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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 11.07.2010

Anja Sieber und Galit Seliktar im Interview
Friederike Schwarzer

Auf Initiative von "schir - Kunst im deutsch-israelischen Kontext" befinden sich die deutsche bildende Künstlerin und die israelische Schriftstellerin in einem virtuellen Dialog zum Themenbereich...



... Sprache und Bild.

Galit Seliktar schreibt und spricht Hebräisch. Anja Sieber schafft auf Grundlage von Gehörtem Bilder und Skulpturen. Dabei fungiert die Bildsprache als Kommunikationsebene und verdeutlicht Emotionen, die sich aus Intonation und Rhythmus der Laute ergeben.
Beide Künstlerinnen verstehen die Sprache der jeweils anderen nicht. Lässt sich auf der Ebene der Kunst eine neue Form der Verständigung finden? In ihrer Zusammenarbeit untersuchen die Künstlerinnen, wie sich Kommunikation in solch einer Situation materialisiert, wie sich Ideen in ihr transformieren, wie es trotz Unverständnis zu Verständnis kommt und welche Rolle Laute, Buchstaben und Farbe bei diesen künstlerischen Prozessen spielen.

Im Juli 2010 treffen sich beide Künstlerinnen zum ersten Mal persönlich in Berlin. Eine Woche werden sie gemeinsam arbeiten und die Ergebnisse des Austauschs in einer Live-Performance und einer Lesung am 11. Juli 2010 um 14 Uhr in der Akademie für Malerei präsentieren. Hierzu sind Sie herzlich eingeladen.


Anja Sieber, © Thomas Weber, Berlin



AVIVA-Berlin: Wie verbinden sich Sprache und Bild in deinen Arbeiten? Welche Bedeutung haben Wörter für dein künstlerisches Schaffen?
Anja Sieber: Ich forme Gehörtes und Gesprochenes zu Skulpturen und Bildern und arbeite dabei malerisch mit der Schreibspur und der Textlinie. Dazu habe ich die Technik der "Mitschrift" entwickelt, mit der ich Kommunikation durch Bewegung und Gesten in bildnerische Werke transferiere. Ich verdichte das Mitgeschriebene zu komplexen, meist unleserlichen Liniengebilden, die die vorgetragene Botschaft in sich materialisieren. Ich bewege mich also im Grenzbereich zwischen Kunst, Literatur, banaler Alltagskommunikation und beziehe mich auf Fernsehserien, YouTube-Konzert-Mitschnitte, Vorträge etc.
Arbeite ich mit literarischen Texten auf Papier, bekommen die Wörter und Zeilen oft auch einen kompositorischen Charakter. Durch Überlagerung, Überschreiben, Überkritzeln entsteht ein visuelles Gewebe, das zu einer Bildfläche wird. Diese Bildfläche bildet - durch das Acrylgel um sie herum - gleichzeitig den Textträger, der nach dem Trocknen zum Malgrund wird, auf dem ich dann weitere gestisch-expressive Aktionen ausführe.
Bei einer Live-Performance während einer Lesung erhöht sich natürlich die Spannung zwischen Sprache und Bild. Die Stimme führt die Hand, die die Worte live und für alle sichtbar/hörbar in ein materiales Schriftbild verwandelt. Die Worte erfahren notwendig eine Abstraktion durch die von ihr sich loslösende, gestische Linie, die den kommunikativen Akt dennoch in sich birgt - und so Bedeutung trägt.

