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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 31.12.2011

Interview mit Sookee
Meyer, Adler

"Bitches Butches Dykes & Divas", so der Titel ihres neuen Albums. Den gleichnamigen Track hat sie eigens f√ľr den Slutwalk komponiert. √úber die Bambi-Verleihung an Bushido, Sprache als Werkzeug...



... die √úberwindung von Geschlechterstereotypen oder die Unterschiede zwischen der Generation Emma und der Generation Butler sprachen wir im Dezember 2011 mit Quing Sookee.

AVIVA-Berlin: Dein neues Album "Bitches Butches Dykes & Divas" erschien am 2. Dezember 2011. Der Song, den wir jetzt gerade h√∂ren, ist speziell komponiert f√ľr den Slutwalk.
Sookee: Ich hatte nicht vor, eine Hymne zu schreiben. Aber es war klar, dass wir die Musik zum Slutwalk beisteuern. Alle ¬īLady Marmelades¬ī, ¬īFree Your Minds¬ī und ¬īGirls Just Wanna Have Funs¬ī laufen ja sowieso auf solchen Demos. Ich hab mit dem Track eine Erg√§nzung geschaffen.

AVIVA-Berlin: Du unterst√ľtzt auch "Tausend Kreuze in die Spree". Machst du daf√ľr auch ein Lied?
Sookee: Dieses Jahr war ich in Gie√üen auf einer feministischen Tagung zu M√§dchenarbeit, was total sch√∂n war. Als P√§dagogin kannst du sonst nicht so frei √ľber deine feministische Parteilichkeit sprechen, ohne dass irgendwelche M√§nner dabei sind, die dann sagen "M√§m√§m√§, Feminismus macht, dass die Jungs Bildungsverlierer sind." Und insofern war es da dann gut, einfach mal mit diesem Selbstverst√§ndnis ganz offen hingehen zu k√∂nnen, weil das ganze Ding schon so √ľbertitelt war. Und deswegen war ich dieses Jahr nicht bei "Tausend Kreuze in die Spree" dabei, aber ich habe im letzten Jahr ein bisschen Robin Hood gespielt und zwar hatte ich einen Job von der katholischen Kirche. Die wollten, dass ich bei einem Jugend-Kulturfestival auftrete. Ich nahm aber die Kohle und reichte sie an die "Tausend Kreuze in die Spree".

AVIVA-Berlin: Die katholische Kirche kam auf dich zu?
Sookee: Ja, ich dachte auch: "Leute, könnt ihr bitte mal das Album hören?" Ich hab das offen gelegt und meinte "Wenn du deinen Job riskieren willst, okay, ich weiß nicht, was euer Chef dazu sagt, aber ich mach das." Ich habe da gespielt und dann die Kohle eben weitergereicht.

