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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 24.11.2010

Ich bin eine Kämpferin - Gamma Bak im Interview
Evelyn Gaida

Die Filmemacherin hat etwas Einzigartiges realisiert und sprengt Kategorien: Mehrere Jahre lang drehte sie eine Selbstdokumentation über ihr Leben mit der Psychose. AVIVA-Berlin hat die Künstlerin ...



... in ihrem Kreuzberger Loft besucht, das zugleich Filmproduktionsfirma und Wohnung ist.

Authentisch und ehrlich zu sein, darauf käme es ihr an. Gamma Baks Mut, sich am eigenen Beispiel mit einer hoch tabuisierten Krankheit öffentlich auseinanderzusetzen, sich auch verletzlich zu zeigen, verströmt eine ungeheure Kraft – ihre Persönlichkeit zudem eine große menschliche Wärme. Die Psychose gelte als sehr bedrohlich und habe einen schlechten Ruf, Menschen mit dieser Erkrankung würde es überhaupt nicht zugetraut, ein solches Projekt verwirklichen zu können, berichtet die Regisseurin im Interview. "Die Ausgrenzung ist extrem stark." Bak hat dennoch nie aufgegeben, um berufliche und gesellschaftliche Integration zu kämpfen, allen Erschütterungen und Beeinträchtigungen zum Trotz. Nach langen, harten Jahren stelle sie mit 45 jetzt erstaunt fest: "Aha, du machst ja das, wofür du angetreten bist." So gebe ihr Film "Schnupfen im Kopf" schließlich Mut an andere weiter. Die künstlerische Arbeit transportiert Bak zufolge einen klaren politischen Inhalt: "Überlegt mal! Denkt um!" Das zurzeit allgegenwärtige Wort `Integration´ erhält hier ganz andere Dimensionen.

AVIVA-Berlin: Sieben Jahre nach der ersten Krise haben Sie mit den Aufnahmen zu "Schnupfen im Kopf" begonnen, acht Jahre später war der Film fertig. Können Sie uns etwas über die Entwicklung des Konzepts und zum Ablauf der Dokumentation erzählen?
Gamma Bak: Von Anfang an war die Frage: "Kann ich das machen, mich so zu outen?" Gleich beim ersten Projektentwurf im Jahr 2000 saß ich mit einer Freundin zusammen und wir haben diskutiert, ob ich bei Förderern, Geldgebern einreichen soll, dass ich einen Film über mich mache, mit dieser Diagnose. Oder soll ich es lieber umschreiben und sagen, ich möchte einen Film machen im Allgemeinen über Psychosen und hinter dem Berg halten, ob ich es bin. In diesem Gespräch haben wir entschieden: "Nein, wir gehen aufs Ganze." Was das wirklich bedeutet, verstehe ich jetzt, wo der Film fertig ist. Ich begegne meinem Publikum. Die Menschen, die sich den Film ansehen, sind zumeist sehr ergriffen, sehr bewegt. Die Kraft des Films ist das, was ich von der Filmemacher-Seite versucht habe: so authentisch zu sein, wie möglich, so wahrhaftig, so wahr zu sein, wie möglich. So ist der Film auch entstanden – dass ich mich gezwungen habe, mich vor die Kamera zu setzen und zu erzählen, wie es mir geht, zu verschiedenen Momenten, über Jahre, auch als es mir nicht gut ging, auch, als ich am Zweifeln war. Und ich habe Freunde gebeten, mit mir ein Gespräch zu führen, ich habe die Fragen vorgegeben und gesagt, "ich möchte über diese Themen sprechen", habe meinen Blickpunkt erzählt. Dann habe ich mir überlegt, dass ich den Blick meiner Familie und meiner Freunde im Film haben möchte und Videobriefe angefordert, das heißt, ich bin zu den Leuten hingefahren, habe ihnen eine Kamera aufgebaut und bin aus dem Zimmer gegangen. Alle Erzählungen von Familie und Freunden, wo man mich nicht im Bild sieht, sind so entstanden.

