privat wie politisch, sind ihr Forschungsgebiet, in dem es noch Einiges zu entdecken gibt.

Die Künstlerin Vanessa Stern, geboren 1976 in Graz, Österreich, schloss 2001 ihr Schauspielstudium an der Universität der Künste in Berlin ab. Sie war einige Jahre am Kölner Schauspielhaus engagiert und wurde 2005 als Beste Nachwuchsschauspielerin Nordrhein-Westfalens ausgezeichnet. Seit 2007 arbeitet sie als freischaffende Theater- und Filmschauspielerin in Berlin, engagiert sich unter anderem beim globalisierungskritischen Netzwerk attac und gründete als Stipendiatin der Graduiertenschule der Universität der Künste Berlin das "Krisenzentrum für weibliche Komik", das die Basis ihrer Performance-Reihe "La dernière crise" ist, die sie seit April 2011 im Theaterdiscounter und nun in den Sophiensaelen veranstaltet. Außerdem organisiert sie regelmäßig Workshops in denen persönliche und allgemeine Krisen komisch bearbeitet werden können, theoretisch wie praktisch.

AVIVA-Berlin: Es ist für eine Schauspielerin nicht unbedingt an der Tagesordnung, eine eigene Show zu gründen, sich selbständig zu machen in der Theaterhierarchie. Wie fühlt sich das an? Was für Schwierigkeiten gibt es?
Vanessa Stern:
Es ist sehr, sehr anstrengend. Aber sonst fühlt es sich gut an. Man merkt, dass man wahrscheinlich nicht umsonst erstmal in einen Beruf hineingeschlittert ist, der bedeutet, dass die Verantwortung jemand anderes hat. Dann zu sagen: Ich hab´ die Schnauze voll, ich übernehm` jetzt die Verantwortung, zieht natürlich Konsequenzen nach sich, derer man sich Gott sei Dank vorher nicht ganz bewusst war. Es ist aber auch sehr schön zu sehen, was man alles kann.
Wie cool ich im Vergleich zu meinen Soloauftritten an den Abenden bin, wo ich die Frauen einlade! Weil ich weiß, wenn die Chefin die Nerven verliert, wird keiner Spaß haben auf der Bühne.

AVIVA-Berlin: Du hast gesagt, dass es manchmal auch schwierig ist, die Kontrolle an deine Gäste abzugeben. Dein Einfluss ist begrenzt, wenn die Frauen ihr eigenes Programm machen.
Vanessa Stern:
Das ist ganz schwierig mit der Macht. Einerseits bin ich nicht an Macht interessiert und andererseits muss ich aber an Macht interessiert sein, weil ich sonst kein Theater machen kann. Bei mir werden sicherlich nie Frauen auftreten, die ich zu einer Comedian geformt habe. Ich habe aber gleichzeitig die Verantwortung dafür, dass die Leute nicht den Rest ihres Lebens traumatisiert sind, weil sie bei mir aufgetreten sind. Die vertrauen mir ja auch, dass sie in einem geschützten Rahmen sind.

AVIVA-Berlin: Was ist das für eine Krise, in der die weibliche Komik sich befindet?
Vanessa Stern:
Das ist im doppelten Sinn aufzufassen. Einerseits ist das die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise, die unser Leben prägt, auch wenn wir das vielleicht noch nicht so merken oder merken wollen.
Diese Krise hat Einfluss auf alle, aber genauso, wie der Klimawandel erstmal mehr Einfluss auf die Leute in den südlichen Ländern hat, betrifft jede schlechte wirtschaftliche Situation immer die Frauen noch mal mehr. Etwa wenn Sozialleistungen gekürzt werden, denn es geht den Frauen sowieso schon wirtschaftlich schlechter.

AVIVA-Berlin: Und was ist die andere Bedeutung der weiblichen Komik-Krise?
Vanessa Stern:
Im Bühnen- und im Filmbereich gibt es einfach ganz wenig komische Rollen für Frauen. Die komischste Figur, die ich in fünf Jahren Köln auf der großen Bühne spielen durfte, ist das Sams gewesen, und das hat kein Geschlecht. Da fragt man sich: Was ist da los? Weil man immer diese klassischen Rollen spielt wie Ophelia oder Emilia Galotti... Jetzt bin ich schon wieder gestorben, zum x-ten Mal, ich sitze wieder auf der Bühne und heule. Das fällt einem schon sehr stark auf, wenn man in dem Beruf ist.
Und gleichzeitig ertappe ich mich dabei, in den seltenen Fällen in denen ich in stammtischartige heterosexuelle Männerrunden gerate, freundlich über rivalisierendes Pointengedresche zu lachen, damit die Jungs sich alle erfolgreich und sexy fühlen. Frei nach deren Motto "eine Frau mit Humor ist eine Frau die über meine Witze lacht". Ich als heterosexuell sozialisierte Frau möchte, dass alle sich wohlfühlen, und deshalb versuche ich, Nähe herzustellen und auf keinen Fall Humor zu nutzen, der sich abgrenzt. Das ist alles schön und gut, aber es wäre einfach besser, wenn man beides kann, sowohl Nähe herstellen, als auch einfach sagen: Ich trau mich auch mal, den Diskurs an mich zu reißen und auf die Kacke zu hauen, vielleicht lacht keiner - davon geht die Welt nicht unter.

