Interview mit Wlada Kolosowa - Russland to go. Eine ungeübte Russin auf Reisen - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 05.09.2012

Interview mit Wlada Kolosowa - Russland to go. Eine ungeübte Russin auf Reisen
Dana Strohscheer

Anlässlich des Erscheinens ihrer Reiseerfahrungen in Buchform sprach AVIVA-Berlin mit der Autorin und Bloggerin im e-Interview über Fahrten in die russische Provinz, deutsche Familiennamen und ...



... unterschiedliche gesellschaftliche Eigenarten.

AVIVA-Berlin: Guten Tag Frau Kolosowa, vor Kurzem ist ihr Buch "Russland to go" erschienen - wie fühlt es sich an, das erste eigene Buch in den Händen zu halten?
Wlada Kolosowa: Um ehrlich zu sein, fühle ich mich nicht sehr anders als zuvor. Nach dem ersten "Bow wow wow yippie yo yippie yeah!" war alles wie immer. Nur dass ich beim Prokrastinieren zusätzlich zum obsessiven Emailchecken alle paar Minuten mein Amazon-Ranking nachschaue.

AVIVA-Berlin: Im Alter von zwölf Jahren sind Sie mit ihrer Mutter aus der damaligen Sowjetunion nach Deutschland übergesiedelt. Zwölf Jahre später packen Sie ihren Rucksack und machen sich auf eine mehrmonatige Tour durch Russland. Im Untertitel bezeichnen Sie sich als "eine ungeübte Russin auf Reisen". War es als eine Reise zu den eigenen Wurzeln geplant oder hatte Sie die Lust am Abenteuer gepackt?
Wlada Kolosowa: Beides. Natürlich wollte ich etwas erleben. Uni war vorbei und bevor der nächste Lebensschritt losgeht sollte unbedingt etwas ganz Großes passieren. Ich habe Russland aber nicht zufällig als Reiseziel ausgewählt. Mir war es fast peinlich: Das Land stellt meinen Pass aus, dort verbrachte ich die Hälfte meines Lebens und kenne in Russland aber nur vier Städte. Ohne die Russlandreise wäre es so, als hätte ich die ersten Seiten meiner eigenen Biographie nie gelesen.

AVIVA-Berlin: Sehr amüsant und anschaulich beschreiben Sie, wie unterschiedlich die Reaktionen ihrer deutschen FreundInnen und russischen Verwandten auf Ihre Pläne ausfielen: Die FreundInnen klopften Ihnen anerkennend auf die Schulter, die Familienmitglieder tippten sich an die Stirn, als herauskam, dass Sie auch die russische Provinz bereisen wollen. Worauf gründen sich Ihrer Meinung nach die unterschiedlichen Reaktionen?
Wlada Kolosowa: Die meisten Deutschen tendieren dazu, Russland zu romantisieren. Und Verwandte haben es nun mal an sich, sich sehr viele Sorgen zu machen. Außerdem fürchteten sie, dass die Umgebung mich für eine "echte" Russin hält und mir die Kenntnisse einer Einheimischen abverlangt. Schließlich spreche ich die Landessprache, sehe russisch aus und habe den russischen Pass. Dabei war ich eher eine Touristin im eigenen Land, und eine ziemlich planlose dazu.

AVIVA-Berlin: Sie schreiben davon, wie Sie als Teenager in der neuen Umgebung gern einen unscheinbaren deutschen Nachnamen gehabt hätten und wie fremd Ihnen die gängige Jugendkultur war. Auf der anderen Seite ist Ihnen in den darauffolgenden Jahren auch die russische Umgangssprache etwas verloren gegangen. Konnten Sie auf Ihrer Reise einiges nachholen?
Wlada Kolosowa: Oh ja! Ich habe viel gelernt: "Hirn pudern" – jemanden veräppeln, "Mädchen kleben" – Frauen anbaggern, "die Lippe ausrollen" – naiverweise etwas Gutes erwarten. Mein Lieblingswort war "sich wursten" – also exzessiv feiern, oder einen schlechten Trip haben.

AVIVA-Berlin: Glauben Sie, dass soziale Netzwerke dazu beitragen, diese Art von Verlusten für junge Leute, die in ein anderes Land ziehen, abzumildern?
Wlada Kolosowa: Auf jeden Fall. Der Griff zu Facebook ist schneller als der Griff zu Stift und Briefpapier. Skype hat telefonieren sehr viel einfacher gemacht, auch wenn meine Oma sich noch etwas vor dem Internettelefon fürchtet. Was Web 2.0 aber nicht leisten kann, ist die Lust an den Kontakten aus der Heimat und zur Kultur des Ursprungslandes zu erhalten.

AVIVA-Berlin: Während Ihrer Reise sind Sie als "Couchsurferin" unterwegs gewesen, auch dies durch Verabredungen per Internet möglich. Ist das eine neue Form des Trampens, mit Reservierung?
Wlada Kolosowa: Ich würde sagen: Trampen ist viel zielbezogener. Du steigst ein, manchmal mag man sich, manchmal nicht, am Zielpunkt sagt man `Tschüss´. Couchsurfer sind eher Freunde auf Vorschuss – man lädt nur Menschen ein, von denen man annimmt, dass man miteinander gut auskommt. Die Seite funktioniert wie ein "Matchmaking-Service": Wer Besuch mag, bietet Couch, Bett oder ein Stück Boden an, um die Isomatte auszurollen. Reisende browsen dann durch die Profile und schreiben potentielle Gastgeber an. Eigentlich hat man schon vor der Übernachtung ziemlich gute Vorstellungen von der Person. Und bleibt danach oft im Kontakt.

