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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 02.10.2009

Interview mit Avitall Gerstetter
Iella Peter

Die jüdische Kantorin, eine der wenigen deutschlandweit, stellt ihr neuestes Projekt "Ahawah - Die Mehrreligionen-Akademie" vor. Eine Universität, die junge Menschen verschiedener Konfessionen...



... zusammenführen will.

Nach einem Gesangs-, Klavier-, Klarinetten- und Tanzstudium sowie Englischstudium, schloss Avitall Gerstetter 2001 ihre Ausbildung zur Kantorin in New York ab und seitdem kann sie regelmäßig in den Gottesdiensten der Synagogen Oranienburgerstraße und Hüttenweg gehört werden. Neben ihrer Tätigkeit als Kantorin engagiert sich Gerstetter in gesellschaftlichen Projekten. 2005 initiierte sie mit prominenter Unterstützung den "Avitallscup", ein interreligiöses Fußballturnier, das Berliner Jugendliche muslimischen, jüdischen und christlichen Glaubens auf dem Sportplatz vereinen soll. Ihre neue Initiative "Ahawah - die Mehrreligionen-Akademie" soll auf dem Gelände der Auguststraße 11-16 in Berlin-Mitte verwirklicht werden. Bereits vor 150 Jahren trug dieses Gebäude als jüdisches Waisenhaus denselben Namen und auch in Zukunft soll "Ahawah", Hebräisch für Liebe, das Leitmotiv der Universität sein.

AVIVA-Berlin: Was hat Sie zu dazu bewogen den Beruf der Kantorin zu wählen? Hat Religion schon immer eine große Rolle in ihrem Leben gespielt?
Avitall Gerstetter: Religion hat schon immer eine sehr große Rolle in meinem Leben gespielt. Ich bin in einem traditionell jüdischen Haushalt groß geworden und bin in den jüdischen Kindergarten hier in Berlin gegangen. Da man weiß, dass die ersten sechs Jahre eine sehr prägende Zeit sind, war dadurch der Grundstein für mich bereits gelegt. Ich bin regelmäßig in die Synagoge gegangen und war später auch Mitglied im Chor der Synagoge Pestalozzistraße. Ich bin der Gemeinde aufgefallen, da ich in diesem Rahmen auch Konzerte gegeben habe, und mir wurde vorgeschlagen, eine Ausbildung als Kantorin zu beginnen. Ich bin dann mutig diesen Weg gegangen, ohne anfangs zu wissen was mich eigentlich erwartet.

AVIVA-Berlin: Was genau sind die Aufgaben einer jüdischen Kantorin? Inwieweit unterscheidet sich ihr Arbeitsalltag von dem einer christlichen Kantorin?
Avitall Gerstetter: Im jüdischen Gottesdienst besteht die Liturgie hauptsächlich aus Gesang, das heißt es werden im Wechsel mit den Betenden die Gebete gesungen. Der Kantor muss die Gebete vortragen, manchmal auch allein. Daher bedarf es einer fundierten musikalischen und besonders gesanglichen Ausbildung.

AVIVA-Berlin: Liegt Dir eine Deiner alltäglichen Aufgaben als Kantorin besonders am Herzen?
Avitall Gerstetter: Das Spannende am Beruf des Kantors ist, dass er zum größten Teil für die Stimmung des Gottesdienstes verantwortlich ist, das heißt durch die Art und Weise wie er die Gebete vorträgt, kreiert er zum Beispiel die Shabbat-Atmosphäre. Es ist wichtig die Menschen in diese Stimmung zu versetzen und das ist eine große Aufgabe. Ich war zu Rosch-Haschanna in Stuttgart in einer Synagoge und das war nicht so befriedigend. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, wirklich für die Menschen da zu sein und für sie die Gottesdienste zu gestalten.

