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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 12.06.2016

Frauen im Filmbusiness - Interview mit der Filmemacherin Uisenma Borchu, zu ihrem Debütfilm Schau mich nicht so an - und Frauen im Film
Helga Egetenmeier

Die Gesprächspartnerinnen der AVIVA-Interviewreihe "Frauen im Filmbusiness" berichten über ihre Erfahrungen, Arbeit und Erwartungen. Die in der Mongolei geborene Filmemacherin Uisenma Borchu fokussiert in ihrer Arbeit auf weibliche und...



...kulturelle Identitäten und nimmt dabei auch ihre eigene Biografie als Grundlage.

Frauen im Filmgeschäft sind in vielen unterschiedlichen Jobs präsent, schaffen es jedoch meist nur als Schauspielerinnen auf den Roten Teppich. Obwohl das Verhältnis, wie auch bei vielen anderen Studiengängen, heute an den Filmhochschulen weitestgehend ausgeglichen ist, verliert sich die Sichtbarkeit von Frauen danach. An diesen Stellen hakt die Interviewreihe von AVIVA-Berlin nach und lässt Frauen rund um den Film, vor und hinter der Kamera, antworten.

Uisenma Borchu wurde 1984 in Ulaanbaatar, Hauptstadt der sozialistischen Mongolei, geboren und zog 1988 mit ihrer Familie in die DDR. Ihre Mutter erhielt dort Ende der 80er Jahre den Auftrag mongolische StudentInnen zu betreuen, da sie in den 70er Jahren in Ostberlin studiert hatte. Damit war ihre Mutter die Erste aus ihrer NomadInnenfamilie, die ins Ausland ging.
Uisenma wurde seit früher Kindheit in ihrem Schulalltag mit Ausgrenzung konfrontiert.
Aufgewachsen mit der deutschen Sprache und Kultur, wurde sie gleichzeitig auch mongolisch erzogen und erhielt durch die Eltern Zugang zu der Kultur der NomadInnen. In Mainz studierte sie zwei Jahre Französisch und Geschichte und begann danach 2006 das Studium "Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik" an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film. Sie hat bereits Dokumentarfilme und Werbespots gedreht.
"Schau mich nicht so an" ist ihr Abschlussfilm.



AVIVA-Berlin: "Schau mich nicht so an" ist Ihr Abschlussfilm an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film, bei dem Sie Regie führten, das Drehbuch schrieben und die Figur der Hedi spielen. Hedi, eine unabhängige junge Frau, trifft auf Iva, gespielt von Catrina Stemmer, die als alleinerziehende Mutter mit ihrer fünfjährigen Tochter Sofia im gleichen Haus wohnt. Die Geschichte des Films bezieht über Hedi die deutsche und die mongolische Kultur mit ein, die auch Teil Ihres Lebens ist.
Wie viel von Ihrem eigenen Leben steckt in Ihrem Film und wie gingen Sie an die Umsetzung heran?

Uisenma Borchu: Beim Schreiben des Buches wurde ziemlich schnell klar, dass ich Ivas Gegenpart spielen würde, so habe ich Hedi mit dem Mongolischen verbunden. Eigentlich habe ich mit jeder Figur etwas gemeinsam. Ich sehe, verstehe diese Charaktere und habe sie schon oft in der Gesellschaft gesehen. Sie sind keine Fantasiefiguren.
Es ist ein intensiver Prozess. Die Umsetzung beginnt schon beim Schreiben. Die Vision von den beiden Frauen war klar. Catrina und ich haben viele Gespräche geführt. Mich interessiert vor allem der Kontrast zwischen den Figuren und auch in ihnen. Ich finde die Besetzung verdammt gut. Es hätte nicht besser sein können. Da alles stimmte. Das Fundament war gelegt. Die Gefühle für die Figuren waren mir am Wichtigsten. Catrina wusste wie sie Iva darstellen musste, was sie so besonders macht. Dieses Verständnis ist für die Improvisation unbedingt notwendig. Wenn die nicht da ist, passiert nichts.
Für Hedi habe ich ebenfalls ein großes Verständnis. Ich habe sogar Mitleid und empfinde sie als starke Persönlichkeit. Das Einfühlungsvermögen war der Schlüssel zur Darstellung. Das verlangt vom ganzen Team viel Geduld und Empathie.
Das heißt aber nicht, dass man stundenlang rumredet, rätselt und sich in Intellektuellem verliert (das sowieso nicht). Beim Drehen ist es radikal und ehrlich. Ich denke, das ist das Filmemachen, wie ich es möchte.

