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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 10.08.2008

Mely Kiyak im Interview - Eine für den Journalismus
Christiane Krämer

Die Publizistin Mely Kiyak brachte in der Wochenzeitung "DIE ZEIT" mit der Kritik am "Neuen Feminismus" Schwung in die Feuilleton-Debatte und macht deutlich, dass MigrantInnen zu Wort kommen müssen



In den Redaktionen der großen Tages- und Wochenzeitungen sind Migrantinnen verschiedenster Herkunft unterrepräsentiert, ebenso wie in der Politik. In ihrem Buch "10 für Deutschland" hatte Mely Kiyak das große Engagement türkeistämmiger Abgeordneter sichtbar gemacht, und gezeigt, dass Demokratie von politischer Teilhabe lebt.
AVIVA-Berlin hat mit der Berliner Journalistin türkisch-kurdischer Herkunft über Ausschlüsse und Chancen in ihrem eigenen Berufsfeld und die zuweilen eindimensionale Sichtweise der deutschen Feuilletons und Frauenblätter gesprochen.

AVIVA-Berlin: Frau Kiyak, Sie haben den in zahlreichen Buchpublikationen und in allen Tages- und Wochenzeitungen diskutierten "Neuen Feminismus" in der Wochenzeitung "DIE ZEIT" als "realitätsferne Veranstaltung weißer, christlicher Mittelschichtsfrauen" kritisiert: Wo sehen Sie die Schwierigkeiten des "Neuen Feminismus"-Diskurses?
Mely Kiyak: Schon seit einiger Zeit erweckt diese Debatte den Anschein, als ginge es um eine größere Sache oder Bewegung, die nun endlich in der Mitte der Gesellschaft ankommt. Das Neue ist nur, dass sich jetzt nicht mehr die "üblichen Verdächtigen" äußern, sondern eine neue Gruppe von jungen Publizistinnen, meine Generation, wenn man von der Herkunft absieht.
Es handelt sich hier aber nicht um Frauen aus einer Bewegung, einer Organisation oder einer Partei, sondern um uns Journalistinnen und Autorinnen. Den Mehrheitsverhältnissen in den Medien entsprechend, sind das gebildete Töchter aus gutem Hause, die für ein bestimmtes Klientel schreiben: wir bewegen uns in einem ganz speziellen Raum, den ich "weiße christliche Mittelschicht" genannt habe. Das Problem fängt dort an, wo der Eindruck entsteht, es würde etwas Allgemeingültiges aufgegriffen, das alle betrifft.
Wenn wir nichts darüber wüssten, wie unsere Gesellschaft aufgebaut ist, könnten wir denken, dass eigentlich alles paletti ist. Es stellt sich nur noch die Frage, waschen wir uns, leben wir sexuell selbstbestimmt, bringen wir unser Kind in die Kita, heiraten wir oder heiraten wir nicht. Wir können aus einem Topf von Wahlmöglichkeiten aussuchen. Aber ein Fünftel der Menschen haben einen Migrationshintergrund, und die haben erst einmal diese Wahlmöglichkeiten nicht. Das gilt genauso für Frauen aus der sozialen Unterschicht.

AVIVA-Berlin: Welche Haltung lassen die feministischen Publizistinnen der "weißen, christlichen Mittelschicht" vermissen?
Mely Kiyak:: Ein alter "Kampfbegriff" des Feminismus war Solidarität. Die Feministinnen sind früher für ihre Rechte auf die Straße gegangen, das war ein Kampf gegen die Väter und Ehemänner, manchmal auch gegen die eigenen Söhne. Das war aber auch ein Kampf für Arbeiterfrauen oder Frauen aus den Magrebstaaten. Der Diskurs war stark durch den französischen beeinflusst und viel umfassender, wenn auch nicht weniger herrschaftlich organisiert. So hat die EMMA zwar seit den 70iger Jahren über Migrantinnenthemen berichtet, allerdings immer über die Frauen, statt mit ihnen in einen Dialog zu treten. Diesen Dialog möchte ich einfordern und daran erinnern, dass Frauen anderer Herkunft nicht nur als Frauen, sondern zusätzlich als MigrantInnen diskriminiert werden. So sind wir ganz schnell weg von der Frage, haben wir einen neuen Feminismus, weil die Frauen sich weigern sich zu rasieren?! Das ist natürlich unendlich banal.

AVIVA-Berlin: Migrantinnen sind also mit besonderen Schwierigkeiten konfrontiert. Wie sind Ihre biografischen Erfahrungen als Akademikerin, haben Sie auch mit Stereotypisierung zu kämpfen?
Mely Kiyak: Ich persönlich gehöre mit meiner Biografie zu den klassischen Aufsteigerinnen dieser Gesellschaft. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, arm und bildungsfern. Und weil ich eben dieses Milieu und den Weg nach oben kenne, weiß ich, wovon ich spreche. Wenn Sie es in dieser Gesellschaft mit einem Migrationshintergrund zu etwas bringen wollen, müssen Sie mit Vorurteilen rechnen. Ich bin nicht blond, habe keinen besonders hellen Teint und daher werde ich oftmals reduziert auf: "die kommt halt aus der Migrationsecke und das ist auch ihre Kompetenz". Leider funktioniert das so.

