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AVIVA-BERLIN.de im April 2017 - Beitrag vom 28.09.2015

Susann S. Reck ├╝ber ihren Film Blender. Im Juli 2016 im Psychiatrie-Verlag als DVD erschienen
S.Adler und C. Lempp

Die Filmemacherin wuchs als Tochter des Direktors im psychiatrischen Wohnheim auf. Mit ihrem Dokumentarfilm sp├╝rt sie Lebensgeschichten der langj├Ąhrigen Bewohner_innen und eigene Erinnerungen auf



Anfang der 1970er Jahre baute Susann S. Recks Vater ein Wohnhaus f├╝r Menschen mit einer psychiatrischen Diagnose auf. Mitten im Allg├Ąu auf dem Berg Blender liegt das gleichnamige Wohnheim. Hier verbrachte auch Susann S. Reck als Tochter des Direktors einen gro├čen Teil ihrer Kindheit und Jugend und bis heute ist die Verwaltung des Heims in Familienhand. Manche Bewohner_innen sind ebenso lange hier, wie das Heim besteht. "Blender" ist jetzt auch der Titel der Dokumentation ├╝ber diesen Ort und seine Menschen. Susann S. Reck, die heute als Regisseurin und Dramaturgin arbeitet, begleitete einige von ihnen ├╝ber vier Jahre hinweg mit der Kamera. Entstanden sind eindringliche und bewegende Portr├Ąts ├╝ber Schicksale, Erfahrungen und Alltag psychiatrischer Patient_innen. Ein Dasein das hier auf dem Berg auch inmitten der Natur stattfindet. Susann S. Reck arbeitet mit diesen Panoramen und gibt der Dokumentation so ein fast meditatives Tempo vor, das den Blick auf die Menschen fokussiert.

Mit AVIVA-Berlin sprach die Regisseurin ├╝ber die Entstehung des Films und das Leben im psychiatrischen System.

AVIVA-Berlin: F├╝r "Blender" haben Sie drei Jahre lang gedreht. Dabei kam sicher eine Menge Filmmaterial zusammen. Wie oft waren Sie in dieser Zeit im Allg├Ąu und wie haben Sie das endg├╝ltige Material ausgew├Ąhlt?
Susann S. Reck: Ich bin mehrmals im Jahr auf den Blender gefahren, je nachdem, was im Leben meiner Protagonisten gerade passierte. Tats├Ąchlich hatte ich am Ende eine ganze Menge tolles Material, von dem ich nat├╝rlich vieles nicht verwenden konnte. Was im Film letztlich zu sehen ist, ist immer eine Mischung von Szenen, die ich als Regisseurin unbedingt haben wollte und solchen, die der Schnitt ab einem bestimmten Punkt verlangt - da wurden manchmal Bilder und Szenen wichtig, die ich zun├Ąchst gar nicht beachtet oder als uninteressant eingestuft hatte.

AVIVA-Berlin: Der Film nimmt eine beobachtende Rolle ein. Dennoch ist ganz klar eine Art Vertrauensverh├Ąltnis zwischen Ihnen und den Protagonist_innen da. Menschen wie Friedlieb kennen Sie ja fast ein Leben lang. Wie hat das die Dreharbeiten beeinflusst?
Susann S. Reck: Das Verh├Ąltnis ├Ąnderte sich in dem Moment, als klar wurde, dass ich sie filmen wollte. Die Protagonisten standen mir und meinem Projekt am Anfang durchaus misstrauisch und kritisch gegen├╝ber.
Da fielen S├Ątze wie "warum willst du uns aufnehmen, willst du dich etwa lustig machen?" oder "Wir wissen doch selbst, dass wir verr├╝ckt sind, daf├╝r brauchen wir dich nicht". Ich habe mir dann die Zeit genommen, sie zun├Ąchst nur zu fotografieren und ihnen die Bilder zu zeigen. Ich wollte, dass sie sehen, wie ich sie sehe. Au├čerdem habe ich dadurch die Pr├Ąsenz einer Kamera eingef├╝hrt und es entwickelte sich bald eine Art Normalit├Ąt mit dem k├╝nstlichen Auge. Irgendwann habe ich den Fotoapparat dann durch die Filmkamera eingetauscht und keinen hat es mehr gest├Ârt. Jemand wie Friedlieb oder auch Marie, die so zur├╝ckgezogen leben und so menschenscheu sind, haben sich sogar auf die Drehs gefreut.

