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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 27.10.2011

Interview mit Catherine Ringer, deutsch und französisch
Aurélia Vartanian

Catherine Ringer und Fred Chichin kannten sich seit 1979 und bildeten seither, bis zu Fred´s Tod mit 53 Jahren im Jahr 2007, die außerordentlich erfolgreiche Gruppe Les Rita Mitsouko, deren ...



... ProduzentInnen, KomponistInnen und InterpretInnen sie gleichzeitig waren.

Dem Konzertsaal La Cigale im Viertel Pigalle in Paris stets treu bleibend, haben sie 28 Jahre französische Musikgeschichte mit viel Verve und einem Wagemut geschrieben, der die französische Musikszene tief geprägt hat. Catherine Ringer stellt sich heute wieder der Herausforderung und brachte das neue Album "Ring N´Roll" heraus, das erste Solo-Album der "Après-Rita". Zu diesem Anlass kehrt sie zurück auf die Bühne, wo sie auf ein warmherziges Publikum trifft und sehr oft auf Plakaten "Catherine, wir lieben dich!" zu lesen ist.

AVIVA-Berlin: Ihr musikalischer Stil bringt viele unterschiedliche Richtungen zusammen: Rock, Funk, orientalische Musik, Latin, Pop, Chanson, World-Music, Electro... Was sind, abgesehen von Musik, die Inspirationsquellen ihrer Lieder?
Catherine Ringer: Viele Dinge haben mich inspiriert. Science-Fiction, Romane, Geschichte, Geographie, Philosophie und sogar die Mathematik: Es ist sogar vorgekommen, dass ich ein Lied über die Zahl Null komponiert habe. Ich war in einer Bibliothek, las Texte und dachte darüber nach, was diese Zahl bedeutet. Ich bin Teil einer modernen Musikwelt wo man Klänge einbauen kann, die einen umgeben, der Mechanik, eines Motors, der Vögel, oder auch Klänge, die von einem Lied das man mag inspiriert sind. Ich mache aus allem etwas: Ich bin ein Kind des Zappens, würde man meinen...?

AVIVA-Berlin: Durch Ihre ganze musikalische Karriere mit Rita Mitsouko hindurch und zuletzt für das Lied "Pardon" aus Ihrem letzten Album haben Sie sich mit besonderer Sorgfalt Ihren Musikclips gewidmet. Ihre Clips sind kleine Meisterwerke der Kreativität, der Originalität und des Humors. Das Video Marcia Baila das Philippe Gautier im Jahre 1985 realisierte, wird im MOMA in New York ausgestellt. Als Sie Science-Fiction erwähnten, dachte ich sofort an den Clip Cool Frenesie, eine Art futuristisches Comic. Von was handelt dieses Lied und der dazugehörige Musikclip?
Catherine Ringer: Das Lied erzählt vom Reisen, der Aufregung wenn man neue Territorien erkundet, geografische oder andere. Es erzählt von der Erfahrung sich in die Ungewissheit aufzumachen...

AVIVA-Berlin: Außer auf dem Album Variety das 2007 herauskam und für das ausnahmsweise eine französische und eine englische Version existiert, haben Sie immer auf Französisch gesungen. Einige Ihrer Lieder haben jedoch, sogar für das französische Publikum, etwas Unverständliches. Sind Ihnen Ihre Texte immer klar, oder behalten sie manchmal, unbewusst, eine für Sie selbst obskure Seite?
Catherine Ringer: Ich weiß immer selbst, von was ich in meinen Liedern spreche, aber es ist wahr, dass, würdiges Erbe der Beatles, John Lennon und der Popwelt, ich viele Texte geschrieben habe, die etwas geheimnisvoll erscheinen. In Marcia Baila, unserem ersten Erfolg, wussten die Leute nicht, was wir mit "es ist der Tod der dir Marcia tötete" oder "es ist die Liebe (auf Spanisch) die dir Mattias tötete" oder sie verstanden nicht, dass Morretto der Familienname von Marcia war, die junge argentinische Tänzerin, die dann aufgrund ihres Krebs verschwand, von dem das Lied handelt. Seit ich ein Kind bin fühle ich diesen Drang, unaussprechliche Dinge in poetischer Form auszusprechen und ich habe durch meine gesamte Karriere hindurch versucht, diese Dinge klarer und klarer auf den Punkt zu bringen, angespornt auch durch meinen Bandpartner Fred. "Sei deutlicher, das ist angenehmer! Auf keinen Fall zu viel Unverständliches!" hat er immer gesagt.