AVIVA-Berlin: Stört Sie das, wie gehen Sie damit um?
Mely Kiyak: Nein, das stört mich nicht weiter. Ich kann mich ja auch jederzeit, mit dem was ich erreicht habe, dagegen entscheiden. Mich stört es auch deshalb nicht, weil ich über die Möglichkeit verfüge, mit denen, die mich publizieren lassen, Vereinbarungen zu treffen. So berichte ich persönlich nicht biografisch, wie einige meiner KollegInnen, sondern ziehe Studien und Zahlen heran. Was mich stört ist, dass die migrantische Perspektive in den Zeitungen und bei vielen Themen kaum vorkommt.
AVIVA-Berlin: Warum werden migrantische Frauen vorzugsweise als Unterdrückte oder Opfer in den Debatten über Integration und Islam verhandelt?
Mely Kiyak: Da wird häufig etwas verwechselt, gerade wenn bestimmte Blätter bei Frauenthemen auf den Islam und den Fundamentalismus hinweisen.
Mit dem Islam hat das erst einmal gar nichts zu tun. Denn diese Diskriminierungsprozesse gelten auch für Italienerinnen, Griechinnen, etc., die haben genau die gleichen schäbigen Aufstiegschancen, wie Türkinnen, nämlich quasi gar keine.
Wenn ich sage, Migrantinnen werden diskriminiert und schaffen es nicht im bestehenden System aufzusteigen, dann meine ich nicht muslimisch patriarchalische Strukturen, was nicht heißt, dass sie nicht existieren. Aber mein Auftraggeber bei der Zeitung ist kein patriarchal denkender Moslem. Das sind christliche deutsche Mittelschichtler, mit deren Töchtern ich um die gleichen Arbeitsplätze konkurriere und die dann meistens diese Arbeitsplätze bekommen. Migrantinnen sind auch im Beamtenwesen, in der Legislative, im Bundesverfassungsgericht und überall dort, wo Staat und Gesellschaft organisiert wird, unterrepräsentiert. Dies wird davon verdeckt, dass wir in Deutschland Migration immer unter der Überschrift "Integrationsdebatte" oder "Islamdebatte" verhandeln. Und das halte ich für ein ganz großes Problem.

AVIVA-Berlin: Liegt diese Verwechslung vielleicht auch in unterschiedlichen kulturellen Vorstellungen von Selbstverwirklichung und Emanzipation begründet?
Mely Kiyak: Es ist natürlich so, dass es bei Migrantinnen andere Gesellschaftsbilder gibt: Für viele muslimische Mädchen haben Heiraten und Kinderkriegen einen hohen Stellenwert und für sie bedeutet Emanzipation, dass sie trotz Mann in Teilzeit arbeiten – und dieses Lebensmodell müssen wir akzeptieren.
Es geht aber um etwas Anderes: qualifizierte Frauen mit Migrationshintergrund sollen die gleichen Chancen haben. In Berlin zum Beispiel liegt die Migrantenquote bei der Ausbildungsabgabe seit fast 10 Jahren unter 5 Prozent - das sind Zahlen des Senats. Das ist eine Diskriminierung, dafür gibt es keinen Grund. Emanzipation müsste heißen, dass wir ihnen in dieser Gesellschaft die Möglichkeit geben müssen sich emanzipieren zu dürfen! Das gilt für das Mädchen, das den Hauptschulabschluss macht, genauso wie für das Mädchen mit Abitur oder Studienabschluss. In Deutschland gibt es seit einem halben Jahrhundert Einwanderung, das ist zwar nicht viel, aber es ist auch nicht wenig. In anderen europäischen Ländern wie Frankreich sieht man Ministerinnen mit einem anderen Teint und einer anderen Haarstruktur. Wir sind da schon wirklich auf einem ganz verkümmerten Stand und man kann nicht sagen, dass wir so modern und tolerant und offenherzig sind, wie wir immer tun.

AVIVA-Berlin: Sie haben die Feminismus-Debatte in der Wochenzeitung "DIE ZEIT" angestoßen, könnte dies nach dem Generationenkonflikt zu einem neuen Streit führen?
Mely Kiyak: Es muss ausgesprochen werden und zu jemandem, der das ausspricht, gehört auch jemand anderes, der sagt, ich drucke deine Meinung ab – nicht nur in den Nischenportalen und Nischensendern, sondern in den Mainstreammedien.
Ich glaube, das muss nichts sein, wo wir uns gegenseitig zerfleischen. Ich bin von meinem Duktus eher für das Zugespitzte und Polemische, aber manchmal ist das so, man muss draufhauen und es auch in ganz plakativen Bildern aussprechen, damit die Botschaft ankommt. Und für mein Verständnis ist die Botschaft schon angekommen.
Für mich bedeutet guter Journalismus, den Fokus zu vergrößern. Nur ein klitzekleines Bisschen. So eine Winzigkeit mehr würde schon ganz neue Gedankenräume eröffnen. Bestimmte Kreise müssen es sich auch mal gefallen lassen, dass Leute wie ich sagen: "Ich fühle mich von Ihnen diskriminiert. Setzt uns doch mal auf eine Stufe, damit wir auf Augenhöhe miteinander reden können." Wir wollen teilhaben, aber dazu gehört, dass uns jemand teilhaben lässt.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank für das Interview!

Lesen Sie hier den Artikel von Mely Kiyak vom 3. Juli 2008 in der Wochenzeitung "DIE ZEIT": www.zeit.de

Interviews Beitrag vom 10.08.2008 AVIVA-Redaktion 

   




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