Gamma Bak in ihrem Film "Schnupfen im Kopf" © GMfilms


AVIVA-Berlin: Sie haben die Fragen immer dazugegeben oder auch nicht?
Gamma Bak: Für diese Videobriefe habe ich keine Fragen vorgegeben, ich habe nur gesagt, "ich möchte über meine Erkrankung einen Film machen, was kannst du dazu sagen?" Meine Freundin Adele, die am Anfang des Films auftaucht, ist interessant, da sie mich nie psychotisch gesehen hat und das Ganze immer anzweifelte, sagte: "Das kann doch nicht stimmen" und "Das ist doch eine Fehldiagnose". Aber in ihrem Interview sagt sie dann: "Gamma ist wie eine alte Frau geworden, sie ist fett und lethargisch, zehn Jahre älter, als sie wirklich ist." Diese Aussage hätte sie nie gemacht, wenn ich im Zimmer gesessen hätte und ihr gegenüber. Das kann sie nur tun, wenn sie alleine mit der Kamera ist – so ehrlich sein. Darum geht es in dem Film: Um eine ganz ehrliche Einschätzung der Fragen: "Was könnten Ursachen sein?", "Was ist der Verlauf?", "Warum ist mir das passiert?" All die Fragen, die sich Menschen stellen, denen solche schrecklichen Dinge passieren, dass sie plötzlich in der Psychiatrie landen.

AVIVA-Berlin: Gab es dabei auch überraschende Aussagen, die Verwandte und FreundInnen in persönlichen Gesprächen noch nicht geäußert hatten und die für Sie eine neue Perspektive gebracht haben?
Gamma Bak: Was mich an den Videobriefen so beeindruckt hat, ist, dass sich alle so wahnsinnig viel Mühe gegeben haben. Sie sind ganz konzentriert, sie sind, jeder auf seine Art und Weise, ganz klug, ganz besonnen, und, was den Film eigentlich ganz reizend macht, sie sind voller Zuneigung. Sie wollen mir etwas auf den Weg geben, sie wollen etwas für mich sagen, was das Bild komplettiert. Es ist unwahrscheinlich viel Liebe und Hochachtung da. Das wünsche ich eigentlich allen Menschen, die mit der Diagnose Schizophrenie, Psychose, bipolar, was auch all diese Erkrankungen sind, zu tun haben. Ich wünsche es allen Menschen, dass ihr Umfeld ihnen mit so viel Bedacht, Zuneigung begegnet. Da ist ganz wenig Angst. Ich entdeckte keine bahnbrechenden Neuigkeiten, aber doch schöne, gute Formulierungen für Gedanken, die jeder mal so dazu haben kann. Deswegen ist eine Bandbreite an Überlegungen und Gedanken in dem Film aufgeführt. Er gibt ja keine eindeutigen Antworten. Es werden Fragen gestellt, es werden Dinge überlegt, und das ist ein Teil dessen, was jeder Patient auch für sich machen muss: versuchen zu verstehen, worum es geht, was passiert ist, warum es einem passiert ist, damit es einem nicht ständig wieder passiert.

AVIVA-Berlin: Wie haben Sie den Punkt gefunden, an dem Sie sagten: "Jetzt ist der Film fertig"?
Gamma Bak: Ich habe an dem Film fast zehn Jahre gearbeitet. Die erste Idee kam 1998, als ich das erste Mal auf der geschlossenen Abteilung war und dachte, "irgendwas stimmt absolut nicht mit dieser ganzen Geschichte." Ich bin ausgebildete Filmemacherin, ich habe in Kanada an der Filmhochschule studiert, und habe immer an eigenen Filmen gearbeitet, auch im Produktionsbereich. Die ersten Drehs für "Schnupfen im Kopf" waren 2002, danach habe ich all die Jahre immer wieder Material gesammelt. Dann musste ich den Film finanzieren. Ich hatte kleine Stipendien bekommen, um diese ersten Arbeiten zu machen, das hat auch dafür gereicht, aber um einen Film fertigzustellen, braucht man mehrere 10.000 Euro, um technische Arbeiten und Mitarbeiter zu bezahlen. Ich hatte mehrere Anläufe genommen, verschiedene Förderanträge gestellt. Das Problem war, dass ich selbst sage: "Ich bin verrückt und ich will euer Geld." Das ist natürlich schwierig. Die Krankheit gilt als sehr bedrohlich und sehr unberechenbar. Für Geldgeber heißt das: "Ja, was passiert denn, wenn sie wieder eine Krise hat?" Das kann ich natürlich entkräften: "Dann bin ich für drei Monate weg vom Fenster und steh´ anschließend wieder auf der Matte." Aber das glaubt keiner so richtig, weil die Erkrankung so einen schlechten Ruf hat. Also bin ich mit diesem Stigma wirklich an die Grenzen dessen gegangen, was damit möglich ist, zu sagen: "Ich will 40.000, 50.000 Euro, gebt sie mir."