AVIVA-Berlin: Les Rita Mitsoukos hatten viele sehr bekannte Songs wie etwa Le petit train der 1988 erschien, Andy, C´est comme ça, oder Les histoires d´A von 1986, Marcia Baila aus dem Jahre 1984... Welches Ihrer Lieder würden Sie auch noch in ein oder zwei Jahrhunderten HörerInnen wünschen?
Catherine Ringer: Ich mag es, wenn die Lieder ihre eigenen Wege gehen, also wenn das Publikum sich ihrer ermächtigt. Mir gefällt der Großteil meiner Lieder, aber was mich und mein Ego anbelangt, halte ich nicht daran fest, auf ewig auf diesem Planeten zu sein. Ich bin von der Idee entzückt, meine chemischen Elemente nach meinem Tod zu verteilen und in Form von Kohle und Kalk weiterzuleben... auf dass das Leben ohne mich weitergeht! Ohne einer Religion besonders anzuhängen, bin ich recht mystisch und ich mag es, mich mit dem Rest der Welt verbunden zu fühlen. Nicht nur man selbst zu sein, konzentriert auf seine eigene kleine Person, ist ein sehr beruhigender Gedanke.

© Aurélia Vartanian


AVIVA-Berlin: Ausgeflippt, durchgeknallt: im Laufe der Zeit haben die JournalistInnen nicht mehr aufgehört Sie so zu beschreiben. Ist diese Facette Ihrer Persönlichkeit eher auf der Bühne zugegen, in der Musik, oder spielt sie auch in Ihren Alltag hinein?
Catherine Ringer: Viele JournalistInnen sagen jetzt auch: "Schön, dass sie etwas weniger verrückt ist als in ihrer Jugend...", "Sie ist ruhiger geworden". Bin ich immer noch komisch? Die Fantasie, die Lust am Leben, die kleinen Abenteuer des Alltags, auf lustige Gegebenheiten zu stoßen, sich zu wundern... das alles sind Dinge, die ich sowohl im Leben als auch auf der Bühne liebe.

AVIVA-Berlin: Diese Leidenschaft für die Fantasie, die Lust am Leben, sehen Sie da eine Verbindung zu der Geschichte Ihres Vaters, Sam Ringer? Der als junger jüdischer Künstler Anfang des Krieges in Polen verhaftet wurde, der die Deportation überlebte, und dann nach Paris kam, wo Sie schließlich geboren wurden. "Ich fühle mich verantwortlich für die Freude" haben Sie mal in einem Interview gesagt.
Catherine Ringer: Die Tatsache, dass es so viele Tote um mich herum gab, bei meinen Vorfahren, in diesem schrecklichen Krieg, der beide Seiten meiner Familie nicht unberührt ließ, hat mich zu einer Art Verwahrerin eines gegensätzlichen Effekts werden lassen, einer Wut zu leben, wie ein Rasen den man mäht und der dann aber noch schneller wächst, ein Haar das man ausreißt und viel schöner nachwächst! Ein irrsinniges Kraut, welches eine um ein Vielfaches gesteigerte Lebenskraft schenkt.

