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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 13.01.2009

Stalking-ExpertInnen - Ein Interview mit Susanne Schumacher
Henriette Jankow

Die Berliner Journalistin war Mitte der 1990er Jahre selbst von Stalking betroffen. Als sie feststellen musste, dass es hierzulande kaum Erkenntnisse zum Thema gab, wurde sie selbst zur Expertin...



...In ihrem Buch "Stalking- geliebt, verfolgt, gehetzt. Ein Ratgeber f├╝r Betroffene" und auf ihrer Homepage ber├Ąt sie Betroffene. Im Februar 2009 folgt die Er├Âffnung einer Beratungsstelle in Berlin. AVIVA-Berlin sprach mit ihr dar├╝ber, was zum Thema Stalking in der deutschen ├ľffentlichkeit bereits getan worden ist und was noch kommen muss.

AVIVA-Berlin: Frau Schumacher, Sie haben die Website www.liebeswahn.de in┬┤s Leben gerufen und auch ein Buch zum Thema Stalking geschrieben. Seit wann besch├Ąftigen Sie sich mit dem Thema und warum?
Susanne Schumacher: Ich besch├Ąftige mich auf Grund einer eigenen Erfahrung schon seit Mitte der 90er Jahre mit dem Thema. Als Betroffene mit eigenen Fragen fing es an. Daraus ist die Erkenntnis entstanden, dass es in Deutschland damals ├╝berhaupt nichts zu Stalking gab, dass noch nicht mal das Wort existierte. Dann habe ich beschlossen, einen Ratgeber f├╝r Betroffene zu schreiben. Es war das erste deutschsprachige Werk zu Stalking und hat damals die ganze Diskussion hier in Deutschland in Gang gesetzt.

AVIVA-Berlin: Damit haben Sie einen Teil dazu beigetragen, dass die ├ľffentlichkeit auf das Thema aufmerksam gemacht und in Folge dessen der ┬ž238 verabschiedet wurde. Wie sch├Ątzen Sie die rechtliche Lage jetzt, nach Einf├╝hrung des Nachstellungsparagraphen, ein?
Susanne Schumacher: Ich habe als Expertin im Bundesrechtsausschuss fungiert, als es darum ging, ob dieses Gesetz in der Art, wie es festgelegt wurde, sinnvoll ist.
Grunds├Ątzlich halte ich das Gesetz f├╝r sehr, sehr sinnvoll, weil Stalking ja nicht nur eine Straftat, beispielsweise im Sinne einer Sachbesch├Ądigung meint, sondern es passieren verschiedene, wiederholte Straftaten ├╝ber einen langen Zeitraum. In der Vergangenheit war es so, dass Gerichte nur die schwerwiegendsten Vergehen bestraft haben. Wenn aber jemand permanentes Stalking erlebt, und die Durchschnittsdauer liegt bei 24 bis 28 Monaten, wird die Strafe eines Ordnungsgeld dem erlebten Psychoterror nicht gerecht.

Insofern war ich eine gro├če Bef├╝rworterin f├╝r einen Straftatbestand und bin auch sehr gl├╝cklich, dass es ihn gibt. Die Umsetzung ist im Moment allerdings noch "gem├Ąchlich". Es gibt Richter, die die Notwendigkeit noch nicht ganz sehen k├Ânnen, oder denen die Beweise nicht ausreichen. Gott sei Dank setzt sich aber eher die Erkenntnis durch, dass das Gesetz dringend n├Âtig war.

AVIVA-Berlin: Alles in allem ist es also ein Fortschritt?
Susanne Schumacher: Auf jeden Fall! Auch in Bezug auf die Polizeiarbeit ist es ein Fortschritt. Die Polizei hatte vorher Handlungsunsicherheit. Jetzt gibt es eine Rechtssicherheit. Mit dem Straftatbestand nach ┬ž238 sind die Beamten angehalten, zu ermitteln. Vorher musste immer erst eine einstweilige Verf├╝gung vor einem Zivilgericht erwirkt werden. Erst wenn die Polizei einen richterlichen Beschluss ├╝ber ein Kontaktverbot hatte, konnte sie handeln. Jetzt kann die Polizei schon fr├╝hzeitig t├Ątig werden, indem sie den Betroffenen r├Ąt, Anzeige zu erstatten um dann auch den Stalker damit zu konfrontieren. Je fr├╝her man versucht, das Stalkerverhalten mit einer gezielten Intervention bei der Polizei zu unterbinden, umso schneller kann man diese F├Ąlle auch wieder beenden Ich sehe das eher pr├Ąventiv, wenn Sie so wollen.

