Das Verborgene Museum im Interview - Ein Gespräch mit Chefkuratorin Marion Beckers und Elisabeth Moortgat aus dem Vorstand - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
Aviva-Berlin .
.
P
R
.
.

Futonetage
Aviva-Berlin > Interviews
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   Jüdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 
  Hier suchen, oder zur Sucheseite!


AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook
 


AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2017




Happy Birthday AVIVA




Gleichstellung weiter denken. Ein Leitbild für das Land Berlin

Gleichstellung weiter denken
Mehr Infos unter:
www.gleichstellung-weiter-
denken.de



<< Kleine Suche
Nutzen Sie gern unsere Suche in größerer Schrift!

TIPP: über den Zurück-Button Ihres Browsers kommen Sie erneut zur Suche.




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 11.04.2014

Das Verborgene Museum im Interview - Ein Gespräch mit Chefkuratorin Marion Beckers und Elisabeth Moortgat aus dem Vorstand
S. Adler, P. Schindler

Aus privaten Sammlungen, Museumsdepots und Dachböden – die Initiatorinnen der bis Juli 2014 laufenden Bildschau "Landschaft und Gesicht" machen Werke von lange vergessenen Künstlerinnen sichtbar.



Weltweit einzigartig ist das Projekt, das DAS VERBORGENE MUSEUM in Berlin-Charlottenburg seit 1986 verfolgt. In einer umfassenden Recherchearbeit wird nach Leben und Werk von Malerinnen und Fotografinnen geforscht, die aus der männlich dominierten Kunst- und Museumswelt verdrängt wurden. In regelmäßigen Ausstellungen werden ihre Arbeit und ihr künstlerisches Schaffen so für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Ganz in diesem Sinne zeigt DAS VERBORGENE MUSEUM bis zum 27. Juli 2014 auch die Werke der 25 Künstlerinnen, von Lotte Laserstein bis Ilse Heller-Lazard - AVIVA-Berlin berichtete. Chefkuratorin Marion Beckers und Elisabeth Moortgat aus dem Vorstand sprachen mit uns über die Anfänge des Museums, über die tagtäglichen Herausforderungen ihrer Arbeit und über die "patriarchale Amnesie" des Kunstmarktes.

AVIVA-Berlin: Das Verborgene Museum gibt es nun schon seit 28 Jahren in Berlin, gegründet wurde es von einer Gruppe von Frauen, die die Werke von "verborgenen", von in Vergessenheit geratenen Künstlerinnen ans Licht holen wollten. Sie selbst waren von Anfang an dabei. Wie war das damals? Wie entwickelte sich die Idee und das Konzept zum Museum?
Marion Beckers und Elisabeth Moortgat: Künstlerinnen kamen in den Museen und in der Kunstgeschichte nur als Randerscheinungen vor. Die Malerin und Autorin Gisela Breitling gemeinsam mit der Künstlerin Evelyn Kuwertz waren die Initiatorinnen des Vereins Das Verborgene Museum. Breitling hatte in ihrem Buch "Die Spuren des Schiffs in den Wellen" (erstmals erschienen 1980) auf eindrucksvolle Weise dargelegt, in welcher Weise Künstlerinnen in den vergangenen Jahrhunderten tätig waren und welche geringe Bedeutung ihnen andererseits zuteil geworden war. Der interdisziplinär ausgerichtete Verein machte sich zur Aufgabe, in Ausstellungen, Publikationen, Vorträgen und Veranstaltungen die Arbeiten dieser vergessenen Künstlerinnen aller Gattungen wieder öffentlich zu machen.

AVIVA-Berlin: Seit der Gründung im Jahr 1986 hat das Museum unzähligen vergessenen Künstlerinnen zu gebührender Anerkennung verholfen, darunter Marianne Breslauer, Eva Besnyö, Lotte Jacobi, Käthe Löwenthal, Else Lohmann, Gerda Rotermund, Yva, Thea Sternheim und Ilse Heller-Lazard. Ihre Werke werden heute in großen Galerien ausgestellt. Wie definieren Sie Ihren Auftrag, worin liegt der Erfolg und die größten Herausforderungen Ihrer Arbeit?
Marion Beckers und Elisabeth Moortgat: Wir halten es für einen Erfolg, wenn wir zahlreiche und interessierte BesucherInnen haben, wenn die Publikationen gekauft und gelesen werden, wenn junge NachwuchsakademikerInnen sich mit Themen um unbekannte Künstlerinnen beschäftigen. Natürlich sehen wir es aber als den besonderen Erfolg, wenn Künstlerinnen wie Marianne Breslauer und Lotte Laserstein selbstverständlich in den entsprechenden Museen gelistet werden, in Themen-Ausstellungen vertreten sind und auf dem Markt einen angemessenen Preis erzielen.