AVIVA-Berlin: Was interessiert dich am Austausch mit anderen Künstlern? Was besonders am Kontakt mit Galit?
Anja Sieber: Bei einer Kooperation stoßen unwillkürlich unterschiedliche Ansätze, Weltsichten, Erfahrungen und Herangehensweisen in einer sehr intensiv erlebten, zeitlich festgelegten Zeitspanne aufeinander, in der man sehr viel lernt. Es ist auch eine menschliche Herausforderung: Wie weit lasse ich mich auf den anderen ein, wo liegen meine Grenzen, wo die des anderen, wie kommen wir zusammen? Zudem spielen bei einem deutsch-israelischen Austausch natürlich historisch begründete Ängste, überlieferte Erlebnisse und Erinnerungen, übernommene Einstellungen und die auf beiden Seiten erarbeitete "political correctness" eine große Rolle.
Dennoch haben Galit und ich uns von Anfang an vertrauensvoll und begeistert in diese für uns beide völlig neuartige Situation gestürzt. Galit schickte mir quasi sofort einige mit rauer Stimme aufgenommene Gedichte in Hebräisch. Im Gegenzug forderte sie von mir Fotos von mir, meiner Familie und meinen Vorfahren ein, von denen sie sich zu neuen Gedichten inspirieren lassen wollte etc.
Mit Galit zu arbeiten, war und ist eine wunderbare Erfahrung, nicht nur, weil sich mich hautnah an der Entstehung neuer Gedichte teilhaben ließ, sondern auch, weil sie mit ihrer schriftstellerischen Sicht stets sehr interessante Beobachtungen anstellt. So sah sie zum Beispiel sie in einer Mitschrift ihres Gedichtes "Seit eine Frau mich schreibt" Don Quijotes Pferd in einem Meer aus blauen Lettern, ein Symbol für das endlose Spiel mit den Buchstaben, im vergeblichen Bemühen, die fremde Sprache zu verstehen. Gemeinsam kamen wir auf die Idee, für die Veranstaltung in der Akademie ein Mobilé zu hängen, bestehend aus den Puzzle-Teilen unserer Kooperation, so ein Ganzes formend.

AVIVA-Berlin: Normalerweise arbeitest du mit Sprachen, die du verstehst. Galit schreibt und liest auf Hebräisch, eine für dich fremde Sprache. Erzähl uns von dieser Erfahrung und den Erkenntnissen daraus.
Anja Sieber: Die völlige Unkenntnis des Hebräischen, bei der die Schrift ja eine besondere Bedeutung besitzt, gab mir sicherlich größere Freiheiten im künstlerischen Umgang mit dieser Sprache. Da ich vom abstrakten Expressionismus etwa eines Cy Twombly und Schriftkünstlern wie Carlfriedrich Claus beeinflusst bin, bot sich mir sozusagen die Chance, hier nur mit der "Sprachhülse" zu arbeiten und das Hebräische ganz unbedarft als Chiffre, wie etwas Vorsprachliches, empfinden und behandeln zu dürfen.
Die Technik der Mitschrift konnte ich hier in der Tat nicht anwenden. Erste Ansatzpunkte sah ich im Spiel mit Online-Übersetzungen von Galits Gedichten. Darin habe ich dann einige poetische Fragmente gefunden. Eines davon hieß "Körper der gemessenen Zeit". An ihm entzündete sich eine lebhafte Diskussion zwischen uns, die auch den deutsch-israelischen Kontext einbezog und uns schließlich auf unseren Titel "Laute Berührung" brachte.
Fortan nahm ich die hebräische Schrift vorsichtig als Ganzes auf, verdichtete und überlagerte sie digital, um so einen Bildgrund zu komponieren. Bei meinen ersten Versuchen gingen die Vokale völlig verloren. Galits Reaktion auf diesen Verlust brachte mich dazu, aus den hebräischen Vokalen in Kombination mit den Punkten der Blindenschrift eigene Zeichen zu erfinden, um sie nachträglich mit buntem Acrlygel aufzutragen. Seit meiner Kindheit verbinde ich mit Vokalen ganz bestimmte Farben, und so kam - neben immer wieder neuen Symbolen, die die Schriftstellerin in meinen Bildern sah und auf die ich immer wieder gern reagierte – auch figürliche Formen und eine neue Farbigkeit hinzu. Dies alles brachte uns auf die Idee, auch bei der Performance und Lesung mit den Konsonanten und Vokalen zu spielen. Daran werden wir in der ersten Juliwoche intensiv arbeiten. Das Ergebnis werden wir dann bei unserer Veranstaltung am 11. Juli präsentieren.


Galit Seliktar, © On Barak



AVIVA-Berlin: Since January 2010 Anja and you are communicating via the internet. Tell us about the process, the means for communication you used, challenges and milestones in the exchange.
Galit Seliktar: Anja and I started as total strangers, communicating in English - a foreign language to both of us. The beginning was hesitant, and we started by introducing each other to other people - our favorite artists. Then I sent Anja an audio recording of myself reading my poems out loud. I read in different levels of emotionality and in different settings: one of the recordings was even taken when I was standing in the snow, shivering, looking for a quiet place out of the house where my 3.5 year old daughter was singing. After this there were several breakthroughs. The first was in the intensity of correspondence. Both of us are very busy artists, but we soon found ourselves exchanging long daily emails. A second breakthrough happened after Anja sent me the first work she created based on my poem. The effort to find myself in this adaptation was mixed with a powerful sense of yearning to know the Other. For me this moment defined our dialogue. Another turning point was the moment Anja sent me, to my request, old photos of herself. She told me her family history and I told her about mine. Her photos triggered new poems, in which I tried to be precise in the setting and feeling. Sometimes it worked, at other times Anja told me something like "there never was an old cinema in my home town" and I realized I was romanticizing the photo. This taught me not only about Anja but also about my own writing and subconscious reflexes.

