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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 22.04.2014

Juden und Worte oder Schreib niemals ein Buch mit deinem Vater bevor du 50 bist
Vanessa Rau

Anl├Ąsslich der israelisch-deutschen Literaturtage 2014 sprach AVIVA mit Fania Oz-Salzberger ├╝ber ihr gemeinsames Buch mit ihrem Vater Amos Oz, Israel, Frauen, und das talmudische Labyrinth ...



...des Internet.


"Juden und Worte" ist ein lebendiges Essay, in dem das "Autoren-Duo" - wie sie sich selbst liebevoll bezeichnen, bestehend aus einer Historikerin und einem Romancier, ihren LeserInnen j├╝dische Tradition und ihre Affinit├Ąt zum Wort n├Ąher bringen wollen. Mit kraftvoller und zugleich einf├╝hlsamer Sprache und scharfsinnigem Humor begeben sich Vater und Tochter auf eine spannende Reise durch Torah und Talmud, Halachah und Mishnah sowie durch zeitgen├Âssische j├╝dische Philosophie und deren ProtagonistInnen.

Der Grund dieser Reise und ihren verschiedenen Stationen ist die ├ťberzeugung, dass die j├╝dische "Nation", wie sie sagen, sich weder durch ethnische noch religi├Âse Zugeh├Ârigkeit auszeichnet, sondern durch ihre Tradition von Wort und Schrift, dessen zentrales Dokument die hebr├Ąische Bibel ist. "Juden und Worte" ist jedoch keinesfalls ein religi├Âses Manifest, sondern gleicht einem s├Ąkularen Pl├Ądoyer, das eine Huldigung der hebr├Ąischen Sprache und j├╝dischen (Schrift-)Tradition ist, und sich an j├╝dische und nicht-j├╝dische LeserInnen gleicherma├čen richtet.

Obgleich bereits zu Beginn des Essays von zahlreichen Unstimmigkeiten zwischen Vater und Tochter erz├Ąhlt wird, wirkt ihr erstes gemeinsames Werk harmonisch und ausgewogen. Doch Fania Oz-Salzberger, eine selbstbewusste, humorvolle und sehr warmherzige Frau, die gleichzeitig eine gute Portion israelische "chuzpah" verk├Ârpert, widerspricht dieser Vermutung lachend:

"Wenn du jemals auf die Idee kommst, ein Buch mit deinem Vater zu schreiben, mach es nicht bevor du f├╝nfzig Jahre alt bist. Danach ist es ok! Jetzt, da ich ├╝ber f├╝nfzig bin, gibt es eine gewisse Balance zwischen uns, die wir mit dem Alter erreicht haben, und die den Dialog zwischen verschiedenen Pers├Ânlichkeiten, Erfahrungen, Generationen, Geschlechtern und Berufsgruppen ÔÇô er ist Schriftsteller und Literat, ich Professorin f├╝r Geschichte - einfacher macht. Tats├Ąchlich basiert das Buch auf Unterhaltungen und Diskussionen, die uns begleiteten, seit eine von uns drei Jahre alt ist."

Doch worum streiten Vater und Tochter tats├Ąchlich?

"Wir haben eine Menge an Nicht├╝bereinstimmungen. Eine davon ist das Internet an sich. Oft w├Ąhrend wir redeten und diskutierten, tippte ich auf meinem Notebook. Mein Vater hasst Computer und kann das Internet nicht leiden. Das Schlimmste f├╝r ihn sind electronic books. Er meint, dass sie das Ende der Zivilisation seien. Doch ich versuche ihn davon zu ├╝berzeugen, dass das Internet keinesfalls das Ende der Zivilisation bedeutet, sondern eine Fortf├╝hrung der Geschichte und Tradition des Buches ist. J├╝disches Denken wird weitergehen - online und offline. Ich denke sogar, das Internet wurde mehr oder weniger f├╝r Juden erfunden", sagt sie und lacht. "Es ist wie ein Labyrinth aus allem. Hoch und tief, heilig und unheilig, bildet es quasi einen talmudischen Ort: wenn du n├Ąmlich die richtigen Fragen stellst, kann dir das Internet interessante Antworten liefern. Deswegen sehe ich Google als eine Art Haggadah".

