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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 03.04.2011

Interview mit Adriana Stern auf der Leipziger Buchmesse 2011
Anna Hohle

Mit "Jockels Schweigen" hat die Schriftstellerin und AVIVA-Autorin erneut ein Jugendbuch veröffentlicht, das sich einem gesellschaftlichen Tabu widmet. Über ihre Recherchen zum Missbrauch von...



...Jungen, die Resonanz der BuchhänderInnen und das facettenreiche Leben von Jugendlichen sprachen wir an einem sonnigen Samstag inmitten des Trubels auf der Leipziger Buchmesse.

AVIVA-Berlin: Liebe Adriana, Hauptthema deines neuen Buches ist der Missbrauch an Jungen. 2010 gab es ja eine große mediale Debatte zum Thema sexueller Missbrauch in kirchlichen- und Jugend-Einrichtungen. Inwieweit hat dir dies noch einmal die Brisanz und Aktualität dieses Themas aufgezeigt?
Adriana Stern: Das Interessante war, dass, als ich Anfang 2009 den Plot zum Buch geschrieben habe, der Missbrauch von Jungen medial noch überhaupt kein Thema war! Ich wurde damals anhand eines Vierzeilers in der Zeitung, der von einem Verbrechen in Berlin berichtete, auf die Thematik pädosexueller Ringe aufmerksam. Ich wollte wissen, was dahintersteckt und begann zu recherchieren. Solche Ringe existieren fast in jeder Stadt, aber kaum jemand spricht darüber.
Ich wollte unbedingt etwas darüber schreiben, warum die betroffenen Jungen schweigen, denn das ist es, was die meisten Leute nicht verstehen. Mitten im Schreibprozess wurde dann öffentlich, was an der Odenwaldschule und in anderen Einrichtungen geschehen ist und dass die Männer 30 Jahre lang geschwiegen hatten. Das Schweigen ist das Thema des Buches, deswegen war "Jockels Schweigen" für mich der einzig passende Titel.

AVIVA-Berlin: In Buch werden neben der Hauptgeschichte viele weitere komplexe Themen berührt. Am Rande geht es dann z.B. um Überforderung von Krankenhauspersonal oder die Punk-Ideologie. Möchtest du deinen LeserInnen vermitteln, dass viele Alltagsthemen komplexer sind als sie bei oberflächlicher Betrachtung scheinen und sie darin schulen, Vorurteile zu überwinden und lieber einmal mehr hinzuschauen?
Adriana Stern: Eigentlich haben sich all diese Themen eher aus der Handlung des Buches ergeben. Der Background meiner Bücher entsteht sehr stark aus meiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen – sie bringen mich auf die verschiedensten Themen, die dann oft in meinen Büchern eine Rolle spielen. Beispielsweise gehen Jugendliche mit russischen Wurzeln viel selbstverständlicher in klassische Konzerte: Deswegen tut das auch das Mädchen Julie in meinem Buch. Die Vielfalt in meinen Büchern entspricht der Vielfalt in der Realität, die ich erlebe. Die Jugendlichen, die ich kennenlerne, sind so vielfältig!

AVIVA-Berlin: Du möchtest sozusagen das "echte Leben" und seiner Mannigfaltigkeit abbilden?
Adriana Stern: Ja, genau. Meine Intention zu Jockels Schweigen bestand allerdings in der Hauptsache darin, dass ich das Schweigen brechen wollte. Das Schweigen über das Thema sexuelle Gewalt an Jungen. Ich wollte darüber schreiben, weil dieses Schweigen soviel anrichtet, ganze Biographien prägt.
Auch mein Buch betreffend spüre ich dieses Tabu, mit dem das Thema noch immer belegt ist: nicht viele Buchhändler wollen es in ihr Sortiment aufnehmen. Dabei war die Reaktion der Jugendlichen, vor denen ich Auszüge aus dem Buch vorgelesen habe, so positiv. Viele wollten das Buch am liebsten sofort lesen. Es stimmt nicht, dass die Nachfrage fehlt – es ist die Erwachsenengesellschaft, die nicht bereit ist, über das Thema zu sprechen.
Ich wollte mit Jockels Schweigen auch für die Anzeichen sensibilisieren, die auf sexuellen Missbrauch hinweisen. Die betroffenen Jungen sprechen nicht und sie sprechen doch: indirekt.

AVIVA-Berlin: In vielen deiner Bücher geht es um jüdische Jugendliche, so auch in "Und dann kam Sunny". Das Thema Jüdischsein in Deutschland steht jedoch nicht im Mittelpunkt. Jüdische Traditionen in Davids Familie werden selbstverständlich und eher wie nebenbei geschildert. Wünschst du dir, dass die jungen Menschen, die dein Buch lesen, Jüdischsein so einmal nicht als etwas "Außergewöhnliches" erfahren, sondern als ein Stück Normalität?
Adriana Stern: Ja, ich glaube schon. Häufig habe ich Anfragen bekommen, ich solle doch ein Buch über jüdische Jugendliche, über deren Alltag schreiben. Ich antworte dann: "Aber das mache ich doch". Das ist der Alltag von jüdischen Jugendlichen. Sie beschäftigen sich mit exakt denselben Themen und Problemen wie nichtjüdische Heranwachsende, nur dass sie statt in die Kirche vielleicht in die Synagoge gehen.
Eine große Buchhandlung hat mir einmal auf den Hinweis, Und dann kam Sunny doch in ihr Sortiment aufzunehmen, geantwortet, zum Judentum hätten sie schon so viele Bücher. Aber alle Bücher, die sie mir zeigten, spielten zwischen 1939 und 1945! Darin geht es um den Tod, aber heutzutage leben doch auch jüdische Jugendliche in Deutschland.