AVIVA-Berlin: Auch eine andere junge Autorin mit russisch-deutschen Wurzeln hat dieses Jahr ihr Debüt, allerdings in Romanform, veröffentlicht - Olga Grjasnowa mit "Der Russe ist einer, der Birken liebt". Auch darin geht es um eine junge Frau auf der Suche nach der eigenen Identität wenn auch literarisch verfremdet. Glauben Sie, dass sich hier Ihre Generation Gehör verschafft, die bisher nicht wahrgenommen wurde?
Wlada Kolosowa: Zumindest glaube ich, dass Menschen mit Wurzeln in einer anderen Kultur sich nicht mehr dafür schämen, sondern stolz auf sie sind oder zumindest den Hunger verspüren, sie zu erkunden und zu verarbeiten.

AVIVA-Berlin: Bei der Lektüre Ihrer Reiseerfahrungen fällt wohltuend auf, dass Sie sich jenseits stereotyper Zuschreibungen bewegen und versuchen, diese aufzubrechen. Bei Ihnen kommen weder Balalaika-Musik noch wodkagestählte junge RussInnen vor, die sich bis zur Besinnungslosigkeit betrinken. Haben Sie bewusst darauf verzichtet oder sind Ihnen diese Dinge einfach nicht begegnet?
Wlada Kolosowa: Sie sind mir nicht begegnet. Möglicherweise habe ich aber auch einfach nicht so sehr nach Ihnen gesucht, wie jemand der das Land anhand solcher Stereotype erkundet. Je mehr man mit den Einheimischen ins Gespräch kommt, desto weniger ist man für Klischees anfällig. Puren Wodka habe ich kein einziges Mal mit meinen Gleichaltrigen getrunken, eher Bier und Tee. Balalaikas werden meistens nur in Fußgängerunterführungen gespielt. Vorzugsweise in der Nähe von Bahnhöfen und Sehenswürdigkeiten, wo sich Touristen tummeln.

AVIVA-Berlin: Ich zitiere kurz aus Ihrem Buch: "Ich glaube an Schlangestehen und elektronische Tickets. Ich trinke Wasser aus der Leitung, was kein Russe tun würde. Ich lerne Menschen auf der Straße kennen. Bisher hat die Welt ganz gut nach diesen Spielregeln funktioniert. Kriege ich es hin, neue zu lernen?" - und, haben Sie es hinbekommen?
Wlada Kolosowa: Ich habe zum Beispiel russische Entspanntheit gelernt – im Umgang mit Dingen, die nicht funktionieren, sowie im Umgang mit Gesetzen. "Die Härte der Regel wird mit ihrer Nichteinhaltung kompensiert!" sagt man in meiner Heimat. Anderseits werde ich mir einige Dinge wohl nie aneignen: Diesen russischen `Autoritätston´, der einem Dinge schnell verschafft. Oder ohne zu schwanken in Pfennigabsätzen zu laufen. Oder wie ich mich in Augen meiner russischen Verwandtschaft "ordentlich" anziehe und ob ich dafür zunehmen oder abnehmen soll. Am Esstisch bin ich immer zu dünn. Ein paar Stunden später aber wieder zu dick, wenn es darum geht, mich in ein drei Nummer zu kleines Kleid zu quetschen, das meine Weiblichkeit vorteilhaft zum Markte tragen soll.

AVIVA-Berlin: Sie sind Bloggerin, freie Journalistin und nun Buchautorin. Welche Projekte stehen demnächst an? Ist die nächste Russland-Reise schon geplant, oder soll es erst einmal woanders hingehen?
Wlada Kolosowa: Im Sommer war ich auf der ganzen Welt unterwegs: Ich habe Iran, China, Brasilien, Südostasien und viele andere Länder bereist. Überall habe ich Liebesgeschichten gesammelt. Was daraus wird, habe ich noch nicht ganz entschieden. Und in ein paar Wochen ziehe ich nach New York. Dort werde ich Kreatives Schreiben an der NYU studieren.

AVIVA-Berlin: Dann Ihnen alles Gute und vielen Dank für das Interview!


Wlada Kolosowa ist 25 Jahre alt und lebt in Berlin. Ihre Teenagerzeit verbrachte sie in Ulm und zog zum Studium in die Hauptstadt. An der Freien Universität studierte sie Publizistik und im Nebenfach Politik, zusätzlich an der Fernuniversität Hagen Psychologie. Sie veröffentlichte Artikel und Reportagen bei jetzt.de, dem Tagesspiegel und der Süddeutschen Zeitung. 2011 reiste sie durch Russland und verfasste darüber einen Blog auf SPIEGEL-ONLINE. Dafür wählte sie das medium-Magazin zu den Top 30 bis 30NachwuchsjournalistInnen des Jahres 2011. Momentan arbeitet Wlada Kosolowa als freie Journalistin und schreibt für SPIEGEL-Online.
(Quelle: Verlagsinformationen)

Weitere Infos unter: www.wladakolosowa.de



Wlada Kolosowa
Russland to go
Eine ungeübte Russin auf Reisen

Goldmann Verlag (Random House Verlagsgruppe), erschienen 16. Juli 2012
Broschiert, 256 Seiten
ISBN: 978-3442157143
8,99 Euro
www.randomhouse.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Interview mit Olga Grjasnowa über ihr Buch "Der Russe ist einer, der Birken liebt" vom Mai 2012

Merle Hilbk - Die Chaussee der Enthusiasten

Interviews Beitrag vom 05.09.2012 Dana Strohscheer 

   




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