AVIVA-Berlin: Sie zeigen in Ihrem Film das Zusammenspiel dreier Generationen, dabei wirken die in der Mongolei in einer Jurte wohnende Großmutter von Hedi und der deutsche Großvater von Sofia, am weitesten voneinander entfernt. Verbunden werden sie durch die zwei jungen Frauen Hedi und Iva, die eine Beziehung miteinander eingehen.
Wie entwickelten Sie die Figuren der Generationen und wo sehen Sie die Unterschiede zwischen der mongolischen und der deutschen Lebensweise?

Uisenma Borchu: Wann ist eine Familie komplett oder ideal? Diese Frage interessiert mich sehr. Ich habe beobachten können wie Alleinerziehende da wahnsinnig unter Druck stehen. Es ist asozial und gemein vor diesen "unkompletten" Familien, Mutter Vater Kind zu spielen. Es sogar zu genießen wenn die Single Mama in der Krippe neidisch zum eigenen Ehemann rüberschaut, der gerade das Kind wickelt.
Die Familie, egal wie groß sie ist, gibt einem Menschen eine innere Sicherheit. Wenn diese fehlt, so habe ich mich immer gefragt, wie schaffen es die Menschen trotzdem stark zu sein. Wie behauptet man sich in einer Welt, die aus märchenhaften Idealen besteht?
Meine Familie ist mein Halt, das kann ich mir anders nicht vorstellen. In Deutschland habe ich viele Familien kennen gelernt, die im Gegensatz zu uns, reserviert, distanziert zueinander sind. Ihre Werte sind anders geprägt, die Liebe wird anders ausgedrückt.
Das ist nichts, was mich abschreckt. Diese Unterschiede sind kulturell und historisch geprägt und das zu beobachten ist sehr spannend. Das filmisch umzusetzen, finde ich wichtig. Kontraste hin oder her. Eins haben sie doch alle gemeinsam. Die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit.

AVIVA-Berlin: Verwandtschaft, Freundschaft, Intimität und Sexualität spielen in den Beziehungen zwischen den Menschen in Ihrem Film eine große Rolle. Dabei kommt die Kamera sehr nah an die Körper, jedoch scheinen sich die Figuren durch ihre Gespräche nicht wirklich näher zu kommen.
Wie wichtig ist Ihnen das körperliche Agieren? Warum verzichten Sie auf die Erklärung der Handlung durch die Sprache?

Uisenma Borchu: Es besteht sehr viel Unehrlichkeit wenn man Menschen zuhört. Das finde ich traurig. Iva und Hedi sind insgeheim unsicher und traurig. Sie trauen sich kaum aus ihrem Schneckenhaus, wenn dann nur in ganz zarten Momenten. Dann machen sie wieder zu. Das scheint mir ist unser Gesellschaftsbild.
Im Film interessiert mich die Dynamik, die Aktion, und die Körpersprache. Das Wort ist auch etwas sehr Besonderes. Das setze ich ein, wenn es eine Wirkung haben soll. Warum so wenig? Erklärungen machen blind für vielleicht die wichtigere Perspektive.
Diese Intimität der Stille im Film versetzt Menschen in eine unangenehme Ruhe. Es gibt keine Beschallung, keine Ablenkung, sondern nur die Einsamkeit oder Zweisamkeit. Diese Stille macht Angst, da man vor die Wahl gezogen wird sich zu öffnen oder sich wieder zu entziehen. Entziehen... die Angst ist groß sich zu offenbaren.

