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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2016 - Beitrag vom 16.10.2009

Interview mit Almut Getto
Katharina Liese

Nach Almut Gettos großartigem Erfolg mit "Fickende Fische" in 2002 startet der neue Spielfilm der Regisseurin "Ganz nah bei dir", eine romantische Liebeskomödie, am 12. November 2009 in den Kinos.



Die Autorin, Regisseurin und Dramaturgin Almut Getto studierte Politik- und Kommunikationswissenschaften in München. Sie arbeitete als TV-Journalistin und schloss ein Filmstudium an der Kunstschule für Medien Köln an. "Spots & Stripes" (1998), ihr Abschlussfilm, wurde auf internationalen Festivals mehrfach prämiert. 2001 wurde sie mit dem NRW-Nachwuchsförderpreis "Regie" geehrt. Ihr Film "Fickende Fische" (2002) fand großen Anklang und wurde unter anderem für die "Beste Regie" auf dem Max Ophüls-Festival Saarbrücken sowie mit dem "Deutschen Filmpreis in Gold" in der Kategorie "Bestes Drehbuch" ausgezeichnet.
Almut Gettos neuer Spielfilm "Ganz nah bei dir" (Idee: Speedy Deftereos), erzählt von Phillip (Bastian Trost), einem verschrobenen Junggesellen, und Lina (Katharina Schüttler), einer blinden und liebenswerten Cellistin. Die romantische Liebesgeschichte führt die ungleichen Persönlichkeiten auf Umwegen zusammen.

AVIVA-Berlin: In einem Interview mit "Blickpunkt:Film" von 2002 sagten Sie, dass man es als Frau doppelt schwer habe, in der Filmbranche als Regisseurin Fuß zu fassen. Wie beurteilen Sie das heute, sieben Jahre später?
Almut Getto: Leider nicht wirklich anders. Wenn ich mich so umschaue, hat sich ja auch nicht wirklich etwas geändert seither. Der Anteil an Frauen, die dauerhaft Regie führen bzw. davon tatsächlich leben können, ist nach wie vor eher klein. Und ich gehöre auch nach wie vor zu denen, die sich nur dank verschiedener anderer Jobs über Wasser halten können. Manchmal denke ich, dass Frauen als Regisseurinnen irgendwie nicht immer so ernst genommen werden. Vielleicht liegt es daran, dass wir die Dinge manchmal anders angehen und beurteilen. Vielleicht ist es auch schlicht eine Frage des Geschmacks. Ich habe zumindest die Erfahrung gemacht, dass Frauen bestimmte Drehbücher und Filme manchmal ganz anders lesen, sehen und beurteilen – und dass Frauen an die Umsetzung von Stoffen eben oft auch anders herangehen. Ausnahmen bestätigen natürlich immer die Regel, aber tendenziell sehe ich da schon Unterschiede (was ich übrigens, auch im Sinne der Vielfalt, äußerst positiv finde). Auch deshalb finde ich es sehr schade, dass die meisten Filmfördergremien sowie die entsprechenden Positionen bei Fernsehsendern, die ja letztlich darüber entscheiden welche Filme am Ende tatsächlich finanziert werden und welche in Schubladen verschwinden, in der Regel überwiegend männlich besetzt sind. Unterm Strich ist das allerdings kein filmspezifisches "Problem". Frauen in Führungspositionen sind ja europaweit unterrepräsentiert und auch Architektinnen, Ingenieurinnen etc. haben es oft deutlich schwerer als ihre männlichen Kollegen.