AVIVA-Berlin: Die Protagonist_innen im Film sind haupts├Ąchlich m├Ąnnlich. Wie bewusst ist Gender in Ihre Auswahl eingeflossen?
Susann S. Reck: Ich fand es zun├Ąchst ├╝berhaupt nicht gut, dass mein Film von f├╝nf M├Ąnnern und nur einer Frau bestritten werden sollte. Aber es war leider nicht zu ├Ąndern. W├Ąhrend ich meine ProtagonistInnen gesucht habe, gab es einfach nur Marie, die sich ├╝ber solange Zeit filmen lassen konnte und wollte. Andererseits gibt es in der momentanen Psychiatrie ohnehin einen ├ťberhang an M├Ąnnern - insofern bildet das ungleiche Verh├Ąltnis sogar die Realit├Ąt ab.

AVIVA-Berlin: "Koffer, Zimmer und Pillen". Sie zeigen den Alltag in einer psychiatrischen Institution ungesch├Ânt. Auch wenn sich die Bewohner_innen relativ frei im Haus bewegen k├Ânnen, scheint es unsichtbare Grenzen zu geben. Die Tage sind durch die Mahlzeiten, Zigaretten- und Kaffeepausen und die Medikamentenausgabe strukturiert. Sie erinnern sich im Film daran, dass Sie als Kind manchmal auch gerne Pillen bekommen h├Ątten. Wie haben Sie diesen ganz eigenen Rhythmus heute erlebt?
Susann S. Reck: Der strukturierte Alltag ist der Versuch, die Bewohner zu stabilisieren und sie in der Realit├Ąt zu halten.

AVIVA-Berlin: Im Film sprechen Sie davon, sich auf die andere Welt der Bewohner_innen einzulassen. Inwiefern haben Sie als Kind diese Trennung wahrgenommen?
Susann S. Reck: Sehr stark und ├╝berhaupt nicht. Ich habe unbewusst akzeptiert, dass viele sehr in sich versunken sind und mich oft nicht einmal wahrnehmen, geschweige denn "Hallo!" sagen. Ich selbst erhielt oftmals keine Antwort. Insofern habe ich nat├╝rlich verstanden, dass Welten zwischen uns sein m├╝ssen, dass Regeln, die sonst gelten, au├čer Kraft sind.
Andererseits haben mir diese Erwachsenen auf dem BLENDER weder Vorschriften gemacht noch mich sonst in irgendeiner Weise zurechtgewiesen. Ich habe nicht erlebt, dass ein Bewohner mich nicht ernst nahm, nur weil ich ein Kind war, dass jemand eine kritische Bemerkung ├╝ber meine Kleidung machte. Sie waren toleranter als au├čerhalb des Heims, auch das habe ich begriffen und als positiv verbucht. Wahrscheinlich hat es mich auch dahingehend beeinflusst, dass ich mich leichter auf ihre Welten einlassen konnte, dass auch ich sie ernst nehmen wollte, auch wenn das Erz├Ąhlte manchmal unglaubw├╝rdig klang und das was sie taten ein bisschen skurril war, jemand wie Frau Holland zum Beispiel, die jeden Morgen fast vollst├Ąndig angezogen vor ihrem Bett stand, nur die Str├╝mpfe fehlten noch, die lagen auf der Decke. Frau Holland nahm einen Strumpf und fing an zu beten, Vater unser im Himmel, und legte ihn zur├╝ck, fing von vorne an, nahm den anderen Strumpf zur Hand und nur wenn es wirklich gut lief, aus welchen Gr├╝nden auch immer, zog sie ihn an und kam auch im Gebet ein gutes St├╝ck weiter. Meistens aber lief es nicht rund. Sie legte auch diesen zur├╝ck auf die Decke und fing wieder von vorne an mit beten, bis sie┬┤s erneut mit einem Strumpf versuchte. Es konnte Mittag werden bis das Gebet zu Ende gesprochen war und sie Str├╝mpfe und Schuhe angezogen hatte, aber nat├╝rlich bekam ich nie heraus woran es lag, dass sie sooft beim Vaterunser "festhing", einfach nicht weiterkam und den Strumpf nicht anziehen konnte.

