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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 15.03.2011

Interview mit Marianne Rosenberg - Regenrhythmus
Lisa Erdmann

AVIVA-Berlin traf die Kult-Diva und Pop-Ikone, die sich seit mehr als 40 Jahren immer wieder neu erfindet, in der Hauptstadt. Und obwohl Frau Rosenberg mit ihrem neuesten Album eigentlich...



... alle H├Ąnde voll zu tun hat, nahm sie sich dennoch Zeit f├╝r ein ausf├╝hrliches Interview. Entstanden ist ein Gespr├Ąch ├╝ber Vergangenes, Neues und den manchmal harten Weg zu sich selbst.

AVIVA-Berlin: Dein letztes Album "I┬┤m A Woman" widmete sich dem Jazz und Chanson. Deine aktuelle Single "Rette mich durch die Nacht", ist hingegen absolut clubhittauglich und tanzbar. Was w├╝rdest du sagen, erwartet die H├Ârerin bei deinem neuen Album "Regenrhythmus" insgesamt?
Marianne Rosenberg: Also in jedem Falle eine zeitaktuelle Produktion. Das hei├čt, Dirk Riegner und ich haben uns in der Produktion vor allem daran orientiert, was man heute so mit Sounds macht - nat├╝rlich nicht nur in Deutschland, sondern international. Ich nenne das gerne Trip-Pop, denn manche Songs sind wie kleine Filme gemacht. Es ist glaub ich auch ein Album, welches zum ersten mal nur drei Lieder enth├Ąlt, die von Liebe handeln. Der Rest erz├Ąhlt vom Leben, wie wir mit unserer westlichen, dekadenten Welt umgehen - wo wir den Wasserhahn aufdrehen und da kommt immer hei├čes Wasser raus. Wir finden das alles so selbstverst├Ąndlich. Das sind dann auch Inhalte, die ich zu mir selber singe. Also nicht nur f├╝r die H├Ârerin, sondern auch ein bisschen nach dem Motto "schau mal, wie das eigentlich ist". Innerlich wei├čt du, du m├╝sstest dich langsam mal um 180 Grad drehen, wenn du willst, dass die, die nach dir kommen, noch ohne Atemschutzmaske auf die Stra├če gehen k├Ânnen. Man wei├čt das alles und lebt doch anders.
Der Schl├╝sselsong dieses Albums, das Herzst├╝ck ist daher der Song "genau entgegengesetzt", denn das ist inhaltlich auch der Punkt, an dem ich mich momentan befinde.
F├╝r "Regenrhythmus" habe ich viele Songs geschrieben und gesammelt. Auf dem Album sind jetzt 13 Songs aus einem Pool von vielleicht 30. Es hat ganz viel Spa├č gemacht und der gr├Â├čte Spa├č daran ist, dass man sich etwas ausdenkt, und das nimmt dann Gestalt an und dann h├Ârst du das zum ersten Mal, bist begeistert und willst es immer wieder h├Âren. Das ist f├╝r mich das beste Zeichen und dieses Gef├╝hl hatte ich sehr lange nicht mehr. Das ist auch meine Hauptmotivation, warum ich seit so vielen Jahren Musik mache. Erst die oder der, welche/r den Song h├Ârt, kann ihn zum Leben erwecken, oder sterben lassen. Das hat eine sehr gro├če Spannung auf mich.

AVIVA-Berlin: Die Texte der 13 Songs stammen alle aus deiner eigenen Feder. Wie kann Frau sich diesen Prozess des Songfindens vorstellen? Wie kommen die Texte zu dir, woher flie├čt die Inspiration?
Marianne Rosenberg: Also viele Ideen habe ich vor allem beim Reisen. Die Ausarbeitung mache ich dann oft nachts, auch wenn ich so tags├╝ber umherfahre, arbeite ich sie doch meist nachts aus, im Bett noch. Irgendwann habe ich dann lauter gesammelte Kladden und packe alles in den Computer, wo man sie schieben kann und sieht, wie was vielleicht geht. Manchmal lasse ich diese Kladden aber auch einfach so und singe sie dann und es entsteht etwas Intuitives, was man vom Kopf her vielleicht gar nicht so gesetzt h├Ątte. Das ist auch manchmal sehr spannend.