AVIVA-Berlin: ... dein Geld, kannst ja damit machen was du willst. Aber es ist nat√ľrlich wirklich ein sehr witziger Seiteneffekt, zu sagen, du gibst es genau an die Organisation, die f√ľr das Recht auf Abtreibungen pl√§diert, wohingegen das Oberhaupt der katholischen Kirche ja wirklich alles andere als einsichtig ist.
Du hast auf deinem zweiten Album "Quing" angedeutet, neue Definitionen f√ľr den menschlichen Umgang miteinander entwickeln zu wollen. Wie sieht Deine Traum-/Idealvorstellung eines harmonischen und gewaltfreien Miteinanders aus?
Sookee: Hm, wer bin ich, dass ich das entscheide, aber mein Eindruck ist, dass die Menschen nicht so richtig gerne teilen. Zu teilen ist ein total schwieriges Thema: auf welchem Niveau jammern wir, wenn unser Geld nicht reicht f√ľr dieses oder jenes? Aber wenn man sich darauf einl√§sst, √∂konomisch messbare Sachen zu tauschen, und auch Gedanken zu teilen, Ideen zu teilen, Fragen zu teilen, ich glaube, das w√ľrde eine Offenheit schaffen, die notwendig w√§re, Gerechtigkeit herbeizuf√ľhren. Also auch Menschen nicht einzuschr√§nken, wie "Du bist meine beste Freundin, und wenn du dich zu viel mit anderen triffst, dann..." Was machen so monogame Besitzanspr√ľche in allen m√∂glichen Hinsichten? Die Monogamie ist sehr exemplarisch daf√ľr, wie ich finde. Ich habe es in den Gender-Studies oft erlebt, dass es hei√üt, wir sollten uns nicht runterpegeln, um Wissen vereinfacht raus zu reichen, weil wir dann ja auch was von unserem Anspruch aufgeben. Dieses "Elfenbeinturm-Ding" hat mich total genervt, weil ich gedacht habe: "Ihr wollt doch was ver√§ndern!" Wenn wir das aber nicht anschlussf√§hig machen und raus reichen, ist es sch√∂n, dass wir es wissen, aber die anderen wissen es nicht. Elitenbildung und Wahrheitsanspr√ľche f√ľhren ja auch dazu, dass Leute ausgeschlossen werden und dann ist der Umgang miteinander bl√∂d. Runtergekocht bin ich irgendwann auf die Idee gekommen, dass Offenheit und Gerechtigkeit auch was mit Teilen zu tun hat, daraus l√§sst sich auch eine Kapitalismuskritik formulieren. Ich werde gerade von einer bestimmten Personengruppe ganz arg daf√ľr kritisiert, dass alles, was ich mache, viel zu tanzbar sei, viel zu poppig, und vom Sound her viel zu kommerziell, vom ganzen Auftreten viel zu popkulturell und das sei dann nicht mehr "real" und Untergrund, das ist in einem linksradikalen Sinne viel zu sehr "Du gibst Sachen preis, die in der Subkultur passieren, das ist doof, das ist unseres!"

AVIVA-Berlin: Ich finde es im Gegenteil sehr gut, wenn feministische Inhalte auch weiter verbreitet und nicht nur so eng gefasst werden…
Sookee: Ich finde es wichtig, Br√ľcken zu bauen, ich finde es wichtig, zu teilen, ich finde es wichtig, anschlussf√§hig zu sein, es hilft nichts, wenn ich es wei√ü und meine zehn Freundinnen und dar√ľber hinaus passiert halt nichts. Oder, wenn ich dann manchmal gro√üe Pops√§ngerinnen verlinke, weil ich mir damit eine feministische Lesart erm√∂gliche, dann hei√üt es: "Die verkaufen Feminismus an die Kulturindustrie!" Ich glaube, dass man trotzdem radikal bleiben kann. Es ist nur die Frage, wie offen Kommunikation stattfindet, oder was man anzubieten hat. Ich glaube, dass eine gewisse Radikalit√§t und Konsequenz durchaus erhalten bleiben kann, wenn man in eine bestimmte Richtung anschlussf√§hig wird. Ich werde jetzt nicht die Welt retten, das ist schon klar, aber ich habe halt schon meinen Radius, in dem ich ein bisschen was rocken kann, und die Leute reagieren auch dementsprechend. Es gibt gerade viele Jungs, die normalerweise nie in einen feministischen Zusammenhang geraten w√ľrden, die stellen Fragen, "Wo f√§ngt Sexismus an, wie geht das eigentlich alles?", das ist total fein. Da hat mir dann auf jeden Fall die p√§dagogische Arbeit geholfen. Wie erkl√§rst du ein so komplexes Konzept wie "queer", einer F√ľnfzehnj√§hrigen, die wissen will, was los ist? Hey, du hast ein Interesse, also werde ich mir alle M√ľhe geben, zu erkl√§ren, was ich mir darunter vorstelle.

© Sharon Adler


AVIVA-Berlin: Mit welchen Worten h√§ttest Du Bushido den Bambi f√ľr Integration verliehen oder verweigert?
Sookee: Was hab` ich gezetert! Aber faktisch ist das total berechtigt, da er sich als heterosexistischer Mann in eine heterosexistische Gesellschaft integriert. W√§re er f√ľr eine anti-rassistische Arbeit ausgezeichnet worden, dann w√§re das was anderes, aber f√ľr "Integration" finde ich das tats√§chlich berechtigt. Er ist bekannt f√ľr seine Homophobie und seinen Sexismus. Er ist ja geehrt worden f√ľr sein pers√∂nliches "Guck ihn dir an, er schafft es, sich ein Konto zu f√ľllen, einflussreich zu werden, ein H√§uschen in Steglitz zu kaufen, und so weiter". Das ist seine Form von Integration und daf√ľr ist er geehrt worden, das hei√üt, er integriert sich mit heteronormativen Standards in eine heteronormative Gesellschaft. Und darin war er erfolgreich.

