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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 20.10.2009

Interview mit Maria Kohl
Claire Horst

Die ausgebildete Sängerin Maria Kohl (73) leitet den Verein "Kinderträume" in Charlottenburg. Der Verein erfüllt die Wünsche von schwerkranken Kindern und Jugendlichen. Kohl hat dafür das...





...Bundesverdienstkreuz sowie den Charitypreis "Die Goldene Henne" erhalten. AVIVA-Berlin hat mit ihr über ihre Arbeit gesprochen.

AVIVA-Berlin: Wie sind Sie zu Ihrer Tätigkeit gekommen?
Maria Kohl: Ich bin ausgebildete Sängerin, habe aber nie an der Oper gearbeitet, weil ich immer freiberuflich tätig sein wollte. Nebenbei habe ich synchronisiert und Kindern Klavierunterricht gegeben. Als ich von dem Projekt "Make A Wish" in den USA gehört habe, war ich begeistert. Kranke Kinder und Jugendliche im Krankenhaus zu besuchen und ihnen einen Wunsch zu erfüllen, das hat mich gepackt. So habe ich vor zwölf Jahren den Verein in Berlin aufgebaut - sehr blauäugig, aber mit viel Enthusiasmus. Alles musste ich von Grund auf lernen: Büroarbeit, Organisation, Presse, ohne Geld zu arbeiten. Dann bin ich die östlichen Bundesländer abgefahren und habe unseren Verein vorgestellt. So mache ich das im Grunde heute noch, bundesweit inzwischen.

AVIVA-Berlin: Wie würden Sie Ihre Arbeit nennen? Sind Sie eine Kulturmanagerin, eine gute Fee?
Maria Kohl: Ich bin kein Engel. Ich mache einfach alles aus dem Herzen heraus - kann gut organisieren, managen, gut mit Menschen umgehen, was mir vorher gar nicht bewusst war. Ich hatte mich ja in meinem Beruf immer nur um mich selbst kümmern müssen. Es kommen viele Fähigkeiten zusammen: Sensibilität und Einfühlungsvermögen im Umgang mit den Kindern und ihren Angehörigen, dem überlasteten Personal auf den Kinderstationen, den HelferInnen im Büro, den Mitgliedern und Spendern. Bei Spendenübergaben bin ich, wenn es sich einrichten lässt, immer vor Ort. Der persönliche Kontakt ist mir sehr wichtig.

AVIVA-Berlin: Wer sind denn Ihre SpenderInnen?
Maria Kohl: Es sind Firmen und Privatpersonen, Familien, die seit Jahren im Advent ein Fest für uns veranstalten, Chöre, welche zwei Mal jährlich ein Benefizkonzert geben, Schulen mit einem Sponsorenlauf oder Trödelmärkten, Fußballvereine, die immer wieder Turniere für uns veranstalten, Eltern betroffener Kinder und viele andere. Sogar ehemals kranke Kinder, denen wir einen Wunsch erfüllt haben und die inzwischen 18 Jahre alt sind, sind Mitglied geworden – das ist für mich eine besondere Freude! Eine staatliche Förderung gibt es nicht. Wir finanzieren uns allein von Spenden und Mitgliedsbeiträgen.

AVIVA-Berlin: Wie ist der Verein organisiert?
Maria Kohl: Im Büro habe ich drei sehr engagierte ehrenamtliche HelferInnen. Dann gibt es die verschiedenen HelferInnen in Berlin und anderen Städten, die die Wunscherfüllungen begleiten. Aber ich habe auch schon negative Erfahrungen mit HelferInnen machen müssen. Sie möchten helfen, merken aber nicht, dass sie nur ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen – das sind Menschen mit einem sogenannten Helfersyndrom. Solch egoistische Hilfe hat bei uns keinen Platz.

AVIVA-Berlin: Wie läuft die Wunscherfüllung genau ab?
Maria Kohl: Wir bekommen die Wünsche per Brief. Wenn ein Kind noch nicht schreiben kann, übernimmt die Mutter diesen Part und das Kind malt uns ein Bild von seinem Wunsch, aber nur, wenn es Lust dazu hat. Wir benötigen dann alle Angaben über die Erkrankung, das Krankenhaus, den / die behandelnde/n Arzt / Ärztin - denn wir brauchen immer die Zustimmung der ÄrztInnen, wenn es um den Termin der Wunscherfüllung geht. Dann beantworten wir ganz schnell den Wunschbrief, weil die Kinder ungeduldig auf unsere Antwort warten. Diese Antwort ist ein ganz wichtiger Akt, denn sie ist der erste Kontakt zum kranken Kind und muss sehr einfühlsam geschrieben werden. Wir sprechen immer das Kind an und adressieren auch dementsprechend, auch wenn es noch ganz klein ist und der Brief von der Mutter geschrieben wurde.