AVIVA-Berlin: Der Titel "Lauf Kleine" erz├Ąhlt von der Casting-Gesellschaft und ihren Opfern. Du selbst bist auch einst bei einem Talentwettbewerb entdeckt worden. Wenn du dir heute diese Castingshows anschaust, gibt es da noch eine Verbindung zu damals, oder ist das auch f├╝r dich heute etwas v├Âllig anderes?
Marianne Rosenberg: Jaja, ich wei├č sehr wohl, wovon ich da singe. Aber das ist schon sehr anders heute, denn ich habe damals vielleicht vor 500 Leuten gesungen, wenn es viele waren. Heute stehst du da vor einem Millionenpublikum, egal ob du Model werden willst, oder S├Ąngerin. Du hast alle deine Rechte an der Haust├╝r abgegeben und unterschrieben - und vielleicht ein paar Pferdef├╝├če ├╝bersehen. Wenn du dann Gl├╝ck hast, kommst du irgendwie durch und bist vielleicht ein Jahr lang mehr oder weniger im Gespr├Ąch. Du denkst, du hast es geschafft und dann rollt dein Kopf und dann kommt ein neues Gesicht und du musst dann wieder in deine alte Lebenssituation zur├╝ck. Dahin, wo jeder dein Gesicht kennt, das man vermarktet hat. Ich glaube, das hat heute ganz andere pers├Ânliche Konsequenzen als fr├╝her, als ich an diesem Nachwuchswettbewerb teilgenommen habe. Also ich glaube nicht, dass man das mit einander vergleichen kann und ich glaube auch nicht, dass jemand, der ins Licht m├Âchte, der gesehen werden will und so jung ist, damit rechnen kann, was da eigentlich passiert - dass es dabei nur um Wirtschaft geht und darum, wer welchen Teil des Bratens am Ende abbekommt. Das machen sich viele nicht klar und k├Ânnen es auch nicht, weil sie es nicht wissen k├Ânnen. Daher dieser Song und diese Art der Musik, die genau f├╝r diejenigen gemacht ist, die es auch h├Âren sollen. Ich will, dass die 16-J├Ąhrige h├Ârt: "Hey ich kenne es, wie es ist, pass ein bisschen auf dich auf."

AVIVA-Berlin: Du selbst bezeichnest dich als deutsche Sintezza. Hat diese ethnische Identit├Ąt jemals auch Einfluss auf deine Musik gehabt?
Marianne Rosenberg: Also es gibt Songs, die ich in dieser Sprache gemacht habe, aber die sind dann nat├╝rlich auch auf anderen B├╝hnen zuhause. Die geh├Âren nicht auf die Pop-B├╝hne, sondern haben eine eher politische Absicht. Ich denke schon, dass die Musikalit├Ąt meiner Familie ihren Einfluss gehabt hat, auf die Art und Weise, wie ich Musik angehe und mache.

AVIVA-Berlin: Wenn du Konzerte gibst, werden immer wieder, auch heute noch, deine alten Songs von den Fans gew├╝nscht. Wie geht es dir damit, wenn du diese Songs heute singst oder h├Ârst?
Marianne Rosenberg: Also wenn ich alte Auftritte von mir sehe, dann muss ich sagen, ich habe nach so vielen Jahren gar nicht mehr das Gef├╝hl, dass ich das selbst bin. Man hat da eine ziemliche Distanz entwickelt, denn man ist ja auch eine andere geworden. Wenn ich das dann so sehe, dann bin ich eigentlich ganz ger├╝hrt, so als wenn ich da ein fremdes M├Ądchen sehe. Das beeindruckt mich dann schon, denn das sind alles Live-Ges├Ąnge ÔÇô wie ich mich da hingestellt habe und das eben einfach so gestochen gesungen habe... Ich bin auch ger├╝hrt von dieser Naivit├Ąt, dieser Wahnsinnsnaivit├Ąt und glaube, dass es nur so m├Âglich war, diese Botschaften, die f├╝r mich damals ja Wahrheiten waren, so inbr├╝nstig zu singen. Ich habe das halt alles so geglaubt und das hat was Anr├╝hrendes. Im Nachhinein kann ich die Leute verstehen, die dieses Bild festhalten wollen, aber das Leben ist anders, es ver├Ąndert sich nun mal.

