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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 23.12.2010

Interview mit Renate Künast
Britta Meyer, Sharon Adler

Die Fraktionsvorsitzende Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen über die Einführung einer gesetzlichen Frauenquote bei Aufsichtsräten, Kristina Schröder, die Aktion "Heute ist ein guter Tag"...



... und Gleichstellungspolitik.

AVIVA-Berlin: Am 3. Dezember 2010 trugen Sie den Gesetzentwurf der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen für die Einführung einer gesetzlichen Frauenquote bei Aufsichtsräten vor. Bereits am 7. Mai 2008 wurde von den Grünen im Bundestag eine Anhörung zum Antrag durchgeführt, in dem eine Quote für Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen gefordert wurde. Dieses Vorhaben wurde bislang noch nicht umgesetzt. Warum nicht? Wie können Sie dieses Mal den Gesetzesentwurf erfolgreich auf den Weg bringen?
Renate Künast: Gleichstellungspolitik ist für diese Bundesregierung ein Fremdwort. Frauenministerin Schröder hält nichts von gesetzlichen Maßnahmen zur Förderung von Frauen. Und das, obwohl die Zahlen eine sehr deutliche Sprache sprechen. Neun Jahre nach der Freiwilligen Selbstverpflichtung der Privatwirtschaft, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen, hat sich so gut wie nichts geändert. Das wollen selbst CDU-Politikerinnen nicht mehr akzeptieren und machen sich für die Quote stark. Wir fordern deswegen den Bundestag auf, dem 100. Frauentag im Jahr 2011 ein deutliches Zeichen zu setzen und eine Quotenregelung zu beschließen. Dazu verpflichtet sie im Übrigen auch das Grundgesetz. Artikel 3 Absatz 2 schreibt vor: "Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin". Das ist ein Auftrag aktiv zu werden, statt abzuwarten.

AVIVA-Berlin: Ein Argument gegen die Quote ist der angebliche Mangel an qualifizierten weiblichen Fachkräften. Inzwischen verlassen jedoch mehr junge Frauen als Männer mit hochwertigen Abschlüssen die Universitäten. Wie planen Sie, diese bisher ungenutzten Potenziale für ArbeitgeberInnen sichtbar zu machen?
Renate Künast: Die qualifizierten Frauen sind da. Jetzt ist es an den Unternehmen, das Potential der TOP-Frauen voll zu nutzen und diese auch einzustellen. Wir Grüne haben anlässlich 100 Jahre Frauentag eine Kampagne gestartet, die zeigen soll, wie vielfältig und groß das Potential von Frauen ist.

AVIVA-Berlin: Ein großes Berliner Unternehmen arbeitet mittlerweile erfolgreich mit Headhuntern, die eine Prämie erhalten, wenn sie eine Frau für den Job finden. Wie, denken Sie, kann ein Umdenken in den Abteilungen Human Resources der Unternehmen stattfinden?
Renate Künast: Weg von der männlichen Monokultur zu kommen ist eine Herausforderung, die ohne gesetzliche Quote nicht gelingt. Das hat die Vergangenheit klar gezeigt. Dass sich jetzt einige Firmen auf den Weg machen und aktiv nach qualifizierten Frauen suchen ist richtig, aber es sind noch viel zu wenige. Denn neben der Telekom hat bislang kein DAX-Unternehmen deutlich gemacht, wie und bis zu welchem Zeitpunkt sie mehr Frauen in die Führungsetagen lassen wollen.

AVIVA-Berlin: Und wie, meinen Sie, können/sollten die Frauen selber sich stärker einbringen?
Renate Künast: Frauen dürfen ruhig noch selbstbewusster auftreten und zeigen, was sie können. Für die meisten Männer scheint es selbstverständlich, sich große Aufgaben zuzutrauen. Mehr Mut für neue Aufgaben und etwas weniger Perfektionismus bei Frauen wäre gut.

AVIVA-Berlin: Der gesetzlich festgeschriebenen Quote haftet nach wie vor der schlechte Ruf an, Männer gegenüber Frauen in sexistischer Weise zu diskriminieren, was den Idealen der Geschlechtergerechtigkeit grundlegend zuwiderlaufe. Können Sie bitte kurz zusammenfassen, welche Fakten mit diesem Klischee aufräumen?
Renate Künast: Frauen werden aufgrund von Diskriminierung am beruflichen Weiterkommen gehindert, nicht weil sie schlechter sind. Die Quote gibt den Frauen also die Möglichkeit, die Position zu bekommen, für die sie qualifiziert sind. Seilschaften, strategische Platzierung und Treuebonus führen häufig dazu, dass sich am Ende nicht immer die Beste durchsetzt. Das vermeintliche Risiko, mit einer Quote für mehr Frauen würde weniger Kompetenz in die Chefetagen kommen, ist ein Scheinargument. Das Gegenteil ist der Fall! Übrigens: falsche Personalentscheidungen wird es immer geben – bei Männern und bei Frauen. Und sowieso bei der vorherrschenden reinen Männerquote.