AVIVA-Berlin: Das ist sicher ein unglaublicher Stress, auch für jemanden, der nicht mit so einer Krankheit kämpft.
Gamma Bak: Ich fand es dann einfach interessant, was passiert. Wer schafft es "Ja" zu sagen? Das Konzept des Films ist überraschend neu, sowas gibt es gar nicht, dass jemand mit so einer Erkrankung auch noch Filmemacher ist und einen Film über die eigene Erkrankung dreht. Das Konzept war in Ordnung und einmalig, es hätte also gefördert werden sollen. Im Endeffekt hat die Jury des Bundeskultusministers den Film gefördert. Sobald das Geld da war, ist der Film ganz schnell fertig geworden. Ich habe mit meiner Cutterin über den Film gesprochen, es war unser erstes Gespräch. Dann setzte ich mich mit meinen Notizen an den Rechner, alle Interviews waren abgetippt. Ich konnte die Blöcke, deren Platzierung ich mir schon überlegt hatte, einfach mit Copy und Paste in diese Liste packen, meine Cutterin konnte den Film in einem runterschneiden. Sie hat ein bisschen was umgestellt, anschließend saßen wir zusammen, haben uns nochmal angeguckt, was noch fehlen könnte. Wir waren ganz schnell mit dem Film fertig. Dann ist er zur Berlinale eingeladen worden und hatte dort seine Premiere.

Gamma Bak in ihrem Arbeitszimmer © Evelyn Gaida


AVIVA-Berlin: Sie sprachen in einem Interview mit Deutschlandradio Kultur von der kathartischen Wirkung des Films. Hat er für Sie in einer Art eine neue Lebensphase eingeleitet?
Gamma Bak: Es ist natürlich ein ganz tolles Gefühl, wenn man acht Jahre lang einen Film macht und dann wird er wirklich fertig. Wobei so viele Leute gezweifelt haben, ob ich das überhaupt kann mit dieser Erkrankung. Dieses Gefühl, dass der Film so geworden ist, wie ich ihn haben wollte, und jetzt in Deutschland gezeigt wird, ist einfach ganz toll. Für mich ist es in dem Sinne ein kathartisches Erleben, dass ich durch etwas hindurchgewatet bin, etwas von mir nach draußen gebe, etwas preisgebe, und mich dadurch auch ein wenig entlaste und reinige. Einen Film zu machen, ist an sich nicht therapeutisch. Filmarbeit ist eine ganz konkrete Arbeit, sie passiert in vielen kleinen Schritten und man muss als Regisseur und Produzent den Überblick haben, wie diese Schritte zusammenpassen. Viel eher sind die Therapien, die ich besucht habe, therapeutisch, die lange Gesprächstherapie. Solche Sachen haben wirklich Veränderungen bewirkt. So denke ich, kommt jetzt die Fertigstellung des Films und eine Art Reifungsprozess in mir zusammen. Da ergibt sich insofern ein neuer Lebensabschnitt, als ich jetzt sehe: mit 45 bin ich an der Stelle, an der ich sein wollte, obwohl mir 15 schlimme Jahre passiert sind. Das ist natürlich sehr überraschend. Das ist nicht wirklich ein Neuanfang, denn das, was ich mache, ist, was ich machen wollte. Mit 20 habe ich gesagt: "Ich will meine Kunst machen, ich will für Leute die Budgets machen, ich will Fördergelder beantragen, ich will, dass das mein Leben ist." Mit 45 kann ich dann überrascht sagen: "Aha, du machst ja das, wofür du angetreten bist."