AVIVA-Berlin: Sie befinden sich gerade im Aufbau einer Beratungsstelle f├╝r Stalking-Betroffene. K├Ânnen Sie uns etwas ├╝ber das Konzept sagen?
Susanne Schumacher: Ich berate seit dem Jahr 2000 Betroffene. Das wurde aus der Not heraus geboren, weil damals noch keiner so richtig etwas wusste. Damals habe ich zun├Ąchst diese Homepage aufgebaut, um erste Ratschl├Ąge zu geben. Seit 2005 schule ich die Berliner Polizei auf Stalking-F├Ąlle. Aber auch von den Frauenberatungen in dieser Stadt erhielt ich immer mehr Schulungsauftr├Ąge. So habe ich die Notwendigkeit einer Beratungsstelle gesehen. Im Juli 2008 haben wir den Verein Stalking-Opferhilfe Berlin e.V. gegr├╝ndet, der u.a. auch die Bundesjustizministerin als Gr├╝ndungsmitglied hat. Zusammen mit der Diakonie werden wir ab Februar 2009 Beratungen in der Sch├Ânhauser Allee anbieten.

Das mache ich zun├Ąchst zusammen mit einer Psychologin, weil die Erfahrung auch zeigt, dass viele Betroffene sehr stark traumatisiert sind. Es wird keine Rechtsberatung geben. Vielmehr geht es darum, Interventionsstrategien mit Betroffenen zu erarbeiten und darum, wie sie mit dem Stalking-Geschehen besser umgehen k├Ânnen, aber auch darum, was sie ganz gezielt selber machen k├Ânnen, machen m├╝ssen, um das Stalking zu beenden.

AVIVA-Berlin: Es gibt hier in Berlin auch eine Beratungsstelle f├╝r StalkerInnen, Stop Stalking Berlin.
Susanne Schumacher: Ja, an der habe ich mitgearbeitet. Einer der Mitarbeiter ist im Vorfeld an mich herangetreten, und so war ich quasi an der Konzeptausarbeitung ein bisschen beteiligt und stehe nach wie vor mit ihnen in einem st├Ąndigen Austausch. Stop Stalking hat eine ganz rege Nachfrage. Es ist angedacht, dass wir in irgendeiner Form zusammen arbeiten, bzw. uns austauschen werden. Unter der Voraussetzung, dass der/die Stalking-Betroffene auch Interesse daran hat, k├Ânnten wir Stop Stalking z.B. eine R├╝ckmeldung geben, ob deren T├Ąter-Beratung greift. Aber das werden wir sehen, wenn wir unsere Arbeit aufgenommen haben, wie es sich entwickelt und ob eine derartige Zusammenarbeit m├Âglich ist.

Auch andere L├Ąnder, die in der Gesetzgebung und Forschung schon wesentlich weiter sind als wir, zeigen gro├čes Interesse an Stop Stalking. Es scheint fast, als ob wir in Deutschland die ersten mit dieser Form der T├Ąterberatung sind. Ich finde gut, dass es so eine Einrichtung gibt. Sicher wird sie nicht von jedem angenommen und nicht jeder Stalker sieht sich als jemand, der dort hingehen muss.

AVIVA-Berlin: Eine Frage zum Abschluss: Wie stellen Sie sich den weiteren Umgang mit dem Thema Stalking vor?
Susanne Schumacher: Ich glaube, die Sensibilisierung der ├ľffentlichkeit steht nach wie vor ganz oben auf der Agenda. Ich w├╝rde mir w├╝nschen, dass in Zukunft M├Ądchen lernen, Nein zu sagen und Jungs dieses Nein richtig interpretieren. Da liegt noch eine ganze Menge Arbeit vor uns. Ich hoffe, dass wir zumindest mit der Beratungsstelle ein gutes Angebot hier f├╝r Berlin schaffen, dass der/die Einzelne sich nicht so allein gelassen f├╝hlt. Dazu geh├Ârt sicherlich auch eine Form von Runder Tisch, an den man verschiedene Institutionen heranholt und dann versucht, den Fall f├╝r alle transparent zu machen, zu steuern und damit sinnvoller zu gestalten.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das Interview und viel Erfolg f├╝r Ihre Arbeit!

Seit dem 12.02.2009 finden Sie die Stalking Opferhilfe Berlin e.V. in der Sch├Ânhauser Allee 141
10437 Berlin
Fon: 030 - 44 32 37 17


Lesen Sie auch auf AVIVA-Berlin unser Feature "Stalking ÔÇô Wenn Liebe zum Wahn wird" sowie unsere Interviews mit der Strafrechtlerin Stefanie Thieme und dem Psychologen und Mitarbeiter der Stalker-Beratungsstelle "Stop Stalking", Berlin Wolf Ortiz-M├╝ller.

Interviews Beitrag vom 13.01.2009 AVIVA-Redaktion 

   




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