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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2016 - Beitrag vom 22.04.2013

Interview mit Danielle de Picciotto
Claire Horst

We are Gypsies Now – Der Buchtitel sagt alles: Die Autorin, Multimedia-Künstlerin, Musikerin und Filmemacherin de Picciotto beschreibt in ihrem kürzlich erschienenen Graphic Diary das Experiment,..



... auf einen festen Wohnsitz zu verzichten und sich auf die Suche nach einem neuen Lebensmittelpunkt, aber auch nach dem eigenen Selbst zu begeben.

Seit Mitte der achtziger Jahre lebt Danielle de Picciotto in Berlin, gründet die Love Parade mit, veranstaltet Events und Ausstellungen, macht Musik und Kunst, oft in Kooperation mit anderen KünstlerInnen. Trotz ihres Erfolgs können sie und ihr Partner Alexander Hacke, Bassist der Einstürzenden Neubauten, von ihrer Kunst nur leben, weil sie kaum jemals zu Hause sind – ständig auf der Reise, um Aufträge einzuholen, zu touren oder irgendein Stipendium zu nutzen, haben sie wenig von der Stadt, die sie eigentlich zum Leben gewählt haben.

Im Jahr 2010 entschließen sie sich, das gemeinsame Haus in Berlin zu verkaufen und sich auf die Reise nach einem Ort zu begeben, an dem sie von ihrer Kunst leben können, ohne ständig unterwegs zu sein. Über diese Suche hat Danielle de Picciotto ein großartiges Buch geschrieben und gezeichnet, das jetzt im Metrolit-Verlag erschienen ist. Mit AVIVA-Berlin hat sie sich über das Buch unterhalten.

AVIVA-Berlin: Für wen hast du das Buch gemacht?
Danielle de Picciotto: Ursprünglich wollte ich nur ein gezeichnetes Tagebuch machen, als Übung, um jeden Tag etwas zu zeichnen. Ich war unsicher, ob ich es veröffentlichen soll, weil es so eine persönliche Sache ist. Und dann habe ich gemerkt, dass es vielen Leuten gleich geht. Es geht ja nicht nur um KünstlerInnen, sondern darum sich zu öffnen, neue Wege zu finden. Den Mut zu haben, ins kalte Wasser zu springen, wenn man das Gefühl hat, dass man statisch geworden und nicht glücklich ist, kann einem Neues bringen, was man niemals erwartet hätte.

AVIVA-Berlin: Du bist in den USA aufgewachsen und in den achtziger Jahren nach Berlin gekommen. Warum hast du dich damals dazu entschlossen?
Danielle de Picciotto: Ich bin damals für zwei Wochen aus New York gekommen, um eine Freundin zu besuchen, und einfach dageblieben. Mich hat fasziniert, dass es nicht so gefährlich war wie New York, dass die Mieten so niedrig waren, und dass es so kreativ war. Ich habe eine große Gruppe von Künstlermenschen kennengelernt – es war wie im Himmel, wie ein KünstlerInnenparadies.

AVIVA-Berlin: In deinem Buch geht es viel um die prekäre Lebenssituation in Berlin. Du hast gerade gesagt, auch damals war Berlin schon sehr preiswert und sehr kreativ. Siehst du heute eine Verschärfung in dem Sinne, dass man zwar kreativ sein, aber nicht mehr davon leben kann?
Danielle de Picciotto: Es war komplett anders. Erstens war Berlin ja subventioniert als Inselstadt, es gab unglaublich viel Unterstützung für KünstlerInnen, sodass es wesentlich einfacher war, Projekte oder Stipendien zu bekommen. Abgesehen davon war es eben so preiswert, dass man mit ein bisschen Geld wirklich weit kommen konnte. Ich habe zusammen mit fünf anderen Leuten in einer Fabriketage von 400 Quadratmetern gewohnt, das hat mich hundert Mark gekostet. Dadurch war auch die Atmosphäre eine andere: Es ging viel mehr darum, im Schulterschluss idealistische Sachen zusammen zu machen. Egal, wo man hingegangen ist, sind Sachen passiert, die einfach so aus Spaß an Kreativität gemacht wurden. Heutzutage ist es eine Partystadt geworden, aber die Kreativität, die es damals gab, sieht man nicht mehr. Jetzt kann im Prinzip jeder froh sein, wenn er einen Job kriegt, und dadurch gibt es eine Riesenkonkurrenz.