AVIVA-Berlin: Müssen Sie auch manchmal einen Wunsch ablehnen?
Maria Kohl: Das kann passieren, wenn ein Kind eine Person treffen möchte, die zunächst nicht mitmacht. So schnell geben wir aber nicht auf. Dann versuchen wir es von einer anderen Seite, etwa über die Plattenfirma. Man muss viel Geduld haben und immer freundlich bleiben, denn es geht ja um die heißersehnte Wunscherfüllung eines vom Tode bedrohten Kindes, dem wir durch die erlebte Freude wieder Kraft zum Leben geben möchten. Da gilt es sich einzusetzen, und da kann man sich nicht mit einem Nein zufrieden geben. Ich gebe nie auf! Der Wunsch des Kindes ist uns Befehl.

AVIVA-Berlin: Machen die Menschen gern mit?
Maria Kohl: Meistens schon. Zum Beispiel gab es am Wochenende eine Wunscherfüllung mit der Band "In Extremo" in der Festung in Magdeburg, und die waren sehr nett und haben dem Jungen viel Zeit gewidmet und ihm alles gezeigt. Da war so eine Bereitwilligkeit, eine Liebenswürdigkeit, die dem Jungen und seinen Eltern viel gegeben hat, das anschließende, wunderbare Konzert sowieso. Auch mit den "Ärzten" und ihrem Team im Hintergrund eine Wunscherfüllung zu erleben, ist immer wieder ein tolles Erlebnis, da sie so herzlich sind zu den Kindern.

AVIVA-Berlin: Wie erfahren die Kinder von Ihnen?
Maria Kohl: Ich bin sehr viel auf den onkologischen Kinderstationen und nehme Kontakt auf. Außerdem erzählt das Stationspersonal den Kindern und Jugendlichen von uns – um sie aufzurichten und ihnen etwas Schönes in Aussicht zu stellen, besonders dann, wenn sich die Kinder in einem seelischen Tief befinden. Denn das Personal weiß sehr wohl um die medizinische Wirkung erlebter bzw. in Aussicht stehender Freude.

Das Telefon klingelt, Frau Kohl spricht mit einem betroffenen Jugendlichen – es klingt sehr vertraut. Der Junge hat Knochenkrebs im Becken und sechs Chemoblöcke hinter sich, eine Operation vor sich. Er spielt seit drei Jahren Gitarre, komponiert und singt in einer Band. Er möchte sein Idol Billy Joe von Green Day bei ihrem Konzert in der Münchner Olympiahalle treffen. Frau Kohl will die Ärzte überreden, es zu erlauben – notfalls im Rollstuhl und mit Mundschutz. "Das muss klappen, selbst wenn wir ihn hintragen! Die Ärzte wissen auch, mit welcher Kraft die Kinder dann zurückkommen."

AVIVA-Berlin: Ist das ein typischer Wunsch?
Maria Kohl: Das ist ganz unterschiedlich. Die Kinder möchten häufig Fußballstars und Popgruppen treffen, Heißluftballon fliegen, mit Delfinen schwimmen, ins Legoland oder Disneyland fahren, den Führerschein machen, einen Dinosaurier-Knochen ausgraben, mit einem Fischkutter rausfahren, das Lama Horst streicheln, Kontakt zu Pferden. Ein fünfjähriges Mädchen hat sich eine Vogelnestschaukel gewünscht, weil darin auch das lebenswichtige Atemgerät, an das sie angeschlossen ist, Platz hat. Bei den jugendlichen Mädchen ist es manchmal eine Haarverlängerung, um ganz schnell wieder zu ihren langen Haaren zu kommen, oder ein Styling. Ein Kind wollte in Venedig mit der Gondel fahren, ein anderes wollte vom Papst gesegnet werden. Auch ein Treffen mit George Bush haben wir organisiert - mit Frau Merkel hat es leider nicht geklappt. Oft wollen die Kinder der ganzen Familie etwas Gutes tun, weil sie ihr gegenüber Schuldgefühle haben und wünschen sich etwa, den ganzen Tag mit der Familie in einem Freizeitpark zu verbringen.

AVIVA-Berlin: Wie viele Wünsche bekommen Sie im Jahr?
Maria Kohl: Wir erfüllen etwa 120 Wünsche im Jahr, manchmal fünf oder sechs in der Woche. Und wir versuchen, mit den Kindern und Jugendlichen in Kontakt zu bleiben.