AVIVA-Berlin: In einem sehr bewegenden Lied ihres Albums Cool Frénésie (2000), C´était un homme, beschreiben Sie Ihren Vater, seine Leidenschaft für die Kunst, die ihn die Zerreißprobe der Deportation überstehen ließ, sein starker Charakter, das Wunder die KZs zu überleben, in denen er von 1940 bis 1945 interniert war. "Es war ein deformierter Mann" singen Sie. Läuft dieser Ausdruck nicht Gefahr zu schockierend zu sein?
Catherine Ringer: Dieser Satz, der dem Reim "homme/difforme" entsprungen ist, ist tatsächlich schwierig. Viele Leute hätten ihn komisch finden können. Mein Vater wurde durch die KZs deformiert und war nicht imstande, eine vollkommene Person zu sein bezüglich der gefühlsmäßigen und psychologischen Ressourcen. Ich habe darunter gelitten einen Vater zu haben, der nicht einfach war. Als Künstler hat er gleichfalls die Missbildung gemocht, das Monströse, das Groteske, hier inspiriert von Jérôme Boschs Gemälden.

AVIVA-Berlin: Das Lied "Le petit train" beschreibt eine idyllische Landpartie eines Zuges. Und dann wird man sich auf einmal bewusst, dass es sich um einen Todeszug handelt. Das Thema ist wirklich noch nie da gewesen in der Welt des Pop/Rock/Electro. Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Lied zu schreiben?
Catherine Ringer: Eines Tages habe ich auf einer Straße Kindergartenkinder beobachtet, wie sie sich an den Schultern hielten und dabei das Leid eines französischen Sängers aus den fünfziger Jahren sangen: "der kleine Zug fährt durch das Land..." Zu diesem Zeitpunkt komponierte ich gerade mit meinem Partner Fred ein Musikstück im Stil von Prince, für das wir noch keinen Text hatten. Auf einmal hat mich das Bild dieses Zuges an die Transportzüge zu den KZs erinnert. Es war nicht so, dass ich vorhatte davon als Tochter eines Deportierten zu sprechen. Es ist ein Bild, das sich mir aufgedrängt hat, eine plötzliche Offenbarung: Das Bild eines Zuges, in dem sich furchtbare Dinge abspielen, inmitten einer grünen Landschaft, wo die Milch aus den Eutern der Kühe und Brüsten der stillenden Mütter schießt. Es ist eine poetische Ode die am Anfang dieses Liedes steht, wie auch bei vielen anderen.

© Aurélia Vartanian


AVIVA-Berlin: Auf Konzerten begleitete Sie Ihr Partner Fred Chichin auf der Gitarre. Heutzutage ist es ihr 19-jähriger Sohn Raoul der Ihnen auf der Bühne zur Seite steht. Wie war denn sein musikalischer Werdegang?
Catherine Ringer: Raoul war schon ein super Musiker der sich seit zwei Jahren auf der Bühne mit seiner Gruppe bewiesen hat, als ich ihn bat, an den Studioaufnahmen zum Album Ring N´Roll teilzunehmen. Als ich die Tournee plante, behielt ich den Schlagzeuger und den Bassisten der letzten Tournee, wollte aber den Klavierspieler und den Gitarristen auswechseln. Dann war es einfach eine logische Sache meinen Sohn zu fragen und wir sind sehr glücklich damit. Wenn sein Vater nicht tot wäre, hätte sich das alles nicht gleichermaßen abgespielt. Die Idee wurde schon vor einigen Jahren geboren, als er noch jünger war und Gitarrenspielen lernte: "Vielleicht kannst du eines Tages mit uns spielen..." scherzten wir. Er hat die Musik autodidaktisch erlernt, hat die Platten durch das Hören erarbeitet, wie seine Eltern vor ihm, während er nach Ratschlägen fragte. Danach ist es das erste Publikum das als zweiter Professor fungiert! Wenn ich jedoch als Elternteil eines der Kinder einem/r KlavierlehrerIn vorsetzen wollte, hat das nie geklappt!