AVIVA-Berlin: In der Begr√ľndung der Jury war allerdings die Rede von "Einsatz f√ľr ein respektvolles Miteinander"...
Sookee: Das ist nat√ľrlich der blanke Hohn. Ich habe noch einmal alle m√∂glichen Textstellen, mit gro√üen Triggerwarnungen versehen, gepostet, wo einfach klar ist, Junge, du hast dich nie distanziert, und wenn du sagst, das waren Jugends√ľnden, das ist nicht das Gleiche. Ich zitiere, nur frei, aus der aktuellen Single, es gipfelt darin, dass er seinem imagin√§ren Gegen√ľber vorwirft "... denn du hast keinen Schwanz!" Phallozentrismus noch einmal deutlich gemacht. Es ist schon alles sehr viel hochglanzpolierter und sozialvertr√§glicher als fr√ľher etwa in dem Song "Gangbang", aber trotzdem l√§uft es immer noch auf dasselbe hinaus. Deswegen nervt mich auch bei Sido diese Saulus-Paulus-Nummer, es ist die gleiche Attitude, ich habe von 2009 ein Interview mit Sido gesehen, wo er auch dar√ľber redete, wie er sich ge√§ndert hat. Er wird in diese Interviewsituation in ein leeres Schwimmbad gef√ľhrt, er kommt da rein und sagt blo√ü "Wo sind denn hier die nackten Weiber?". Wenn du dir so ein Ding nicht verkneifen kannst und wenn du das entweder aus √úberzeugung oder aus Politik einfach so dropst, dann bist du der gleiche Depp, der du immer schon warst, nur, dass du eben ein bisschen erwachsener bist und dich etwas sozialvertr√§glicher zeigst. Die beiden wissen mittlerweile gew√ľnschtes Verhalten an den Tag zu legen. Ich glaub da an gar nichts.

AVIVA-Berlin: Du hast germanistische Linguistik und Gender Studies studiert. Wie kann deiner Einschätzung nach Sprache als Werkzeug benutzt werden, um Geschlechterstereotype aufzuknacken oder zu reproduzieren?
Sookee: Das generische Maskulinum macht ja schon einen ganz guten Job, wenn es um die Reproduktion von tradierten Geschlechterrollen und -verh√§ltnissen geht. Alles, was Kompetenz und Rationalit√§t und allen m√∂glichen Formen √∂konomisch messbarer Kenntnisse angeht, wird der m√§nnlichen Sph√§re zugesprochen. Einfach nur so weiter zu sprechen wie bisher w√ľrde bedeuten, dass das etablierte Geschlechterverh√§ltnis fortbesteht, und dies zu irritieren, es aufzubrechen, bedeutet auch, sich zu bem√ľhen, eine geschlechtersensible Sprache zu verwenden. Da hat sich ja einiges getan seit Luise F. Pusch mit ihrer gro√üartigen Tampon-Satire. Es hie√ü da in der Bedienungsanleitung, dass "... jeder seine Regel anders erlebt". "Geschlechtersensibel" ist wahrscheinlich ein besserer Begriff, als "geschlechtergerecht", um diese ganzen politischen Prozesse der Sprachver√§nderung abzubilden. Das Wichtigste finde ich, ist, einfach auf die Selbstbezeichnungen der Personen, als Gruppen oder als Individuen, zu h√∂ren. Ich glaube, wenn man sich da traut zu fragen, ohne unn√∂tig zu exotisieren, die Ohren spitzt, erst einmal die Klappe h√§lt, um etwa zu erfahren, welches Pronomen wird genannt. Da kann man schon einmal eine Menge richtig machen, indem man auf die Selbstdefinition achtet und nicht fremdbezeichnet und von au√üen kategorisiert. Ich meine, es ist 2011, wir haben eine Milliarde M√∂glichkeiten, Sachen zu recherchieren und uns auf dem Laufenden zu halten. Wenn ich wirklich interessiert bin, muss ich dazu keine Seminare besuchen, daf√ľr ist Subkultur hervorragend geeignet und bietet ein tolles, alternatives Bildungssystem, indem ein Haufen Informationen einfach zug√§nglich gemacht werden.