AVIVA-Berlin: Ihre Geschwister arbeiten auch heute noch im "Blender". Was empfinden Sie bei dieser Vorstellung: Bewunderung, Neid, oder Schuldgef├╝hle? Und wenn ja, warum?
Susann S. Reck: Wir leben in einer Welt, in der nahezu alles den Kriterien der Rentabilit├Ąt, der Gewinnmaximierung und des Designs unterworfen ist. Unser Gesundheitssystem ist inzwischen soweit pervertiert, dass nahezu jeder Handgriff einer Pflegeperson schriftlich festgehalten und jede Zuwendung zu einer Serviceleistung degradiert wird, die wiederum einen bestimmten Geldwert besitzt. Ich bewundere deshalb jeden, der innerhalb dieses menschenverachtenden Systems versucht, das Leben in einem Heim, in einem Krankenhaus oder einer Klinik ein st├╝ckweit human zu gestalten - das trifft nat├╝rlich auch auf die Mitarbeiter des BLENDER und auf meine Geschwister zu.

AVIVA-Berlin: "Nat├╝rlich wollte ich bestimmte Dinge herausfinden, aber manchmal sp├╝rte ich, dass es falsch war, zu fragen". K├Ânnen Sie das bitte n├Ąher erl├Ąutern? Sie waren ja ganz nah dran an den Menschen im Blender...
Susann S. Reck: Dieser Ausspruch bezieht sich auf eine bestimmte Stelle im Film. Friedlieb sitzt auf einer Bank und h├Ârt mit seinen Kopfh├Ârern Musik, ich sitze daneben und will ihn eigentlich fragen, warum er sie immerzu h├Ârt, warum er die Kopfh├Ârer so gut wie nie abnimmt. Mir war klar, dass es ihm nicht nur ums H├Âren ging, ich aber in eben dieser Situation keine Antwort bekommen w├╝rde - nicht, weil er keine Lust hatte zu reden, sondern weil er in diesem Moment keinen Ausdruck daf├╝r finden w├╝rde, was mit ihm geschah - Friedlieb h├Ârte Musik, um die Stimmen zu ├╝bert├Ânen, die ihm befahlen sich umzubringen.

AVIVA-Berlin: Welcher filmischen Mittel haben Sie sich beim Drehen bedient, was waren die gr├Â├čten Herausforderungen und Erfolgeserlebnisse?
Susann S. Reck: Die Natur als eigene Bild- und Erz├Ąhlebene spielt in meinem Film eine gro├če Rolle, weil sie oftmals in Wechselwirkung zur Befindlichkeit meiner Protagonisten steht. Ein anderes Mittel ist der Umgang mit den Interviews. Ich habe im Film bewusst auf Pflegepersonal verzichtet, das sich zu den Protagonisten ├Ąu├čert. Ich mag den bevormundenden Charakter eines solchen Vorgehens nicht. Deshalb gibt es nur Interviews mit den Protagonisten selbst. Das war in gewisser Weise riskant, weil nichts abgesprochen werden konnte und ich vorher nie wusste, was einer ├╝ber sich selbst erz├Ąhlen w├╝rde. Dieser Umgang mit dem Risiko geh├Ârt sicher zu den gr├Â├čten Herausforderungen des Films. Auch gab es kein Drehbuch. Ich wusste zu Anfang nicht, in welche Richtung sich die Protagonisten entwickeln w├╝rden, und ob ├╝berhaupt etwas passiert. Der Intuition zu folgen, war f├╝r mich und meine Arbeit zwar sehr reizvoll. Hinsichtlich einer m├Âglichen F├Ârderung war es leider ein Alptraum. Zu den gr├Â├čten Erfolgserlebnissen geh├Ârt deshalb auch, dass der Film eine ├ľffentlichkeit bekommen hat, obwohl er ohne eine solche staatliche F├Ârderung entstand.