AVIVA-Berlin: Du hast mal gesagt, du warst und f├╝hltest dich fr├╝her sehr fremdbestimmt und das Marianne Rosenberg eigentlich von Kopf bis Fu├č ein Unternehmen war und eigentlich gar keine Person mehr. Was ist Marianne Rosenberg heute?
Marianne Rosenberg: Was soll ich sagen... Also ich hatte nat├╝rlich Zeiten der K├Ąmpfe gehabt. Ganz klar, Emanzipationsk├Ąmpfe, nicht nur als Frau, sondern auch als Musikerin, denn in diesem Business waren Frauen ja auch nicht immer gerade diejenigen, welche die Dinge gelenkt haben, sondern eher degradiert als - ich hab immer gesagt als Kehlkopfknechte, die hinter der Glasscheibe stehen und singen ÔÇô das hat sich gottseidank ge├Ąndert. Ich hab hart daf├╝r gek├Ąmpft, dass ich meine Arbeitsbedingungen selbst bestimmen kann und das nicht immer von Au├čen bestimmt ist ÔÇô und das hab ich jetzt aber schon sehr lange erreicht, das muss ich auch mal sagen, also das ist kein neues Ph├Ąnomen mehr.
Heute sehe ich mich als Regisseurin meiner Musik und der gesamten Herstellung. Das geht vom Aussuchen der Songs ├╝ber Texte schreiben und Produzieren, da habe ich ja diesmal mit Dirk Riegner zusammen gearbeitet, den finde ich ziemlich klasse. Wir haben da ein gutes Team zusammen gebildet, der hat mich sehr gut verstanden. Ich habe ihm viele Sachen vorgespielt, wie ich mir was denke und dann fing er an die ersten Grooves zu bauen und das fand ich ganz toll, das war wirklich symbiotisch. Und wenn ich das so mache, dann sehe ich mich als Regisseurin der gesamten Inszenierung. Also ├╝ber die Musik aber auch ├╝ber die visuelle Umsetzung, das hat sich im Gegensatz zu jungen Jahren radikal gewandelt, es war aber auch ein sehr harter, k├Ąmpferischer Weg.

AVIVA-Berlin: Bei der Tour, die auf das neue Album folgt, hast du dich explizit f├╝r eine Clubtour entschieden. Wie kamst du zu dieser Entscheidung?
Marianne Rosenberg: Ich finde einfach, dass die Musik da gut reinpasst. Sicherlich wird es auch noch eine Hallentour geben, aber ich bin da eigentlich nicht so richtig daf├╝r, denn die Songs passen eigentlich nicht in so eine Stadthalle. Das ist keine Musik daf├╝r, es ist Musik, die sehr gute Grooves hat und in eine Atmosph├Ąre geh├Ârt, wo die Menschen sich n├Ąher sind, auch den Leuten auf der B├╝hne n├Ąher sind und umgekehrt. Wo man sich nicht hinter irgendwelchen Rollen oder Ikonen versteckt, sondern einfach da ist und Musik macht, mit den Leuten f├╝r die Leute.
Die Leute sp├╝ren mich intensiver ÔÇô du musst dann dein Baby einfach dadurch bringen.
Fr├╝her, so als ich 14 war, hat man mir erz├Ąhlt "stell dir vor, das sind alles Kohlk├Âpfe" ÔÇô wie wenig die Leute mit Kohlk├Âpfen zu tun haben, merkst du, wenn du in solchen Atmosph├Ąren arbeitest. Da sp├╝ren die Leute ganz genau, ob das was mit dir zu tun hat, oder ob das nur aufgesetzt ist. Leute, die sich das nicht vorstellen k├Ânnen, werden in dieser unmittelbaren Performance erfahren, dass die Musik einfach nochmal n├Ąher zu der Frau, die ich heute bin, ger├╝ckt ist. Sie werden merken, dass da nichts klafft, dass ich niemanden verschaukeln muss und keine Schubladen brauche.

AVIVA-Berlin: Vom Genre des Jazz und Chanson bist du jetzt wieder zur├╝ck zum Deutsch-Pop gegangen. Auf welches Genre h├Ąttest du denn nochmal Lust, was w├╝rdest du gerne nochmal ausprobieren, so als Zukunftsplan f├╝r Irgendwann?
Marianne Rosenberg: Naja also ich denke schon, dass ich auf jeden Fall nochmal meine Chansons aufnehmen werden, also diese Berlinerischen, die ich begonnen habe mit dem Jazz zusammen und ja vielleicht auch nochmal was ganz Spartanisches mache, vielleicht mit nur einem Musiker.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das Interview und viel Spa├č bei deiner Tour!

Weitere Infos zu Marianne Rosenberg finden Sie unter: www.rosenberg.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Marianne Rosenberg - Regenrhythmus

Marianne Rosenberg - F├╝r immer wie heute

Interview mit Marianne Rosenberg aus dem Jahr 2000



Interviews Beitrag vom 15.03.2011 Lisa Erdmann 

   




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