Ich finde, positive Irritationen und gerade paradoxe Interventionen sind tolle Strategien, um Leute zu sensibilisieren. Der Klassiker ist zum Beispiel "Seit wann wei√üt du, dass du heterosexuell bist? Wie haben deine Eltern darauf reagiert, als du dich geoutet hast?" Ich hatte gerade in einem Workshop einen Jungen, der sagte "Ich ficke diesen Penner..." und ich sagte "Nimm`s mir nicht √ľbel, aber wie genau muss ich mir das jetzt vorstellen?" Es gab vorher schon ein paar Momente, in denen ich das ansprach, "Hey Jungs, ich empfinde das gerade als Respektlosigkeit, wenn ihr in meiner Gegenwart so redet, wenn ihr das unter euch macht, hab ich da nicht drin rum zu funken, aber ich will mich mit euch hier wohlf√ľhlen, deswegen ist das in meinem Ohr jedes Mal so, wie wenn ich mit den Fingern √ľber die Tafel kratze." Also habe ich ein Szenario artikuliert, "Du hast da romantische Gef√ľhle f√ľr einen obdachlosen Mann am Kotti...", und habe naiv gespielt, ihn darauf gesto√üen, dass ich eine andere Verwendung des Begriffs habe. Er sagte "Ja, das hei√üt doch `schlagen`", und ich ging weiter: "Angenommen, du gehst jetzt nach Hause und sagst zu deiner Freundin `Ich hab Bock, dich heute Abend richtig zu schlagen`", einfach, um diese Absurdit√§t und die Gewaltf√∂rmigkeit darin f√ľr einen Moment offen zu machen. Es gibt eine Gruppe Jugendlicher in Neuk√∂lln, die ich in den letzten drei Jahren immer wieder in verschiedenen Kontexten treffe. Die wissen ganz genau, dass bestimmte Begriffe bei mir einfach schwierig sind. Ich sage ihnen dann "Ihr wisst nie, welche Leute, mit denen ihr unterwegs seid, auf so was schlecht reagieren, woran die das vielleicht erinnert, deshalb macht es Sinn, sicher zu stellen, dass das f√ľr die okay ist." Da gibt es auch verschiedene Strategien, um das neurolinguistisch zu programmieren, bei jedem "Hurensohn" kommt von mir ein "IIIIIEEEP!", das hei√üt auch, ich renne da durch die Jugendeinrichtung und mache drei√üig Mal am Tag "IIIIIEEEP!". Nat√ľrlich nervt die das auch, aber dann merken die halt, wie mich das nervt. Das klappt ganz gut.