AVIVA-Berlin: Bei unserer Recherche haben wir herausgefunden, dass das Museum eng mit Nachkommen von Künstlerinnen zusammenarbeitet. So auch bei der 2010 ausgestellten Rundschau der Werke der Künstlerin Ilse Heller-Lazard, für die das Museum in engem Kontakt zum Kurator und Nachfahren Matthias Heller stand. Wie kam es zu diesem Kontakt und wie gelangten die Bilder der Künstlerin letztlich in das Verborgene Museum?
Marion Beckers und Elisabeth Moortgat: Matthias Heller hatte sich eines Tages mit den Gemälden von Ilse Heller-Lazard beschäftigt, die zum Nachlass seines Vaters, des Schweizer Bildhauers Ernst Heller, gehörten. Er begann sie zu sichten, einzuordnen und zu fotografieren, um sie dann in Berlin, im Verborgenen Museum – inzwischen als Ort für die Präsentation von Werken unbekannter Künstlerinnen der Generation um 1900 bekannt – zu zeigen. Gemeinsam entwickelten wir ein Konzept für Ausstellung und Katalog-Buch. Bis zur Realisierung dauerte es gute zwei Jahre.
Inzwischen wurden auch im Museum Städtische Wessenberg-Galerie in Konstanz die Arbeiten von Ilse Heller-Lazard gezeigt, und es gibt weitere Kontakte zu Museen in Frankfurt/Main, Metz/Straßburg und Ascona.
Eine ähnliche Zusammenarbeit hatten wir in der Vorbereitungsphase zur Ausstellung Käthe Loewenthal mit Dr. Ingeborg Leuchs, die den Nachlass ihrer Tante engagiert bewahrt und bekannt gemacht hat.

© Sharon Adler
Marion Beckers und Elisabeth Moortgat von DAS VERBORGENE MUSEUM bei der Ausstellungseröffnung am 3. April 2014 vor dem Gemälde der Künstlerin Ilse Heller-Lazard


AVIVA-Berlin: Ilse Heller-Lazard, aber auch viele andere Künstlerinnen, die das Verborgene Museum zeigt, sind Jüdinnen. Wie recherchiert und dokumentiert das Museum die Herkunftsgeschichte ihrer Werke bzw. Exponate? Inwiefern sind Sie dabei schon einmal auf Werke gestoßen, die während der NS-Zeit geraubt oder versteckt wurden?
Marion Beckers und Elisabeth Moortgat: Jedes Werk hat eine andere Geschichte, jede Künstlerin einen anderen Lebensweg.
Im Allgemeinen müssen wir immer erst die Recherche betreiben und die Werke selbst auffinden, weil sie eben als Werke von Künstlerinnen keine Wertschätzung erfuhren, nicht gesammelt, archiviert und ausgestellt wurden.
So gesehen fällt das Thema "Raubkunst" bei uns eher nicht an.
Das bisher am schwierigsten zu recherchierende Werk war das der Fotografin Frieda Riess, die in den 1920er Jahren die High Society aus Kunst, Politik, Theater, Literatur und Adel fotografiert hat. Es ist kein Nachlass vorhanden, keine Lebensdaten, keine NachfahrInnen. Bekannt war ausschließlich ein kleiner Katalog zur Ausstellung 1925 in der Galerie Flechtheim, für die damalige Zeit allerdings eine Sensation, denn Fotografien waren damals noch kein Gegenstand von Kunstausstellungen. Wir wussten von einigen Dutzend Fotografien im Ullsteinbild-Archiv. Am Ende konnten wir eine kleine Kulturgeschichte Berlins publizieren mit einer weitgefächerten Anzahl unveröffentlichter Informationen unter anderem über Gerhart Hauptmann, Gottfried Benn, dem linken Literaten Rudolf Leonhard, nicht zuletzt Mussolini und seiner Geliebten Margherita Sarfatti. Doch musste bis heute ungeklärt bleiben, wann Frieda Riess – 1932 bereits nach Paris umgezogen – gestorben ist.

