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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 29.10.2013

Ich habe sehr viel Energie, die ich geben möchte - Interview mit Olga Kholodnaia, Geigerin und Straßenmusikerin
Karmela Neiburger

Die aus Russland stammende Musikerin und Komponistin verbindet in ihrem Debutalbum "Night in Istanbul" Klassik mit modernen Rhythmen. Im Gespräch mit AVIVA spricht sie über Herausforderungen und ...



... darüber, was Erfolg für sie bedeutet.

Olga Kholodnaia ist in Russland geboren und aufgewachsen. Im Alter von drei Jahren besuchte sie einen Malkurs, mit vier verlangte sie von den Eltern, ProgrammiererInnen, eine Geige, mit fünf besuchte sie eine Musikschule. Als sie zwölf Jahre alt war, übersiedelte ihre Familie nach Deutschland. In München setzte sie ihre Musiklehre am Richard-Strauss-Konservatorium fort, mit vierzehn sammelte sie ihre ersten Erfahrungen als Straßenmusikerin und bereiste mit ihrer Geige mehr als zehn Länder. Mit fünfzehn machte sie die ersten Studio-Jobs, spielte in der Jungen Münchner Philharmonie. Ein Jahr später ging sie nach England und beendete dort die Schule. Gleichzeitig begann sie, mit unterschiedlichen Musikstilen zu experimentieren.

Seit 2011 lebt sie in Berlin. Hier komponiert sie und arbeitet an ihrem Projekt "OlgaShow", ein Trio, das aus Olga Kholodnaia (Geige, fx. Loops), Marino Colina (Trommel) und Raul Marcos (Bass) besteht. 2013 veröffentlichten die drei MusikerInnen ihr erstes Album, "Night in Istanbul". Die klassischen Stücke von Borodin, Vivaldi, Rossini, Ravel, Piazzolla und Bach werden darin durch Einflüsse aus Rock, Fusion, Drum and Bass von ihnen neu interpretiert. Eine Mischung aus Dynamik und Melancholie, Getragenheit und modernem Rhythmus gibt der Musik einen besonderen süd-östlichen Klang.

Vor zwei Tagen hat die im sechsten Monat schwangere Künstlerin vor 2.000 Menschen vier Stunden lang gespielt. AVIVA-Berlin sprach mit ihr über das Leben als Straßenmusikerin, die "OlgaShow" und über die östlichen Motive der "Night in Istanbul".

AVIVA-Berlin: Auf deiner Internetseite erzählst du, dass du im Alter von vier Jahren deine Eltern dazu gebracht hast, dir eine Geige zu kaufen. Woher kommt diese Neigung?
Olga Kholodnaia: Ich weiß es ehrlich gesagt nicht... Ich wollte es unbedingt.

AVIVA-Berlin: Könntest du dir vorstellen, ein anderes Instrument zu spielen?
Olga Kholodnaia: Als ich fünfzehn Jahre alt war, habe ich auch ein halbes Jahr probiert, Kontrabass zu spielen. Damals dachte ich, das wäre ganz schick, wenn ich im Minirock Kontrabass spiele: Dann mache ich bestimmt ein Häufchen Geld. Aber das ging nicht. Nein, Geigerin ist etwas, was einfach ein Teil von mir ist.

AVIVA-Berlin: Wurdest du früher nicht als ein seltsames Kind angesehen, das freiwillig stundenlang Geige spielt?
Olga Kholodnaia: Es ist nicht so, dass ich nur und vor allem freiwillig Geige gespielt habe. Das richtig freiwillige Üben kam bei mir mit dreizehn Jahren oder so... Ja, natürlich wollte ich spielen, aber mit vier oder fünf weiß man nicht, was das wirklich bedeutet. Da muss ich meinen Vater sehr danken, der mich sehr dabei unterstützt hat, dran zu bleiben. Am Anfang hat er versucht, mir das auszureden, aber als ich in der Musikschule war stand er sehr hinter mir.

AVIVA-Berlin: Mit zwölf Jahren bist du mit deinen Eltern aus Russland nach Deutschland eingewandert. Welche Auswirkungen hat die Umsiedlung auf dein Leben gehabt?
Olga Kholodnaia: Es war natürlich damals ein sehr großer Wandel für mich. Wobei ich nicht sagen kann, wie mein Leben in Russland verlaufen wäre. Am meisten tat mir weh, dass ich nicht mehr bei meiner ersten Geigenlehrerin im Unterricht sein konnte. Und natürlich musste ich alle meine Freunde zurück lassen und hier eine neue Sprache lernen. Und das war genau zu der Zeit, als ich in die Pubertät gekommen bin...

AVIVA-Berlin: War das schwierig?
Olga Kholodnaia: Ja, für meine Eltern war ich eine Katastrophe. Ich habe geraucht, ich habe getrunken, ich habe nicht auf sie gehört. Und das von einem Tag auf den anderen. Davor habe ich nur gute Noten geschrieben und war immer sehr brav. Meine Eltern waren meine besten Freunde, und dann war auf einmal alles ganz anders.

