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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 13.01.2009

Stalking-ExpertInnen - Ein Interview mit Wolf Ortiz-Müller
Henriette Jankow

Etwa ein Jahr nach Einführung des Nachstellungsparagraphen gründete ein Team aus PsychotherapeutInnen, SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen in Berlin eine Beratungsstelle für StalkerInnen.



AVIVA-Berlin sprach mit dem Psychologen und Mitarbeiter von Stop Stalking Berlin Wolf Ortiz-Müller über mögliche Motive von StalkerInnen und das Konzept der Beratungsstelle.

AVIVA-Berlin: Die Beratungsstelle Stop Stalking gibt es seit April 2008. Was hat Sie dazu bewegt, Stop Stalking zu gründen?
Wolf Ortiz-Müller: Der Gedanke der Prävention und des Opferschutzes: Ein Opfer ist erst dann nachhaltig geschützt, wenn der Täter sein Nachstellungs-Verhalten beendet. Daraus ergab sich für uns die logische Schlussfolgerung, dass man mit der Person, die stalkt, arbeiten muss. Wer einmal, z.B. nach Ende einer Beziehung, zu stalken anfängt, wird mit größerer Wahrscheinlichkeit auch später wieder auf sein "gelerntes Verhalten" zurückgreifen. Ein Jahr nach Inkrafttreten des Nachstellungsgesetzes §238 StGB sahen wir die Notwendigkeit, die juristische Sanktionierung durch ein Unterstützungsangebot zu flankieren, denn die Erfahrung zeigt, dass Strafen alleine nicht helfen.

AVIVA-Berlin: Das Konzept der Beratungsstelle beruht auf der Freiwilligkeit der StalkerInnen, ihr Verhalten zu ändern. Wie wird das Angebot angenommen? Wie hoch ist der Zulauf?
Wolf Ortiz-Müller: Nun, wir hatten nach einem halben Jahr 340 Kontakte mit Menschen, die stalken, in Form von Emails, Telefonaten und persönlichen Gesprächen. Daraus wurden rund 60 Beratungsfälle, Menschen, mit denen wir intensiver gearbeitet haben. Andere wollten nur Informationen oder kamen aus dem Bundesgebiet, so dass wir sie als Einrichtung für Menschen aus dem Berliner Raum nicht beraten konnten. Da wir noch keine Online-Beratung anbieten können, ist die Bereitschaft, zum persönlichen Gespräch zu kommen und dann gegebenenfalls eine Beratungsreihe wahrzunehmen, die zentrale Voraussetzung für eine ernsthafte Arbeit. Doch nicht alle kommen ganz freiwillig, viele werden uns auch durch die Gefährderansprache der Berliner Polizei vermittelt oder auch durch Rechtsanwälte, also in Fällen, wo bereits eine polizeiliche Ermittlung oder juristische Verfolgung greift.

AVIVA-Berlin: Wie sieht nach Ihren Erfahrungen das Geschlechterverhältnis in der Täter-Opfer-Konstellation aus? Wird Ihr Beratungsangebot eher von Männern, eher von Frauen oder zu gleichen Teilen von beiden Geschlechtern wahrgenommen?
Wolf Ortiz-Müller: Die meisten Untersuchungen lassen auf ein Verhältnis von ca. 80 % männlichen Tätern, und von 20% weiblichen Tätern schließen, dementsprechend sind auch 80% der Opfer weiblich, 20% der Opfer männlich, wobei es selbstverständlich auch gleichgeschlechtliches Stalking gibt. Diese Zahlenverhältnisse spiegeln sich auch in unserem Zulauf so in etwa wider.

AVIVA-Berlin: Von welchen Motiven sind StalkerInnen für gewöhnlich geleitet? Was bewegt Menschen dazu, anderen nachzustellen?
Wolf Ortiz-Müller: Sehr häufig finden wir Kränkungen als Ausgangspunkt. Jemand trennt sich und der andere kann das gar nicht verstehen, erhält vielleicht nicht die Erklärung, die ihm helfen würde. Es finden dann oft noch Gespräche über die Trennung statt. Das, was viele Stalker von anderen Menschen, die auch bittere Trennungserfahrungen machen müssen, unterscheidet, ist, dass diejenigen, die anschließend zu stalken beginnen, sich nie mit den gegebenen Erklärungen begnügen. Sie "können" nicht loslassen, sie glauben immer wieder, immer noch ein Recht auf Zuwendung zu haben. Sie klammern sich an den oder die `Ex´, und je weiter sich dieser oder diese zurückzieht, desto wütender werden sie. Dann schlägt `Werben´ oder `Rückeroberungsverhalten´ oft in Hass um, in den Wunsch, es der anderen `heimzuzahlen´.