AVIVA-Berlin: F√ľr alle, die es noch nicht wissen ‚Äď kannst Du bitte kurz erkl√§ren, was einE "Quing" ist?
Sookee: Ich war ja ein paar Jahre im Hip-Hop unterwegs und da ist es total wichtig, sich zu benennen, es gibt da eine ganze Reihe Subgenres und die sind alle mit Images ausgestattet. Das hei√üt zum Beispiel, du wirst als Porno-Rapper nicht in einem gesellschaftskritischen Studenten-√Ėko-Ding unterwegs sein. Ich habe f√ľr mich einfach nichts gefunden, womit ich mich wohl gef√ľhlt habe, zumal weibliche Rollenangebote oder Identit√§tsfelder sich im Hip-Hop sehr stark an einem m√§nnlichen Referenzrahmen orientieren. Das hei√üt, du bist die Schwester von..., die Nutte von..., es gibt immer einen Typen, an den du gebunden wirst. Es gibt sehr wenig autonome Frauenbilder. Das hat mich total genervt und ich fragte, was machste jetzt, irgendwas brauchste, musste was erfinden. Wenn es das nicht gibt, musst du es erfinden. Es gibt die Tradition, sich im Hip-Hop mit royalen Begriffen, wie "Queen" und "King" auszustatten. Das hat nat√ľrlich ein herrschaftliches Moment, sich ganz weit oben in der Hierarchie zu befinden, also habe ich die beiden Begriffe einmal umger√ľhrt und da kam "Quing" bei raus. Es schafft Uneindeutigkeit und Irritation, weil der Begriff nicht etabliert ist, die Leute haben Grund, nachzufragen, das ist dann meine Gelegenheit, einmal auszurollen, was mir wichtig ist. Das ist aber nicht, was ich auf mich abonniere, sondern Leute in subkulturellen, emanzipatorischen Zusammenh√§ngen sind herzlich eingeladen, das auf sich anzuwenden. Deshalb habe ich mich auch nicht von Sookee in Quing umbenannt, sondern es nur als Erg√§nzung benutzt. Es gibt auch einen Track, der erkl√§rt, dass es um anti-normative, anti-hierarchische Bem√ľhungen geht, sich in einer Subkultur oder auch im privaten Zusammenhang zu verorten, sich f√ľr Sprache zu sensibilisieren und hin und wieder das eigene Ego zu √ľberpr√ľfen, zu schauen, was sind meine politischen Ziele. Die Jugend in unserem Land wird ja immer als unpolitisch gedacht, was einfach damit zusammenh√§ngt, dass der Politikbegriff so eng gefasst wird. Damit wird nur parlamentarische Parteipolitik oder Gewerkschaftsarbeit gedacht, aber dar√ľber hinaus gibt es relativ wenige Gelegenheiten f√ľr Menschen, sich als politisch zu fassen, wenn sie nicht in der Jugendorganisation einer Partei sind. Ich glaube, wenn sich da das Verst√§ndnis ein bisschen √∂ffnen w√ľrde, dann g√§be es auch nicht diesen Eindruck von Politikverdrossenheit bei jungen Menschen. Quing ist auch die Gelegenheit, sich zu politisieren.

© Sharon Adler



AVIVA-Berlin: Auf der Einladung zu deiner Record-Release-Party batest du, das alle in Schwarz und/oder Lila und/oder Glitter erscheinen mögen. Sag doch noch ein Wort zu Lila und Schwarz, bitte...
Sookee: Ich weiß gerade gar nicht, warum Schwarz, aber Lila ist die visuelle Entsprechung zu Quing. Es gibt ein weiblich konnotiertes "Rot", ein männlich konnotiertes "Blau", wenn man sich ein bisschen in der Kulturgeschichte umguckt, stellt man fest, dass es auch durchaus mal anders herum gedacht war. Lila ist die einzige Farbe, die ich kenne, die ich in allen Nuancen schön finde. Kulturwissenschaftlich gedeutet sind da vielleicht alle möglichen Identitäten drin versteckt, deswegen ist Lila die Entsprechung zu Quing, das ist trotz dieser Überlegungen kein platter imagepolitischer Move, sondern einfach meine Lieblingsfarbe. Es hat sich zwar zu einem Wiedererkennungswert gemausert, aber das ist ja auch nicht verkehrt.

AVIVA-Berlin: Wichtiges Thema auf dem 1. Divida-Salon war das Treffen verschiedener feministischer Generationen unter dem Motto "Mein feministisches Coming Out"...
Sookee: Im Nachhinein ist mir ja klar geworden, wer da alles versammelt war, das war schon ein ganz sch√∂nes "Who-Is-Who" des Feminismus in Berlin, und ich dachte, muss ich mich jetzt geehrt f√ľhlen, darin untergebracht zu sein, oder hei√üt das, dass es so wenige von uns gibt, dass ausgerechnet wir uns da versammeln? Ich finde es absurd, die einzige bekannte Rapperin in Deutschland zu sein, die das "F-Wort" auf sich anwendet, das ist total schade, damit kriege ich zwar eine herausragende Position, aber es hilft nichts. Ich w√ľnschte, nicht so viel f√ľr alles M√∂gliche angefragt zu werden. Wenn ich das mal auf mein kulturelles Feld runterdampfe, dann ist es eigentlich absurd, dass ich diejenige bin, die Queerfeminismus und Hip-Hop macht, dass ich nicht rechts, links, oben und unten drei√üig andere Frauen stehen habe. Das ist es, was mich manchmal ein bisschen wurmt.