AVIVA-Berlin: Hat sich Ihr Zugang zur Musik mit der Zeit verändert? Haben Sie im Lauf Ihrer über dreißigjährigen Musikkarriere Ihr Verständnis für die Musik gesteigert?
Catherine Ringer: Ich mache Fortschritte und versuche immer hinzuzulernen. Als Autodidaktin ignoriere ich aber auch viele Dinge. So war ich über Jahre hinweg starrköpfig gegenüber dem Musikunterricht, nach einer schlimmen Erfahrung die ich im Alter von acht Jahren machte. Seitdem ich drei bin, habe ich alles auf der Flöte nachgespielt was ich gehört habe. Doch nach einer Weile hatte ich Lust mehr zu erfahren und zur "Flötenschule" zu gehen. "Weißt Du etwas über die Musik?" hat man mich gefragt. Da ich vorher keinen Musikunterreicht hatte, war ich dazu gezwungen, zwei Jahre damit zu verbringen, bevor ich überhaupt wieder ein Musikinstrument anfassen durfte! Seither habe ich ein wenig über die Musiklehre erfahren, doch auch später wurde dies zum Problem mit Rita Mitsouko, als Fred untröstlich war, da ich es sogar ablehnte auch nur die Gitarrenakkorde zu lernen.

AVIVA-Berlin: Einer Ihrer markantesten Lieder La Sorcière et l´Inquisiteur (auf dem Album Cool Frénésie, 2000) erzählt in einer etwas mittelalterlichen Stimmung die Geschichte einer turbulenten Liebe zwischen einer Frau die der Hexerei angeklagt wurde und ihrem Henker. Wie kamen Sie auf diese Geschichte?
Catherine Ringer: Tony Visconti (Produzent der Sparks und David Bowie) und Fred warteten darauf, dass ich die Songtexte zu drei oder vier Liedern des Albums Système D fertig stellte, deren Melodien wir bereits hatten. Ich hatte mich seit zwei Tagen in ein Büro eingeschlossen, in meine Texte eingeschlossen, die ich einfach nicht fertig bekam und war furchtbar ängstlich, da ich bereits viel Papier vollgekritzelt hatte. Ich hielt den Stift mit dem ich rechtshändig schrieb und plötzlich sah ich meine andere Hand wie sie mir sagte "Probier mich mal! Probier mich!" wie in Alice im Wunderland. Das hat mich sofort beruhigt und ich habe langsam angefangen, mit der linken Hand zu schreiben, der Hand des Herzens, des Unbewussten, eine Geschichte die zu mir kam wie ein Flash, eine innere Erleuchtung: diejenige eines Lebens, welches einmal das meine war.

AVIVA-Berlin: Nach dem Tod Ihres Partners haben Sie die Lust am Singen verloren. Dreieinhalb Jahre später ist Ring N´Roll Ihr erstes Soloalbum, und wird einstimmig von den KritikerInnen gelobt für seine Freude, seine verrückte oder chaotische Energie, seine allgegenwärtige Lebenskraft. Aber dieses Album trägt auch eine tiefgründige Melancholie in sich, die man sehr im Song Mahler heraushört, einer intimen und erschütternden Hommage an Fred Chichin. Hat die Tatsache, dass Sie eine öffentliche Person sind und ständig nach Ihrer Trauer gefragt werden, Ihnen geholfen oder im Gegenteil eher belästigt?
Catherine Ringer: Beides gleichzeitig. Dieses Lied hat als Melodie die 5te Symphonie von Mahler, die man in Viscontis Film "Mord in Venedig" vernehmen kann. Aber das ist nicht der Grund meiner Wahl. Es ist einfach eine Melodie die Fred ganz besonders gemocht hat.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank für dieses Interview und viel Glück weiterhin!
Catherine Ringer: Nein, ich bedanke mich bei Ihnen!

Les Rita Mitsouko
1984 : Rita Mitsouko
1986 : The No Comprendo
1988 : Marc & Robert
1993 : Système D
2000 : Cool Frénésie
2002 : La Femme trombone
2007 : Variéty (französische Version) / Variety (englische Version).

Catherine Ringer
2011 : Ring N´Roll

Weitere Infos unter:

www.catherineringer.com
www.myspace.com/ritaspirit


Marcia Baïla

Cool Frénésie

Le petit train

Lesen Sie auch die französische Fassung des AVIVA-Interviews

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Catherine Ringer - Ring n`Roll

Les Rita Mitsouko - Variety


Übersetzung vom Französischen ins Deutsche: Kristina Tencic

Interviews Beitrag vom 27.10.2011 AVIVA-Redaktion 

   




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