Manche Menschen haben auch eine verschobene Realitätswahrnehmung: Sie interpretieren harmlose zwischenmenschliche Aufmerksamkeiten oder Zuwendungen, einen Gruß, ein Lächeln, als ein vermeintliches Beziehungsangebot. Dann fantasieren sie sich eine Beziehung herbei und nehmen es nicht wahr, dass die oder der Andre gar nicht mehr will, als z.B. nachbarschaftlichen oder kollegialen Umgang.

AVIVA-Berlin: Der Diplom-Psychologe Jens Hoffmann, Mitglied der Arbeitsgruppe zur Untersuchung des Phänomens Stalking an der TU Darmstadt, stellte fest, dass Gespräche selten zu einer Beendigung der Belästigung führten. Wie sind Ihre Erfahrungen? Welche Gründe gibt es für einen Abbruch der Beratung?
Wolf Ortiz-Müller: Wir machen erfreulicherweise die Erfahrung, dass die Stalker, die sich auf einen Beratungsprozess einlassen, die also mit uns eine schriftliche Beratungsvereinbarung über z.B. zehn Gespräche abschließen, sich sehr ernsthaft mit den Gründen für ihr Stalking auseinandersetzen. Denen gelingt es zumeist, ihr Stalking zu beenden oder drastisch zu reduzieren; sie gewinnen im Verlauf der Beratungen eine andere Perspektive auf das Verhältnis zum Opfer und auf ihr eigenes Leben. Bei vielen setzt Nachdenklichkeit und auch Bedauern ein.

Wer jedoch als Stalker auch nach mehreren Gesprächen immer noch auf der Sichtweise beharrt, dass im Grunde alleine die Andere `schuld´ ist am eigenen Stalking und er selbst das wahre Opfer sei, der übernimmt keine Verantwortung für sein Verhalten. Dann ist auch keine konstruktive Aufarbeitung möglich und gewollt und er ist bei uns am falschen Ort, zumindest zum falschen Zeitpunkt.

AVIVA-Berlin: Nach Meinung vieler ExpertInnen (z.B.: JuristInnen und PsychologInnen) wird sich mit dem Thema Stalking in Deutschland noch zu wenig auseinandergesetzt. Worauf sollte Ihrer Meinung nach der Fokus einer Auseinandersetzung gelegt werden?
Wolf Ortiz-Müller: Die Wissenschaftler wie auch die wenigen bisherigen Praktiker wissen noch zu wenig über Stalking, die Hintergründe, die biographischen Erfahrungen, die einen Menschen dazu bringen mögen, andere zu stalken. Noch weniger wissen wir, wie effektive Therapie aussieht. Wir verstehen unsere Arbeit als Pionierarbeit und tauschen uns mit vielen anderen, z.B. der Arbeitsgruppe um Jens Hoffmann aus, um zukünftig zu verlässlichen Ergebnissen zu kommen.

Die Politik ist gefragt, diesem wachsenden Problemfeld Stalking anders als allein durch Strafverfolgung zu begegnen. Der offenkundige Bedarf nach Therapie- und Behandlungsmöglichkeiten muss anerkannt und auch finanziert werden. Denn die Folgen für die Gesundheit der Opfer sind dramatisch und erzeugen neben psychischem Leiden auch beträchtliche volkswirtschaftliche Schäden.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für Ihre Arbeit!

Weitere Infos zu dem Beratungsangebot von Stop Stalking Berlin finden Sie unter: www.stop-stalking-berlin.de


Lesen Sie auch auf AVIVA-Berlin unser Feature "Stalking – Wenn Liebe zum Wahn wird" sowie unsere Interviews mit der Journalistin Susanne Schumacher und der Strafrechtlerin Stefanie Thieme.

Interviews Beitrag vom 13.01.2009 AVIVA-Redaktion 

   




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