AVIVA-Berlin: Eine Quote von 40 Prozent Frauen in den Aufsichtsräten börsennotierter Unternehmen wäre wunderbar, aber warum fordern Sie diese nicht auch für die Vorstände?
Renate Künast: Mit unserem Gesetzesentwurf zur Quotierung von Aufsichtsräten will ich einen ersten Aufschlag für mehr Frauen in Führungspositionen. Es ist jetzt die Aufgabe das Thema am Kochen zu halten und erstmal dafür eine Mehrheit zu kriegen. Eine Regelung für Vorstände wird dann folgen. Schritt für Schritt also.

AVIVA-Berlin: Die seit 2006 in Norwegen etablierte Quote von 40 Prozent funktioniert auch deshalb so gut, weil die norwegischen Betreuungsangebote für Kinder sehr viel besser ausgebaut sind, als es in Deutschland der Fall ist. Plant Ihre Fraktion eine Angleichung der deutschen Verhältnisse an europäische Standards, und, wenn ja, wie kann diese umgesetzt werden?
Renate Künast: Eine gute Betreuungsinfrastruktur und eine familienfreundliche Unternehmenskultur sind wichtige Voraussetzungen dafür, dass Arbeit und Privatleben gut miteinander vereinbar sind. Wir wollen, dass der Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz für unter Dreijährige auch die Garantie auf ganztägige Betreuung beinhaltet. Und wir wollen ein neues Ganztagsschulprogramm auflegen, denn das Vereinbarkeitsproblem ist ja mit der Einschulung der Kinder nicht gelöst.
Nur damit ist es aber auch nicht getan. Solange Kinderbetreuung und Haushalt als "Frauensache" verstanden werden, kommen wir mit wirklicher Gleichberechtigung nicht ans Ziel. Hier sind die Männer gefragt, ihrer Verantwortung als Partner und Elternteil gerecht zu werden.

AVIVA-Berlin: Bis zum 8. März 2011 wollen Sie im Rahmen der Aktion "Heute ist ein guter Tag" mit 100 Aktivitäten die Arbeit engagierter Frauen in ganz Deutschland zeigen. Nach welchen Kriterien werden diese ausgesucht und inwieweit erfahren sie Förderung durch grüne Politik?
Renate Künast: Wir nehmen den 100. Frauentag zum Anlass, in ganz Deutschland die Stärke von Frauen zu zeigen. Unsere grünen Abgeordneten machen in ganz Deutschland Veranstaltungen zu verschiedenen Themenbereichen. Besonders wichtig ist uns dabei der Fokus auf die Arbeitswelt. Denn dort gibt es noch besonders viel zu tun. Berufe, die von Frauen gewählt werden, sind deutlich schlechter bezahlt, in den prekären Beschäftigungsformen überwiegen Frauen. Und Führungspositionen sind fest in Männerhand. Darauf wollen wir mit unseren Aktionen aufmerksam machen und konkrete Handlungsansätze diskutieren.
Informationen zu unseren Veranstaltungen finden Sie unter: www.gruene-bundestag.de/frauentag

AVIVA-Berlin: Wenn Sie es entscheiden könnten, wer wäre Ihr/e persönliche/r WunschkandidatIn für das Amt der/des Frauen- und FamilienministerIn?
Renate Künast: Eins ist klar, es wäre nicht Kristina Schröder. Sie hat ihr Amt letztlich den Erfolgen der Frauenbewegung zu verdanken und wendet sich nun mit zweifelhaften Aussagen gegen den Feminismus. Wenn man bedenkt, dass Feminismus die tatsächliche Gleichstellung von Frauen und Männern erreichen will, sind ihre Aussagen nichts anderes als Arbeitsverweigerung. Dem Verfassungsauftrag, für gleiche Rechte zu kämpfen, will sie nicht nachkommen. Das ist beschämend. Es gäbe viele bessere Frauen für das Amt.

AVIVA-Berlin: Im kommenden Jahr werden Sie für das Amt der Bürgermeisterin Berlins kandidieren. Was planen Sie im Falle Ihres Erfolges für die Berliner Frauen zu tun? Welche diesbezüglichen Vorhaben würden Sie gerne zuerst an den Start bringen?
Renate Künast: Für Berliner Frauen gibt es einiges zu tun. Besonders eklatant ist die Lohndifferenz von 25% in Berlin. Daran muss sich schnell etwas ändern. Dafür brauchen wir den Mindestlohn. Ein weiterer Weg, gegen Lohnungleichheit vorzugehen, ist das Verbandsklagerecht. Das wollen wir im Landesgleichstellungsgesetz von Berlin verankern. Auch der Schutz vor Gewalt gegen Frauen muss noch besser werden. Besonders die präventive Arbeit zum Beispiel durch Männergesprächsgruppen, wie es sie in Neukölln gibt, ist ein Vorbild.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg!

Weitere Infos zu Renate Künast finden Sie unter: www.renate-kuenast.de

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Interviews Beitrag vom 23.12.2010 AVIVA-Redaktion 

   




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