Auf die Frage, ob ihr Vater dies akzeptiert oder nicht, reagiert sie mit einem resoluten "Nein! Nat├╝rlich nicht!", gefolgt von einem herzlichen Lachen. Tats├Ąchlich aber gab es noch weitere Dissonanzen und Unterschiede zwischen Vater und Tochter, erz├Ąhlt Fania Oz-Salzberger:
"Mein Vater ist mehr ein Zionist alter Schule, wohingegen ich den Dialog zwischen Israel und der israelischen Diaspora faszinierend finde, was unschwer an meinem Buch ┬┤Israelis in Berlin┬┤ (2001) zu erkennen ist."

Mit ihrem Buch ┬┤Israelis in Berlin┬┤ beschrieb die Historikerin ein Ph├Ąnomen, das sich als absolute Zukunftsweissagung entpuppte, denn in den letzten Jahren erlebte die Zahl von Israelis in Berlin bekannterma├čen einen signifikanten Aufwind. "Ich finde es wichtig, dass junge Menschen ihren eigenen Weg au├čerhalb Israels gehen k├Ânnen und trotzdem weiterhin ihre j├╝dische und israelische Kultur behalten. Hier unterscheide ich mich stark von meinem Vater, was durch den Generationsunterschied zwischen uns zustande kommt."

Und noch einen weiteren, f├╝r AVIVA-Berlin interessanten Aspekt, unterstreicht sie:

"Frauen" erz├Ąhlt Fania schmunzelnd. "Das Buch ist voll von starken Frauen, und das meiste davon kommt von mir. Nicht, dass mein Vater kein Interesse an diesem Thema h├Ątte, nein. Aber f├╝r mich war es eine besondere Herausforderung, die Stimmen starker Frauen von der Zeit der Bibel bis heute darzustellen. Also widmeten wir den Frauen ein eigenes Kapitel. Doch tats├Ąchlich weigerten sie sich in diesem einen Kapitel zu bleiben und breiteten sich in alle Richtungen aus und kletterten aus Kapitel Zwei ("Frauen mit Stimme") in alle anderen Teile und Kapitel des Buches. So kam es, dass das Essay nun voll von starken, wichtigen j├╝dischen Frauen ist, denn sie erlaubten uns nicht, sie in einem Kapitel ruhig zu stellen."

Viele dieser Frauenfiguren sind stark, unnachgiebig und furchteinfl├Â├čend, mit denen Fania Oz-Salzberger wenig gemeinsam hat:
"Frauen wie K├Ânigin Athalja, Dvora oder auch Yael w├╝rde ich nicht zu nahe kommen wollen! Identifizieren kann ich mich allerdings mit Figuren wie Channa. Sie tat alles um ein Kind zu bekommen und als sie es schlie├člich bekam, ├╝berlie├č sie es Eli, dem Priester, damit er es unterrichtete. F├╝r mich stellt sie die erste richtige j├╝dische Mutter dar, f├╝r die das Wichtigste auf der Welt ihr Kind ist. Das Zweitwichtigste aber, ist die Bildung und Erziehung des Kindes. Und das ist ÔÇô kurz gesagt - das gr├Â├čte j├╝dische Geheimnis, n├Ąmlich die Sequenz: Eltern - Kinder - B├╝cher..."

Tats├Ąchlich aber verbirgt sich hinter diesen humorvollen literarischen Darstellungen der Frauenfiguren und ihren Stimmen auch eine klare politische Botschaft, die eine direkte Antwort auf aktuelle Bestrebungen und Forderungen der Ultra-Orthodoxen in Israel bildet. Wenngleich subtil und verdeckt, heben die AutorInnen die "Missinterpretation" der Ultra-Orthodoxen bez├╝glich der Rolle der Frau hervor, die, unter anderem, f├╝r die weitgehende Abwesenheit von Frauen im ├Âffentlichen Raum pl├Ądiert.