AVIVA-Berlin: Paradox, denn beispielsweise im Berliner Jüdischen Museum legen die AusstellerInnen doch großen Wert darauf, dass es neben dem Ausstellungsteil, der sich mit der Shoah, mit Leid und Tod beschäftigt, auch einen Teil zur jüdischen Gegenwart – zum Leben gibt. Seltsam, dass Verlage und BuchhändlerInnen hieran nicht auch Interesse haben.
Adriana Stern: Ja, ich bin gespannt, ob sich da noch eine Wende abzeichnet. In der amerikanischen Literatur beispielsweise tauchen jüdische ProtagonistInnen viel selbstverständlicher auf. Hier in Deutschland geht das anscheinend noch nicht. Aber ich bin nicht bereit, nur weil dieses Thema hierzulande zu schwierig ist, nicht selbstverständlich darüber zu schreiben. Ich lebe hier als Jüdin, ich kenne viele jüdische Jugendliche und es sollte normal sein, dass wir selbstverständlich in Büchern zu zeitgenössischen Themen vorkommen, ohne dass das Jüdischsein immer gleich Hauptthema ist.

AVIVA-Berlin: Ich könnte mir vorstellen, dass nichtjüdische AutorInnen sich oft nicht trauen, jüdische Gegenwart in Deutschland zu schildern. Vielleicht fragen sie sich "Darf ich den jüdischen Alltag heute einfach so thematisieren – ohne auf den Nationalsozialismus einzugehen?"?
Adriana Stern: Das kann sicher sein, ich bekomme auch ab und zu Anfragen, ob ich den einen oder anderen Text von nichtjüdischen AutorInnen durchlesen und schauen könne, ob alles in Bezug auf den jüdischen Alltag korrekt beschrieben wird. Ehrlich gesagt musste ich schon oft schlucken, wenn ich gelesen habe, wie viel dort einfach aus Unkenntnis falsch dargestellt wurde. Aber der Hauptpunkt ist doch: warum fördern Verlage keine Bücher, in denen jüdischer Alltag heute geschildert wird, warum werden solche Bücher nicht in den Feuilletons besprochen?

AVIVA-Berlin: In deinen Büchern geht es oft um gesellschaftliche AußenseiterInnen, um Themen wie Homosexualität, Drogensucht oder Psychiatrie.
Welche Themen beschäftigen dich im Moment – hast du schon eine Idee für dein nächstes Buch? Etwas, was du jungen Menschen gern mitgeben würdest oder worüber du dir ein größeres Nachdenken in der Gesellschaft/den Medien wünschst?
Adriana Stern: Ich habe sogar sehr viele Ideen! Meine nächsten zwei Bücher werden beides Einwanderungsgeschichten sein – sozusagen meine persönliche Antwort auf Thilo Sarrazin. Das erste spielt vor dem Hintergrund eines Flüchtlingsheims und es wird darin ums Kochen und um kochbegeisterte Jugendliche gehen, die außerdem einem fiesen Betrug auf die Spur kommen.
Im zweiten Buch geht es um ein Mädchen aus Aserbaidschan, das mit ihrer Mutter nach Köln zieht, dort jedoch ihre beste Freundin vermisst, die mit ihrer Familie nach Israel ausgewandert ist. Sie versucht alles, um ihr dorthin zu folgen. Auch der Kölner Domplatz und Zirkusartistik werden eine zentrale Rolle spielen, denn das Mädchen ist begeisterte Artistin.
Ein weiteres Projekt, an dem ich zurzeit arbeite, ist eine Fantasy-Geschichte, in der es um Umweltverschmutzung geht. Und, von den Eindrücken dieser Buchmesse inspiriert [Anm. d.Red. auf der Messe sind viele jugendliche Cosplayer in kreativen Kostümen unterwegs]: Ich hätte große Lust, schon bald ein Buch zu schreiben, in dem es um Cosplay geht.

AVIVA-Berlin: Adriana, vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für deine nächsten Buchprojekte!

Mehr über Adriana Stern auf: www.adriana-stern.de

Lesen Sie auch unsere Rezension:
"Jockels Schweigen - der neue Roman von Adriana Stern für Jugendliche ab 14 Jahren"

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Und dann kam Sunny"

"Pias Labyrinth"

"Hannah und die Anderen"

"Ab heute heißt du Marianne - Lesben und Antisemitismus", ein Beitrag von Adriana Stern


Interviews Beitrag vom 03.04.2011 AVIVA-Redaktion 

   




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