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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 24.08.2016

Antje Rávic Strubel im AVIVA-Interview
Dorothee Robrecht

Antje Rávic Strubel, 1974 in Potsdam geboren, ist derzeit eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen deutscher Sprache. Vor kurzem erschien ihr jüngster Roman "In den Wäldern des menschlichen Herzens".



Zum Roman: Der Roman – ein Episodenroman - spielt an wechselnden Schauplätzen, auf Hiddensee, in Kalifornien, New York und den Wäldern Skandinaviens. Jede seiner zwölf Episoden erzählt von einer Beziehung, wie zum Beispiel der zwischen René und Katja: Katja, die coole Barfrau aus Berlin, ist Renés erste große Liebe. René bewundert Katja, und wenn sie davon träumt, Schriftstellerin zu werden, dann auch, weil sie hofft, Katja damit zu imponieren. Die beiden machen Urlaub in Skandinavien, und Strubel erzählt mit einer beinah unglaublichen Lakonie, wie dieser Urlaub und diese Liebe scheitern. "Es macht keinen Spaß mehr", lässt sie Katja sagen, "mehr gibt es dazu nicht zu sagen." Warum die beiden so sang- und klanglos auseinandergehen, lässt die letzte Episode des Romans zumindest ahnen: Katja taucht auch in dieser Episode noch einmal auf, Kat heißt sie jetzt und ist inzwischen ein Mann - ein Mann, der Nähe eher meidet als sucht und sich in Arbeit flüchtet.

Katja, Kat, René, Helen, Emily, Fay, Leigh, Sara, Norman, so heißen die Protagonist/innen Strubels. Sie lieben und begehren sich, in wechselnden Konstellationen, und oft ist es schwierig, das Scheitern nah. "In den Wäldern des menschlichen Herzens" ist ein melancholischer Roman über die Suche nach Beziehungsformen, die nicht vorgezeichnet sind durch klassische Vorstellungen davon, wie man/frau zu sein und zu fühlen hat. Doch so melancholisch seine Grundstimmung auch ist – Hoffnung lässt er, den Mutigen zumindest. Denn wie heißt es gleich zu Beginn des Romans: "Nichts und niemandem ist ein fester Platz auf der Welt vorherbestimmt." Und wenn das stimmt, ist (fast) alles und damit auch neues möglich.

AVIVA-Berlin: Frau Rávic Strubel, über die Protagonist/innen Ihres Romans schrieb die Rezensentin Anja Kümmel in der "Zeit", es handele sich um "ein Ensemble entschieden queerer Charaktere". Können Sie mit dem Begriff queer etwas anfangen, was bedeutet er für Sie?
Antje Rávic Strubel: Queer ist ein Modewort geworden und muss für soviel herhalten, dass man manchmal nicht mehr weiß, was eigentlich gemeint ist. Ich verstehe darunter einen Lebensstil jenseits gegengeschlechtlicher Paarkonstellation und ein Bewußtsein für die Konsequenzen, die daraus folgen, dass wir Körper immer eindeutig dem männlichen oder dem weiblichen Geschlecht zuordnen und zwar sortiert nach arbiträr miteinander kombinierten Körperteilen. Queer als Denkfigur versucht nicht "entweder/oder" zu denken, sondern "sowohl als auch", ein biologisch weiblicher Körper muß beispielsweise nicht zwangsläufig eine weibliche Identität haben. Das kann befreiend, aber auch beängstigend sein.

AVIVA-Berlin: Wie ist der Roman entstanden? Gab es eine Idee, ein Thema oder eine Figur, von der Sie ausgingen?
Antje Rávic Strubel: Ich gehe beim Schreiben meistens von einer Frage aus, von etwas, woran ich mich reibe, das mich aufregt. Hier habe ich mich gefragt, warum eine bestimmte literarische Form, die Kurzgeschichte nach amerikanischem Vorbild, eigentlich immer mit den gleichen Figurenkonstellationen und Inhalten einhergeht. Es sind feste Männer-, Frauen- und Beziehungsbilder, die in der Kurzgeschichte endlos wiederholt werden. Das kleinbürgerliche, heterosexuelle Lebensmodell, aus dem es kein Entrinnen gibt, was beim Mann zu Brutalität, bei der Frau zu Depression und Selbstmord führt. Warum eigentlich? Ich wollte diese Form subvertieren.

AVIVA-Berlin: Der Titel "In den Wäldern des menschlichen Herzens" erinnert an "Nightwood" von Djuna Barnes, und auch bei Barnes geht es ja um Liebe jenseits klassischer Normen. War Barnes eine Inspiration für sie? Fühlen Sie sich ihr verwandt?
Antje Rávic Strubel: Ich bewundere Djuna Barnes, ich finde ihre Text anregend und aufregend. Sie denkt außerhalb des Gewöhnlichen, und sie versteht es glänzend, das auch zu formulieren. Sie muss ein faszinierender Mensch gewesen sein. Als ich hörte, dass sie erst Mitte der 1980er Jahre gestorben ist, konnte ich es nicht fassen: ich war schon auf der Welt. Ich hätte sie noch kennenlernen können!

