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AVIVA-BERLIN.de im November 2017 - Beitrag vom 28.05.2012

Interview mit Marina Belobrovaja
Belobrovaja, Adler

THE DNA-PROJECT basiert auf Interviews mit Jüdinnen und Juden in der Ukraine, Russland, Israel, Deutschland und der Schweiz. Das Thema: Jüdische Identität(en). Die in Zürich lebende Initiatorin ...



...und Künstlerin erhielt mehr als eine überraschende Antwort auf ihre Fragen.

"Bekanntlich haben Wissenschaftler das jüdische Gen entdeckt, das sich von anderen Genen unterscheidet. Es ist zwar nicht zu 100%, aber größtenteils bei allen Juden vorhanden." Efim Kredenzer

AVIVA-Berlin: Deine Publikation THE DNA-PROJECT soll in wenigen Tagen erscheinen. Wie kam es zu diesem Projekt?
Marina Belobrovaja: Im Herbst 2010 erhielt ich eine Einladung der Zürcher Kuratorin Katarina Holländer zur Teilnahme an einer Ausstellung im Jüdischen Museum Hohenems. Der Titel der Ausstellung – das gewisse jüdische etwas – empfand ich als eine Provokation, denn ich fühlte mich sofort an meine jüdische Großmutter erinnert, die an der Physiognomie der Menschen stets zu erkennen vermochte, wer dieses gewisse jüdische Etwas besitzt. Ich sah mich also gezwungen, dem etwas entgegen zu setzen.
Per Zufall entdeckte ich zur selben Zeit eine Zürcher Firma Namens iGenea, die als eine der wenigen AnbieterInnen europaweit auf DNA-Tests spezialisiert ist und deren Online-Werbung ungefähr so lautete: "Sind Sie Jude? Haben Sie jüdische Wurzeln? Gehören Sie zu Levi oder Cohen? Kommen Sie zu uns und wir versuchen, das herauszufinden!" Ich fing an zu recherchieren und erfuhr zu meinem großen Staunen, dass die Tests von iGenea in der Jüdischen Gemeinde Zürichs sehr beliebt sind. Was mich noch mehr provoziert hat. Denn was soll ein solcher Test genau besagen? Aufgrund welcher Merkmale kann die jüdische Zugehörigkeit biologisch feststellbar sein? Und außerdem: Was wollen Menschen, die von sich wissen, dass sie jüdisch sind, dabei genau herausfinden? Sie wissen ja, dass sie jüdisch sind. Es ist nicht zu fassen, dass gerade Juden, deren Geschichte so einschneidend von der Rassentheorie geprägt war, nun diejenigen sind, die solche Angebote konsumieren.
Das Ergebnis eines solchen "Judentests", den ich über mich ergehen ließ, wurde zu meinem Ausstellungsbeitrag.

"Menschen mit einer ausgeprägten nationalen Identität sind sehr gefährlich. Sie schaffen eine Atmosphäre, in der sie selbst stets bereit sind, in den Kampf zu ziehen und ihre Kinder in den Kampf zu schicken." Ilia Romm

AVIVA-Berlin: Und was hat der Gentest ergeben?
Marina Belobrovaja: Das hat mich meine Mutter auch gleich gefragt. Als dann das Testergebnis bei mir ankam, fragte sie: Was steht denn da drin? Und da stand: Urvolk Juden oder Slawen. Und meine Mutter meinte dann: Ach, echt? Haben wir tatsächlich so viel slawisches Blut in uns?! Und das bringt es ja genau auf den Punkt! [lacht]

"Dass es heute ausgerechnet Juden sind, die gerade in Israel diese Idee des reinen Volkes weiter vor sich hertragen und dass sich heute noch Rassisten auf Juden berufen können -. Das finde ich den traurigsten Teil der Geschichte." Hanno Loewy

