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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 09.01.2014

Omanut - die heilende Kraft der Kunst
Karmela Neiburger

Omanut, oder Kunst auf Hebr├Ąisch, hei├čt ein erfolgreiches Projekt der ZWST f├╝r j├╝dische Menschen mit Behinderung. Die Kunsttherapeutin Judith Tarazi spricht ├╝ber den Alltag des Kunstateliers.



Die Kunsttherapie als ein wichtiger Bestandteil der Behandlung von psychischen Erkrankungen bekommt immer mehr Anerkennung - weltweit. Das war nicht immer so. Es hat auch einige Zeit gedauert, bis die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) das Kunstatelier Omanut, ein Projekt f├╝r behinderte Gemeindemitglieder, ins Leben gerufen hat.

Drei Mal in der Woche ├Âffnet das Atelier seine T├╝ren. In zwei gro├čen, hellen R├Ąumen werden Kerzen gegossen, Bilder gemalt, Mosaike hergestellt, gebastelt und getanzt. Drei p├Ądagogische Kr├Ąfte unterst├╝tzen und begleiten 13 TeilnehmerInnen, die regelm├Ą├čig das Omanut besuchen. Aber es gibt wieder Momente, wenn es einem oder einer nicht so gut geht und der Besuch ausbleibt. Dann rufen die Mitarbeiterinnen an, laden zum kommenden Feiertag ein. "Es gibt hier viele schwere Geschichten", sagt Judith Tarazi, die Leiterin des Ateliers. Aber auch nach einer Auszeit kehren sie immer zur├╝ck, weil sie wissen, dass sie hier mit Freude und Zuwendung erwartet werden.



Au├čer Zeichnen, Malen, Mosaike legen und Plastizieren tanzen die TeilnehmerInnen alle zwei Wochen die israelischen Volkst├Ąnze. Im Atelier gibt es auch eine K├╝che, wo sie gemeinsame Mahlzeiten einnehmen und die Feiertage begehen.
Das kreative Tun sorgt im Omanut f├╝r st├Ąndige ├ťberraschungen: Einer der Teilnehmer, der nie im Leben gemalt hat, traut es sich nun zu und gewinnt Selbstvertrauen. Dann unternimmt er eine Reise und findet einen kleinen Job. Das war mein Gl├╝cksjahr, vertraute er Tarazi an. Im Atelier passieren auch andere Wunder: Vor kurzem ist hier ein Liebespaar entstanden.

Judith Tarazi f├╝hrt mich durch die Werkstatt, die voll ist mit Kerzen, Mosaiken, Acryl- und Gouachebildern, Fotos. Wir unterhalten uns ├╝ber die p├Ądagogischen Herausforderungen, die heilende Kraft der Kunst und auch ├╝ber immer kommende ├ťberraschungen.

Judith Tarazi: Die Leute machen wirklich tolle Sachen hier. Manchmal machen wir Fotospazierg├Ąnge, meistens im Fr├╝hling. Wir haben eine Kamera, und jeder bekommt sie f├╝r 20-30 Minuten. Dann stellen wir die sch├Ânsten Fotos am Tag der offenen T├╝r aus. Ich finde einfach faszinierend, was die Teilnehmer mit der Kamera machen und wie sie die Dinge sehen.

Auf einem Arbeitstisch steht ein k├╝nstlerisch gestalteter Fisch aus Metall. Ich frage, woher er kommt.

Judith Tarazi: Der Fisch ist unser Modell. Die Teilnehmer bilden ihn ab. Und wir haben einen sehr begabten K├╝nstler, der auch sehr gut zeichnen kann. Leider kommt er nicht mehr so oft, weil es ihm jetzt sehr schlecht geht.



Wie Kunsttherapie entstand und verbreitet wurde, ist auch Thema unseres Gespr├Ąchs.

Judith Tarazi: In Gro├čbritannien oder in den USA gibt es schon lange die Kunsttherapie als richtiges Studienfach, mit vielen wissenschaftlichen Diskussionen. In Deutschland noch nicht so lange und so intensiv. In Berlin, Wei├čensee, kann man einen attraktiven Studiengang in dem Fach absolvieren, oder in Ottersberg, in der Richtung Anthroposophie. Die Anthroposophen haben auch immer viel mit den k├╝nstlerischen Therapien gemacht.

AVIVA-Berlin: Wie bist du zum Beruf "Kunsttherapeutin" gekommen?
Judith Tarazi: Ganz fr├╝h habe ich angefangen, Psychologie zu studieren, dazu noch Grafik-Design absolviert. Viele Jahre arbeitete ich als freie Grafikerin, aber Therapie hat mich immer interessiert. Dann habe ich den Kreis - die berufsbegleitende Ausbildung zur Kunsttherapeutin, mit viel Praxis und Selbsterfahrung - geschlossen. Seit knapp drei Jahren bin ich im Omanut und seit zwei Jahren leite ich das Atelier. Das war eine gute Entscheidung.