AVIVA-Berlin: In Ihrem Roman beschreiben Sie verschiedene Formen des Begehrens, zwischen Frauen, zwischen Frauen und Männern und auch das zwischen Menschen, deren körperliche Identität nicht eindeutig ist. Und Sie sprechen in diesem Roman von einer "Präzision des Begehrens". Was meinen Sie damit?
Antje Rávic Strubel: Ich lasse meine Figur Leigh sagen, unser Begehren sei erschreckend präzise. Das geht auf einen Gedanken der Theoretikerin Judith Jack Halberstam zurück, die in ihrem Aufsatz "F2M" das Konzept von weiblicher Männlichkeit entwickelt und den Leigh natürlich gelesen hat. Leighs weibliche Männlichkeit ist eine so eindeutige Geschlechtsidentität wie die aller anderen Figuren in meinem Buch. Sie ist nur schwerer in Worte zu fassen, weil wir nicht daran gewöhnt sind. Halberstam beschreibt in ihrem Artikel die unterschiedlichsten Männlichkeiten, die sich an und auf weiblichen Körpern abbilden. Kleidung beispielsweise fungiere wie Haut als Marker der Geschlechtsidentität, ohne dass der biologische Körper operativ oder hormonell verändert werden müsse. Auf diese männliche Haut an einem weiblichen Körper richtet sich nun Emilys Begehren. Ihr Begehren wird also durch eine ganz spezifische Männlichkeit ausgelöst und keine andere. Halberstam widerspricht hier auch einem Argument der queer theorie, dass Geschlecht etwas Fluides sei, man also nach reinem Gutdünken heute mal als Frau, morgen als Mann, als beides oder sogar ganz undefiniert herumlaufen könne. So simpel ist es ja nicht. Wir stecken in einem rigiden Rahmen von Sexualität, Geschlecht und Begehren, dessen Diskurse und Normen wir verinnerlicht haben. Das thematisiere ich übrigens auch in meinem Buch, dieses nicht Entkommenkönnen – entgegen der flapsigen Unterstellung eines Kritikers in "Die Zeit", ich würde die freie Genderwahl verkünden. Ein Resultat freier Entscheidung ist Geschlecht nun wirklich am wenigsten. Spätestens seit Judith Butler ist offenkundig, dass unsere dichotome Geschlechterordnung zwar subvertierbar ist, abschaffbar ist sie deswegen aber noch lange nicht.

AVIVA-Berlin: In Ihrem Roman wird aus Katja Kat, ihre/seine geschlechtliche Identität ist fluide, ihr/sein Begehren nicht: Wie Katja ist auch Kat mit einer Frau zusammen. Wenn geschlechtliche Identität modifizierbar ist – ist es das Begehren auch?
Antje Rávic Strubel: Hinter dieser Frage steht eine andere, schwerer zu beantwortende Frage, die nach dem Ursprung. Sind Begehren und Verständnis der eigenen geschlechtlichen Identität gewissermaßen naturgegeben, verkörpern wir sie, haften sie uns als unveränderliche Größe an, oder scheint uns das nur wesentlich und unveränderlich, weil wir gelernt haben, so zu denken? Mir gefällt die Vorstellung, alles sei veränderlich. Mich schreckt das Konstante. Ich liebe das Spiel, und zwar nicht als Gegenteil von Ernst oder dem richtigen Leben, sondern die Vorstellung vom Leben als Spiel. Warum sollte es von uns nur einen Entwurf geben, und dem folgen wir dann brav bis ins Grab? Ist das nicht eine seltsame Vorstellung? Unsere Körper verändern sich. Unser Geschmack verändert sich. Unser Denken verändert sich. Warum sollten sich nicht unser Geschlecht und unser Begehren ebenfalls innerhalb eines Lebens ändern? (Es kann sich aber eben nur innerhalb dieses festen Rahmens ändern.)

AVIVA-Berlin: Ihr Roman geht sparsam um mit Personalpronomen wie "er" und "sie", die das Geschlecht einer Figur sofort erkennen lassen. Können Sie sich eine Sprache vorstellen, die die Vorsortierung der Welt in männlich/weiblich transzendiert?
Antje Rávic Strubel: Ich bin nicht in so vielen Sprachen bewandert. Aber ich glaube, das Finnische macht da keinen Unterschied. Und wenn man einmal anfängt, darüber nachzudenken, erscheint einem einiges daran absurd: warum sortieren wir die Wirklichkeit ausgerechnet nach Körperteilen, die wir versteckt halten? Wenn sie so wichtig sind, dass sich alles danach richtet, warum zeigen wir sie nicht? Wäre es da nicht sinnvoller, die Welt nach Augenfarben zu sortieren? Nähmen wir die Feier des Individuums allerdings ernst, bräuchten wir nichts dergleichen. So aber sind wir Herdentiere.