AVIVA-Berlin: Im Film berichten Sie, vor der Psychose seien Sie von einem Projekt zum nächsten gerast und gerast und gerast. Hat Ihnen die Erkrankung, trotz ihrer furchtbaren Härte, auch in einer Weise etwas gegeben?
Gamma Bak: Wenn man ein Stückchen weiterdenkt, als zu nur zu fragen, "was ist eine Psychose?" oder "was heißt es, verrückt zu werden und wirklich in der Klinik zu landen?", dann bemerkt man, dass dieses Leben verschiedene Zeichen trägt. Die Ausgrenzung ist extrem stark. Wie man sein Leben dann organisiert, welche Freunde übrig bleiben. Es wird essenziell, immer wieder, und alle werden geprüft. Meine Mutter hat mich all die Jahre begleitet und gepflegt, hat immer zu mir gehalten – wir leben nicht zusammen, sie lebt aber hier in Berlin. Sie sagte, dass ich weise geworden bin über der Krankheit. Ich war ganz überrascht, weil es mir selbst nicht so vorkommt. Aber ein Aspekt, der wirklich ganz wichtig ist, auch für andere Betroffene oder Angehörige: dass die ganze Geschichte wahnsinnig viel Geduld braucht. Es gibt immer wieder Zusammenbrüche, wenn die Krankheit chronisch geworden ist. Man weiß nicht warum jetzt schon wieder, wegen den Medikamenten, wegen einer verpatzten Liebesgeschichte, wegen einem Job, den man verloren hat? Für mich sind es 15 Jahre, in denen ich gelernt habe, wie ich meinen Alltag meistere, und ich habe mich nie aus meinem Beruf drängen lassen. Nicht, als wenn da nicht Gerede gewesen wäre: "Ja, sie kann ja hier in der Behindertenwerkstatt in der Küche arbeiten, sie kocht doch so gern, da kann sie dann ein paar Stunden am Tag Möhren schnippeln." Solche Überlegungen gab´s schon, als es ganz schlecht aussah, denn die Frage ist immer: "Wie belastbar ist dieser Mensch?" und "Was kann die Frau noch leisten?" Ich habe immer sehr gekämpft um die Integration mit allen Mitteln und habe akzeptiert, dass mir als Behinderter auch Mittel zur Verfügung gestellt werden, dass es Wege gibt, hier in Deutschland würdevoll und integriert zu leben. Sehr interessant ist, dass ich im Oktober aus dem persönlichen Budget – das ist eine neue Sache, die Behinderten seit zwei Jahren per Gesetz zusteht – mit viel Bürokratie eine persönliche Assistenz bewilligt bekommen habe. Ich hatte bis dato mit meiner kleinen Firma etwa 50 Stunden an sieben Tagen die Woche gearbeitet. Das ist zu viel Stress für jeden. Jetzt arbeiten wir zu zweit und es ist einfach ein guter Schritt, dass uns Dinge zur Verfügung stehen, die zur Integration beitragen.