"Der Vers in der Bibel der besagt, dass Frauen im Haus bleiben m├╝ssen, ist auch bei Maimonides eine Missdeutung der biblischen Schrift. Tats├Ąchlich gibt es unz├Ąhlige Beispiele und Geschichten, in denen Frauen aus dem Zelt oder Haus kamen und Situationen und Gegebenheiten durch ihre Taten beeinflussten. Sie erhoben ihre Stimmen, tanzten und sangen und ver├Ąnderten aktiv den Verlauf der biblischen Geschichten."

Das mag, trotz der subtilen Sprache, f├╝r VertreterInnen des Ultra-Orthodoxen Judentums harter Tobak sein.
"Wir wollen definitiv einen Gegenstandpunkt zu den Hauptvertretern der Ultra-Orthodoxen darstellen, die das Judentum f├╝r sich beanspruchen wollen und Menschen wie meinen Vater und mich nur als gottlose Betr├╝ger bezeichnen."

Gleichzeitig warten sie und ihr Vater, die sich beide als AtheistInnen bezeichnen, aber auch auf eine konstruktive Kritik und "talmudisch-argumentative" Debatte von Seiten intellektueller Ultra-Orthodoxer. Bis jetzt, vier Wochen nach Erscheinen des Buches in hebr├Ąischer Sprache, liegt solch eine Kritik noch nicht vor, erz├Ąhlt sie: "Wir glauben nicht an Gott und folgen keinen religi├Âsen Gesetzen (mitzvot), aber wir zelebrieren die tiefe und reichhaltige Geschichte des Judentums und spielen mit ihr - nicht nur als intellektuelle Besch├Ąftigung, sondern auch, um bestimmte politische Argumente zu verdeutlichen. Viele sagen, wir seien zu ungebunden und unabh├Ąngig gegen├╝ber dem Judentum und der j├╝dischen Tradition, oder verstehen es nicht. Aber das ist kein gutes Argument".

Neben kritischen Stimmen aus Israel hofft die in Oxford promovierte Historikerin auch auf Resonanz au├čerhalb Israels. Eine f├╝r sie bedeutende, nicht-j├╝dische Kritik formulierte der Philosoph J├╝rgen Habermas, der gerade den Gebrauch religi├Âser Sprache in einer s├Ąkularen Moderne, lobte: "Anstatt religi├Âse Texte fallen zu lassen oder gar zu verschm├Ąhen, sollten wir in ihnen forschen und in ihnen das Gute und Sch├Âne zu finden. ┬┤Juden und Worte┬┤ beschreibt ein kleines Paradies, das ├╝ber Politik hinausgeht und einen Garten des Spiel und Spa├č er├Âffnet," schreibt Habermas im "Independent" nach Erscheinen des Buches in englischer Sprache, 2012.

Neben Spiel und Spa├č kommt noch ein weiteres politisches Argument zum Tragen, das auf das andere eher "linke" Ende des politischen Spektrums israelischer Politik, und die Ansichten Shlomo Sands Bezug nimmt. Der Tel Aviver Historiker und einstiger Lehrer Oz-Salzbergers, sieht die Tradition des Judentums ausschlie├člich in der Religion begr├╝ndet und widerspricht damit der Idee der j├╝dischen "Nation" und seiner Zugeh├Ârigkeit an ein bestimmtes Territorium. Diese Idee, so Sand, sei erst durch die zionistische Bewegung entstanden.

"Wir widersprechen dem und sagen, dass es eine j├╝dische Nation gab. Diese Nation unterschied und unterscheidet sich von anderen Nationen in ihrer Eigenschaft als eine Nation des Textes, nicht etwa der ethnischen oder politischen Uniformit├Ąt. Die Frage ist also nicht, ob wir biologisch mit diesem Volk verbunden sind, sondern ob wir durch Wort und Schrift verbunden sind, und unsere Antwort darauf ist: ja, das sind wir! Die Art und Weise wie wir israelische Identit├Ąt definieren, basiert auf Textualit├Ąt. Diese Art von Tradition bedeutet auch nicht, dass wir das Land f├╝r uns alleine haben m├╝ssen, nein. Es kann bedeuten, dass wir das Land mit unseren Nachbarn teilen, sowie die Menschen in der Bibel das Land schon immer geteilt haben."