AVIVA-Berlin: Sie erzählen eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen, in der die Gefühle, die die beiden zueinander haben, ungleich verteilt scheinen.
Wie sehen Sie die Verbindung der Beiden zueinander? Welche Rolle spielt dabei die kleine Tochter?

Uisenma Borchu: Iva und Hedi haben große Sehnsucht. Sie sind beide auf der Suche und es gibt eine große Sympathie füreinander, weil sie im Anderen etwas sehen, was sie nicht sind. Sie erforschen, dabei ist Hedi direkt und unsentimental. Iva treibt es in die Enge.
Hedi scheint alles zu haben, was man sich so wünscht, aber die Tochter von Iva, Sofia, ist für sie etwas Unbekanntes. Etwas was sie nicht hat. Sofia, das Kind, weckt das Kind in Hedi aber auch den Instinkt der Beschützerin, den Instinkt einer Mutter. Sie mischt sich in ein Konstrukt ein, das nicht ihres ist. Ziel gerichtet bohrt sie sich zwischen Mutter und Tochter. Für Hedi ist klar, dass sie die bessere Mutter sei.

AVIVA-Berlin: Ihre Frauenfiguren entsprechen nicht den konservativen Identitätsvorstellungen einer zurückgenommenen weiblichen Sexualität, jedoch durchaus den Bildern von schlanken, erfolgreichen und modebewussten jungen Frauen.
Wie kamen Sie zu dem Entwurf dieser beiden Protagonistinnen? Was macht für Sie die Identität von Frauen aus?

Uisenma Borchu: Ich beobachte Frauen. Sie haben einen spannenden Charakter, der mich neugierig macht. Es sind bloße Frauen-Fotografien, Bücher von Frauen oder auch Musik, die mich inspirieren. Im Gegensatz dazu ist da dieses Bild der Frau in unserer Gesellschaft. Das sind zwei Welten, die sich unheimlich beißen.
Das weibliche Wesen wird unterdrückt mit all ihrem Potential, die Freiheit wird ihr verweigert. Unter diesem Druck sind Iva und Hedi entstanden. Beim Schreiben wollten sie unbedingt raus kommen. Sie haben mich dazu gezwungen. Sie leben unter diesem Druck. Sie erfahren dauernd von anderen, wie sie sein sollen, wer sie sind, und was sie im Leben wollen. Von außen.
Hedi fühlt sich nicht wohl. Sie erkennt die Grenzen nicht an, und übernimmt die Kontrolle. Das heißt bei ihr nicht, dass sie auf den Orgasmus wartet. Hedi sagt, was sie will im Bett.
Andererseits befolgt sie die Regeln, ist diszipliniert und passt sich der harten Arbeitswelt draußen an, doch es ist nicht erfüllend. Etwas, was nicht greifbar ist, was nicht zu kaufen ist, erweckt ihre Sinne.
Das Schönheitsklischee der Frau wird in diesem Film aufgebrochen. Ich wollte es fein zeichnen, authentischer, und nicht mit Stereotypen des Gegenteils, das heißt also mal eine üppigere Frauenfigur spielen lassen...um Anti Vogue zu wirken... das ist klischeescheiße. Das mag ich nicht. So was regt mich auf. Ich verarsche nicht die Zuschauer, ich respektiere sie.
Ich habe als Mensch, als Filmemacherin nicht so ein Schwarzweißdenken, davon bin ich weit entfernt.

AVIVA-Berlin: Wie entstand der Titel "Schau mich nicht so an"?

Uisenma Borchu: Ich liebe die Vorstellung, dass die Zuschauer einen Dialog mit dem Film haben, dass sich eine Spannung zwischen Leinwand und ihnen entwickelt. Es kann Streit sein oder ein erfrischendes Gefühl, das den Durst löscht. Besonders bei diesem Film dachte ich mir, was würden Iva und Hedi sich wünschen, von den Zuschauern? Ich denke, es wäre die Aufforderung anders zu sein und anders zu schauen: Schau mich nicht so an.