AVIVA-Berlin: Was hat Ihnen darüber hinaus besonders geholfen? Was war unverzichtbar?
Gamma Bak: Für mich war die Gesprächstherapie unverzichtbar. Als ich Mitte der 90er Jahre damit anfing, wurde noch gesagt: "Nee, ob das Leute mit Psychosen … (machen können)? Das könnte eine weitere Krise auslösen, das geht zu tief." Ich habe mich umgeschaut und Therapeuten gefunden, die bereit waren, mit mir zu arbeiten, habe das zwölf Jahre gemacht und das ist absolut die passende Begleitung. Zum anderen hat meine Familie angestrebt, dass ich eine Betreuung kriege. Ich war zuerst fuchsteufelswild. Betreuung ist das, was früher Entmündigung hieß. Ich dachte, "das kann doch nicht wahr sein!" Ich habe seit 1999 fast durchgängig eine Betreuung, zum Teil für Finanzen, aber immer für Ämtergeschichten. Im Endeffekt muss ich sagen, das hat auch geholfen, wirklich. Wir haben eine sehr gute Frau gefunden, die Rechtsanwältin ist. Ich habe auch anderes über Betreuung gehört, dass das sehr überarbeitete Leute sind, die sich nicht gut kümmern.
Die Betreuung hat gleich zu Anfang einen Schwerbehindertenausweis angefordert. Die Erkrankung war chronisch und ich wurde, ohne dass ich einem Amtsarzt vorgestellt worden war, einfach aufgrund der Aktenlage aus dem Krankenhaus, 70% schwerbehindert. Sowas war schon absolut schockierend. Einfach so mal 70% schwerbehindert zu sein, das hat mich umgehauen. Aber, wie gesagt, ich drehe es, ich wende es, ich hole mir dann die Unterstützung, die es für mich als schwerbehinderte Person gibt. Ich suche die Stellen auf, ich kämpfe darum und ich kämpfe um diese Integration.

AVIVA-Berlin: Der Film übt keine explizite Kritik und setzt ein Tasten und Fragen filmisch um. Ist er in Ihrer Auffassung an sich eine Antwort auf Ausgrenzung und Vorurteile oder ein Protest?
Gamma Bak: Der Film ist nicht so sanft. Er ist nicht nur ein Tasten und behutsames Nachfragen. Der Film ist laut. Dass er überhaupt existiert, dass ich das überhaupt machen konnte, wird Menschen mit meiner Erkrankung überhaupt nicht zugetraut. Das an sich ist schon ein ganz lauter Schrei: "Denkt um! Überlegt mal!" Was ich jetzt bei der kleinen Deutschlandtournee merke, ist, dass die Menschen, die selbst auch von Psychosen betroffen sind, auf mich zukommen und sagen: "Es ist fantastisch, dass du darüber sprichst. Ich gehe arbeiten, ich kann meinem Arbeitgeber nicht sagen, was ich habe, vielleicht werde ich mich in zehn Jahren outen." Im Moment ist die Diskussion über Depressionen eröffnet, aufgrund des traurigen Anlasses mit Robert Enke. Es wird eine Sprache dafür gefunden, eine psychologische Sprache, eine soziologische Sprache, die Journalisten gewöhnen sich eine Sprache dafür an, und es gibt eine Art Diskurs, also eine eigene Sprachform, um über diese große Erkrankung Depression zu reden. Über die Erkrankung Psychose und die anderen Erkrankungen, wo Leute psychotisches Erleben haben, kann fast gar nicht gesprochen werden. Dafür gibt es fast keine Sprache und die Journalisten tun sich auch relativ schwer, sich die Mühe zu machen, eine Sprache zu finden, weil es so ein tabuisiertes Thema ist, weil es nur im Familienkreis, nur im Freundeskreis besprochen wird, aber nicht öffentlich. Und das soll dieser Film natürlich ändern.

AVIVA-Berlin: Was würde es Ihnen im gesellschaftlichen Umgang leichter machen?
Gamma Bak: Vielleicht andersherum: Ich bin wirklich eine Kämpferin, immer schon gewesen. Das hat es mir möglich gemacht, diese Jahre durchzustehen. Ganz im Geheimen habe ich nämlich immer an mich selber geglaubt, dass es irgendwie noch klappen wird. Was man im Film sieht, sind natürlich auch Zeiten, wo es schlecht geklappt hat und wo ich sehr unglücklich war. Aber ich dachte, das muss man mal offen zeigen, dass es so sein kann, und dass es sich auch wieder ändern kann. Der Film ist sehr offen und ehrlich, aber am Ende macht er auch Mut. Denn er ist ja auf diese Weise komplett fertig geworden, und ich stehe zur Diskussion zur Verfügung. In dem Sinne ist Kunst ein politisches Arbeiten. Ich möchte einen klaren politischen Inhalt transportieren. Dass dieses Leben möglich ist, dass Freunde da sind, dass Familie da ist und man das zusammen stemmt. Das ist die Botschaft.