AVIVA-Berlin: Dein Krisenzentrum bietet Frauen Unterstützung, die ihre Krisen komisch bearbeiten wollen. Auch du sprichst über deine Krisen und versuchst, einen neuen Blick darauf zu finden. Merkst du, dass es dich weiterbringt, deine Krisen öffentlich zu machen, bloßzustellen, und etwas Komisches daran zu suchen?
Vanessa Stern:
Total. Man spart sich den Analytiker und die Leute müssen es sich angucken. Ich find´ das auch in Ordnung, solange es unterhaltsam ist. Ich beschäftige mich ja nicht nur mit meinen eigenen Krisen, sondern mit politischen Fragen. Bei der Dodekalogie, dem Zwölfteiler, in dem ich mein Leben bearbeite, war es letztes Mal die Nahrungsmittelkrise. Da ging es einerseits um Ernährungsprobleme als Schauspielerin, meine fressfixierte Familie, und gleichzeitig um Nahrungsmittelspekulation. Komik als autobiographischer Exzess nenne ich das. Ich fange bei mir an und versuche, diese Dinge, die ich erfahre, auf mein Leben zu beziehen und sie dadurch begreifbar zu machen.

AVIVA-Berlin: Du sagst dem Publikum im Programmheft: "Kommt in die Show, geht raus demonstrieren und kommt wieder in die Show!" Machen die das auch?
Vanessa Stern:
Das ist der Wunsch, den jeder hat, dass man mit seinem Theater die Welt verändert, und ich hab mir gedacht, es kann ja nicht schaden, das einfach auch zu schreiben. Was wirklich rührend ist, in der Ankündigung für meinen Workshop im Krisenzentrum steht: Es geht um die Griechenlandkrise und am nächsten Tag um Komik. Und es gibt Leute, die überlesen das. Oder sie glauben, das ist ein Witz. Die kommen zu dem Workshop und ich sage: Heute ist ja der Theorietag und die antworten: Ach ich dachte ich komm` hier zum Clownsworkshop, und sind total enttäuscht, dass sie sich drei Stunden etwas über die Griechenlandkrise anhören sollen. Und dann sitzen die da drin und am nächsten Tag sagen sie mir: Wir gehen jetzt demonstrieren am Wochenende.

AVIVA-Berlin: In deiner Show zelebrierst du das Unperfekte sehr...
Vanessa Stern:
Ich will Frauen dazu ermutigen, einfach die Chuzpe zu haben, auf die Bühne zu gehen und was zu riskieren. Das hat was mit Raum nehmen, sich ausbreiten zu tun. Es gibt ja tatsächlich Männer, die in der Standup-Comedy Kastrationsängste ausstehen, wenn eine Frau das Mikro in die Hand nimmt, weil sie keine Kontrolle mehr über den Diskurs haben. Viele Komikerinnen, das habe ich in Amerika beobachtet, machen sich erstmal in dieser Machtposition über sich selbst lustig, um zu sagen: Guckt mal, ihr könnt über mich lachen, und jetzt hab´ ich trotzdem die Macht. Oder auch, um Nähe herzustellen und sich erstmal selber zu bashen, das ist total schwer, das nicht zu machen.

AVIVA-Berlin: Deine Show arbeitet immer wieder indirekt oder auch direkt mit Theorie. Welche theoretischen Einflüsse spielen besonders eine Rolle für dich, was beschäftigt dich im Moment?
Vanessa Stern:
Im Zusammenhang mit meiner Arbeit hat mich Angela McRobbies Veröffentlichung "Top Girls" stark beeinflusst. Das Buch legt einen Finger auf Geschlechterkonstruktionen in den Medien, die für eine Schauspielerin sehr prägend sind. Ein Teil meines Projekts ist "Das KapiTal der Tränen". Das wird ein Stück, in dem die Schauspielerinnen ihre eigenen Heulbiografien bearbeiten. Wir machen Heul-Flashmobs, ein Heul-Terror-Camp, mit dem wir dieses Heulen dekonstruieren wollen. Man wird danach Veronika Ferres` Kullertränen und diese zerbrechlichen Schauspielerinnen nicht mehr so wahrnehmen können wie vorher. Für "Das KapiTal der Tränen" möchte ich "Top-Girls" mit den Schauspielerinnen lesen. Schauspielerinnen beschäftigen sich ja erstmal nicht mit theoretischen Fragen der Geschlechterkonstruktion. Dabei wäre das sehr wichtig für sie, um den Beruf neu zu modellieren.