AVIVA-Berlin: Gibt es heute noch Netzwerke für dich, die diese Konkurrenzsituation ein bisschen aufwiegen?
Danielle de Picciotto: Es gibt natürlich schon noch Netzwerke wie zum Beispiel das Haus Schwarzenberg mit der Galerie Neurotitan und dem Eschloraque. Das sind Orte, die immer noch sehr idealistisch KünstlerInnen unterstützen, Ausstellungen ermöglichen oder Konzerte. Ich versuche ein Netzwerk aufrechtzuerhalten, indem ich regelmäßig Ausstellungen und Events organisiere, indem ich andere KünstlerInnen einlade, sich zu beteiligen. Dafür gibt es allerdings keine Finanzierung.

AVIVA-Berlin: In deinem Buch beschreibst du eure lange Reise auf der Suche nach einem Ort, wo das noch anders ist – wart ihr erfolgreich?
Danielle de Picciotto: Österreich zum Beispiel hat ein unglaublich starkes Subventionierungssystem, allerdings nur für ÖsterreicherInnen. So etwas hätte ich mir für Berlin immer gewünscht. Diese Stadt lebt so sehr von der Kreativität, dass es eine stärkere Unterstützung geben sollte. Das Problem der Gewinnorientierung gibt es aber überall. Sie erlaubt keine großartigen Unterstützungsmöglichkeiten für Sachen, die eventuell keinen Gewinn bringen. Im Musikbereich merkt man ganz extrem, dass nur noch gerechnet wird, wie viele Plätze eine Band füllt. Davon kann kaum jemand überleben. In unserer Band Crime and the City Solution sind wir acht Leute. Für uns ist es eigentlich unmöglich zu touren, weil keiner bereit ist, genug Geld zu bezahlen. Deswegen gibt es auch heute kaum noch große Bands. Eine Erkenntnis aus meinem Buch war, dass das kein reines Berlinproblem ist, sondern eine weltweite Entwicklung.

AVIVA-Berlin: Ist es nicht ein Armutszeugnis für Berlin, wenn kreative Leute gehen müssen, weil sie hier nicht überleben können?
Danielle de Picciotto: Das Interessante ist, dass sich jetzt hier auch neue Sachen auftun. Ich habe jetzt einen Berliner Verlag und einen Berliner Agenten. Aber wir wollen schon einen Ort finden, an dem wir wenigstens die Hälfte der Zeit sein und Geld verdienen können.

AVIVA-Berlin: Hat die Veränderung Berlins nicht auch etwas Positives? Es kommen ja immer noch sehr viele kreative Leute hierher.
Danielle de Picciotto: Es ist nach wie vor eine extrem offene und kreative Stadt. Anderswo kann man nicht so frei sein, weil das Interesse des Publikums gar nicht vorhanden ist. In Berlin bleibt es dafür ziemlich ideell. Ich habe hier eigentlich nie Geld verdient. Drei oder vier Mal im Jahr habe ich Ausstellungen gemacht, aber die Leute wollen dann umsonst rein oder Bilder billiger kaufen. Geld kannst du hier nicht verdienen, aber du hast die Möglichkeit, selber Sachen auf die Beine zu stellen. Deswegen sind wir so lange hiergeblieben: Die Leute, die hier leben, sind super. Ich habe immer Gefühl, es gibt zu viele KünstlerInnen und zu wenige ManagerInnen, zu wenige Leute, die Interesse haben, Kultur profitabel zu machen, indem sie die KünstlerInnen unterstützen. Wenn man die Kultur nicht füttert, dann stirbt sie.