AVIVA-Berlin: Dies ist Ihr erster Spielfilm, davor haben Sie bereits mehrere Dokumentarfilme gedreht. Sie sagen über Ihre Filme, dass Sie darin die Frau in den Fokus nehmen und nun mit diesem Spielfilm das Feminine zu visualisieren versuchten.
Wie sehen Sie die Chancen und Möglichkeiten für Frauen vor und hinter der Leinwand?

Uisenma Borchu: Es muss sich noch viel verändern in den Köpfen der Männer und der Frauen. Wir entwickeln uns in den letzten Jahren leider zurück, was die Selbstbestimmtheit der Frau angeht. Daher muss gegen diese automatisierte Einstellung, die ja seit Jahrhunderten von Generation zu Generation mitgegeben wird, erst mal künstlich nachgeholfen werden.
Die FilmFörderung muss sich einen Ruck geben und den deutschen Film fundamental demokratisch prägen. Feministisch braucht man/frau nicht zu sein, um zu sehen, dass da mächtig was schief läuft mit der Gleichberechtigung.
Die RedakteurINNEN müssen sich auch an die eigene Nase fassen. Es sind ziemlich viele unqualifizierte unter ihnen, die uns FilmemacherINNEN das Leben zur Hölle machen. Da erwarte ich offene, professionelle Gespräche. Es kann nicht sein, dass diese Leute die Filmkultur Deutschlands mitbestimmen, indem sie ihren Geschmack oder ihre (Anti) Sympathie an erste Stelle setzen. Und wenn sie dann im Boot sind, vertrauen sie dem Filmemacher nicht mehr, wollen alles bestimmen ... dann sollen sie ihre Filme doch selber machen.

AVIVA-Berlin: Ihre Biografie erwähnt, dass Sie schon in früher Kindheit in Kontakt mit Diskriminierung gekommen sind. Nicht nur in Deutschland verbreiten sich seit längerem vermehrt wieder rechtsradikale Vorstellungen, zu denen auch ein klassisches und heterosexuelles Familienbild sowie kulturelle Ausgrenzungen, gehören.
Wie sehen Sie diese Entwicklungen? Denken Sie, dass Sie mit Ihrem Film etwas dagegen wirken können?

Uisenma Borchu: Ich sehe diese Entwicklung. Ich empfinde das als Hilferuf. All die rechtsdenkenden Menschen sind Opfer, sie sind frustriert und es fehlt an Dialog und Aufklärung. Es gibt noch viel zu machen und Filme, Kunst und Kultur können da Berge versetzen.
Da glaube ich fest daran, weil ich es auch selbst erfahren habe.

AVIVA-Berlin: Was wünschen Sie sich für "Schau mich nicht so an" und wie sehen Ihre weiteren Pläne als Filmemacherin aus?

Uisenma Borchu: "Schau mich nicht so an" soll unter die Menschen kommen. Er läuft ab dem 16. Juni 2016 in den Kinos. Das ist der Wunsch eines jeden Filmemachers. Ich möchte weiterhin Filme machen, ich schreibe und plane, lese und arbeite, konfrontiere mich mit unangenehmen Gedanken. Das hilft, um vorwärts zu kommen. Mal sehen, wie das alles klappt. Ich weiß, dass ich nicht konform bin. Ich will das nicht ändern, will aber einen Film machen... das ist ein großes Abenteuer.


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Schau mich nicht so an - Regie und Drehbuch: Uisenma Borchu, Kinostart: 16. Juni 2016.
Eine Jurte in der Mongolei ist Hedis Vergangenheit, doch jetzt wohnt sie allein in einem Mietshaus einer deutschen Großstadt. Dort lernt sie durch die fünfjährige Sofia deren Mutter Iva kennen und die beiden Frauen kommen sich schnell näher. Regisseurin Uisenma Borchu, selbst mit mongolischem Hintergrund, lässt beeindruckend viel Raum für Interpretationen, die sie nicht durch Worte verstellt, sondern über den Blick der Kamera auf die Leinwand bringt.

Pro Quote Regie - Zusammenschluss von Regisseurinnen in Deutschland


Copyright Fotos von Uisenma Borchu: Zorrofilm



Interviews Beitrag vom 12.06.2016 Helga Egetenmeier 

   




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