AVIVA-Berlin: Die Frauen, die du einlädst, performen Komik oder Krise auf ganz unterschiedliche Art. Hast du beim Zuschauen etwas Neues entdeckt, verändert das auch deine Performance?
Vanessa Stern:
In meiner Forschung ist das fast das Spannendste. Dadurch, dass ich versuche, ihnen zu helfen, lerne auch ich viel. Es ist ganz wichtig, dass man einen Kontakt zu dem Publikum kriegt. Das kann ich beim Zuschauen natürlich nicht beeinflussen. Man gewinnt aber an Erfahrung und fängt an zu begreifen, woran es liegt, ob der Kontakt entsteht oder nicht.

AVIVA-Berlin: Wie funktioniert Humor denn?
Vanessa Stern:
Es gibt ganz klare technische Mittel wie bestimmte Witzstrukturen oder den Aufbau einer Erwartungshaltung, die dann nicht erfüllt wird. Aber viel entscheidender ist das, was du in dem Moment zulassen kannst. Manchmal funktioniert es, manchmal nicht, man weiß nicht immer, woran es liegt. Es hat etwas mit der Haltung dem Abend gegenüber zu tun, mit dem Publikum, mit einer Angst, die einen eventuell bremst. Das ist auch etwas, wo viele Frauen noch was lernen können, es ist nur eine Bühne, du musst ja niemanden operieren. Einfach mal mit Schmackes Scheitern!

AVIVA-Berlin: Was hast du als Nächstes vor? Gibt es schon neue Pläne für das Krisenzentrum?
Vanessa Stern:
Das Nächste ist natürlich La dernière crise im Januar 2012. Das "KapiTal der Tränen" mit den Heul-Flashmobs kommt im September 2012 in die Sophiensaele und der dritte Teil meiner Dodekalogie, wartet schon dringend auf Bearbeitung.

AVIVA-Berlin: Hast du das Gefühl, dass es dir mit deiner Show auf eine gewisse Weise gelungen ist, der Theatermaschinerie zu entkommen oder bist du immer noch mittendrin, nur an einer anderen Position?
Vanessa Stern:
Der Maschine entkommt man natürlich so einfach nicht. Deswegen akzeptiere ich auch, dass ich die Chefin bin. Einerseits würden Leute in Amerika Geld dafür bezahlen, auftreten zu können. Andererseits, wenn man Sachen macht, die nichts kosten, zeigt man wieder dem Kulturbetrieb, dass es auch so läuft und die Leute auch umsonst arbeiten. Ich entscheide alles und das will ich gar nicht, aber gleichzeitig muss es auch irgendjemand machen. Man lernt so viel darüber, wie Macht entsteht. Das sind kleine Schritte. Für mich selbst ist das politisch und dann lassen sich Leute auch davon anstecken.

AVIVA-Berlin: Was würdest du einer jungen Frau raten, die Schauspielerin werden will?
Vanessa Stern:
Tu´s nicht! Nee. (lacht) Ich würde sie darauf hinweisen, was sie mit den klassischen Rollen, mit dieser Unsicherheit und mit diesen Zuweisungen im Fernsehen erwartet. Ich würde eigentlich gerne alle zu dem Beruf ermutigen, aber auch dazu, von Anfang an diese Bilder in Frage zu stellen. Man lernt einfach nur, diese Bilder zu reproduzieren und ich finde es katastrophal, dass es im Theater wie selbstverständlich weniger Frauen im Ensemble gibt als Männer, die dann weniger spielen und ab Mitte dreißig sowieso keine Rollen mehr bekommen. Das ist einfach so. In dem Moment, wo du das in Frage stellst, giltst du als schwierig.
Es hat mir bei meinem letzten Dreh geholfen, einerseits zu wissen: Ich hab´ mein Projekt im Hintergrund, dieser Dreh ist nicht das Wichtigste in meinem Leben, und andererseits: Ich beforsche das hier. Das Drehbuch war von einer Frau geschrieben, und von fünf Auftritten sollte ich bei dreien heulen. Es fing schon mit der Rollenbeschreibung an: Silvia Teichmann, 49 ... ich bin 35. Das fand ich schon sehr lustig, wie das Fernsehen mit Alter umgeht. Zu dem Geheule hab ich dann gesagt: Klar, mach ich. Und dann habe ich mir mit dem Mentholstift von der Maskenbildnerin richtig ins Auge blasen lassen, das nennt man "Tränen setzen", und habe so Rotz und Wasser geheult, dass irgendwann das ganze Set lachte. Das hat Spaß gemacht.

AVIVA-Berlin: Danke für das Gespräch!
Vanessa Stern: Danke Dir!

Mehr Infos zu Vanessa Sterns Projekten unter:

www.heulenkannjede.de und www.sophiensaele.com

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Unsere Kritik zu "La dernière crise" (November 2011)

Interviews Beitrag vom 05.12.2011 AVIVA-Redaktion 

   




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