AVIVA-Berlin: Kannst du mir bitte erkl├Ąren, wie die Kerzenherstellung die Heilungsprozesse unterst├╝tzt?
Judith Tarazi: Das Tolle an den Kerzen ist das unmittelbare Ergebnis. Du stellst die Farben zusammen und schaust, welche Formen du willst. Dann gie├čt du die Kerze, sie erkaltet und ist fertig. Das ist sinnlich und sch├Ân. Und f├Ârdert die Feinmotorik. Die Auswahl der Farben ist auch wichtig.
Wachs ist einfach ein tolles Material. Es wird fl├╝ssig und es wird hart, warm und kalt: Man kann andere Zusammenh├Ąnge erleben. Die T├Ątigkeiten sind vom Anspruch sehr unterschiedlich und jeder kann einbezogen werden.



AVIVA-Berlin: Ist Omanut das einzige j├╝dische Kunstatelier f├╝r Behinderte in Berlin?
Judith Tarazi: In ganz Deutschland gibt es nur zwei: in Frankfurt und in Berlin. Das Atelier ist ein gesch├╝tzter Raum, in kultureller und emotionaler Hinsicht. Fast alle kommen aus der ehemaligen Sowjetunion. Dieses j├╝dische Umfeld bietet schon etwas Vertrautes und Stabilit├Ąt, was ganz wichtig ist. Und wir bem├╝hen uns sehr, um diese Atmosph├Ąre zu behalten.

AVIVA-Berlin: Wie kann man hier einen Platz bekommen?
Judith Tarazi: Das ist ├╝berhaupt kein Problem. Wenn man das Gef├╝hl hat, man w├╝rde hier gut rein passen, wenn man eine T├Ątigkeit sucht, weil man im Moment aufgrund seiner Behinderung oder seiner psychischen Erkrankung oder St├Ârung ÔÇô das kann auch nur Depression sein ÔÇô nicht arbeiten kann, aber raus m├Âchte, sich vielleicht ein bisschen sich kunsttherapeutisch begleiten lassen m├Âchte, dann kann man hier her kommen. Es ist freiwillig und kostenlos.

AVIVA-Berlin: Gibt es eine Altersbegrenzung?
Judith Tarazi: Vom Teenager bis zum Greis kann jeder kommen. Im Moment ist unsere j├╝ngere Teilnehmerin 21 und der ├Ąlteste fast 70.

AVIVA-Berlin: Und wie kommen die Teilnehmer miteinander zurecht?
Judith Tarazi: Es gibt Freundschaften, sogar ein Liebespaar. Das entwickelt sich gerade. Die Teilnehmer sind teilweise miteinander befreundet, so dass sie auch danach etwas zusammen machen oder sich besuchen. Manchmal streiten sie sich. Aber in Gro├čen und Ganzen ist es ein sehr freundlicher Umgangston.

AVIVA-Berlin: Welche Herausforderungen begleiten deinen kunsttherapeutischen Alltag?
Judith Tarazi: Man muss lernen, keine Erwartungen zu haben: Alles kann ganz anders kommen, als man denkt. Manchmal ist eben so, dass bei einem heute die Hand wehtut oder ein anderer heute lieber mit Bleistift zeichnen will. Dann d├╝rfen sie es. In diesem Bereich muss man flexibel sein. Da sind wir keine Werkstatt, die Dinge produziert die zu bestimmter Zeit fertig seien m├╝ssen. Aber es ist auch wichtig, dass man bestimmte Erwartungen hat, dass man die Leute motiviert, durchzuhalten und sich zu konzentrieren. Und es gibt ganz tolle Entwicklungen von Ich will gar nicht, ich kann nicht bis sie sich doch bei experimentellen Techniken sehr engagieren und danach ein gro├čes Bed├╝rfnis haben, das wieder zu machen. Weil sie sehen, was f├╝r tolle Bilder sie herstellen.

AVIVA-Berlin: Bestimmt brauchen einige zus├Ątzliche ZuwendungÔÇŽ
Judith Tarazi: Aber, klar. Die Leute haben sehr starkes Mitteilungsbed├╝rfnis, wollen was erz├Ąhlen und brauchen viel Aufmerksamkeit. Einzelne dominieren dann auch mit ihren Problemen. Ich bin auch organisatorisch verantwortlich, arbeite k├╝nstlerisch und kunsttherapeutisch. Das ist wirklich eine Herausforderung.
Es gibt auch ein paar Tage, wo man nach eine Stunde total erledigt ist, aber wenn viele Leute da sind, ist es immer sehr inspirierend und sch├Ân.
Wir haben auch Teilnehmer, die ihre Krankheit nicht wahr nehmen m├Âchten. Dann k├Ânnen wir nur begrenzt helfen, indem wir anbieten: Du kannst her kommen, du kannst hier arbeiten und essen, du kannst hier reden.

AVIVA-Berlin: Und kommen die?
Judith Tarazi: Ja, wir haben Leute, die regelm├Ą├čig hierher wieder kommen. Und manchmal werden an uns Dinge herangetragen, die mehr sozialarbeiterisch sind. Dann ist es wichtig, die ben├Âtige Distanz zu bewahren und eine Balance zu finden.