AVIVA-Berlin: An welchen pers├Ânlichen Grenzen sind Sie selbst in diesem ÔÇô jahrelang w├Ąhrenden ÔÇô Prozess getreten?
Susann S. Reck: Vor allem anderen, bin ich an eine finanzielle Grenzen gesto├čen. Das ganze Projekt hat auch solange gedauert, weil ich jede Phase irgendwie finanzieren und nebenher auch noch von etwas leben musste. Abgesehen davon, nimmt dich ungef├Ârdert kaum ein Kollege ernst.

AVIVA-Berlin: Nach welchen Kriterien haben Sie die Filmmusik ausgesucht?
Susann S. Reck: Ich habe den Komponisten Donald Rubinstein w├Ąhrend der Jahre der Filmentstehung kennengelernt. Eines Tages habe ich Friedlieb (einem der Protagonisten) Donalds Musik mitgebracht. Ich war einfach neugierig wie er die findet. Friedlieb stand auf die Stones, die Doors, auf Mick Jagger. Alles Musik, die er w├Ąhrend seiner Zeit als Matrose auf See geh├Ârt hatte. Donalds Blues hat ihm dann sehr gefallen, sie hat ihm irgendwie entsprochen. Also habe ich Donald gefragt, ob er die gesamte Filmmusik machen will.

AVIVA-Berlin: Wer au├čer Ihnen war noch am Prozess des Filmens beteiligt, welche Anforderungen haben Sie an sich selbst gestellt?
Susann S. Reck: W├Ąhrend des Drehs war ich alleine. Dabei war eine der gr├Â├čten Herausforderungen nicht das Bild sondern der professionelle Umgang mit dem Ton. Beim Schnitt hat mir Annette Muff geholfen, bei der gesamten Postproduktion Arpad Bondy. Beide waren sehr wichtig f├╝r die Dramaturgie und den Rhythmus des Films.

AVIVA-Berlin: Was w├╝nschen Sie sich f├╝r diesen Film, wie geht es weiter?
Susann S. Reck: Ich w├╝nsche mir, dass er ein langes Leben hat, also, dass ihn m├Âglichst Viele sehen!

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das Interview!


Mehr Informationen zum Film gibt es unter: www.blender-aktuell.com

BLENDER ÔÇô Dokumentarfilm auf DVD
Regie, Kamera, Schnitt: Susann S.Reck
D 2014
Laufzeit: 105 Minuten
Deutsche und englische Fassung
Psychiatrie-Verlag, erschienen Juli 2016
www.psychiatrie-verlag.de



Zur Filmemacherin: Susann S. Reck, 1966 geboren im Allg├Ąu 1966, aufgewachsen in M├╝nchen und Barcelona.
Regieassistenzen an verschiedenen Theatern, Magister der Philosophie. Regiearbeiten. Flucht: die meisten Theaterst├╝cke waren unertr├Ąglich konventionell.
Dann noch einmal Filmregiestudium in Babelsberg mit Schwerpunkt Dokumentarfilm. Seitdem freiberuflich als Regisseurin, Autorin, Dramaturgin, Coach.
Bei AVIVA Rezensentin f├╝r Graphic Novels, Literatur, Philosophie, Film.
Ihre Firma: Red Island Productions.
Homepage der Regisseurin www.susannreck.de


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Copyright Foto von Susann S. Reck: Sharon Adler



Interviews Beitrag vom 28.09.2015 AVIVA-Redaktion 

   




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