AVIVA-Berlin: In der Pressemitteilung zur Ausstellung "Landschaft und Gesicht. Künstlerinnen im Dialog" heißt es, die Werke der Künstlerinnen werden unter verschiedenen Aspekten – thematisch, stilistisch, zeitgeschichtlich oder medial – gegenübergestellt. Wie kam es zu dieser Idee und welche Wechselwirkungen, welche Dialoge entstehen auf diese Weise zwischen den Werken?
Marion Beckers und Elisabeth Moortgat: Themagebend war das Gemälde von Ilse Heller-Lazard: "Weiblicher Kopf in Grün" von 1913. Es ist Gesicht und Landschaft zugleich, mehr Farbarchitektur als individuelle Gesichtsphysiognomie. Thematisch entsteht ein Dialog mit den Kolleginnen der Dresdner (ab 1917 Berliner) Privatschule Johann Walter-Kurau, an der außer Ilse Heller-Lazard auch Else Lohmann, Elisabeth von Schulz, Minna Köhler Roeber und viele andere gelernt haben.
Auf der Suche nach dem Gesicht entfaltet sich ein weites Spektrum von Expressionistinnen wie Else Lohmann über das experimentelle Gesicht in der Fotografie von Marianne Breslauer (Paul Citroen) und Lotte Jacobi (Leo Katz) über die Bühnengesichter großer Mimen (Emil Jannings) hin zu den Gesichtern der neuen Frauen in Fotografie und Malerei, wie bei Lotte Laserstein und Yva.

AVIVA-Berlin: Im Rahmen der Ausstellung ist erstmals in Berlin das im Jahr 1931 entstandene Gemälde "Spanische Frau" der jüdischen Künstlerin Lotte Laserstein zu sehen. Es zeigt eine junge Spanierin und nimmt deutlich Bezug auf den neuen Frauentypus der 1920er und 1930er Jahre: stark, emanzipiert und eigenständig. Wie spiegeln sich die feministischen Errungenschaften Ihrer Meinung nach in der Kunst der damaligen Zeit wieder?
Marion Beckers und Elisabeth Moortgat: Die Künstlerinnen, wie die Frauen im öffentlichen Leben, hatten mit dem Ersten Weltkrieg Chancen bekommen, in der Öffentlichkeit aktiv sein zu können. Viele ließen sich in den 1920er Jahren von den Plätzen nicht mehr verdrängen. Diese Tatsachen fanden auch in den Bildthemen der Zeit ihren Ausdruck.

AVIVA-Berlin: Auch die Künstlerin Lotte Laserstein selbst war eine der ersten Frauen, die die Berliner Kunstakademie – mit Auszeichnung - absolviert hat. Bis ins 20. Jahrhundert hinein blieb Frauen jedoch der Zugang zu den staatlichen Ausbildungsinstitutionen und Universitäten verwehrt oder wurde stark reglementiert. Künstlerinnen konnten demnach nur durch einen - männlichen – Mentor gefördert werden. Wie gingen diese Künstlerinnengeneration mit der starken Einschränkung ihrer Bildungsmöglichkeiten um? Welche Alternativen gab es für sie?
Marion Beckers und Elisabeth Moortgat: Zum Einen gründeten sich Künstlerinnen-Vereine, wie der Verein der Berliner Künstlerinnen 1867 (weitere in München, Stuttgart), die Unterricht anboten, auch mit renommierten Malern, und sie organisierten Ausstellungen. Daneben florierten die Privatschulen, besonders um 1900 in Paris. Diese verlangten hohe Studiengebühren, demgegenüber die öffentlichen Einrichtungen und Akademien kostenfrei waren. Die Maler konnten somit umsonst studieren und anschließend an den Privatschulen noch durch Unterricht Geld verdienen. Frauen konnten also nur studieren, wenn sie aus wohlhabenden Elternhäusern kamen.