AVIVA-Berlin: Der Gentest lieferte ja erst den Anstoß für das eigentliche Projekt. Wie ging es weiter?
Marina Belobrovaja: Nicht zuletzt die spontane Reaktion meiner Mutter machte mir die Notwendigkeit einer Fortsetzung des Projekts deutlich. Ich wollte nun meine Entdeckung dieser kontroversen Geschichte mit iGenea als Anlass nehmen, um die vielen Deutungen der jüdischen Identität in ihrer ganzen ungelösten Widersprüchlichkeit: zwischen atheistisch und religiös mit den verschiedenen dazugehörigen Abstufungen, zwischen einer kulturellen Zugehörigkeit und einer naturgegebenen, in den Körper eingeschriebenen Eigenschaft, zwischen israelischen JüdInnen und denjenigen, die in der Diaspora leben oder zwischen den Übergetretenen und den Ausgetretenen auf einander prallen zu lassen.
Die Projektidee war sehr einfach. Es sollten Interviews mit verschiedensten Menschen geführt werden, die sich in irgendeiner Art und Weise dem Judentum zugehörig fühlen. Die Abfolge der Gespräche sollte als eine Kette funktionieren, das heißt, dass ich die erste war, deren Überlegungen zum Thema auf Video aufgenommen wurden. Mit diesem kurzen Statement ging ich zur nächsten Person in der Kette, führte ihr die Aufnahme vor, bat sie, darauf einzugehen und nahm ihre Reaktion wiederum auf Video auf. Der Zusammenschnitt dieser Aufnahme zeigte ich dann der nächsten Person und so weiter.

"Die jüdische Realität heute ist eine Anomalie: Das Judentum basiert zwar auf dem Alten Testament, aber die Mehrheit der Juden befolgt es nicht." Moshe Binder

AVIVA-Berlin: Wie hast du deine GesprächspartnerInnen ausgesucht?
Marina Belobrovaja: Es war von Anfang an klar, dass es mir nicht um eine repräsentative soziologische Untersuchung geht, sondern um einen subjektiven Ausschnitt, um die persönlichen Entwürfe, Haltungen und Einstellungen der portraitierten Personen.
In seiner Anlage hätte das Projekt ja eigentlich kein Ende und könnte beliebig weiter fortgesetzt werden. Also beschloss ich, die Geographie der Begegnungen autobiographisch, also auf die Ukraine, Russland, Israel, Deutschland und die Schweiz einzugrenzen.

"Ich bin Israeli, so steht es halt in meinem Pass. Ich bin hier geboren. Ich hasse den Ort. Ich ersticke hier. Aber ich hatte keine Wahl. Ich träume davon, dass hier ein normaler Ort wäre." Joav Beirach

AVIVA-Berlin: Wie sind die Gespräche verlaufen?
Marina Belobrovaja: Ich entschied zwar, auf das Fragenstellen zu verzichten, was jedoch nicht bedeutet, dass damit jegliche Manipulation meinerseits vermieden werden sollte. Ganz im Gegenteil! Natürlich hatte das ganze Vorhaben eine versteckte Dramaturgie. Denn die Abfolge der Gespräche bestimmte ich und einige Male kam es tatsächlich dazu, dass ich die anfangs vorgesehene Reihenfolge der Treffen kurzfristig ändern musste, da es auf einmal nicht funktionierte, nicht kontrovers genug war. Die ersten Interviews, die ich in Israel durchführte, waren extrem konfliktgeladen – was ich in meiner künstlerischen Arbeit eigentlich immer sehr gerne nutze. Aber hier merkte ich schnell, dass ich unbedingt auch Zwischentöne einfließen lassen muss, sonst wird das Ganze sehr plakativ und der Komplexität, die ich abzubilden suchte, nicht gerecht.