AVIVA-Berlin: Kommen die Eltern auch mit?
Judith Tarazi: Es gibt eine Mutter, die manchmal hierher kommt und gerne k├╝nstlerisch mit arbeitet. Manchmal haben wir ein offenes Atelier, dann laden wir die Eltern ein. In Ausnahmef├Ąllen kommen sie. Ich finde das pers├Ânlich nicht schlimm, - wir kennen die Eltern und haben gute Kontakte zu ihnen. Aber normalerweise leben viele unserer TeilnehmerInnen mit den Eltern, die alt oder sehr alt sind, zusammen. Und es geht einfach darum, dass sie ein paar Stunden weg von Zuhause sind und die Eltern auch ein bisschen Ruhe haben.

AVIVA-Berlin: Organisiert ihr auch Ausstellungen?
Judith Tarazi: Ja, wir hatten gerade eine Ausstellung im Begegnungszentrum "Integral". Mit dem haben wir eine Kooperation. Unser Mosaik-Workshop-Lehrer kommt von da. Die Ausstellungen organisieren wir, damit andere Menschen uns kennenlernen. Und ich m├Âchte das ├Âfter machen, da es wirklich sch├Âne Bilder gibt! Und f├╝r die Teilnehmer ist das ein einmaliges Erlebnis.

AVIVA-Berlin: Was macht ihr hier noch au├čer den Kerzen?
Judith Tarazi: Wir arbeiten auf Leinwand und Papier mit Gouache, Acryl, Aquarell, mit Stift und Pinsel und sehr gerne mit dem Spachtel.

AVIVA-Berlin: Warum gerade mit dem Spachtel?
Judith Tarazi: Fast alle Menschen haben diese Angst: Wenn ich etwas male, muss es realistisch und gut aussehen. Und davon versuchen wir weg zu kommen. Unser Prinzip ist: Alles, was du machst, ist k├╝nstlerisch gut und richtig. Weil du es gemacht hast und das hat einen Grund. Der kunsttherapeutische Ansatz besteht nicht darin, dass man versucht ein sch├Ânes Bild zu malen. Wir arbeiten eher mit einem heilp├Ądagogischen Ansatz: Dass du kreativ wirst, um dich besser zu f├╝hlen und zu sehen, was in dir steckt. Das weckt Ressourcen. Und gerade, wenn du experimentell arbeitest. Da entsteht pl├Âtzlich ein Bild, das ├Ąsthetisch ist.
Es gibt Teilnehmer, die sehr wild mit Farben umgehen, es gibt Teilnehmer, die sehr vorsichtig sind ÔÇô die malen einzelne Streifen, Linien und Formen. Das ist pers├Ânlichkeitsabh├Ąngig. Jeder hat seine ganz eigene Bildsprache.

AVIVA-Berlin: Habt ihr auch leidenschaftliche MalerInnen?
Judith Tarazi:: Ja, die gibt es. Sie rufen an und sagen: Bau schon mal f├╝r mich die Staffelei auf, ich bin gleich da!

AVIVA-Berlin: Wie oft erlebt ihr "k├╝nstlerische" ├ťberraschungen?
Judith Tarazi: Regelm├Ą├čig. Es ist immer so, dass wir total ├╝berrascht sind, was f├╝r Sachen hier passieren!

AVIVA-Berlin: Kannst du sagen, warum auch die Menschen, die sonst nicht viel mit der Kunst haben, sich hier wohl f├╝hlen und wieder hierher kommen?
Judith Tarazi: Wenn die Teilnehmer k├╝nstlerisch arbeiten, wird das nicht bewertet. Alles ist o.k. hier. Ich glaube, das ist es, warum die Leute gerne hierher kommen.

AVIVA-Berlin: Ich sehe hier wirklich eine sehr k├╝nstlerische und einladende Atmosph├Ąre. Hast du Pl├Ąne f├╝r die Weiterentwicklung des Ateliers?
Judith Tarazi: Mein Wunsch w├Ąre, dass wir das Atelier jeden Tag ├Âffnen k├Ânnen. Und von morgens bis nachmittags. Und dass wir hier mehr Zeit haben und mehr Workshops an einem Tag anbieten. Es gibt mehr Leute, die das Atelier besuchen m├Âchten.

AVIVA-Berlin: Dann w├╝nsche ich euch die Erf├╝llung dieses Traums: Das Atelier leistet eine sehr wichtige Arbeit. Und danke f├╝r das Gespr├Ąch!

P.S. Das K├╝mmern um die armen und die kranken Menschen ist eines der wichtigsten Gebote des Judentums und hei├čt Zdaka, oder Wohlt├Ątigkeit auf Hebr├Ąisch.

Weitere Infos:

www.kunstatelier-omanut.de

facebook.com/KunstatelierOmanut



Copyright Fotos: Karmela Neiburger



Interviews Beitrag vom 09.01.2014 AVIVA-Redaktion 

   




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