AVIVA-Berlin: Wann und wie bist Du auf die Idee für das Projekt "Ahawah" gekommen? Haben Dich positive Erlebnisse, wie beispielsweise der Avitallscup, zu Deiner Initiative inspiriert?
Avitall Gerstetter: Ich habe viele Jahre, parallel zu meinem Studium, interreligiösen Dialog praktiziert und habe dabei negative Erfahrungen gesammelt. Die Religionen wurden in den Kirchen zwar vorgestellt, aber trotz allem fand kein richtiger Dialog statt. Auch an der FU Berlin habe ich an einigen Veranstaltungen teilgenommen und auch dort hat es sich nicht weiter bewegt. Das wollte ich verändern. Daher habe ich vor 5 Jahren das interreligiöse Fußballturnier "Avitallscup" ins Leben gerufen und die Jugendlichen waren sehr interessiert. Sport ist ja etwas sehr übergreifendes, aber ich wollte mehr: Ich wollte die Menschen, unterschiedlicher Kulturen und Religionen, unter einem Dach sehen. Als Kantorin der Oranienburgerstraße ist mir aufgefallen, dass der Gebäudekomplex in der Auguststraße seit vielen Jahren brach lag. Ich fand es dramatisch zu sehen, wie die Gebäude immer mehr vor meinen Augen verfielen. So entstand die Idee, gute Köpfe an einem Ort zusammen zu bringen. Jungen Menschen, die man noch prägen und formen kann, soll die Chance gegeben werden, hier von renommierten Professoren, aus der ganzen Welt, zu lernen.

AVIVA-Berlin: Gibt es bereits Reaktionen von ehemaligen Waisenkindern des "Ahawah-Waisenhauses" auf ihre Initiative?
Avitall Gerstetter: Ja, Rabbiner Tovia Ben-Chorin erzählte mir neulich bei einer Veranstaltung der Bertelsmann Stiftung, dass seine Mutter im "Ahawah" gewesen sei und er findet es ganz wunderbar, dass wir vorhaben diesen wichtigen Ort zu erhalten. Das ist auch unser Wunsch. Wir wollen zwar einen neuen Gedanken in die "Ahawah" hinein bringen, aber ich finde, es darf nie das Alte vergessen werden. Es freut mich sehr, dass wir von Rabbiner Ben-Chorin diese Unterstützung erfahren.

AVIVA-Berlin:Wie finanziert sich Dein Projekt?
Avitall Gerstetter: Ursprünglich sollten Sponsoren für das Projekt gewonnen werden. Das Problem war allerdings die wirtschaftliche Lage. Ich musste mir etwas Neues überlegen, damit die "Ahawah-Akademie" auf eigenen Füßen stehen kann. Und da ich nicht der Typ bin, der sich gern alimentieren lässt, ist mir die Idee gekommen, mit der Manufaktur Meissen eine Kooperation einzugehen. Nächstes Jahr feiert Meissen 300jähriges Jubiläum und wird in einer limitierten Auflage Judaika produzieren, deren Gewinne vollständig der "Ahawah" zu Gute kommen. Deswegen brauchen wir viele Menschen, die unsere Produkte kaufen und uns dadurch unterstützen.


AVIVA-Berlin: Konntest Du auch Unterstützung von politischer Seite gewinnen? Und von wem würdest Du Dir noch mehr Unterstützung wünschen?
Avitall Gerstetter: Ich würde mir wünschen, dass die jüdische Gemeinde in Berlin ein wenig leidenschaftlicher mit dem Thema umgeht. Es betrifft uns schließlich alle. Unterstützung von politischer Seite habe ich zum Glück, denn von außen wird das Projekt als wichtig und richtig angesehen.