AVIVA-Berlin: In Ihrem Roman gibt es eine kurze Rückblende in die Jugend einer der Protagonistinnen: Ihre Mutter will herausfinden, ob sie lesbisch ist. Da das Wort "lesbisch" im Kontext des Romans ansonsten nicht auftaucht - ist lesbisch für Sie ein Begriff, der ausgedient hat? Der relevant war nur für die Generation der Mütter?
Antje Rávic Strubel: Die Frage allein ist schon eine Antwort. Würde man bei der Liebesgeschichte zwischen einer Frau und einem Mann fragen, warum das Wort heterosexuell nicht auftaucht? Die "andere Liebe", die sich von der Mehrheitsform der Liebe unterscheidet, muss sich immer rechtfertigen. Ich habe ein Buch über Begehren und Sehnsucht geschrieben, ohne dieses Begehren als etwas anderes zu markieren. Damit würde es sich in meinen Augen selbst an den Rand befördern. Als politischer Begriff mag "lesbisch" wichtig gewesen sein (und ist es im Großteil der Welt immer noch), um Rechte erlangen zu können, muss man überhaupt sichtbar sein. In meinem Buch benutze ich das Wort nur dort, wo es etwas über Ein- und Ausschlußmechanismen sagt. Dass die Mutter wissen will, ob die Tochter lesbisch ist, hat mit einem Außenblick zu tun. Nur für die anderen, die Mutter, die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft, ist der Begriff nötig, um sich abzugrenzen. Das Erleben der Figuren aber ist ein inneres Erleben. Da ist Liebe eben Liebe.

AVIVA-Berlin: Ihre Biographie weist Parallelen auf zu der von René, einer Ihrer Romanfiguren. Stört es Sie, wenn Leser/innen Ihre Romane (auch) autobiographisch lesen?
Antje Rávic Strubel: Diese Frage amüsiert mich immer. Das Autobiografischste an dem Buch ist der blaue Opal, den Norman um den Hals trägt. Das ist meiner! Von mir aus können Leser/innen sich alles Mögliche beim Lesen vorstellen, Hauptsache, es macht Spaß. Denn im Grunde weiß nicht einmal ich noch, was autobiografisch ist, wenn ich ein Buch fertig geschrieben habe. Oft denke ich, etwas sei tatsächlich passiert, bis mich diejenigen, die es meiner Auffassung nach betrifft, darauf aufmerksam machen, dass das nicht stimmt. Dass ich es mir ausgedacht habe.

AVIVA-Berlin: Ihr Roman ist außerordentlich erfolgreich, von der Frankfurter Allgemeinen bis hin zur Welt wurde er überall rezensiert, in der Zeit sogar zweimal, und immer ausnehmend positiv. "Ein kühner Roman", so etwa die Zeit, "über das Ende der Heteronormativität". Wie erklären Sie sich diesen Erfolg? Die Begeisterung von Medien, die Heteronormativität tendenziell eher affirmieren als kritisieren?
Antje Rávic Strubel: Ich hoffe, es liegt an der literarischen Qualität. Aber abgesehen davon: Wir leben in einer Zeit, in der sich die westliche Welt auf sich selbst besinnen und klären muss, wo ihre Werte liegen. Wenn wir auf das Wort queer zurückkommen, es ist zugleich schwammig genug und hip genug, damit sich Menschen darauf beziehen können, die bisher eigentlich ein sehr zufriedenes, freies, heteronormatives Leben führten. Unter Verhältnissen, in denen man diese Freiheit als weniger bedroht empfinden würde, wäre der Enthusiasmus für etwas, wovon man im Grunde keine Ahnung hat, sicher geringer. So aber bietet sich hier eine dankbare, recht einfache und noch dazu hippe Möglichkeit (die Kämpfe sind schon ausgefochten), engagiert für eine offene Gesellschaft einzutreten.

AVIVA-Berlin: Weiterzuschreiben nach einem solchen Erfolg - ist das nicht schwer? Haben Sie schon Pläne für ein nächstes Buch?
Antje Rávic Strubel: Es ist ja glücklicherweise nicht mein Debüt. Und es ist glücklicherweise auch nicht das erste Buch, das so hymnische Besprechungen bekommen hat. "Tupolew 134" oder "Kältere Schichten der Luft" sind ähnlich besprochen worden. Und seit ich vor 15 Jahren meinen ersten Roman veröffentlichte, habe ich mir angewöhnt, mit dem nächsten anzufangen, bevor der vorherige überhaupt erschienen ist. Ich arbeite also längst an etwas Neuem. Auch an die unterschiedlichen Temperaturen im Literaturbetrieb habe ich mich mittlerweile gewöhnt und versuche einfach, entsprechend gekleidet zu sein. Wie sagt man im Norden: Es gibt kein schlechtes Wetter. Du bist nur nicht richtig angezogen.

Antje Rávic Strubel im Netz: www.antjestrubel.de

Antje Rávic Strubel
In den Wäldern des menschlichen Herzens

272 Seiten, gebunden
Preis € (D) 19,99 | € (A) 20,60
ISBN: 978-3-10-002281-3
S. Fischer Verlag, erschienen 25.02.2016
www.fischerverlage.de

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Interviews Beitrag vom 24.08.2016 AVIVA-Redaktion 

   




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