AVIVA-Berlin: Was w√ľrdest du dir w√ľnschen, wie k√∂nnte es denn anders sein?
Sookee: Dass ich mehr Referenzen h√§tte, dass ich mich mehr auf andere Personen beziehen k√∂nnte. In den UK gibt es gerade eine tolle, keine explizit feministische aber trotzdem "Girrrrrl, mit m√∂glichst vielen Rs"-Power-Geschichte. Da sind gerade wahnsinnig viele Frauen unterwegs, nicht jede eine Frau in einer m√§nnlichen Crew. Da k√∂nnen gerade viele Frauen total entspannt nebeneinander existieren, da gibt es eben nicht "The One". Da gibt es Momente, in denen ich richtig schwerm√ľtig werde, warum habe ich das hier nicht, warum gibt es da so viel Solidarit√§t? Na klar sind einige Rapperinnen im Verh√§ltnis zu den Jungs nicht so gut, aber das ist wie Fu√üball, wenn du viel in die Trainingsmethoden investierst, dann kommen da auch bessere Ergebnisse rum. Dadurch, dass die Jungs die M√§dels zu selten mitspielen lassen, haben die auch wenig Gelegenheit, sich zu verbessern. Eine Freundin und ich planen allerdings ein Mixtape, zu dem wir jede Menge rappende Frauen einladen wollen, auf dem nur Beats verwendet werden, auf die in den letzten Jahren Hip-Hop Frauen gerappt haben.

AVIVA-Berlin: Welches sind Deiner Meinung nach die gro√üen Unterschiede zwischen der Generation Emma und der Generation Butler? Wie k√∂nnen Kommunikationsh√ľrden √ľberwunden werden?
Sookee: Dieser ganze Aspekt von Intersektionalit√§t und dritter, vierter oder was-auch-immer-f√ľr-einer Welle des Feminismus` ist ja auch diskutierbar. Aus Frauen-R√§umen wurden erst Frauen-Lesben-R√§ume und dann Frauen-Lesben-Trans*-R√§ume. Da ist dann die Frage "Naja, eine Trans-Frau ist ja auch m√§nnlich sozialisiert" oder "Verr√§t eine Frau-zu-Mann-Transperson vielleicht Weiblichkeit?", diese Debatten sind ganz sch√∂n pikant und werfen die Fragen auf, ob "Queer" den Feminismus verunsichert und ob die Aufl√∂sung von Geschlechtlichkeit und Geschlechterrollen die Verunsichtbarung von Weiblichkeit erm√∂glicht und schafft. Ich glaube durchaus, dass es eine total gute M√∂glichkeit gibt, ein gutes "Sowohl-als-auch" darin zu finden. Wenn du Leuten, die nicht (mehr) als Frau leben, die M√∂glichkeit gibst, deine K√§mpfe zu unterst√ľtzen, dann geht es trotzdem noch darum, dass das Patriarchat alles, was nicht biologisch m√§nnlich ist, unterprivilegiert. Oder die Tatsache, dass es einen Haufen Aufwand gebraucht hat, um rassistische Ressentiments in der wei√üen Mehrheitsgesellschaft sichtbar zu machen. Oder auch sex-positiver Feminismus. Das sind Fragen, die zumindest eine aktualisierte Form haben und darum Schwierigkeiten in sich bergen.