AVIVA-Berlin: "Fickende Fische", für den Sie etliche Preise erhielten, ist eine romantische Liebesgeschichte zweier Jugendlicher, deren Liebe von Aids bedroht ist. Was hat Sie zu diesem Film bewogen, was war Ihr Anliegen?
Almut Getto: Die Idee ist letztlich aus vielen verschiedene Erfahrungen und Gedanken entstanden, die (obwohl sie an und für sich gar nichts miteinander zu tun haben) am Ende in ihrer Kombination den Film dann in meinem Kopf haben entstehen lassen. Einen wichtigen Einfluss hatte sicher die Tatsache, dass ich seit langem mit jemandem befreundet bin, dem man in jungen Jahren gesagt hat er werde höchstens 40 Jahre alt. Mit so einer (eigentlich nicht vorhandenen) Perspektive lebt, denkt und plant man natürlich ganz anders. Zum anderen ist mir irgendwann aufgefallen, dass das Thema Aids, welches in meiner Jugend extrem präsent war, total aus den Medien und offenbar auch aus vielen Köpfen verschwunden war. Stattdessen saßen 13-14jährige Mädchen mit dicken Bäuchen in Talkshows und erklären, sie hätten einfach nicht gewusst, dass man beim ersten Mal schwanger werden könne. Da fragt man sich schon, was die eigentlich sonst noch alles nicht wissen und ob sich da nicht gerade ein paar Dinge rückwärts entwickeln. Letztlich bin ich aber wohl eigentlich schlicht eine heimliche hoffnungslose Romantikerin, die weiß, dass das mit der Liebe gar nicht so einfach ist, aber unterm Strich eben doch die Menschen und die Welt an- und umtreibt.

AVIVA-Berlin: Auch Ihr neuester Film "Ganz nah bei dir" handelt von zwei äußerst unterschiedlichen Charakteren, die letztlich zueinander finden.
Was hat Sie am Drehbuch gefesselt?
Almut Getto: Ich mochte einfach diese beiden Hauptfiguren Phillip und Lina, die sich in so eigenen, sehr speziellen und scheinbar auch so widersprüchlichen Welten bewegen, jeder für sich, und es doch am Ende schaffen, ein kleines gemeinsames Universum zu betreten. So ´was ist immer schön. Auch, dass dieser verschrobene Phillip, der sich dieses extrem eigenartige Bild von der Welt und den Menschen kreiert hat, ausgerechnet auf eine Frau trifft, die so gar kein "Bild" im herkömmlichen visuellen Sinne hat, fand ich sehr besonders – zumal es für mich viel Sinn macht, dass ausgerechnet Lina, die nicht sieht, genauer hinzuschauen vermag und am Ende diejenige ist, vor der sich Phillip nicht länger verstecken kann. Insgesamt einfach eine sehr spannende Konstellation, die tragisches, aber auch komisches und poetisches Potential in sich bringt – und diese Mischung gefällt mir immer gut.

AVIVA-Berlin: Wie sind Sie an die filmische Umsetzung des Drehbuchs herangegangen?
Almut Getto: Menschen, die sich wie Phillip derart in einer eigenen Welt verkriechen, haben die Tendenz gute Gründe für ihr Verhalten zu finden und leben auch in gewissem Maße in einer ganz eigenen Realität. Ich meine damit, dass sie die Welt anders empfinden und interpretieren – und manches einfach ganz brutal (im wahrsten Sinne des Wortes) aus- bzw. wegblenden. "Wirklichkeit" ist ja sowieso in den seltensten Fällen deckungsgleich. Realität bzw. das als was man sie empfindet, ist letztlich subjektiv und zudem ein sich ständig wandelnder Prozess. Das kennt ja jeder von sich selbst. Manchmal fühlt man sich als Teil der Welt, in anderen Momenten hat man das Gefühl, dass man nicht "dazu gehört", irgendwie abgetrennt ist, dass eine unsichtbare Schicht Watte einen umgibt. Wichtig war mir, diese unsichtbare Watte um Phillip ebenso spürbar zu machen wie den Panzer, den er sich zum Selbstschutz zugelegt hat – und seine Welt eben nur so realistisch darzustellen, wie er sie empfindet.
Und es war natürlich wichtig, dass man Phillip mag – obwohl und gerade weil er und seine Welt auf den ersten Blick so eigenartig, schräg und irgendwie fremd sind. Obwohl und weil er manchmal verstört und nicht wirklich verstehen lässt, was er warum da gerade tut, und man ihn ab zu am liebsten kräftig schütteln möchte, soll er einem Stück für Stück ans Herz wachsen. Tief in seinem Inneren gibt´s nämlich noch den anderen, wahren Phillip. Und den kann Lina spüren. Gerade weil sie nicht sehen kann, begreift sie die Dinge und die Menschen ja anders – jenseits von Bild und Text. Trotzdem wollten wir, dass man ihre Welt als die "normalere" empfindet. Ihre Blindheit sollte nicht zu sehr in den Vordergrund rücken und im Idealfall wird der Zuschauer sie ab und zu vielleicht sogar regelrecht vergessen. Am Ende ist Linas Behinderung ja auch nichts im Gegensatz zu der emotionalen "Behinderung" von Phillip.