AVIVA-Berlin: Was ist Ihre Motivation zu dieser Arbeit?
Maria Kohl: Ich liebe Kinder und junge Menschen, das ist meine Motivation. Kinder erfreuen mein Herz in ihrer Ursprünglichkeit und Natürlichkeit. Ohne diese Freude könnte ich die Arbeit gar nicht machen. Schon als Kind wollte ich unser Haus erben und elternlose Kinder und herrenlose Tiere aufnehmen, was mit einem Lächeln der Erwachsenen abgetan wurde. Aber im Grunde ist es mir ja vorgelebt worden. Meine Eltern haben in der Nachkriegszeit mehrere Male elternlose Kinder aufgenommen, und ich musste deshalb öfter mein Bett zur Verfügung stellen. Ich gestehe zu meiner Schande, dass ich das als Kind nicht gerade gern getan habe – aufnehmen ja, aber nicht in mein Bett. Diese Kinder sind zu guten Menschen herangewachsen, haben Familien gegründet, und der Kontakt ist bis heute geblieben. Das ist das Werk meiner Mutter.

AVIVA-Berlin: Woher nehmen Sie Ihre Kraft?
Maria Kohl: Das weiß ich nicht. Manchmal bin ich so kaputt, dass ich mit niemandem sprechen mag, wenn ich von Station komme. Diese Schicksale hautnah zu sehen und die jungen Menschen trotz allem so tapfer und klaglos zu erleben – da fühle ich mich ganz klein und erbärmlich. Woher nehmen sie diese Reife?! Von diesen kranken Kindern können wir alle nur lernen. Es ist mir sehr wichtig, die Kinder und Jugendlichen weiter zu begleiten, wenn sie gesund sind, oder auch, wenn sie es nicht schaffen. Wenn es zeitlich möglich ist, begleite ich das verstorbene Kind zur Beerdigung, um bei der Familie zu sein, aber auch, um bis zum Schluss bei dem Kind zu sein.
Wenn ein Kind kurz vor der Wunscherfüllung stirbt ist das ganz schrecklich. Vor kurzem ist ein Junge gestorben, dem ein sehr besonderer Wunsch am Herzen lag. Er hatte eine ganz eigene Welt entwickelt, gezeichnet und beschrieben. Er wollte, dass wir eine Firma finden, die seine erfundene Welt für ein Computerspiel entwickelt. Seine Wunscherfüllung hat er nicht mehr erleben dürfen - er ist jetzt in seinem eigenen Land. Bei seiner Trauerfeier hat seine Tante einige der Texte vorgelesen, die, trotz der Trauer, ein Schmunzeln auf die Gesichter brachten. Seinen Wunsch möchte ich ihm noch im Nachhinein erfüllen, vielleicht finde ich eine Firma, die das verwirklichen kann, was er sich so sehr gewünscht hatte.
Wenn ich keine Kraft mehr habe, setze ich mich in eine leere Kirche. Diese Stille hilft mir und gibt mir wieder Kraft. Am Wochenende mit niemandem sprechen müssen, ohne Uhr sein, einfach ganz banale Dinge tun, zu denen ich sonst nicht komme wie kochen, aufräumen, lesen, für mich sein….

AVIVA-Berlin: Wenn jemand zu Ihnen käme, was wäre Ihr großer Wunsch?
Maria Kohl: Ich wünschte mir ein kleines, einfaches Häuschen am Waldesrand, wo Stille ist, aus der ich Kraft schöpfen und mich erholen kann.
Ein Karrieremensch war ich nie. Den ganzen Tag arbeiten, nein, und nun arbeite ich so viel, wie noch nie in meinem Leben. Und das ist gut so, denn es ist sinnvoll und nicht mehr so ichbezogen wie in meinem künstlerischen Beruf. Nur für die Kinder tue ich wirklich alles, da bin ich nicht zu stoppen! Sie machen so viel durch, haben Schmerzen, Ängste, die sie auch noch zu verbergen versuchen vor ihrer Familie, wissen nicht, ob sie überleben. Wie soll ich mich angesichts dieser bewundernswerten Kinder zurücklehnen und nichts tun! Ich muss nur versuchen, vernünftig mit meiner Gesundheit umzugehen, Gelassenheit zu üben, das spart Kraft. Ich danke Gott jeden Tag, dass ich gesund bin und diesen Einsatz für die kranken Kinder bringen kann. Ich habe so viel lernen dürfen durch den Umgang mit den so schwer erkrankten Kindern und Jugendlichen. Diese Lebenserfahrungen sind eine große Bereicherung für mein Leben, die mir niemand nehmen kann und die ich herzlich gern weitergebe.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für Ihr Projekt und die Kinder und Jugendlichen.

Informationen zum Projekt finden Sie unter: www.kindertraeume.de

Interviews Beitrag vom 20.10.2009 Claire Horst 

   




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