AVIVA-Berlin: Gab es Leute, die dich gefördert haben, als du angefangen hast?
Danielle de Picciotto: Einer, der mich sehr gefördert hat, war Dimitri Hegemann vom Tresor. Er hat mir Räume angeboten, um Ausstellungen oder Installationen zu machen. Er hat auch einmal im Jahr einem Künstler oder einer Künstlerin ein Stipendium ausgezahlt, die er herausragend fand. Zwei KünstlerInnen hat er regelmäßig die Miete bezahlt. Der war ein richtiger Mäzen.

AVIVA-Berlin: Wenn eine Künstlerin heute neu anfangen würde: Welche Tipps würdest du ihr geben, um erfolgreich zu sein?
Danielle de Picciotto: Um ehrlich zu sein, ich würde jeder raten, eine gute Galerie zu kriegen. Das autonome Selbstmachen ist sehr eingegrenzt, weil man dadurch außerhalb des Kunstbetriebs bleibt und immer abhängig von FreundInnen ist, die die Kunst kaufen. Wenn man keine Galerie hat, keine ernsthaften SammlerInnen, die sagen, dass du es wert bist zu investieren, verläuft es sich irgendwann. Das ist eine schwere Erkenntnis, weil ich jahrelang unabhängig sein, mich nicht eingrenzen lassen wollte. Aber so wird man nicht ernstgenommen. Das sehe ich auch an den anderen autonomen KünstlerInnen, mit denen ich seit den Achtzigern arbeite. Weitergekommen sind die, die eine Galerie hatten.

AVIVA-Berlin: Trotz aller Schwierigkeiten, von denen du erzählst, setzt du unglaublich viele Projekte um. Was stärkt dich so, dass du trotz allem immer weitermachst?
Danielle de Picciotto: An erster Stelle deshalb, weil es das einzige ist, was mich wirklich glücklich macht. Am glücklichsten bin ich, wenn ich Projekte mit Leuten zusammen mache. Für mich ist das die Quintessenz von Freundschaft, der Austausch mit Menschen. Wenn es einen nicht glücklich macht, sollte man es gleich sein lassen. Dafür ist der Weg zu hart. Wenn man KünstlerIn ist, gibt es grundsätzlich immer Hochs und Tiefs. Auch wenn man erfolgreich ist, stellt man sich immer wieder in Frage. Wenn die Sache einen nicht so glücklich macht, dass es das aufwiegt, sollte man es nicht machen. Deshalb ist es mir auch so wichtig, meine Kunst ohne Nebenjobs machen zu können. Bis 1995 habe ich jede Nacht in Clubs gearbeitet. Das nimmt einem die Energie, sich hundertprozentig dem zu widmen, was man eigentlich tun will. Ich kenne viele Leute, die zwei Drittel ihrer Zeit mit Nebenjobs verbringen müssen, um überleben zu können. Auch wenn man sehr gut ist, reicht das eine Drittel nicht, um die eigene Kunst wirklich zufriedenstellend zu machen.
Ich habe das Buch auch geschrieben, um darauf aufmerksam zu machen: Es muss ein größeres Bewusstsein dafür geben, dass Kunst irgendwann verschwinden wird, wenn man nicht davon leben kann. Wir sind erfolgreich und können nur mit Not überleben, wie geht es dann erst anderen, die nicht so erfolgreich sind? Meine Idee am Ende des Buches war es daher, neue Netzwerke zu kreieren. Eine Möglichkeit ist, dass KünstlerInnen eigene Kulturorte gründen, wie die MeetFactory in Prag, wie früher das Tacheles.

AVIVA-Berlin: Gibt es KünstlerInnen, die dich besonders inspirieren?
Danielle de Picciotto: In Detroit hat mich das Heidelberg Project sehr beeindruckt. Detroit ist eine komplett verwüstete, menschenleere, arme Stadt. Eine gesamte Straße dort haben Leute mit gefundenen Objekten gestaltet, die Häuser angemalt und Installationen gemacht mit all dem, was da rumlag, ein Haus ist komplett mit Stofftieren behängt, es gibt Schuhe als Blumentöpfe. Sie lassen sich nicht unterkriegen, auch wenn es einsam und leer und arm ist, sie machen trotzdem ihre Kunst. Das hat mich beeindruckt. Das sind die Gedanken, die ich für Berlin immer so kennzeichnend fand: sich selber neu zu erfinden und trotz allem weiterzubewegen. Das hat mir wieder Kraft gegeben weiterzumachen.