AVIVA-Berlin: Welche Studienrichtungen sollen in der Akademie gelehrt werden?
Avitall Gerstetter: Wir werden die Studienrichtungen Journalismus, Kunst und Musik anbieten. Besonders Journalismus ist ein wichtiges Fach, weil unsere heutige Medienlandschaft ein oft zu einseitiges Bild vermittelt. Das möchte ich ändern. Die jungen Menschen, die Journalisten werden wollen, sollen mehr Einblick in die verschiedenen Religionen und Kulturen erhalten. Mir ist vor allem wichtig, dass die vermittelten Inhalte von den Studenten in ihre jeweiligen Heimatländer mitgenommen werden und von dieser positiven Erfahrung berichtet wird.

AVIVA-Berlin: Woher nimmst Du die Sicherheit, dass Deine Initiative von den Jugendlichen angenommen wird?
Avitall Gerstetter: Ich bin davon überzeugt, weil ich, ganz persönlich, mir solch eine Institution während meines eigenen Studiums sehr, sehr gewünscht hätte.

AVIVA-Berlin: Wie können die Jugendlichen erreicht werden, die sich nicht sofort vom Programm der Ahawah angesprochen fühlen?
Avitall Gerstetter: Die Idee ist, in die unterschiedlichen Unis zu gehen und die Professoren direkt anzusprechen. Sie sollen dann Empfehlungen aussprechen. Es sollen gute Studenten geworben werden, aber der Fokus liegt keineswegs darauf, dass es reiche Studenten sind. An der "Ahawah" soll nicht die Elite studieren, auch die mit weniger Geld sollen hier lernen können.

AVIVA-Berlin: Was wünscht Du Dir als langfristiges Ziel für Dein Projekt "Ahawah"?
Avitall Gerstetter: Das langfristige Ziel ist es, ein kleines Mosaiksteinchen dazu beizutragen, dass es weniger Konflikte im Bereich der Kulturen und Religionen gibt.

AVIVA-Berlin: Weißt du schon genauer, wann StudenntInnen sich das erste Mal in der "Ahawah" zusammenfinden können?
Avitall Gerstetter: Bis sich die Tore der Akademie öffnen, wird in jedem Fall noch mindestens ein Jahr vergehen. Wir sind in Gesprächen mit der Gemeinde, das Ensemble in der Auguststraße 11-16 betreffend. Ich muss aber ganz ehrlich sagen, die für den Komplex benötigten 15 Millionen Euro sind sehr viel Geld und würden wir uns für den Bau eines komplett neuen Gebäudes entscheiden, würde es sehr viel günstiger werden. Die Gebäude in der Auguststraße drohen zu zerfallen und es wäre dramatisch, wenn dieser Teil jüdischer Geschichte unwiderruflich verschwindet. Wir brauchen viel Unterstützung und auf www.ahawahvision.com werden ab Ende Oktober die Produkte von Meissen zu erwerben sein. Es werden nicht nur Judaika zu kaufen sein, sondern auch Artikel für das nicht jüdische Klientel. Ich kann nur sagen, unterstützen Sie uns alle in dem sie eines oder mehrere unserer Produkte kaufen.

AVIVA-Berlin: Im Jahr 2000 hast Du Deine erste CD "Die jüdische Stimme" heraus gegeben. 2003 folgte dann Dein zweites Album "Avitall in Concert" mit liturgischen Gesängen und jiddischen Liedern. 2010 wirst Du auf Tour gehen. Wie findest Du, neben Deinem enormen Engagement für "Ahawah", noch die Zeit für eigene Konzerte?
Avitall Gerstetter: Das ist alles eine Frage der Organisation und wie sehr man auch bereit ist, Opfer zu bringen. Natürlich opfere ich einen Großteil meiner Freizeit, aber ich mache es gerne, weil mir dieses Thema sehr wichtig ist und mit ganzem Herzen dabei bin.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für Ihre Arbeit und das Projekt "Ahawah - Die Mehrreligionen-Akademie".

Weitere Informationen zu Ahawah - Die Mehrreligionen-Akademie und Avitall Gerstetter finden Sie unter:

www.ahawahvision.com

und

www.avitall.de

Interviews Beitrag vom 02.10.2009 AVIVA-Redaktion 

   




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