AVIVA-Berlin: How did and does the cooperation with another artist influence you in your writing? How do you feel about your words and poems becoming "material" for Anja´s work?
Galit Seliktar: The connection between word and image has always fascinated me: as a video editor years ago, and regularly as I collaborate with my brother, illustrator Gilad Seliktar. Together we have created Farm 54, a graphic novel written by me and illustrated by him, which has been published in France, Israel and Italy. Since Gilad mostly adapted my prose works, the outcomes were more cinematic and quite figurative. As Anja is working with my poems, and since Anja´s artistic style is very different, the outcome is very different as well, and her adaptations of the poems are far more on the abstract side. For me this particular collaboration is especially exciting because I feel that the poems were "taken away" from me but also that they are in good hands. I feel that her readings are different from what I could have imagined, and that as the poems have been transferred from one language to another they emerge through her interpretation much freer and interesting. And there´s a cycle-effect taking shape: I think my new poems seem to reflect Anja´s language as it is embedded in our dialogue. There is something narcissistic in watching my works through Anja´s colorful mirror, which comes in sharp contrast to my poems which are black words on a white paper.
The collaboration with Anja influenced me in two main ways: first, her works teach me something about intuition, something I feel I neglected and blocked in my poems for the last few years. Her works push me to write again in a less narrative like fashion. As a poet there is always a tension between the emotional and the abstract to the narrative-like. In my writing I deal with materials from the past, with memories and photograph from my and others´ past. At the first phases I asked Anja to send me photographs from her own past. Her photos evoked in me emotions that then became new poems. At the beginning they were abstract, without a distinctive addressee, they were directed to an abstract reader´s representative, but gradually, as the collaboration developed, Anja became a theme in my poems, and in that way became more real. This also taught me something about writing in second person voice.

AVIVA-Berlin: You have never been to Berlin or Germany before. How do you feel about coming to Berlin for ten days, working and presenting there?
Galit Seliktar: At the very beginning the obvious Israeli-German tensions did not occupy my attention, and I was busy with the artistic encounter only. The question emerged after I sent Anja a poem which ends when the narrator calls the gas supply co-operation to renew his gas supply. Anja interpreted this line as a reference to the gas chambers, while I wasn´t thinking about this at all. This was despite the fact that the narrator speaks in a style that is characteristic to the Israeli Hebrew of the 1950s, right after the second world war. At first, I denied the connection to the Jewish holocaust, and Anja was surprised that it is possible at all. Only then I understood that collaborating with a German artist and going to Berlin is an issue for me, because of my family history (most of my maternal grandmother´s family was murdered in Treblinka). When I started realizing how charged the issue is for me, I wrote a poem for Anja which is called "Anja, Can You Hear Me?" In this poem my grandma´s voice is echoing, and I am going to visit her grave to tell her about my trip to Berlin. I am telling her that I am going to meet Anja, and that we are going to be friends, and I know that if she was alive she wouldn´t approve of this collaboration and friendship. I feel and hope that I´m coming to Berlin open to see what the city has to offer me. I look forward to meeting and working with Anja, who will introduce me to other Berliner artists, and I hope to discover the contemporary Berlin art scene as well as the historic city. I am planning to visit the Jewish museum and the holocaust memorial monument. I will not deny the fear which I inherited from my grandparents. But I think that bringing it along to Berlin will be the only way for me to really be there.


Weitere Infos zu Schir- Kunst im deutsch-israelischen Kontext finden Sie unter: www.schir.net
Weitere Infos zu Anja Sieber finden Sie unter: www.anja.sieber.avinus.de
Weitere Infos zu Galit Seliktar finden Sie unter: galitseliktar.blogspot.com

Interviews Beitrag vom 11.07.2010 AVIVA-Redaktion 

   




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