Gamma Bak in ihrem Arbeitszimmer © Evelyn Gaida


AVIVA-Berlin: Wie erleben Sie derzeit die Veröffentlichung Ihres Films? Ist es befreiend oder prekär, die Rezensionen zu lesen und vor Publikum zu stehen? Lesen Sie die Rezensionen?
Gamma Bak: Natürlich lese ich die Rezensionen, weil ich neugierig bin, welche Sprache dafür erfunden wird, weil es so einen Film noch nie gegeben hat. Wer sich wie Mühe gibt, dafür Worte zu finden. Ich habe die Fähigkeit, mich so zu veröffentlichen, wie ich es tue. Ich kann nicht umhin, weil ich diese ehrliche Aussage machen wollte. Die Frage der Ehrlichkeit und der Authentizität sind für mich in meiner Filmarbeit ganz wichtige Fragen und an diesem Kernbeispiel habe ich das einmal durchexerziert. Ich stehe also vor dem Publikum in verschiedenen Städten in Deutschland, stelle mich den Fragen und bin plötzlich eine Art Expertin, aber ich bin auch Expertin meines eigenen Lebens und Expertin, wie das gelungen ist, was ich gemacht habe. Aus der Warte heraus kann ich besorgten Angehörigen antworten, Betroffenen und interessierten Zuschauern. Ich bin sehr verletzt, immer und jedes Mal, wenn ich über den Film spreche, das kostet mich unglaublich viel Kraft, jede Begegnung, die um den Film kreist. Aus der Art wie ich erzogen worden bin oder wie ich geworden bin, kann ich es machen. Ich kann auch von nun an "Ach ja, das ist ja die verrückte Filmemacherin" sein, aber es ist, ehrlich gesagt, immer extrem schmerzhaft, jede Auseinandersetzung damit.

AVIVA-Berlin: Was sind Ihre nächsten Projekte?
Gamma Bak: Ich habe im Moment zwei Projekte in Planung, da sind auch die ersten Anträge für Gelder schon gestellt, man muss mal gucken, ob es was wird. Ein Projekt ist ein Tagebuch für meinen Freund in New York. Das werden einminütige Filme, die ich auf YouTube hochlade und die mit dem Handy gefilmt werden. Das ist ein ganz strenges künstlerisches Projekt, ich möchte jeden Tag für ein Jahr einen kleinen Film machen und daraus dann vielleicht einen Kurzfilm schneiden. Das andere Projekt ist mit einem ehemaligen Partner von mir, der in der DDR gelebt hat, als wir zusammen waren. Ich habe in West-Berlin gelebt, bin immer rübergefahren und es kam dann an den Punkt, dass er das Land verlassen musste und sollte. Sehr unromantisch fragte er mich, ob wir nicht heiraten könnten. Das haben wir erstmal angestrebt, aber dann merkten wir, es dauert zu lange. Schließlich hatten wir die Möglichkeit, ihn über eine Dienstreise rauszuholen, es war alles ziemlich gefährlich, denn man wusste nicht, ob er der Republikflucht angeklagt wird. Über diese Zeit wollen wir einen essayistischen Dokumentarfilm machen. Er war mit einer Theatergruppe in Ost-Berlin, Zinnober, und wir wollen über die Arbeit mit dieser Gruppe und unser Leben einen Film machen.

AVIVA-Berlin: Tausend Dank für das Interview! Alles Gute und weiterhin viel Erfolg!


Weitere Informationen finden Sie unter:

www.schnupfen-im-kopf.de

gmfilms.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Schnupfen im Kopf - Ein Film von Gamma Bak

Interviews Beitrag vom 24.11.2010 Evelyn Gaida 

   




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