AVIVA-Berlin: Was macht das besondere Spiel von Katharina Schüttler und Bastian Trost aus?
Almut Getto: Beide bringen große Sensibilität und Natürlichkeit mit, geben den auf Papier entstandenen Charakteren jene Tiefe, die es einfach braucht damit sie zu lebendigen, authentischen und trotz all ihrer Widersprüche liebenswürdigen Figuren werden. Besonders in Phillips Fall war das keine leichte Aufgabe. Er versteckt sich ja sehr gekonnt hinter seiner Verschrobenheit, dem dicken Panzer und den markigen Sprüchen. Und er tut eigentlich eine ganze Menge dafür, nicht gemocht zu werden. Trotzdem soll man ihm am Ende alles verzeihen und den beiden eine gemeinsame Zukunft wünschen. Das kann nur gelingen, wenn man es wie Bastian schafft, Phillips Angst, seine tief verschüttete Verletztheit und die ihm trotz allem innewohnende Liebenswürdigkeit immer wieder spürbar werden zu lassen. Phillip ist einfach eine Figur, die man nicht mit dem Verstand, sondern nur mit dem Herzen begreifen kann. Und Bastian ist es gelungen, diesem Phillip etwas, wie ich finde, sehr Anrührendes zu geben. Auch Katharina war ein großer Glücksfall für diesen Film. Nicht nur weil sie tatsächlich Cello spielen kann. Ich schätze sie vor allem auch, weil sie in meinen Augen zu den wenigen Schauspielerinnen zählt, die eine Figur, die verletzlich und stark zugleich ist, die auf der einen Seite vielleicht auch gewisse Beschützerinstinkte weckt und doch genug Kraft ausstrahlt das Leben tatsächlich notfalls alleine zu meistern, wirklich glaubhaft verkörpern kann. Auch wie sie die ausgeprägten Sinne einer Blinden auf die Leinwand bringt, ist wirklich großartig. Insgesamt finde ich, sind die beiden einfach ein schönes Paar und haben beim Dreh unheimlich gut harmoniert. Es macht einfach große Freude den beiden beim Spielen zuzusehen.

AVIVA-Berlin: Wie haben Sie die Arbeit mit den beiden erlebt?
Almut Getto: Katharina und Bastian arbeiten beide äußerst professionell, bringen sich mit Haut und Haar ein, sind offen und kreativ, haben ein unglaubliches Gespür für die Dinge zwischen den Zeilen und eine ungeheuere Präzision und Präsenz vor der Kamera. Und beide haben einen schönen Humor. Die Zusammenarbeit hat wirklich sehr großen Spaß gemacht und ich hoffe, dass sich unsere Wege noch oft kreuzen werden. Für mich sind sie nicht nur der beste Phillip und die beste Lina, die man sich wünschen kann, sondern auch zwei sehr besondere Menschen.

AVIVA-Berlin: Arbeiten Sie bereits an neuen Projekten? Was können wir demnächst von Ihnen sehen?
Almut Getto: Ich möchte mich gerne wieder einem Stoff widmen, der in den letzten Monaten bzw. eigentlich in den letzten 1 ½ Jahren etwas liegen geblieben ist. Da gibt es zwar schon ein ganz gut funktionierendes Gerüst, aber irgendwie bin ich mit dem Drehbuch in seiner jetzigen Form noch nicht wirklich zufrieden. Außerdem möchte ich gerne einen Dokumentarfilm machen, aber die Recherche, das weiß ich jetzt schon, wird äußerst schwierig und deshalb sicher recht langwierig werden. Das wird also wohl noch eine Weile dauern.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für Ihre zukünftigen Projekte!

Lesen Sie auch die AVIVA-Rezension zum Film "Ganz nah bei dir".

Interviews Beitrag vom 16.10.2009 AVIVA-Redaktion 

   




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