AVIVA-Berlin: Gibt es in Berlin auch eine Person oder ein Projekt, das du toll findest?
Danielle de Picciotto: Nach wie vor finde ich das Haus Schwarzenberg sehr wichtig. Es ist eine der wenigen Instanzen, die nicht profitorientiert arbeiten, sondern für alle möglichen KünstlerInnen viel Unterstützung leisten. Und auch die arbeiten sehr viel für sehr wenig Geld. Martin Eder finde ich toll, er ist international sehr erfolgreich, macht aber immer Projekte, bei denen er alle möglichen Leute einbezieht und nicht nur seine Karriere bedenkt. Ich denke, der einzige Weg zum Erfolg ist, sein eigenes Ding zu machen und andererseits auch andere Sachen mit zu unterstützen. So nährt man den Kulturboden. Man gießt den Garten, während die Blumen wachsen.

AVIVA-Berlin: Auf was bist du besonders stolz, wenn du zurückblickst?
Danielle de Picciotto: Auf der Reise ist mir aufgefallen, dass die Entwicklung der Weg ist. Die Reise ist eine innerliche: Man merkt, dass man eigentlich überall glücklich sein könnte. Es geht darum, mit dem, was man hat, so umzugehen, dass es für einen selber förderlich ist. Es kommt auf die innere Haltung an. Stolz kann ich nicht sagen, aber ich bin glücklich, dass ich mich anscheinend immer weiterentwickle. Ich beschäftige mich mit anderen Sachen als vor zehn Jahren, und mit mir entwickelt sich auch meine Arbeit weiter. Heute bin ich mit meiner Arbeit zufriedener als vor fünf Jahren.

AVIVA-Berlin: Was würdest du gern noch machen, das du noch nie gemacht hast?
Danielle de Picciotto: Ich habe in den letzten drei Jahren viel von dem gemacht, was ich immer machen wollte. Ich bin viel glücklicher als vor drei Jahren, als ich das Haus aufgegeben habe, obwohl ich immer noch kein richtiges Zuhause habe. Es hat mich glücklich gemacht, mich von dem zu trennen, was mich festgehalten hat. Vor kurzem habe ich gedacht, jetzt würde ich glücklich sterben, ohne das Gefühl, etwas verpasst zu haben.
Aber ich würde gern einen Kulturort gründen, eine kleine Welt, in der keine Profitorientierung herrscht. In der zwar Geld generiert wird, aber mit den Sachen, die man machen möchte, mit anderen Leuten zusammen, einen Ort, der erfolgreich ideell ist.

AVIVA-Berlin: Am 25. April gibt es eine Buchrelease-Veranstaltung im Fluxbau. Was erwartet uns da?
Danielle de Picciotto: Alexander und ich werden ein paar Kapitel aus dem Buch vorstellen. Ich werde lesen und die Zeichnungen animiert zeigen. Zwischen den Kapiteln macht Alexander allein Musik oder wir beide zusammen, und während ich lese, macht er Soundscapes - also eine Multimedia-Veranstaltung.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für dein Buch und deine weiteren Projekte!

Danielle de Picciotto im Netz: www.danielledepicciotto.com

Danielle de Picciotto
We are Gypsies now. Der Weg ins Ungewisse

240 Seiten / 4-farbig
ISBN 978-3-8493-0047-0
Metrolit Verlag. Erscheinungsdatum: März 2013
22,99 Euro
metrolit.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Danielle De Picciotto - The Beauty of Transgression. A Berlin Memoir

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Interviews Beitrag vom 22.04.2013 Claire Horst 

   




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