Nach vier mitrei├čenden Kapiteln ÔÇô "J├╝dische Kontinuit├Ąt", "Frauen mit Stimmen", "Zeit und Zeitlosigkeit" und "Jeder Mensch hat einen Namen, oder: brauchen Juden das Judentum" - schlie├čt das Essay mit einem Epilog und darin enthaltenen Ausz├╝gen aus einer Rede Amos Oz von 1982, die sich an die SiedlerInnen von Ofra richtete und "an Aktualit├Ąt nicht verloren hat", wie Fania nachdenklich sagt. Die Rede handelt von ├ťbernahme und Aufgabe von Traditionen, von Kontinuit├Ąten und Br├╝chen, denen sich die israelische Realit├Ąt und deren BewohnerInnen stellen m├╝ssen.

Was sich teilweise wie eine Hommage oder Liebeserkl├Ąrung an die j├╝dische Tradition liest, soll keine L├Âsung f├╝r Debatten ├╝ber j├╝dische Identit├Ąt und die Frage nach ethnischer oder religi├Âser Zugeh├Ârigkeit darstellen, sagt Fania Oz-Salzberger. In Momenten, die scheinbar Anlass zu Bef├╝rchtungen von essentialistischen, einseitigen, stereotypisierenden Darstellungen geben, ├╝berzeugt das AutorInnen-Duo gezielt durch reflektierte Gegendarstellungen, die keinen Zweifel an ihrem Bewusstsein politischer und sozialer Realit├Ąten in Israel zulassen. Dieses Bewusstsein und die kritische Reflexion stellt ihre Begeisterung f├╝r die Sch├Ânheit der hebr├Ąischen Sprache und ihre Faszination f├╝r alte Schriften jedoch keinesfalls in Abrede, im Gegenteil:

"Das Buch m├Âchte keine L├Âsungen f├╝r alte Probleme und Debatten liefern. Aber die alten Schriften und Texte k├Ânnen uns hilfreiche Ideen f├╝r unsere Zeit bieten: ├╝ber soziale Gerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus, Geschlechterrollen und lebendige Debatten und Diskussionen und der j├╝dischen Tradition des Widersprechens und des Sich-uneins-seins. Ein universelles Problem ist, dass die meisten jungen Menschen von Informationen durch Internet und social media umgeben sind und ├╝ber wenig Wissen und Kenntnisse alter Texte verf├╝gen [...] Das Buch bietet eine neue Art und Weise mit alten Fragen umzugehen und m├Âchte Sch├Ânheit und Spa├č an j├╝discher Tradition und Schrift vermitteln. So k├Ânnen wir Zukunft kreativ gestalten."

Und so bieten Literat und Historikerin auf 240 Seiten einen spannenden und unterhaltsamen Ausflug in j├╝dische Geschichte und Literatur, der nicht nur informativ und am├╝sant ist, sondern durch seine pers├Ânliche Note auch kritisch und reflektiert und damit Lust auf alte und neue Schriften und j├╝dische Literatur macht.

Wir danken Fania Oz-Salzberger f├╝r das Gespr├Ąch!



Juden und Worte
Fania Oz-Salzberger und Amos Oz

J├╝discher Verlag im Suhrkamp Verlag, erschienen 2013
Leinen, 285 Seiten
ISBN: 978-3-633-54268-0
21,95 Euro
Weitere Informationen unter: www.suhrkamp.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Amos Oz - Unter Freunden

Interview with Lizzie Doron



├ťbersetzung aus dem Englischen und Copyright Foto und Text: Vanessa Rau


Interviews Beitrag vom 22.04.2014 AVIVA-Redaktion 

   




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