AVIVA-Berlin: Auf deiner Facebook-Seite fragst Du, wer Interesse daran hat, sich an √úbersetzungen f√ľr "Pro Homo" und gerne noch an weitere Songs zu versuchen.
Sookee: √úbersetzungen sind nat√ľrlich schwierig, deswegen habe ich auch geschrieben, Flows und Reime sind nachrangig, es sind jetzt erst mal die Inhalte, damit die wenigstens √ľbertragen werden. Einfach um eine Sammlung zu haben, auf die Leute auch zugreifen k√∂nnen. Es gibt tats√§chlich gerade erstmalig ein Interesse aus Regionen, die nicht-deutschsprachig sind. Ich werde im M√§rz ein Projekt mit Leuten aus Serbien und Kroatien machen, die haben gefragt, ob sie an "Pro Homo" im deutschsprachigen Raum irgendwie andocken k√∂nnen. Ich wei√ü, dass Leute mit meinen Texten arbeiten und finde es auch total fein, dass sie das weiter verwenden und Visualisierungen machen, oder es etwa als Eingangszitat f√ľr Hausarbeiten benutzen. Ein ganz krasses Beispiel ist der 1997 get√∂tete Josef Anton Gera. Er hat jetzt, vierzehn Jahre nach seiner Ermordung, eine Gedenktafel bekommen, auf der tats√§chlich zu lesen steht "Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben". Das sind Momente, in denen ich unglaublich dankbar bin, dass ich die M√∂glichkeit habe, so etwas auszuspucken, damit eben auch Sachen passieren. Mir wurden Fotos geschickt, von Fu√üballfans, die mit diesem Satz im Stadion gegen Homo- und Transphobie demonstrieren. Deshalb setze ich die Texte auch ins Netz und Leute k√∂nnen sich daran bedienen. Ich mag nat√ľrlich dar√ľber informiert werden, was passiert, einfach, damit ich wei√ü, was Leute so damit tun.

AVIVA-Berlin: Dein neues Album heißt "Bitches Butches Dykes & Divas", was ist, kurz gesagt, seine Message?
Sookee: Die √§hnelt schon sehr der Message vom zweiten Album, nur, dass ich mir hier einfach mehr Raum genommen habe, zu vertiefen und ein bisschen zu sch√§rfen. Es geht um Antisexismus, um Antihomophobie und es geht √ľberhaupt um alternative Formen von Dingen, die gesellschaftliche Anerkennung haben. Es geht um Selbstbestimmung und um Subversion in Bezug auf das, was eine Staatlichkeit vorgibt. Der Track "In der Ferne Bildungsn√§he" fordert ein alternatives Bildungssystem. Der beschreibt aus Sch√ľlerInnen- und LehrerInnensicht, was eigentlich alles wahnsinnig schei√üe ist, mit diesen Zahlen von Eins bis Sechs, und formuliert in der dritten Strophe eine Utopie. Es geht √ľberhaupt um Utopien. Ich glaube, dass Utopien eben nicht so weit weg sind, wie wir vermuten. Es gibt einen Satz auf der Platte, der hei√üt "Meine Utopie ist gar nicht so weit weg, hab ich verstanden, denn sie wohnt sehr wohl in meinem Kopf, somit in meinem Handeln." Das hei√üt, das, was ich mir w√ľnsche, kann ich ein bisschen in die Gegenwart holen, indem ich schrittweise weiter trage, was passiert. Am Schluss hei√üt es "Um zu glauben, es wird nichts mehr, ist es viel zu sp√§t." Ich kriege die Krise, wenn Leute sagen "Man kann ja sowieso nichts √§ndern", wer es nicht versucht, hat schon verloren. Ich wei√ü ja nicht, was so du den ganzen Tag mit deiner Zeit machst, aber ich finde es einfach notwendig, anderes zu tun, als zu konsumieren und rum zu meckern. Meckern schafft auch unglaublich viel Unzufriedenheit. Ich finde es wichtig, Dinge zu skandalisieren und zu kritisieren, aber ich muss darauf gucken, aus welcher Position heraus machen Leute Dinge, die ich doof finde, welche Position habe ich, um daran eine Kritik zu √ľben und was machen wir jetzt damit? Ich wurde k√ľrzlich gefragt "Was ist deine weirdeste Eigenschaft?" Ich habe geantwortet: "Optimismus". Nach meiner Pubert√§tsdepression hatte ich die Schnauze voll und habe beschlossen, ich bin jetzt wieder gespannt, auf das, was kommt. Ich meine, was soll ich sonst den ganzen Tag machen?

AVIVA-Berlin: Dankeschön und bis spätestens zum 8. März 2012 wieder live!

Mehr zu Sookee unter:
www.sookee.de

www.springstoff.de

www.myspace.com/sookeeberlin

www.facebook.com/sookeeberlin


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Sookee - Bitches, Butches, Dykes and Divas

Slutwalk

Interviews Beitrag vom 31.12.2011 AVIVA-Redaktion 

   




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