AVIVA-Berlin: Was bedeutet Russland für dich?
Olga Kholodnaia: Ich fahre jedes Jahr hin und obwohl ich schon ziemlich lange in Deutschland lebe, bleibt Russland immer mein Zuhause. Ich fühle mich mit den Menschen dort sehr verbunden und spüre, dass ich mit ihnen auf einer anderen Ebene kommunizieren kann.

AVIVA-Berlin: Auf welcher Ebene?
Olga Kholodnaia: Auf der Ebene der Muttersprache, es hat schon eine Bedeutung. Wenn dich jemand in der Muttersprache anspricht... mir kommt es so vor, als würden meine Worte von einem anderen Ort kommen und auch das, was ich hören würde, an einem anderen Ort in meinem Körper ankommen.

AVIVA-Berlin: Seit deiner Kindheit malst du gerne, deine Bilder sehen sehr surrealistisch aus. Woher kommen die Sujets?
Olga Kholodnaia: Ich überlege mir nicht im Vorfeld: ich werde jetzt etwas malen. Es kommt einfach.

AVIVA-Berlin: Seit deinem vierzehnten Lebensjahr spielst du Geige auf den Straßen. Jetzt bist du 25. Wie schätzt du deine Entwicklung als Musikerin ein?
Olga Kholodnaia: Ja, ich habe mich als Musikerin sehr weiter entwickelt, so wie ich mich auch als Person entwickelt habe. Ich habe jetzt meine erste eigene CD produziert und nehme bald auch eine zweite auf. Durch meine Erfahrungen auf der Bühne und international, bin ich nun besser mit der professionellen Seite des Musikmachens, also mit Engagements und Auftritten vertraut. Jetzt weiß ich, wie viel oder was meine Musik wert ist.

AVIVA-Berlin: In deinem Repertoire kommen sehr unterschiedliche Musikrichtungen vor: von der Klassik bis Fusion, Rock, House, Drum and Bass und Hip-Hop. Richtest du dich nach dem Publikumsgeschmack?
Olga Kholodnaia: Natürlich auch, aber es ist mir das Allerwichtigste, das zu spielen, was mir selber auch Spaß macht. Auf der aktuellen CD sind alle meine Lieblingsstücke und meine eigenen Kompositionen. Auch wenn ich klassische Musik spiele, versuche ich immer einen Bezug zur Gegenwart herzustellen.

AVIVA-Berlin: In einem Interview erzählst du, dass du in München jeden Morgen um drei Uhr aufstehen musstest, um eine Genehmigung für das Straßenmusizieren zu bekommen. Ist das "Straßenleben" einer Musikerin so hart?
Olga Kholodnaia: Ja, aber es ist nicht so, dass man nur mit Unannehmlichkeiten zu tun hat. Wenn man wirklich gut ist, wird es ja auch belohnt. Wobei in München ziemlich gut ist, dass es überhaupt solche Genehmigungen gibt. In Berlin ist das alles sehr willkürlich und chaotisch. In England muss man zum Rathaus gehen, dort vorspielen und dann geben sie dir eine Nummer und damit bist du offizielle Musikerin. Wenn man nicht spielen kann, dann darf man auch nicht spielen. Das, finde ich, sollte in Berlin auf jeden Fall auch so sein. Leider sieht die Stadt Berlin nicht denselben Wert in den Straßenmusikern wie die Stadt München. München will ein gewisses Niveau für die Fußgängerzone behalten, weshalb das auch als eine Art der Attraktion für Touristen gesehen wird.

AVIVA-Berlin: Das heißt, dass du in München wirklich jeden Tag zum Rathaus musstest?
Olga Kholodnaia: Ja, aber dafür hat man dann eine Genehmigung und bekommt keine Probleme. Es stimmt, dass es in Berlin zu viele schlechte Straßenmusiker gibt oder solche, die halb Musiker und halb Bettler sind. Meiner Meinung nach sollte Berlin sich München als Beispiel nehmen, denn es gibt doch viele gute Musiker oder Künstler.

AVIVA-Berlin: Auf deinem Debut-Album gibt es die von dir geschriebene Komposition, "Night in Istanbul", die stark von östlich-nostalgischen Motiven inspiriert ist. Was verbindet dich mit dem Okzident?
Olga Kholodnaia: Ich war vor zwei Jahren mit einer Freundin in Istanbul, und ich fand die Stadt einfach faszinierend. Da ist dieses Stück quasi aus Versehen entstanden. Ich habe dort auf der Straße gespielt und die Leute haben gefragt: "Können Sie türkische Musik spielen?" Aber ich hatte mich noch nie mit der türkischen Musik befasst. Also habe ich angefangen, etwas zu improvisieren und daraus ist diese Komposition entstanden, die ich sehr gerne mag. Für mich ist Istanbul eine märchenhafte Stadt, die unglaublich viel Energie hat, eine echt wahnsinnig tolle Stadt.