"Ich muss gestehen, dass mich das Ganze etwas irritiert. Hier geht es um Traditionen und Ideale, die meiner linken, feministisch geprägten Umgebung total widersprechen: wie etwa die Herkunft oder das Blut." Johanna Lier

AVIVA-Berlin: Lassen sich deiner Meinung nach, nachdem die 45 Interviews in den 5 Ländern nun gemacht sind, bestimmte thematische Schwerpunkte oder auch kulturelle Besonderheiten erkennen, die für die ProtagonistInnen in den jeweiligen Ländern charakteristisch sind?
Marina Belobrovaja: Ja, absolut! [lacht] Wenn man in Israel den Begriff der jüdischen Identität anspricht, landet man in kürzester Zeit beim Israel-Palästina-Konflikt, während sich meine GesprächspartnerInnen in Deutschland vielmehr mit der eigenen gesellschaftliche Rolle als Jüdin oder Jude befassen und der Holocaust in ihren Statements generationenunabhängig deutlich präsenter ist als anderswo. In der Schweiz zeigt sich vorwiegend ein Blick nach Innen. Es geht um eine innere Zerrissenheit, Rastlosigkeit, Fremdheit. In der Ukraine und Russland hingegen, wo man noch bis vor einigen Jahrzehnten überhaupt keinen Bezug zur Religion hatte, nahm die Rückkehr zum Religiösen bei allen Glaubensrichtungen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion rasant zu. Der Begriff der jüdischen Identität verstanden meine GesprächspartnerInnen dort vorwiegend religiös und spirituell, was auf mich angesichts der sehr schwierigen Existenzbedingungen vor Ort oft kompensatorisch wirkte.

"Ich will mich ja auch mal über andere Themen unterhalten und nicht die Berufsjüdin sein." Sharon Adler

AVIVA-Berlin: Nun liegt die Interviewkette in Form einer zweisprachigen (Englisch/Deutsch) Publikation vor. Wie geht es weiter?
Marina Belobrovaja: Die erste Präsentation des Buchs findet am 14. Juli im Jüdischen Museum Hohenems statt. Dieser Ort ist in vielerlei Hinsicht gut für die Premiere geeignet. Zum einen lieferten Hanno Loewy, Direktor des Museums und Katarina Holländer, Autorin und Kuratorin der Ausstellung "das gewisse jüdische etwas", die Initialzündung für das Projekt. Zum anderen ist der Bucher Verlag, in dem das Buch herausgebracht wird, ebenfalls in Hohenems zuhause. Außerdem bietet die aktuelle Ausstellung des Museums "Was Sie schon immer über Juden wissen wollten... aber nie zu fragen wagten", in deren Rahmen die Präsentation stattfindet und Ausschnitten aus den Videointerviews gezeigt werden, einen inhaltlich gut passenden Rahmen hierfür. Weitere Präsentationen in Berlin, Zürich und Wien sind bereits in Planung.



THE DNA-PROJECT
Marina Belobrovaja (Hg.)

Übersetzung: Sascha Hosters und Johannes Kleine
Lektorat: Cornelia Wieczorek, Peter Natter
Gestaltung: Nora Cista + Jane Gebel / www.tarzanundjane.ch
Druck: BUCHER Druck, Hohenems
ISBN 978-3-99018-119-5

Ab 14.06.2012 im Handel oder direkt beim Verlag zu bestellen: quintessence.at

Marina Belobrovaja ist 1976 in Kiew (UdSSR) geboren. Nach ihrer Emigration nach Israel und der späteren Übersiedlung nach Deutschland studierte sie Bildende Kunst (1998 – 2004) und Kunstvermittlung (2004 – 2007) an der Universität der Künste in Berlin und an der Zürcher Hochschule der Künste. Sie konzentriert sich heute vorwiegend auf Performance. Ihre Aktionen thematisieren auf provokative und zugleich spielerische Weise politische und soziale Phänomene. Sie lebt in Zürich.
Weitere Informationen unter:
www.marinabelobrovaja.ch



Interviews Beitrag vom 28.05.2012 AVIVA-Redaktion 

   




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