AVIVA-Berlin: Einigen Künstlerinnen, darunter auch Ilse Heller-Lazard, gelang es dennoch, sich zur Malerin ausbilden zu lassen. Wegweisend war für sie vor allem der Unterricht bei dem deutsch-lettischen Maler Johann Walter-Kurau in Dresden, wo sie die Palette der expressionistischen Farbarchitektur erlernte. Was bedeutete die Schule durch Walter-Kurau für das Fortkommen Künstlerin Ilse Heller-Lazard?
Marion Beckers und Elisabeth Moortgat: Ilse Heller-Lazard hat durch ihren Lehrer die damals modernste Art und Weise mit Farbe, Form und Thema umzugehen gelernt, was auch zu dem Erfolg beigetragen hat, den sie in den Folgejahren in der Schweiz hatte.

AVIVA-Berlin: Bei der Durchsicht der Künstlerinnen, die das Verborgene Museum bereits gezeigt hat, fiel auf, dass einige Namen fehlen: unter anderem die Fotografinnen Grete Stern und Ellen Auerbach, die gemeinsam von 1929 bis zu ihrer Emigration 1933 in Berlin das Fotostudio "ringl + pit" betrieben. Dennoch: In den vergangenen 28 Jahren hat DAS VERBORGENE MUSEUM durch Ausstellungen und Publikationen ca. 100 Lebenswerke öffentlich gemacht und durch wissenschaftliche Veröffentlichungen die Basis für die Einbeziehung in den akademischen Diskurs sowie für eine Wertschätzung vergessener Künstlerinnen auf dem Kunstmarkt gelegt. Welche Pläne hat DAS VERBORGENE MUSEUM für die Zukunft?
Marion Beckers und Elisabeth Moortgat: Mit dem Ausstellungstypus "Dialoge" in der Art eines museé imaginaire will Das Verborgene Museum im Wechsel mit den Einzelausstellungen deutlich machen, dass es sich nicht um einzelne Künstlerinnen, um Ausnahmen des Vergessens handelt, sondern um ein flächendeckendes System patriarchaler Amnesie, das dazu geführt hat, die Künstlerinnen im Hintergrund zu halten.
Glücklicherweise hat sich der Blick auf die Künstlerinnen teilweise seitens der Museen etwas geöffnet. Beispielsweise hat Ellen Auerbach der Akademie der Künste in Berlin ihren Nachlass vermacht und ein paar Jahre später wurde dort eine Ausstellung eingerichtet.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank!

Über die kommenden Veranstaltungen können Sie sich auf www.dasverborgenemuseum.de informieren.

DAS VERBORGENE MUSEUM
Dokumentation der Kunst von Frauen e.V.

Schlüterstraße 70
10625 Berlin
Tel.: 030 - 313 36 56
Öffnungszeiten: Do & Fr 15 - 19Uhr, Sa & So 12 – 16Uhr
Eintritt: 2 Euro, ermäßigt 1 Euro
www.dasverborgenemuseum.de

Weitere Informationen finden Sie unter:

Galerie Flechtheim

Städtische Wessenberg-Galerie

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Die Riess. Fotografisches Atelier und Salon 1918 bis 1932

Marianne Breslauer - Unbeobachtete Momente

Das Verborgene Museum. Eine Retrospektive der Malerin Lotte Laserstein

Der Auftrag der Farbe. Die Expressionistin Ilse Heller-Lazard

Happy Birthday, Lotte Jacobi

Ellen Auerbach. Das dritte Auge

Drei Fotografinnen. Eine Doku von Antonia Lerch

Eva Besnyö. Budapest - Berlin – Amsterdam

Ungarische FotografInnen 1914-2003 – Seelenverwandt

Trude Fleischmann - Der selbstbewusste Blick. A Self-Assured Eye

Eine Frau mit Kamera - Liselotte Grschebina. Deutschland 1908 - Israel 1994

Ruth Jacobi – Fotografien

Gisèle Freund. Photographien und Erinnerungen. Gisèle Freund. Ein Leben



Interviews Beitrag vom 11.04.2014 AVIVA-Redaktion 

   




   © AVIVA-Berlin 2017  
zum Seitenanfang suche sitemap impressum home Seite weiterempfehlenSeite drucken