AVIVA-Berlin: Dein Leben ist sehr abwechslungsreich - du bist ständig unterwegs: in Argentinien, in Russland oder in Italien. Wie schaffst du das?
Olga Kholodnaia: Es ist sehr schön, bis zu einem gewissen Grad. Aber immer nur unterwegs zu sein und auf den Straßen zu spielen, ist nicht so toll, wie man sich das vorstellt. Es ist besser, die festen Auftritte geplant zu haben und dort gleichzeitig auch auf den Straßen zu spielen. Vor kurzem war ich mit einem Orchester in China und habe zwischen den Auftritten auf den Straßen gespielt. Es war sehr interessant.

AVIVA-Berlin: Kannst du dir vorstellen, Orchestergeigerin zu sein oder ist die Straßenmusik dein größter Traum?
Olga Kholodnaia: Ich spiele nicht aus Überzeugung auf der Straße, sondern weil wir keinen Produzenten haben und weil es eine sehr gute Möglichkeit ist, meine CDs zu verkaufen. Ich habe mit den Bands innerhalb des letzten halben Jahres an die 5.000 CDs verkauft. Aber jetzt haben wir immer mehr Auftritte, in denen wir viel mehr Geld bekommen als auf der Straße. Das ist für mich ein Wandel, der mir sehr gut gefällt. Aber einfach nur im Orchester zu spielen, würde mich nicht befriedigen, weil ich sehr viel Energie habe, die ich dem Publikum auch geben möchte.

AVIVA-Berlin: Vom 22. August bis 1. September 2013 hat dein Trio "Olga Show" am Festival für Straßenmusiker "Ferrara Buskers" in Italien teilgenommen. Welche Eindrücke vom Festival hast du?
Olga Kholodnaia: Das war das erste Mal, dass ich bei einem Straßenmusikfestival mitgemacht habe. Es waren wirklich sehr viele gute Musiker und Bands dort. Aber für mich war das Festival teilweise nicht so gut organisiert, weil sehr viele Künstler auf einmal auf einer Straße von 200 Metern gespielt haben. Es war sehr schwierig, etwas zu verdienen. An sich ist das Festival eine sehr schöne Sache. Aber man muss nicht denken, dass ein Musiker nur von Luft lebt. Vielleicht sehe ich meinen Job zu seriös, aber ich denke, man muss es gerade so sehen, sonst kann man seine Arbeit nicht gut machen.

AVIVA-Berlin: Wie würdest du den beruflichen Erfolg einer Geigerin/eines Geigers definieren?
Olga Kholodnaia: Man kann das nicht so richtig definieren. Das ist dieselbe Frage, wie die danach, was Glück ist. Manchmal ist es Erfolg, wenn ich auf der Straße spiele und sehr viele CDs verkauft habe und Leute ein Autogramm haben wollten. Manchmal ist es Erfolg, wenn ich im Studio sitze und etwas Tolles komponiert habe. Manchmal ist es Erfolg, wenn jemand mir sagt: "Wow, das, was du gespielt hast, hat mich so berührt". Manchmal ist es beruflicher Erfolg, dass ich mit jemanden einen Preis für einen Auftritt aushandele. Es ist ganz unterschiedlich.

AVIVA-Berlin: Von welcher Olga in 30 Jahren träumst du?
Olga Kholodnaia: (sie lacht) Vor einer hoffentlich lebendigen.

AVIVA-Berlin: Und mit der Geige?
Olga Kholodnaia: Auf jeden Fall, natürlich mit der Geige. Natürlich mit der Geige und hoffentlich gesund und meinen Kindern und meinem Mann geht es gut... (ein bisschen nachdenklich) und hoffentlich mit schickem Auto und gutem Studio.

AVIVA-Berlin: Ist dir das wichtig?
Olga Kholodnaia: Ja, natürlich, das ist auch ein Teil des beruflichen Erfolgs, wenn du weiß, dass du von deiner Arbeit leben kannst. Ich mag schöne Sachen, schöne Kleidung, ich schätze es, gut essen zu gehen. Es ist mir schon wichtig und ich denke, jetzt ist es mir noch weniger wichtiger, als es in 20 Jahren sein wird.

AVIVA-Berlin: Willst du unseren Leserinnen noch etwas sagen, das dir auf dem Herz liegt?
Olga Kholodnaia: Da ich jetzt ein Kind erwarte, würde ich gerne den jungen Frauen etwas sagen, die denken, dass ein Kind dem Beruf im Weg stehen kann. Das war auch meine eigene Meinung, bis ich schwanger geworden bin. Nun glaube ich, dass man bestimmt beides verbinden kann, dass das Kind das allerschönste ist, was man als Geschenk haben kann, und dass kein Beruf, kein Erfolgsstreben, keine Karriere überhaupt damit zu vergleichen ist.

AVIVA-Berlin: Dann wünschen wir dir viel Erfolg und eine fröhliche und gesunde Zeit als Künstlerin und Mutter. Danke für das Interview!



Mehr Informationen zu Olga Kholodnaia auf ihrer Website unter:

www.olga-kholodnaia.com

www.olgashow.com

www.facebook.com/olgashowmusic




Interviews Beitrag vom 29.10.2013 AVIVA-Redaktion 

   




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